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Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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2

So kamen sie von Abenteuer zu Abenteuer nach Paris. Bei ihrem Eintritt war die ganze Stadt in Bewegung. Das Volk stürzte nur einen Weg, sie folgten dem Zuge und kamen zu den Hallen, wo sie ein schwarzbedecktes Gerüste aufgeschlagen fanden, das durch eine Türe mit einem nahen Gebäude verbunden war. Faust fragte, was dieses bedeutete? und man antwortete ihm, daß soeben der reiche Herzog von Nemours hingerichtet würde. »Und die Ursache?« – »Der König hat es befohlen. Man sagt, er habe aus feindlichen Gesinnungen gegen das königliche Haus den Dauphin umbringen wollen. Da ihn aber vom Könige beorderte Richter geheim in seinem Keficht verhört haben, so weiß man nichts als das Gerücht.« Einer der Anwesenden rief:

»Sagt vielmehr, es seien seine Güter, die ihm den Hals kosten; denn um ein mächtiger König zu werden, und uns zu einer großen und berühmten Nation zu machen, ermordet er unsre Großen, und uns obendrein, wenn wir es nicht für gut halten.«

Der Teufel ließ die Pferde nach einem nahen Wirtshause führen, und leitete Fausten durch den Haufen. Sie sahen den edlen Herzog, von seinen unmündigen Kindern begleitet, nach einem schwarz ausgeschlagenen Zimmer führen. Hier erwartete ihn ein Mönch, der seine letzte Beichte hören sollte. Der Blick des Vaters hing an seinen Söhnen, und konnte sich nicht von ihnen zu dem Himmel wenden. Nach der Beichte drückte er sie wider seine Brust, sah dann gen Himmel, legte seine bebenden Hände auf die Häupter der Schluchzenden, und sagte: »Laß den Segen eines unglücklichen Vaters, den Habsucht und Tyrannei ermorden, diesen Unschuldigen gedeihen! doch« – hier hielt er seufzend inne – »sie sind die Erben eines Unglücklichen, ihre Ansprüche verdammen sie zu langsamer Marter, sie sind dem Weh geboren, und in diesem Gefühl muß ich sterben.« Er wollte weiter reden, man zwang ihn zu schweigen, und führte ihn durch die Türe auf das Blutgerüste.

Nach dem Befehl des Königs, der diese Hinrichtung mit der kalten Bedachtsamkeit eingerichtet hatte, wie man ein Schauspiel zum Vergnügen anordnet, wurden die Söhne von ihm gerissen, unter das Gerüst geführt, daß das Blut ihres hingerichteten Vaters auf ihre weiße Gewänder träufle. Der Schrei, den der Vater in diesem Augenblick ausstieß, schauderte durch die Herzen aller Anwesenden; nur Tristan, der Henker und Busenfreund des Königs, der schon so viele Tausende seiner Wut geopfert, befühlte dabei lächelnd die Schärfe des Schwerts. Faust glaubte, dieser Ton müsse die Feste des Himmels durchdringen und ihn zum Rächer der verletzten Menschheit machen. Er sah grimmig aufwärts, und sein vermeßner Blick machte den Höchsten zum Mitschuldigen der schaudervollen Tat. Er war einen Augenblick in Versuchung, ihn mit seinen Kindern durch den Teufel den Händen des Henkers entführen zu lassen, aber sein nun finstres Herz höhnte des Entschlusses, er sah nochmals gen Himmel, und sagte in seinem Inneren: »Ist mir doch die Sorge für ihn nicht anvertraut; vermutlich gehört es zu deiner Ordnung auf Erden, daß dieser blute, damit der König mutiger in Verbrechen werde!« Der Herzog kniete nieder, er hörte das Winseln und Klagen der Söhne unter dem Gerüste hervor, das ihn in das andre Leben begleiten sollte, sein eigner schmählicher Tod verschwand vor seinen Augen, er fühlte zum letztenmal, und fühlte nur für die Unglücklichen – starre Tränen hingen an seinen Augen – seine Lippen zitterten – Der Henker führte den Streich, und das warme Blut des Vaters rann über die bebenden Söhne hin. So befleckt, führte man sie auf die Bühne zurück, zeigte ihnen den Leichnam, das davon getrennte Haupt des Vaters, trieb sie in das Gefängnis zurück, wo sie in Körbe gefesselt wurden, die oben weit und unten enge waren, um sie in dieser peinlichen Lage langsam hinsterben zu lassen. Ihre Marter zu vermehren, riß man ihnen zu Zeiten die Zähne aus.

