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Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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3

Faust machte einige Zeit hierauf mit einem sehr verständigen und rechtschaffnen Edelmanne Bekanntschaft, und er nebst dem Teufel gefielen ihm so wohl, daß er sie auf sein Landgut, nahe bei der Stadt, einlud, wo er mit seiner Familie lebte, die aus seiner Gemahlin, und seiner sehr schönen sechzehnjährigen Tochter bestund. Faust wurde von dem ersten Blicke des reizenden, unschuldigen Mädchens bezaubert, und fühlte zum erstenmal etwas von den süßen Qualen einer feinern Liebe. Er vertraute dem Teufel seine Pein, und dieser, der das Böse so gern beförderte, als Faust es tat, bot ihm seine Hülfe an, und spottete seiner Ziererei. Faust aber, der auf einmal edel zu fühlen glaubte, gestund ihm, es ginge ihm nah, dem Edelmann seine Gastfreundschaft so schlecht zu vergelten. Der Teufel spottete seiner Bedenklichkeit noch mehr, und antwortete: »Nun Faust, wenn du die Einwilligung des Edelmanns zu dem Spaße brauchst, so ist mir's um so lieber, denn ich fange auf einen Zug zwei Vögel, und stehe dir für die Einwilligung. Für was hältst du ihn?«

Faust. Für einen Biedermann.

Teufel. Es ist doch schade, Faust, daß du bei dem teutschen fanatischen Mönch nicht ein wenig in die Schule gegangen bist. Du hältst also diesen Edelmann für einen biedern Gesellen? Freilich ganz Paris denkt so von ihm, und leider muß ich nun wieder in meiner ganzen schwarzen Teufelei erscheinen – Was glaubst du, daß er vorzüglich liebt?

Faust. Seine Tochter.

Teufel. Ich kenne etwas, das er noch mehr liebt.

Faust. Das wäre?

Teufel. Gold, davon du freilich schon Beweise haben könntest; da dir aber die Schätze der Erde durch mich offen stehen, so gleichst du einem Strome, der sich ergießt, unbekümmert, woher die Gewässer ihm zufließen, und wohin er sie ausstößt. Wieviel hast du schon an den Edelmann verspielt?

Faust. Das berechne der, der den Quark für mehr hält als ich.

Teufel. Er, der dich betrogen hat, zählt es sorgfältiger als ich.

Faust. Betrogen?

Teufel. Wie anders? Würde er, der nie gespielt hat, sonst mit dir spielen? Er sah, was dir das Geld ist, und machte seinen sichern Plan darauf. Glaubst du, die Tafel würde so gut bestellt sein, die Weine so wacker fließen, und die Gäste, seine Gehülfen, dich zu rupfen, so zahlreich um den Tisch dieses Geizigen sitzen, wenn dein Gold nicht diese Wunder würkte? Faust, in diesem Hause aß man sich vor unserm Hiersein nie satt. – Ich sehe an deiner Verwunderung, daß du dein Lebenlang ein Verschwender warst, und von diesem Durst nach Gold, der alle Wünsche des Herzens, selbst die nötigen Bedürfnisse der Natur besiegt, keine Ahndung hast. Folge mir leise!

Sie gingen die Treppe hinunter, durchschlichen einige unterirdische Gänge, und kamen endlich an eine eiserne Türe, wo der Teufel zu Fausten sagte: »Sieh durch das Schlüsselloch!« In diesem Gewölbe, das der schwache Schein einer Lampe erleuchtete, entdeckte Faust den Edelmann vor einem eisernen Kasten, in welchem viele Säcke mit Geld lagen, die dieser mit zärtlichen Augen ansah, und hierauf in einen leeren das Gold Stück für Stück zählte, das er Fausten abgewonnen hatte. Vorher aber besah er jedes Stück, wog es in der Hand, küßte es, rechnete zusammen, überzählte mit vielem Genuß den ganzen Schatz, seufzte am Ende beklommen über das, was ihm noch mangelte, die Zahl rund zu machen. Der Teufel lispelte Fausten ins Ohr:

»Um das Fehlende verkauft er dir die Tochter.«

Faust wollte es nicht glauben; dieses verdroß den Teufel, und er sagte ungeduldig:

»Nun, wenn ich dir zeigte, daß das Gold eine so unwiderstehliche Macht über das Herz des Menschen hat, daß in diesem Augenblick einige Väter und Mütter aus der Stadt, in dem ganz nahen Gehölze, mit einigen Abgesandten des Königs in Unterhandlung sind, ihnen ihre Säuglinge zu verkaufen, ob sie gleich wissen, daß sie ermordet werden, und der kränkelnde König ihr Blut trinkt, in dem Wahne, sein scharfes und veraltetes Geblüt durch ihr süßes und gesundes zu verjüngen.«

Faust, schaudernd. So ist die Welt die Hölle, und ich will ihr mit Freuden entfliehen. Und der König trinkt wissend diesen schaudervollen Trank?

Teufel. Der Arzt, der sein Tyrann ist, und sich bereichert, hat ihn verordnet, und der Beichtvater es unsträflich gefunden, wenn es dazu dienen kann, Seiner Majestät kostbare Tage zu verlängern.

