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Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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7

Faust wollte nun diesen König sehen, dessen scheußliche Taten seine Einbildungskraft so erhitzt hatten, daß er sich ihn kaum unter einer menschlichen Gestalt vorstellen konnte. Der Teufel stellte ihm die Unmöglichkeit vor, in das Schloß Plessis du Parc, worin Feigheit und Furcht den Tyrannen gefangen hielten, in ihrer wahren Gestalt zu dringen, und setzte hinzu, daß außer den nötigen Dienern, seinem Quäler dem Arzt, seinem Beichtvater, und seinem Freund dem Henker, nebst einigen Astrologen, kein Mensch ohne besondere Erlaubnis eingelassen würde.

Faust. So laß uns andre Gestalten annehmen.

Teufel. Gut, ich will zwei seiner Trabanten entfernen, und wir wollen ihren Dienst unter ihrer Gestalt verrichten, um diesen König und sein Glück in der Nähe zu beobachten. Der Augenblick, den Elenden zu sehen, ist trefflich. Die Furcht vor dem Tode rächt schon vor der Hölle seine Taten an seinem feigen Herzen, und in dieser Marter sinnt er Tag und Nacht, wie er ihn entfernen mögte, zieht ihn dadurch immer näher, und sieht ihn jede Sekunde scheußlicher. Komm, ich will dich zum Zeugen seines Jammers machen.

Der Teufel führte seinen Vorschlag aus, und sie stunden beide als Trabanten im Inneren des Schlosses, wo die Stille des Grabes wohnte, und die schaudervollen Schrecken des Todes herumschwebten. Hierher hatte sich der verbannt, vor dem Millionen bebten, um der Rache der Verwandten der Ermordeten, der Furcht vor seinem Sohne, in dem er den Rächer seines Vaters zu sehen glaubte, auszuweichen. Dem Auge seiner Untertanen konnte er in dieser peinlichen Gefangenschaft entfliehen; aber ihm folgten die Qual seines Herzens, das Leiden seines Körpers; umsonst ermüdete er den Himmel mit Flehen um Gesundheit und Ruhe, vergebens suchte er ihn mit Geschenken an Heilige, Priester und Kirchen zu bestechen, umsonst behing er seinen siechen, kraftlosen Körper mit Reliquien aus allen Teilen der Erde; der Gedanke: du mußt sterben! nagte gleich einer giftigen Schlange in seinem geängsteten Busen. Kaum wagt er aus seinem Zimmer zu gehen, weil er fürchtet, in jedem, auf den er stößt, einen Mörder zu finden. Treibt ihn die Angst in die freie Luft, so bewaffnet er sich mit Dolch und Speer, und hüllt sein zusammengeschrumpftes Gerippe in prächtige Kleider, um ihm einen gelognen Glanz zu geben, zeigt sich nur von weitem, damit das Auge der ferne Stehenden nicht die Maskerade wahrnehme. Tag und Nacht blickt er angstvoll durch die Schießlöcher des Turms, ob keine Feinde nahen, seinem traurigen Leben ein Ende zu machen. Vierhundert Trabanten wachen unaufhörlich um die düstre Höhle des abgelebten Wüterichs, der sein Dasein nur noch durch Grausamkeiten zu erkennen gibt. Ihr dumpfer Zuruf erschallt jede Stunde dreimal, von Posten zu Posten, durch die einsame Stille, und jeder Schrei erinnert den Tyrannen an seine schreckliche Lage. Das Feld um das Schloß ist mit Fußangeln bestreut, damit keine Reuterei nahen kann, es zu überfallen. An den innern Mauern hängen Ketten, an welche große und schwere Kugeln geschmiedet sind, um seine gepeinigte Diener zu fesseln, wenn sie etwas verabsäumen. Rund um das Schloß sind Galgen aufgerichtet, und sein einziger wahrer Freund, der Henker Tristan, geht forschend umher, Opfer auszuspähen, um die Angst des Tyrannen durch ihre Hinrichtung zu mindern, denn in jedem Verurteilten sieht er einen Feind seines Lebens weniger. Zu Zeiten schleicht er hinter die Scheidewand neben der Folterkammer, um die Bekenntnisse der Verdächtigen zu belauschen, ergötzt sich an ihren Qualen, und findet Trost für die seinigen darinnen. Bedeckt mit Reliquien, an seinem Hut ein bleiernes Bild der Mutter Gottes, seiner vermeinten Beschützerin, trinkt er das Blut der ermordeten Säuglinge, läßt sich von seinem Arzt martern, dem er monatlich zehntausend Taler bezahlt, bestürmt den Himmel mit unablässigem Gebet, stirbt jeden Seigerschlag, und vermehrt bei jedem seiner Gedanken die Schrecken des Todes, dessen Namen auszusprechen bei Strafe des Hochverrats verboten ist.

