Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Maximilian Klinger >

Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
Schließen

Navigation:

10

Dem Teufel war darum zu tun, eine solche Seele dem Himmel zu stehlen, Fausts Sündenmaß schneller zu füllen, und stund in einem Augenblick unter der Gestalt eines alten Mannes mit einem Guckkasten vor Faust, gab ihm einen Wink und schlich nach dem Markte. Hier schlug er seine Bude auf, und rief den Pöbel zusammen, seine schöne Raritäten zu schauen. Das Volk drang hinzu, Mägde und Knechte, Jungfrauen und Witwen, Kinder und Greise. Der Teufel gaukelte ihnen allerlei Histörchen vor, die er mit frommen Erläuterungen und moralischen Sprüchen begleitete. Jedermann trat vergnügt von dem Guckkasten zurück, und reizte die Zuschauer mit Erzählung der gesehenen Wunder. Die englische Angelika sah aus dem Fenster, und da sie den Teufel mit einem so frommen Tone die Vorspieglung seiner Histörchen ableiern hörte, fühlte sie eine unwiderstehliche Versuchung, die Wunder des Kastens zu sehen, und dem frommen Greise ein Almosen zufließen zu lassen. Der Teufel ward gerufen. Er fühlte sich selbst betroffen von ihrer wunderbaren Schönheit, ihrer Sanftmut und Güte, und ward um so begieriger, ihre Sinne zu verwirren. Nun legte sie ihr schwärmerisches Auge an die Öffnung des Kastens, der Teufel leierte seine Alltagssprüche herunter, und gaukelte ihr stufenweis die Szenen der Liebe, bis zu den ausschweifendsten Vorspiegelungen der Wollust und des sinnlichen Genusses, vor. Führte ihre Phantasie so rasch und unmerklich vom Geistigen zum Sinnlichen hinüber, daß sie die Schattierung kaum gewahr werden konnte. Wenn sie das Auge zurückziehen wollte, so verwandelte sich der anstößige Gegenstand in ein erhabenes Bild, das den widrigen Eindruck auslöschte, und das Herz für das folgende zündbarer machte. Ihre Wangen glühten, sie glaubte vor einer bezauberten, unbekannten Welt zu stehen. In allen diesen Szenen ließ der Tausendkünstler Fausts Gestalt erscheinen, und versetzte sie immer in die anziehendsten Lagen. Sie sah ihn einen Schatten verfolgen, der ihr glich, und um ihretwillen die größten Taten unternahm, sich den schrecklichsten Gefahren unterwarf, und nachdem er ihre Aufmerksamkeit gänzlich gefesselt hatte, und wahrnahm, daß die Neugierde, die Verwicklung, worin Fausts Gestalt mit ihr verflochten war, aufzulösen wünschte, so verwandelte er die Szene, und ließ in schnellem Wirrwarr die schlüpfrigsten und üppigsten Erscheinungen der tierischen Liebe, mit den reizendsten Farben bekleidet, vor den Augen der unschuldigen Lauscherin gaukeln. Der Blitz erleuchtet nicht so schnell das Dunkel, der Wunsch nach Ehebruch entsteht nicht so schnell in dem Herzen des Wollüstlings, als diese Erscheinungen vorüberflogen. Eine Sekunde ist Dauer dagegen. Kaum hatte die Unschuldige das Auge an den Kasten gelegt, als das Gift schon in ihr Herz geflossen war. Sie sah, bevor sie fliehen konnte. Nun deckte sie mit beiden Händen ihre Augen, floh nach ihrem Schlafzimmer, und sank Fausten in die Arme. Der Verwegne nutzte den Augenblick der gänzlichen Abwesenheit ihres Bewußtseins, fand in ihrem Sträuben, ihren Tränen, ihrem Seufzen, neuen Reiz zur Sünde, und nie ist eine unschuldigere Seele, nie ein schönrer, unbefleckterer Körper von der frechen Hand der Verführung besudelt worden. Als sie endlich zu sich kam, und ihren Fall wahrnahm, verhüllte sie ihr Haupt, und stieß den Frechen zurück. Er legte kostbare Geschmeide zu ihren Füßen, sie zertrat sie, und rief: »Wehe dir, die Hand des Rächers wird einst schwer auf dir liegen für diese Stunde!«

Der Wahnsinnige freute sich seines Siegs, ging ohne Reue zu dem Teufel, der die Szene belachte, und sich der schaudervollen Folgen der Tat freute.

 << Kapitel 29  Kapitel 31 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.