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Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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15

Alexander hatte eine Lustjagd in Ostia veranstalten lassen. Es begleitete ihn daher ein großes Gefolge von Kardinälen, Bischöfen, Damen und Nonnen, welche letztere man wegen besondrer Verdienste aus den Klöstern gezogen, um die Gelagen reizender zu machen. Der Teufel war beständig auf der Seite des Papsts, und Faust war von der Lucrezia unzertrennlich. Jeder überließ sich in Ostia dem Zuge seiner tierischen Natur, und man beging in den wenigen Tagen Ausschweifungen, wobei ein Tiber und Nero noch etwas hätte lernen können. Faust hatte nun Gelegenheit, den Menschen, nach dem Ausdrucke des Teufels, in seiner scheußlichen Nacktheit zu beobachten; aber was waren alle diese Szenen der Üppigkeit gegen die Anschläge, die der Papst, um sich von der Ermattung der Lust zu erholen, mit seinen Bastarden in Gegenwart Fausts und des Teufels faßte? Hier ward beschlossen, den Alfonso von Aragonien, den Gemahl der Lucrezia, zu ermorden, um dem König von Frankreich einen Beweis zu geben, daß man willens sei, mit dem Könige von Neapel gänzlich zu brechen, und ihm zur Eroberung der Krone Siziliens beizustehen. Ludwig der Zwölfte war schon durch Alexanders Vermittlung in Italien eingebrochen, und die Borgias sahen dadurch alle ihre Anschläge reifen. Lucrezia übertrug diese blutige Tat ihrem Bruder, und sah sich schon als Witwe an. Hierauf ward der Plan zu dem folgenden Feldzug entworfen, nämlich: sich aller Städte, Kastelle und Herrschaften der Großen Italiens zu bemächtigen, jeden ihrer Besitzer mit seiner Nachkommenschaft zu ermorden, damit keiner am Leben bliebe, der einen Anspruch darauf zu machen hätte, und ihnen durch künftige Verschwörungen beschwerlich sein könnte. Um das Heer zu unterhalten, diktierten Alexander und Cäsar der Lucrezia eine Liste der reichen Kardinäle und Prälaten, die man nach und nach vergiften wollte, um sie, vermöge des Rechts des päpstlichen Stuhls, zu beerben.

Nach dieser geheimen Beratschlagung begab man sich zu dem Abendessen. Der Papst war mit seinen Entwürfen, und ihrer nahen Erfüllung so zufrieden, daß er sich der ausschweifendsten Laune überließ, und den Ton zu einem Bacchanal angab, wozu man die Züge im Petron und Sueton suchen mag; doch vergaß er dabei der Sorge für den Staat nicht ganz; er frug in der Glut des Weins die Anwesenden: wie er es anfangen müßte, die Einkünfte des päpstlichen Stuhls zu erhöhen, um das große Heer einige Feldzüge durch zu unterhalten. Nach vielen Projekten schlug Ferara von Modena, Bischof von Patria, der würdige Minister Alexanders, durch welchen er die Ämter der Kirche an den Meistbietenden verkaufen ließ, vor: Indulgenzen, unter dem Vorwand eines bevorstehenden Türkenkriegs, durch Europa zu predigen, und setzte als wahrer päpstlicher Finanzier hinzu: »der törichte Wahn der Menschen, ihre Sünden durch Gold abzukaufen, sei die sicherste Quelle des Reichtums eines Papstes.«

Lucrezia, die in dem Schoße ihres Vaters lag, und mit Fausts blonden Locken spielte, sagte lächelnd:

»Die Rolle der Indulgenzen enthält solche abgeschmackte, veraltete und alberne Sünden, daß damit nicht viel zu gewinnen ist. Man hat sie in dummen und barbarischen Zeiten entworfen, und es ist einmal Zeit, einen neuen Sündentarif zu machen, wozu Rom selbst die besten Artikel liefern kann.«

Die von Wein und Wollust begeisterte Gesellschaft freute sich des glücklichen Einfalls; der Papst forderte einen jeden auf, neue Sünden vorzuschlagen, zu taxieren, und die zu wählen, die am meisten im Gange wären, folglich am meisten eintrugen.

Borgia. Heiliger Vater, überlaßt dies den Kardinälen und Prälaten, sie sind am besten damit bekannt.

Ferara von Modena, Bischof von Patria, setzte sich als Sekretair nieder.

Ein Kardinal. Nun dann, so will ich beginnen, die Quelle des Reichtums zu öffnen. Schreibe, Ferara, ich gebe den Ton an, die andern werden schon einstimmen. Absolution für jede von einem Priester begangne H-----i; er begehe sie mit wem er wolle, mit einer Nonne, außer oder in dem Bezirke des Klosters, mit seiner Bluts-Seitenverwandtin, oder seiner geistlichen Tochter. Mit Dispensation, alle Ämter der Kirche verwalten, und neue Benefizien erhalten zu können, so er an den päpstlichen Schatz neun Goldgulden bezahlt.

Papst. Gut! gut! Schreibe flugs neun Goldgulden, Bischof, und trinkt ihr andern den Priestern, die sie bezahlen, Absolution zu.

Jeder Gast füllte sein Glas, und man schrie Chorus: Absolutio! Dispensatio!

Papst. Ich sehe wohl, ich muß den andern Mut machen. Sie sehen diesen Augenblick mehr nach den Nonnen, als auf meinen Vorteil. Bischof Ferara, schreibe: Für die feinere Sodomie zwölf Goldgulden, für die gröbere funfzehen, er sei Laie oder Priester. Mit diesem Artikel allein hoffe ich meine Kavallerie zu unterhalten, und ich sehe voraus, daß mir ein großer Teil ihres Soldes zurückkommen wird.

