Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Maximilian Klinger >

Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
Schließen

Navigation:

9

Das Gefühl, die Tugend an den Lasterhaften rächen zu wollen, kühlte sich in Fausten etwas ab; endlich labte er seinen durch die letzte Geschichte gereinigten Geist mit dem Gedanken, den ihm der Teufel vorsätzlich hinwarf, der Säugling und die Mutter seien der Hölle entgangen. Auch erlaubten die Sinnlichkeit, das leichte Blut, das Streben nach Genuß, der Zug nach Veränderung, die Zweifel keiner Empfindung einen dauernden Eindruck in seinem Herzen. Da er alles mit lebhaftem Gefühl umfaßte, so brannten seine Empfindungen wie Lichtkugeln auf, die einen Augenblick die Finsternis erleuchten, und dann zerplatzen.

Er blickte endlich wieder unter seinem Mantel hervor, sah Leviathan auf etwas hören und lächeln. Er frug ihn: »Worüber lächelst du, Würger, mich deucht, du horchst einem Redenden zu, und gleichwohl seh ich keinen.«

Teufel. Du irrst dich nicht. Soeben schwebte ein Geist einher, der sich mit ehebrecherischen Händeln abgibt, und erzählt mir einen Schwank, über den ich lachen muß, so ernsthaft ich auch, in deiner lästigen Gesellschaft, geworden bin.

Faust. Erzähle! ich bedarf des Lustigen.

Teufel. Soll er; oder ich?

Faust. Wer er? Ich seh ihn nicht.

Teufel. Gleichwohl ist er nah bei dir. Soll er dir erscheinen; oder willst du bloß seine Stimme hören? Sie ist so sanft, wie die Stimme des Ehebrechers, der zum ersten Falle lockt.

Faust. So sei's die Stimme; ein Schwank aus der Luft erzählt ist etwas Neues, und ich bedarf des Neuen; aber lustig muß der Schwank sein.

»Lustig und tragisch, Faust, wie's bei euch immer einander auf dem Fuße folgt«; sagte eine feine, hellklingende Stimme, die gleich einer Lock-Pfeife, alle Töne nachahmte.

Die Stimme fuhr fort: »Ich komme soeben von Köln, das, wie Ihr wißt, mehr durch Kirchen und Reliquien berühmt ist, als durch Genies. Doch Hahnreien gibt's dort mehr, als Kirchen.«

Faust. Ein sehr moralischer Teufel! und die Stimme hat viel gereist, denn sie fängt gleich mit Bemerkungen an. Narr von Geiste, von welchem Orte kann man dies nicht sagen?