Faust wankte betäubt von dieser schrecklichen Szene nach dem Wirtshaus, und forderte den Teufel zur Rache an dem auf, den der Himmel unbestraft solche Greuel begehen ließ.

Teufel. Faust, ich erwürge ihn nicht, es ist gegen die Polizei der Hölle, und warum soll der Teufel diesen Grausamkeiten ein Ende machen, da sie der geduldig ansieht, den die Menschen ihren Vater und Erhalter nennen? Vermutlich gehört dies zu der Ordnung der moralischen Welt, daß die Könige, die sich die Gesalbten des Himmels nennen, und von ihm ihre Einsetzung erhalten zu haben vorgeben, so mit den Menschen, denen er sie vorgesetzt, umspringen müssen. Folgte ich deinem blinden Zorn, wer von denen, die wir noch sehen werden, würde deiner Rache entgehen?

Faust. Und wäre es nicht ein verdienstliches Werk, wenn ich gleich einem zweiten Herkules herumzöge, und Europas stolze Throne von diesen Ungeheuern reinigte?

Teufel. Kurzsichtiger, beweist nicht eure verdorbene Natur, daß ihr sie braucht, und würden nicht neue Ungeheuer aus ihrer Asche aufleben? Des Mordens würde kein Ende werden, die Völker sich trennen, und sich durch bürgerliche Kriege aufreiben. Du siehst Millionen hier, die diesen Wüterich, wie sie ihn nennen, in Geduld ertragen, sich schinden lassen, ohne von Rache entflammt zu werden. Sahen sie nicht diesen edlen Herzog hinrichten, wie ein Schaf, und genossen mit ängstlichem und peinvollen Vergnügen des tragischen Schauspiels? Beweist dieses nicht, daß sie ihr Schicksal verdienen, und keines bessern wert sind; daß sie als Sklaven des Himmels und ihrer Natur das Joch ertragen müssen, wie man es ihnen auflegt? Wenn dein Sinn durch die Wollust noch nicht ganz verraucht ist, so reime dieses mit den Schulbegriffen deiner Moral zusammen, ich bin kein Lehrer des Lichts in der Finsternis, die euch umgibt. Ich kann meine Hand nicht an den Gesalbten legen, der so wacker für die Hölle arbeitet, kann den Faden nicht zerreißen, an welchem ein Mächtigerer wie ich durch ihn dieses Volk leitet.

Faust. Wie gewissenhaft auf einmal mein Teufel geworden ist! Wie schnell warst du fertig, da ich dir auftrug, den teutschen Fürsten zu erwürgen, ist dir der Franzose mehr wert?

Teufel. Er war zu Verbrechen nicht gesalbt wie dieser hier, und wenn ich deinen Wink erfüllte, so sah ich aus der Tat Nutzen für die Hölle; einst wird es dir klar werden! Warum willst du, daß ich gegen meine eigne Eingeweide wüten soll? Ist er es nicht, der den Grundstein zu dem Despotismus legt, der durch Jahrhunderte wachsen, bisher unerhörte Greuel veranlassen, und unzählige Opfer der Verzweiflung zur Hölle schicken wird? Werden nicht alle die tyrannischen Könige, ihre Minister und die übrigen Blutsauger des Volks in den Pfuhl der Verdammnis fahren? Und ich sollte den zerstören, der ein solches Werk gründet? Faust, wenn der mächtige Satan in Frankreich König wäre, so könnte er nicht mit fruchtbarerer Hand den Samen zu dem künftigen Bösen aussäen, wie dieser es tut. Gedulde dich, du sollst diesen König sehen, dich an seinen Martern ergötzen, und dann wirst du ihm langes Leben wünschen, sie zu verlängern.

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