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Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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6

Faust hatte so viel von den Kefichen gehört, die der Allerchristlichste König hatte verfertigen lassen, die ihm verdächtigen und gefährlichen Personen einzusperren, daß er dem Teufel befahl, Anstalt zu machen, damit er sie in Augenschein nehmen könnte. Dieses war ein Schauspiel, das ihm der Teufel gern verschaffte, und ob es gleich bei Todesstrafe verboten war, keinen hinzu zu lassen, so öffnete doch die Beredsamkeit des Teufels, die so mächtig von seinen Fingern floß, das Kastell. Sie fanden dort Kefiche von Eisen, die rundum mit dergleichen Stangen versehen waren, und worinnen ein Mensch grade aufrecht stehen konnte. An die Füße der Elenden, denen diese traurige Wohnung angewiesen war, hatte man schwere Ketten geschmiedet, an die eine große Kugel befestigt war. Der Aufseher vertraute ihnen, daß der König oft in gesunden Tagen in dieser Galerie herumspaziert sei, um sich an dem Gesang seiner Nachtigallen, wie er sie nannte, zu ergötzen. Faust fragte einige der Unglücklichen um die Ursache ihrer schmählichen Gefangenschaft, und hörte Geschichten, die das Herz zerreißen. Unter andern tat er an einen ehrwürdigen Greis dieselbe Frage, und dieser antwortete in einem kläglichen Tone:

»Ach, wer Ihr auch seid, so laßt Euch mein grausames Schicksal zur Warnung dienen, nie Eure Hände einem Tyrannen zu Grausamkeiten zu leihen. Ihr seht in mir den Bischof von Verdun, jenen Unglücklichen, welcher zuerst dem grausamen Könige den Gedanken von diesen scheußlichen Kefichen beigebracht hat, und der den ersten verfertigen ließ, damit einer seiner Feinde hineingesperrt würde. Der König ließ sogleich, nach dem von mir gegebenen Muster, zwei machen, und wies mir, dem Erfinder, den ersten zur Wohnung an. Hier büße ich nun schon vierzehen Jahre für meine Sünde, und flehe täglich den Tod, meiner Marter ein Ende zu machen.«

Faust. Ha! ha! Ew. Ehrwürden hat also, gleich einem zweiten Perillus, auch seinen Phalaris gefunden. Ihr wißt doch die Geschichte? – Ihr schüttelt den Kopf – nun zum Zeitvertreib will ich sie Euch erzählen.

Dieser Perillus (der nebenher weder ein Bischof noch ein Christ war) goß einen ehernen Ochsen, den er dem Tyrannen Phalaris als ein Meisterstück zeigte, und ihn versicherte, er habe ihn so zugerichtet, daß wenn seine Majestät einen Menschen hineinstecken, und ihn durch untergelegtes Feuer glühend machen ließe, das Geschrei des geplagten Menschen das Brüllen eines Ochsen ganz genau nachahmen würde, welches Seiner Majestät viel Vergnügen machen könnte. Phalaris antwortete: »Wackrer Perillus, es ist billig, daß der Künstler sein Werk selber probe!« Hierauf mußte der Künstler in den Ochsen kriechen, es ward Feuer darunter gelegt, er brüllte wie ein Ochs, und so spielte vor tausend Jahren Phalaris die Geschichte, die der Allerchristlichste König mit Euch, Ehrwürdiger Bischof von Verdun, nur wiederholt hat.

Bischof. O hätt ich doch dieses Beispiel früher gewußt, es sollte mir zur Warnung gedient haben.

Faust. Da seht Ihr, Ehrwürden, daß zu Zeiten die Geschichte auch einem Bischofe nutzen kann. Laßt Euch die Zeit nicht lang werden; über das Schicksal dieser Unglücklichen weint man, und über das Eure lacht man.

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