Stimme. Faust, die Wahrheit steht überall an ihrem rechten Platze. – Ich hatte mich dort in die Rosen-Knospen der weißen runden Brust einer Betschwester einquartiert, ihr Mann war nach Holland gereist. Sie fühlte den schäkernden unruhigen Gast durch alle mit meinem lüsternen Sitze verbundne Nerven, klagte über den besondern Umstand bei ihrem Beichtvater; es kam zu Erklärungen, und die Folge der Erklärungen war, daß er mich zufällig mit seinem Skapulier berührte. Mein Spuk war reif, und ich flog davon. Wie ich durch die Straßen dahin fuhr, sah ich einen Schlingel, ganz in dem scheußlichen Kostume ausstaffiert, womit uns eure Mönche beehren. Roten Mantel, scheußliche Larve, ungeheure Hörner, einen Bocksfuß und langen Schwanz. Ich setzte mich zwischen die Hörner des Verwegenen, und trabte mit ihm fort. Er schlich in das Haus des Junkers von Troßel. Der Kerl war mir von seinem ersten Weibe her bekannt, und verdient es, Euch zu werden. Stellt Euch einen westfälischen Flegel von Edelmann, sechs Fuß hoch, vor; zwischen seinen breiten Schultern, einen runden, feisten Kalbskopf, auf dessen Angesicht die Natur, mit grober Schrift, den eigensinnigen Dummkopf, den Pfaffensklaven, den hartherzigen, rauh, prahlenden Barbaren, den Bürger- und Bauernschinder, und den Hahnrei gezeichnet hat. Seine Erziehung gaben ihm die Buben, Knechte und Knappen des Hochgebornen Vaters, in derer Schule er auch ein so fertiger und origineller Flucher ward, daß es kein Fuhrmann seines Vaterlands mit ihm aufzunehmen wagte. Der Kapellan lehrte ihn ein wenig Lesen, stopfte ihm das Gehirn voller Legenden und Zaubergeschichten, und da er so zum Edelmann qualifiziert war, gab man ihm ein Fähnlein Volks, und schickte ihn dem Kaiser gegen die Türken zu Hülfe. Wacker hieb er in den Feind, doch führte er lieber mit dem Freunde Krieg, raubte, erpreßte, und handelte, wie ein Kerl handelt, der kein ander Recht kennt, als das Recht seiner Faust und seines Adels. Eine übermäßige Ladung ungarischen Weins machte seinem Unwesen ein Ende, und stürzte ihn vom Pferde; er verrenkte sich die Hüfte, ward in der Kur verpfuscht, und setzte sich in Köln zur Ruhe. Hier legte er sich aus Mißmut und Langerweile aufs Studieren, verschlang alle Legenden, alle Zauber- und Hexengeschichten, erhitzte, verwilderte seine leere Einbildungskraft, und faßte aus Patriotismus (worin ihr Teutschen alle Völker der Erde übertrefft) ganz natürlich eine besondre Vorliebe für die Reliquien und Legenden des Orts seines Aufenthalts. Nichts übertraf nach seinem Sinne, das Wunder der elftausend Jungfrauen (und darin hatte er nicht unrecht). Die Legende der Heiligen Drei Könige aus Morgenland wurde sein Labsal, und schon vor seiner ersten Ehe unternahm er, ihre Geschichte zu schreiben, bisher ist er aber noch nicht mit ihnen nach Bethlehem gekommen. Doch alle diese frommen Beschäftigungen bekehrten den Flucher nicht. Pfaff und Laie machten ihm Vorstellungen darüber; unter neuen, schrecklichern Flüchen, versicherte er, er wolle sich das Fluchen abgewöhnen. Nehmt noch hinzu, daß dieses Tier, vom vielen Sitzen, hypochondrisch geworden ist, daß er sich erschrecklich vor dem Tod, und noch mehr vor unsrer Brüderschaft fürchtet, die er gleichwohl ohne Unterlaß zitiert, und um den Kerl mit dem letzten Zug zu malen, daß er eifersüchtig wie ein Tiger ist, daß er sein Weib nicht aus den Augen läßt, daß sie neben seinem gepolsterten Sessel hucken, und ihm zuhören muß, wenn er die Legende kommentiert, oder von seinen Feldzügen lügt. Vor kurzem verheuratete er sich mit einer derben, fleischigten Brünette – ein lüsterner Schalk, ganz auf dem schwankenden Stengel der Unschuld gewachsen, und nur vom weiblichen Sinne gepflegt. Ich hatte schon ein Netz für sie gewirkt; aber der Schalk kam mir, wie Ihr sehen werdet, zuvor. Der Mönchsteufel polterte die Treppe hinauf – ich, der ihm ablauerte, worauf es angesehen war, umzog schnell seine Hörner mit loderndem, knitterndem Feuer, und setzte mich in Gestalt einer ungeheuern Fledermaus mit glühenden Augen dazwischen – Der Mönchs-Teufel trat vor das Bett und schrie:

»Troßel! Troßel! Herr von Troßel! Mich sendet Satan, mein Herr. Mit freundlichem Gruße läßt er dir sagen, daß, wenn du dein schreckliches Fluchen nicht lässest, womit du ihn jeden Augenblick zu Hülfe rufest, er bald genötigt sein würde, dir in hoher Person den Hals zu brechen. Schon lange hätte er's gern getan; aber du stehest unter dem Schutze der elftausend Jungfrauen, der drei Mohren-Könige, und diese verteidigen dich gegen ihn. Doch sollen sie ihn nicht hindern, dir für jeden Fluch, den du in Zukunft, herausdonnern wirst, einen Liebhaber zu deinem jungen Weibe Lene zu legen. Weh dir, wenn du alsdann dein unschuldiges Weib und den unschuldigen Kavalier beleidigst.« –

