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Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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In dieser düstern Stimmung wanderte Faust von Mainz nach Frankfurt, dem Hochweisen Magistrat eine von ihm gedruckte lateinische Bibel zu verkaufen, um seine hungrige Kinder von dem gelösten Gelde zu sättigen. In seiner Vaterstadt hatte er darum nichts ausrichten können, weil damals der Erzbischof mit seinem Kapitul in einen großen Krieg verwickelt war, und sich ganz Mainz in der größten Verwirrung befand. Die Ursache davon war folgende: Es hatte einem Dominikanermönch geträumt, er schliefe mit seinem Beichtkinde, der schönen Klara, einer weißen Nonne und Nichte des Erzbischofs. Morgens sollte er die heilige Messe lesen, er las sie, und empfing ohngeachtet der sündlichen Nacht den Leib des Herrn. Abends erzählt er, in der Begeisterung des Rheinweins, einem jungen Novizen seinen Traum. Der Traum kitzelte die Einbildungskraft des Novizen, er erzählte ihn mit einigen Zusätzen einem Mönche, und so lief er durch das ganze Kloster, verbrämt mit Greuel und lüsternen Bildern, bis er zu den Ohren des strengen Priors kam. Der heilige Mann, der den Pater Gebhardt wegen seinem Ansehen in vornehmen Häusern haßte, erschrak vor dieser Ärgernis, und da er's als eine Entweihung des heiligen Sakraments ansah, so wagte er nicht über den wichtigen Fall zu entscheiden, und meldete ihn dem Erzbischof. Der Erzbischof, vermöge des richtigen Schlusses, was der sündige Mensch bei Tage denkt und wünscht, davon träumt er des Nachts, sprach den Kirchenbann über den Mönch aus. Das Domkapitul, dessen Haß immer mehr zunimmt, je länger ein Erzbischof lebt, und gern jede Gelegenheit, ihn zu quälen, ergreift, nahm den Pater Gebhardt in Schutz, und widersetzte sich dem Banne aus dem Grunde: »Es sei weltbekannt, daß der Teufel den heiligen Antonius mit den üppigsten Vorstellungen und lüsternsten Lockungen in Versuchung geführt habe, und wenn dies der Teufel mit einem Heiligen getrieben hätte, so könnte ihm auch wohl einmal einfallen, sein Gaukelspiel mit einem Dominikaner zu treiben. Man müsse den Mönch vermahnen, dem Beispiel des heiligen Antonius zu folgen, und gleich ihm gegen die Versuchungen des Teufels mit den Waffen des Gebets und des Fastens zu kämpfen. Übrigens bedauerte man sehr, daß der Satan nicht mehr Achtung vor dem Erzbischof hätte, und so unverschämt wäre, seine höllische Vorspieglungen, nach den Gestalten seiner hohen Familie zu bilden. « Das Domkapitul führte sich hierbei ganz so auf wie die Erbprinzen, denen ihre Väter zu lange regieren. Was aber den Fall gänzlich verwirrte, war ein Bericht aus dem Nonnen-Kloster. Die Nonnen waren alle im Refectorio versammelt, eine Mutter Gottes zum nächsten Fest aufzuputzen, um es durch ihren Pracht den schwarzen Nonnen zuvorzutun, als die alte Pförtnerin hereintrat, die höllische Geschichte erzählte, und hinzusetzte: »der Dominikaner würde gewiß lebendig verbrannt werden, denn eben sei das Domkapitul versammelt, sein Urteil zu sprechen.