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Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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8

Faust und der Teufel flogen über den Kanal, und kamen in dem Augenblick in London an, als sich der häßliche, mißgeschaffne Herzog Gloster zum Protektor des Reichs aufwarf, und mit allen Kräften arbeitete, seines Bruders, des verstorbenen Königs Sohn, der Krone zu berauben. Den Vater hatte er mit Gift aus dem Wege geräumt, und die Königin, die sich bei der Entdeckung seiner Absichten nach der Westmünsterabtei mit ihren Kindern flüchtete, schon dahin gebracht, ihm den Erben des Throns, der damals vierzehen Jahr alt war, mit seinem jüngern Bruder York auszuliefern. Sie übergab sie bebend, und schien das Schicksal ihrer Söhne zu ahnden. Faust war Zuhörer, als der Doktor Shaw, auf Befehl des Protektors, dem erstaunten Volke von der Kanzel bewies: daß seine und des verstorbenen Königs noch lebende Mutter verschiedne Liebhaber in ihr Bette aufgenommen hätte, der verstorbene König im Ehebruch erzeugt sei, und daß sich niemand vom königlichen Hause einer rechtmäßigen Geburt rühmen könnte, außer der Protektor. Er sah die Großen hinrichten, die diesem Plan nicht beitreten wollten, und der Teufel führte ihn in dem Augenblick in den Tower, da Tyronel den rechtmäßigen König von England nebst seinem Bruder York durch Meuchelmörder ermorden, und an der Schwelle ihres Gefängnisses begraben ließ. Er war Zeuge der niederträchtigen Unterwerfung des Parlaments, und der Krönung des scheußlichen Tyrannen. Er war Zeuge davon, wie sich die Königin mit dem Mörder ihrer Söhne in Unterhandlung einließ, seine gewaltsame Thronbesteigung durch die Hand ihrer ältesten Tochter zu unterstützen, um im Glanze des Hofes und der Herrschaft erscheinen zu können, ob sie gleich durch die empörten Großen des Reichs mit ihrem künftigen Rächer, dem Grafen Richmond, in gleiche Verbindung getreten war. Dieses brachte Fausten so auf, daß ihn selbst die Reize der schönen Engländerinnen nicht länger in dieser Insel fesseln konnten, er verließ sie im finstern Groll, denn so kalt und ohne Schleier hatte er noch nicht Verbrechen begehen sehen. Er war noch nicht in Rom gewesen. Als sie im Begriff waren, sich einzuschiffen, sagte der Teufel zu ihm:

»Dieses Volk, Faust, wird eine Zeitlang unter dem Joche des Despotismus seufzen, dann vielleicht einen seiner Könige auf dem Blutgerüste der Freiheit opfern, um sie seinen Nachfolgern für Gold und Titel zu verkaufen. Übrigens ein wackres Volk im Laster, und ein guter Rekrutierungsplatz für die Hölle.«

Hierauf führte er ihn nach Mailand, wo sie den Herzog Galeas Sforza am heiligen Stephanstage in der Domkirche ermorden sahen. Faust hörte die Meuchelmörder mit lauter Stimme den heiligen Stephan und heiligen Ambrosius anrufen, ihnen zu ihrem edlen Vorhaben den gehörigen Mut zu verleihen.

In Florenz, dem Sitz der Musen, sahen sie den Neffen des großen Kosmus, des Vaters des Vaterlands, in der Kirche Santa reparata in dem Augenblick an dem Altar ermorden, da der Priester den Leib des Herrn emporhub; dieses war das Zeichen zum Mord, welches den Mördern der Erzbischof von Florenz, Salviati, gegeben hatte. Der Papst hatte ihn zu dieser Tat durch seinen Neffen anwerben lassen, die Mediceer zu vertilgen, um in Italien zu herrschen; doch dieses gehört zur spätern Geschichte der Kirche.

Im Norden sahen sie wilde Barbaren und Trunkenbolde ebenso morden und verwüsten, wie die übrigen aufgeklärteren Europäer. In Spanien fanden sie den Betrug und die Heuchelei unter der Maske der Religion auf dem Throne, sahen in einem Auto da fé dem milden Gott der Christen Menschen durch die Flamme opfern, und hörten den Großinquisitor Torquemada gegen die heuchlerische Isabella, und den trugvollen Fernando sich rühmen: daß das heilige Gericht bereits achtzigtausend verdächtigen Personen den Prozeß gemacht, und sechstausend Ketzer wirklich lebendig verbrannt hätte. Als Faust das erstemal die Damen und Kavaliere auf dem großen Platz in all ihrem Glanze versammelt sah, schmeichelte er sich einem Freudenfest beizuwohnen; da er aber die Elenden, unter der Prozession der Gott lobenden Priester, heulen und wehklagen hörte, überzeugte er sich bald, daß der Mißbrauch der Religion den Menschen zu dem abscheulichsten Ungeheuer der Erde macht. Er genoß indessen, unter Verwünschung des ganzen menschlichen Geschlechts, noch immer der Freuden des Lebens und der schönen Weiber in Engelland, Florenz und Spanien, fing endlich an zu glauben, alle diese Greuel gehörten notwendig zu der Natur des Menschen, der ein Tier sei, das entweder selbst zerreißen, oder von seinesgleichen zerrissen werden müßte.

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