Der Mönchs-Teufel polterte die Treppe hinunter. Troßel zitterte und bebte – Lene war bei der Erscheinung unter die Bettdecke gekrochen, und streckte nicht eher den Kopf hervor, als bis er ihr in Verzweiflung zurief. Dann fing sie erbärmlich an zu klagen und zu jammern über das Unglück, das ihr bevorstünde, und beschwur den Todbleichen bei allen Heiligen, sich ja vor dem Fluchen in acht zu nehmen. Er gelobte sich's und ihr, unter Stöhnen und Gebet. Ich eilte dem Kerl nach, der uns so schändlich prostituiert hatte, und begleitete ihn nach der Rheinseite. Ein junger Edelmann, dem der Schalk von Weibe dieses saubere Spiel, in der Kirche, angegeben hatte, wartete dort auf ihn – der Kerl kroch aus der Maske hervor – es war ein Mönch, Faust!

Troßel saß den ganzen Tag stumm und tot da; denn reden und fluchen war bei ihm eins. Der Schalk von Brünette blickte aus halbgeöffneten Augen nach dem Unglücklichen, und schien nach einem Fluche zu lechzen, wie, nach Eurer Vorstellung, eine Seele im Fegfeuer nach Erlösung. Gleichwohl schärfte sie ihm ohne Unterlaß ein, sich ja vor dem Fluchen in acht zu nehmen; malte ihm den Teufel und die Gefahr immer schrecklicher, und sagte weinend, sie würde nie den fürchterlichen Augenblick überleben. Troßel seufzte zum erstenmal herzlich in seinem Leben; er war nun ein lebloses Ding, ein Schatten, ein Nichts. Man bestahl ihn, warf seine Legenden untereinander, trat seinen Lieblings-Hund auf die Pfoten, war mürrisch, zänkisch, unverschämt gegen ihn, er verlor durch ungerechten Spruch einen Prozeß – er biß die Zähne zusammen, schluckte die bis in die Gurgel gedrungenen Flüche zurück, erduldete alles, und schwieg. Er war dem Stummwerden nahe, und schon verzweifelte Lene, als ihm mein Mönch, unter der Maske eines reisenden Edelmanns, von Troßels Kriegsbruder empfohlen, eines Abends einen Besuch machte, und der lechzenden Brünette Gelegenheit verschaffte, den gefesselten Flüchen Luft zu machen. Das Mönchlein ließ sich, glattzüngig, mit Troßel in eine Unterredung über die drei Mohren-Könige ein. Die Beredsamkeit des Stummen ward lebendig, er floß in ihrem Lobe über, las ihm aus seinem Werke vor, und die Brünette horchte andächtig zu. Als ihn der Mönch recht im Feuer sah, sagte er spöttisch lachend: »Drei Könige? Drei Könige auf einmal? Hat man doch oft an einem zu viel! Und was wollten denn die Kerle in Köln? Was hatten sie am Rheine zu tun? Hatten sie denn zu Hause keine Geschäfte, daß sie herumzogen wie Meistersänger? Was mögen indessen ihre Untertanen gemacht haben? Nehmt mir nicht übel, soviel ich von Königen weiß, so laufen sie nicht so von Haus und Hof, es müßte denn sein, daß man sie davonjagte. Das ist alles Fabel und albernes Zeug!«