Sie eilten nach dem Gehölze, verbargen sich hinter dickes Gesträuch, und sahen die Abgeordneten des Königs mit einigen Bürgern und dem Priester des Kirchspiels in Unterhandlung. Vier kleine Kinder lagen vor ihnen im Grase, eins derselben schrie erbärmlich, die Mutter koste es, und legte es an die Brust, um es zu stillen. Die andern krochen auf den Bäuchen, und spielten mit den Blumen. Die Abgeordneten zählten den Männern das Gold auf die Hand, der Pfarrer empfing seinen Teil, und man lieferte die Kinder aus. Noch lange hörte man die armen Kinder durch den Wald schreien, die Mütter heulten, aber die Männer sagten ihnen: »Hier ist Gold, laßt uns in die Schenke gehen, und uns Mut trinken, andre zu machen. Man sagt, der König fresse die Kinder; besser er frißt sie jung, als daß er sie alt schindet, oder sie in einen Sack genäht in die Seine werfen läßt, wie er tausenden getan hat. Laßt früh sterben, was zum leiden geboren ist; wahrlich es wäre besser für uns gewesen, wenn sein Vater uns jung gefressen hätte.«

Der Pfarrer tröstete sie, und sagte:

»Es sei ein verdienstliches Werk, und der Mutter Gottes, welcher der König so sehr zugetan sei, gefällig. Auch seien die Untertanen für den König geboren; und da er an Gottes Statt über sie auf Erden herrschte etc.« – Wer mag den Unsinn ausführen? So gingen sie nach der Schenke, versoffen einen Teil des Blutgelds, und sparten den andern auf, dem Könige die Termine zu bezahlen.

Der Teufel sah Fausten höhnisch an: »Zweifelst du noch, ob dir der Edelmann die Tochter verkaufen wird, die du doch wenigstens nicht fressen wirst?«

Faust. Bei der schwarzen Hölle, die mir in diesem Augenblick ein Paradies gegen die Erde zu sein scheint, ich will von nun an allen meinen Begierden den Zügel schießen lassen, und bei Zerstörung und Verwüstung glauben, ich arbeitete in dem Sinne dessen, der die Menschen so ungeheuer geschaffen hat. Eile, kaufe ihm die Tochter ab, sie ist der Zerstörung geweiht, wie alles, was Otem hat.

Dieses war die Laune, worin der Teufel Fausten längst zu sehen wünschte, um ihn zum Ziel zu fördern, und der lästigen Bürde los zu werden, der Sklave eines so verächtlichen Dinges zu sein, als der Mensch ihm schien. Noch denselben Abend fing er an, den Edelmann zu stimmen, und sprach vorsätzlich von ihrer nahen Abreise; den folgenden Morgen warf er ihm bei einem Spaziergange die goldne Angel hin, der Gierige schnappte darnach, wollte sie aber noch nicht fassen, und machte die gewöhnlichen Paraden der Tugend – der Teufel stieg bei jeder heuchlerischen Floskel in der Summe, stieg endlich so hoch, daß der Edelmann in seinem Herzen des Toren lachte, der sein Gold so unsinnig verschwendete. Der Vertrag ward gemacht, der Vater ließ Fausten in das Zimmer seiner Tochter ein und dachte ihr Heuratsgut auf eine Art erbeutet zu haben, wovon ihr künftiger Mann nichts merken würde. Das Mädchen war in der ersten Blüte der Jugend, Faust hatte durch den Umgang mit den Weibern erlernt, sie zu betören, und da er ihr beweisen konnte, daß ihr Vater selbst zu ihrem Falle mitwirkte, so tat die Natur das übrige.

Der Vater schlich indessen mit dem Geldsack und einer Lampe heimlich nach seinem, jedermann unbekannten Gewölbe. Das Herz klopfte ihm vor Freude, einen Sack zu füllen, und endlich die Summe seines Schatzes zu runden. Aus Furcht, belauscht zu werden, und im Taumel der Freude schlug er die Türe hinter sich hastig zu, ohne den Schlüssel abgezogen, und zu sich gesteckt zu haben. Die Lampe verlosch durch den heftigen Schlag, und er sah sich auf einmal mit seinem Golde auf dem Arme in dicker Finsternis. Die Luft im Gewölbe war schwer und dumpfigt, und drückte bald auf seine Brust. Nun ward er erst gewahr, daß er den Schlüssel außen gelassen hatte, und Todesangst schoß kalt durch sein Herz. Noch hatte er Kraft und Instinkt genug, seinen Kasten zu finden, er legte das Gold hinein, kroch tappend zu der Tür zurück, und überlegte, ob er klopfen oder schreien sollte. Es entstund ein peinlicher Kampf in seiner Seele, er war in Gefahr, sein Geheimnis zu verraten, oder aus dieser Gruft sein Grab zu machen. Lange hätte er rufen mögen; dieses Gewölbe war mit dem bewohnten Teil des Hauses außer aller Verbindung, und er wußte die Zeit so gut zu wählen, daß ihn bisher noch niemand bemerkt hatte, wenn er zu seinem Gott schlich. Nachdem er lange gekämpft hatte, ohne sich entschließen zu können, nahm das Bangen seines Herzens durch die schrecklichen Vorstellungen, und die schwere, verschloßne Luft so zu, daß es sein Gehirn verwirrte. Er sank nieder, kroch zu seinem Kasten zurück, umfaßte ihn, und fing bald an zu wüten. Hier kämpfte er mit der Verzweiflung, und dem scheußlichsten Tod, während seine Tochter, deren Unschuld er für das Gold, auf welchem er nun winselte, verkauft hatte, Faust den Lohn seiner Sünde abtrug. Nach einigen Tagen, da man schon alle Winkel vergebens durchsucht hatte, führte der Zufall einen Diener nach dem Gewölbe. Man öffnete es, und fand den Verzweifelten blau und schwarz, in der scheußlichsten Verzerrung auf seinem Schatze. Er hatte in der Wut das Fleisch von seinen Armen gefressen, um den wilden Hunger zu stillen. Der Teufel erzählte Fausten, auf ihrem Rückweg nach Paris, den Ausgang der Geschichte, und dieser glaubte, daß sich doch einmal die Vorsehung gerechtfertigt hätte.

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