So zeigte der Teufel Fausten den gefürchteten Ludwig, und Fausts Herz ergötzte sich an der Blässe seiner Wangen, an den Furchen, die die Angst auf seine Stirne gegraben. Er weidete sich an seinem Todesschweiß, an seinem beklommnen Atem, und sättigte sich an seiner Qual. Schon wollte er dem ekelhaften Aufenthalt entfliehen, als ihm der Teufel ins Ohr raunte, den kommenden Tag abzuwarten, eine besondre Szene anzusehen. Der König hatte vernommen, daß in Kalabrien ein Eremit Martorillo lebte, den man in ganz Sizilien als einen Heiligen verehrte. Dieser Tor hatte von seinem vierzehenden bis zu seinem vierzigsten Jahr auf einem spitzen Felsen gelebt, seinen Körper durch Fasten gemartert, und seinem Geiste alle Nahrung versagt; aber der Schein des Heiligen bedeckte den Dummkopf, und er sah bald die Fürsten wie den Pöbel zu seinen Füßen. Um diesen außerordentlichen Mann hatte Ludwig den König von Sizilien gebeten, und hoffte seine Genesung von ihm. Er war nun eben auf dem Wege, und da er zugleich dem Könige die Erlaubnis von dem Papst mitbrachte, seinen ganzen Leib mit dem heiligen Öle von Reims schmieren zu dürfen, so glaubte er bald alle Schrecken des Todes zu besiegen. Der glückliche Tag erschien, der kalabrische Bauer nahte dem Schlosse, der König ging ihm bis an das Tor entgegen, fiel ihm zu Füßen, küßte seine Hände, und bat ihn um Leben und Gesundheit. Der Kalabrer spielte seine Rolle so, daß Faust sich nicht enthalten konnte, bei der Farce in ein lautes Gelächter auszubrechen. Schon wollte ihn Tristan mit seinen Helfern ergreifen; es war um sein Leben geschehen, der Teufel entriß ihn ihren Klauen, und flog mit ihm davon. Als sie in Paris angekommen waren, sagte Faust zu dem Teufel:

»Dieses feige, niederträchtige, abergläubische, bebende Ding ist es also, vor dem die kraftvollen Söhne Frankreichs zittern, und von dem sie sich ohne Widerstand erwürgen lassen? Ein Totengerippe in Purpur gehüllt, das kaum noch den Wunsch zu leben aus der Brust hervorkeichen kann? Und sie beben vor ihm, als ob ein gewaltiger Riese, dessen furchtbarer Arm von einem Ende des Reichs zu dem andern reichte, auf ihrem Nacken säße! Treten doch die feigsten Tiere vor die Höhle des Löwen, wenn kraftloses Alter den Räuber fesselt, und spotten des unvermögenden Würgers.«

Teufel. Dadurch eben unterscheidet sich der König der Menschen von dem Könige des Waldes. Dieser ist nur furchtbar, solange er Kräfte hat; aber da jener die Kräfte seiner Sklaven an seinen Willen bindet, so ist er gleich stark, er liege an der Gicht oder stehe in blühender Jugend an der Spitze der Heere. Fühlst du nun bald, daß es Wahn ist, der euch in allem leitet, euch zu Sklaven macht, eure Ketten zerbricht, und euch wiederum neue schmiedet. So treibt ihr euch im ewigen Kreise herum, und ihr seid verdammt, immer den Schatten für das Wesen zu ergreifen. Damit nicht zufrieden, Unterworfne der Natur, eurer Leidenschaften und grenzlosen Begierden, eines unsichtbaren, strengen Herrns zu sein, müßt ihr euch, um bestehen zu können, und euch nicht in eurer Wut zu zerfleischen, einen euch nähern Tyrannen wählen, und damit euch dieser ohne Gefahr für ihn mißbrauchen möge, leitet ihr seine Rechte von dem ersteren ab. Dies war wohl das äußerste Maß eures Unsinns, ein Ding, das euch gleicht, zu vergöttern! Hadere mit dem, von dem sie diese Rechte erhalten haben wollen.

Faust. Fasse es, wer da kann! Er schlug wider seine Stirne, und seine Brust. Dieses hier, und dieses da stehen im Widerspruch mit allem, was ich sehe, vernehme und fühle. Finstre Gedanken, wie plagende Dämonen der Nacht, ziehen in meinem Gehirne herum, und oft dünkt mich, die moralische Welt würde von eben einem solchen Dinge beherrscht, wie dieser Elende eines ist. Er mordet ohne Form und Recht, und so wird der Mensch gleich dem Stier gefällt, ohne zu wissen, warum er bluten muß.

Faust fuhr in dieser Laune fort, und spann seine dunkle Gedanken und Gefühle bis ins Abscheuliche aus. Der Teufel ergötzte sich, da er ihn seinem Zwecke nahen sahe, stimmte ihn zu fernerm Herumstreifen, um ihn durch neue Szenen noch mehr zu verwirren. Als sie aus Paris ritten, sagte der Teufel:

»Schon wittre ich die künftigen ungeheuren Taten, die diese blühende Stadt erschüttern werden.«

Auf dem Wege nach Calais sagte er oft:

»Bald werden diese Felder durch Bürger- und Religionskriege mit Leichen besäet werden. Jahrhunderte wird der Geist der Zwietracht wüten, und wenn der Despot des Mordens sollte müde werden, so wird ihn der Priester auf Befehl des Himmels zu noch schrecklichem Greueln reizen.«

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