« Während die Pförtnerin die Geschichte mit allen Umständen erzählte, färbten sich die Wangen der jungen Nonnen hochrot, und die Sünde, die keine Gelegenheit entwischen läßt, unschuldige Herzen zu vergiften, schoß in ihr Blut, und dramatisierte in flüchtiger Eile ihrer Einbildungskraft alle die gefährlichen Szenen vor. Wut und Zorn zogen indessen ihre grimmigen Larven über die Gesichter der Alten. Die Äbtissin zitterte an ihrem Stabe, die Brille fiel von ihrer Nase; die Mutter Gottes stund indessen nackend in der Mitte, und schien den erstaunten und erzürnten Nonnen zuzurufen, ihre Blöße zu decken. Da aber die Pförtnerin hinzusetzte, es sei die Schwester Klara, die der Teufel dem Dominikaner zugeführt hätte, so erfüllte ein wilder Schrei den ganzen Saal. Nur Klara allein blieb gelassen, und nachdem eine kleine Pause auf das Zetergeschrei erfolgte, so sagte sie lächelnd: »Liebe Schwestern, warum schreit ihr so fürchterlich? Träumte mir doch auch, ich schliefe mit dem Pater Gebhardt, meinem Beichtvater, und wenn es der böse Feind getan hat«, (hier machte sie und die übrigen alle ein Kreuz) »so mögen sie ihm die Disziplin geben. Ich für meinen Teil, habe nie eine kurzweiligere Nacht gehabt, sie komme, woher sie wolle.« »Der Pater Gebhardt?« schrie die Pförtnerin. »Nun alle ihr Engel und Schutzheiligen! das ist er eben, dem von euch geträumt hat, dem euch vielmehr der Teufel zugeführt hat, und den sie nun darum verbrennen wollen.« So ging die Pförtnerin noch einen Schritt weiter, verkörperte den Traum, und in dieser Gestalt flog er in die Stadt. Man ließ die Mutter Gottes so nackend stehen, wie sie war, bekümmerte sich nichts mehr darum, ob es die weißen Nonnen den schwarzen zuvortun würden. Die Äbtissin machte sich auf den Weg, um die höllische Geschichte auszubreiten, ihr folgte die Schaffnerin; die Pförtnerin hielt eine Versammlung an ihrem Pförtchen, und Klärchen beantwortete naiv die noch naiveren Fragen der Schwestern. Die Trompeten des jüngsten Gerichts können einst in Mainz nicht mehr Schrecken und Verwirrung verbreiten, als diese Geschichte. Nur der Schrecken in den rheinischen Bistümern war größer, als es sich die muntern Franzosen einfallen ließen, die schon bei dem ersten Zusammentreten in Gesellschaft verlorne Rechte der Menschheit hervorzusuchen. Und natürlich; man erinnerte sich hierbei des berühmten Sankt Veits Tanzes, der einstens ansteckend durch alle Provinzen und Reiche Europas sich ausbreitete, und die Köpfe der Europäer, besonders der Teutschen, so verwirrte und erhitzte, daß sich Ritter und Bauer, Graf und Troßknecht, Bischof und Dorfpfarrer, Edelfrau und Bettlerin, Gräfin und Kammerjungfer untereinander und durcheinander an den Händen faßten, und in wilden, unsinnigen Kreisen, von Dorf zu Dorfe, von Stadt zu Stadt, herum tanzten, bis sie alle erschöpft, und die Geschwächtesten von ihnen leblos niedersanken.

Da nun der Prior der Dominikaner diesen Vorfall erfuhr, rannte er nach dem versammelten Kapitul, und gab durch diesen Bericht auf einmal der Sache eine neue Wendung. Der Erzbischof hätte nun gern den ganzen Handel unterdrückt; aber jetzt lag dem Kapitul dran, ihn auszubreiten, und alle Domherrn stimmten einmütig darauf, die bedenkliche Sache müßte dem Heiligen Vater in Rom vorgelegt werden. Man schrie, raste, tobte, drohte, und nur die Mittagsglocke konnte die Streitenden auseinander bringen. Die offne Fehde verwandelte sich bald in eine feinere. Von Hofe aus fing man an zu bestechen, im Kapitul zu intrigieren, und ganz Mainz, Mönch und Laie, zerfiel auf einige Jahre in zwei Teile, so daß sie nichts sahen, hörten, von nichts sprachen und träumten, als dem Teufel, der weißen Nonne und dem Pater Gebhardt. Auf den Kathedern jeder Fakultät ward darüber diskutiert; die Kasuisten, nachdem sie die Nonne und den Pater ad protocollum genommen und gegeneinander gestellt hatten, schrieben Foliobände über alle die möglichen sündigen und nicht sündigen Fälle der Träume. War dies eine Zeit für Fausten und seine Erfindung?

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