Chorus. Absolutio! Dispensatio den feinern und gröbern Sodomiten!

Nonne. He, was ist denn das da? will sich niemand unsrer annehmen? Heiliger Vater, haben wir allein kein Recht auf Eure väterliche Gnade? Ich bitte Euch, laßt uns taxieren, daß auch wir in Ruhe sündigen mögen.

Alexander. Recht, meine Tochter, und ihr sollt nicht schlechter gehalten werden wie die Priester. Ich will dir gleich einen Beweis meiner päpstlichen Huld geben. Schreibe, Bischof! Absolution für jede Nonne die H-----i treibt; es sei mit wem sie wolle, mit ihrem Bruder, Blutsverwandten oder Beichtvater, außer oder in dem Bezirk des Klosters, mit Dispensation, allen Würden des Klosters vorzustehen, neun Goldgulden. Bist du zufrieden?

Das Nönnchen küßte ihm die Hand.

Chorus. Absolutio! Dispensatio!

Ein Bischof. Nun dann! Absolution und Dispensation jedem Priester, der eine Beischläferin öffentlich unterhält, fünf Goldgulden.

Lucrezia. O der gemeinen alltäglichen Menschen. Hört auf mich! Absolution jedem Christen, der seine Mutter, Schwester oder sonstige Verwandtin beschläft, funfzehen Goldgulden.

Chorus. Absolutio! Dispensatio!

Faust, den die ganze Szene wegen des Teufels entsetzlich ärgerte; der aber doch dem Borgia eins versetzen wollte, rief brüllend:

Absolution jedem Vater-Bruder-Mutter- und Schwestermörder für drei Goldgulden.

Papst. Ho ho Freund, wo wollt Ihr hinaus, daß Ihr den Mord geringer anschlagt als H-----i, da doch der erste die Menschen aus der Welt treibt, und die letzte sie hinein?

Cäsar Borgia. Heiliger Vater, er will durch einen hohen Preis nicht von der Sünde des Mords abschrecken.

Papst. Laßt es durchgehen!

Teufel. Cautela, ihr Herren! Ich sage, daß aller gemeldeten Absolutionen und Dispensationen die Armen unfähig sind, unwürdig des süßen Trosts der Kirche, und ohne Rettung verdammt. Ist es so nach Eurem Sinne?

Chorus unter starkem Gelächter. Ja, verdammt sei alles, was kein Gold hat! Die Armen fahren ohne Trost der Kirche zur Hölle!

Cäsar Borgia. Weiter, ich eröffne eine ergiebige Quelle! Wer stiehlt, und sei es auch Kirchenraub, dessen Seele kann gelöst werden, so er der päpstlichen Kammer drei Teile vom Diebstahl abgibt.

Chorus. Absolution den Kirchenräubern und allen Dieben, die mit dem päpstlichen Stuhle das Geraubte teilen!

Papst. Du öffnest eine reiche Mine, Cäsar! schreibe Bischof! Es geht vortrefflich!

Faust. Wohlauf, ihr Herren! Absolution für jeden, der Zauberei treibt, und mit dem Teufel ein Bündnis macht. Wie hoch taxiert ihr den Fall?

Papst. Mein Sohn, hiermit wirst du den päpstlichen Stuhl nicht bereichern. Der Teufel versteht seinen Vorteil nicht, man ruft ihn umsonst.

Faust. Heiliger Vater, malt ihn nicht an die Wand, und schlagt nur immer an.

Papst. Um der Seltenheit willen, hundert Goldgulden.

Faust. Hier sind sie, im Fall es mir gelänge, fertigt mir die Absolution aus und singt Chorus.

Chorus. Absolution dem, der mit dem Teufel ein Bündnis macht.

Der Bischof Ferara schrieb.

Eine andre Nonne. Herr Bischof, da Ihr doch eben am Schreiben der Absolution für den Teufelsbanner seid, so fertigt mir zugleich auch eine Schrift, ihr wißt schon für was, aus; hier ist mein Rosenkranz, er ist bei der heiligen Magdalene funfzehn Goldgulden wert, und ich behalte noch etwas Absolution übrig.

Ferara schrieb, und der Papst unterzeichnete.

Teufel. Glaubt denn Ew. Heiligkeit, daß der Satan des Fetzen Papiers achten wird?

Der Großinquisitor zog plötzlich seine Hand aus dem Busen einer Äbtissin, fuhr glühend auf und schrie mit lallender Zunge:

»Wa – was ist das? Ich rieche Ketzerei! Wer ist der Atheist, der diesen Frevel gesprochen hat?«

Der Papst drückte dem Teufel den Zeigefinger leise auf den Mund, und sagte: »Kavalier, dieses sind Staatsgeheimnisse! berühre sie nicht, denn ich darf selbst dich nicht retten, wenn der päpstliche Stuhl bestehen soll.«

Um dem Papst den Hof zu machen, und zugleich das Gewissen zu beruhigen, öffnete jeder der Anwesenden seinen Beutel. Ferara rief noch einige Schreiber; man fertigte ihnen die Absolution aus, und jeder griff nach einem Gegenstand, um den übrigen Teil der Nacht Gebrauch davon zu machen. Nie wurden Sünden mit ruhigerm Herzen begangen.

Ferara von Modena schrieb diesen Tarif den folgenden Morgen ins reine, übergab ihn der PresseSiehe: Taxa Cancellariae Apostolicae etc. gedruckt zu Rom und Paris etc. und ließ ihn in der Stille in der Christenheit herumlaufen.

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