Troßel wurde blau und rot. Die Koller-Ader schwoll auf seiner Stirne. Der Geifer des Zorns schäumte um seine blauroten Lippen. Er zog krampfhaft die Daumen in die Fäuste, schnitt fürchterliche Grimassen, blies aus Mund und Nase, wollte eben, um die Flüche zurückzupressen, nach seiner Krücke greifen, um dem Lästerer eins zu versetzen; aber das freundliche Lenchen sprang erschrocken auf, liebkoste ihn, streichelte ihn, gab ihm süße Worte und Küsse, drückte sich an ihn, setzte unter Liebkosungen ihr Füßchen auf das Hühneraug' des Grimmigen, und trat aus allen ihren Kräften darauf. Da brach der eingeschloßne Donner los. Die schrecklichsten Flüche strömten aus seinem Munde, wie eine losgelaßne Flut – stürzten wie der Hagel herunter – der Gast entfloh – die Brünette sank zu seinen Füßen, schrie: »Du hast mich unglücklich gemacht, meine Ehre weggeflucht!« und fiel in Ohnmacht. Starr, bebend und bleich stund der Flucher da. Mit noch gräßlichern Flüchen rief er endlich: »Warum hast du mir auf das Hühneraug' getreten? Hab ich meine verdammte Zunge nicht, bis auf diesen Augenblick, gehalten?« – »Warum hast du geflucht«, erwiderte Lene. »Dir ist alles gleichgültig, wenn nur dich der Bocksfüßler nicht holt, mag meine Ehre immer dabei leiden!« Ich konnte dem Kitzel des Lachens nicht mehr widerstehen. »Wer lacht dahier?« klapperte Troßel. »Der Teufel«, schrie die Brünette. Das edle Paar entfloh, kroch ins Bette, und kaum hatte sich Troßel von seinem Schrecken erholt, kaum fing er an zu schnarchen, als ihn eine gellende Stimme, aufweckte: »Heraus, aus dem Bette, Flucher! Wider Willen muß ich dich heute zum Hahnrei machen. Doch fürchte nichts, ich bin, wie du, von christlichen Eltern geboren, werde dir nichts zu leide tun. Alles geschieht zum Heil deiner Seele, aber wenn du dich rührst, so kommt der Schwarze!«

Troßel sprang aus dem Bette, kroch in einen Winkel, zog die Nachtmütze über das Gesicht, und klapperte vor Furcht und Angst. Nach einigen Stunden rief die Stimme: »Lege dich wieder zu Bette, und vergiß nicht, daß mein Schicksal ist, für jeden deiner Flüche deinen Platz einzunehmen, und das deine, es zu leiden!«

Die Stimme stieg zum Fenster hinaus. Lenchen spielte noch toller die Verzweifelte, und ihr Haus-Tyrann, der so streng auf sein Männer-Recht hielt, der nicht den geringsten Widerspruch vertragen konnte, mußte nun bitten und flehen, sie möchte ihm nur diesmal verzeihen.

Man stellte dem Flucher neue Fallen, lange vermied er sie; da aber einmal die Brünette das Mittel entdeckt hatte, seine Zunge zu lösen, so spielte sie so lange auf dieser Saite, bis sie etwas erschlaffte. Ein Streich gelang ihr, über alle Hoffnung. Der Arme hatte den ganzen Tag an einem Kapitel seines Werks gearbeitet, darinnen bewiesen, daß seine Schutzherrn aus dem Morgenlande nicht zu Fuße, sondern auf Kamelen von Hause aus geritten wären, und daß ein geflügelter Bote von oben ihnen bei Nacht eine Laterne vorgetragen hätte. Lene, die seine Anstrengung während der Arbeit, und seine endliche Zufriedenheit darüber bemerkte, zerriß die Blätter, sobald er sich einen Augenblick entfernte, wickelte Garn in die Fetzen – legte in ein Blatt einen Kreuzer, zündete es an, und warf es einem singenden Bettler aus dem Fenster zu. Troßel kam zurück, wollte ihr nun seine Tagesarbeit vorlesen; fand sie nicht, frug zitternd darnach; Lene ließ sich dreimal erklären, was er wollte, und sagte endlich mit kalter Verachtung: »Hier sind deine Wische! ich hielt es für eine Schmiererei, dergleichen du hunderte des Tags machst, und wieder zerreißest!« Knirschend für Wut öffnete er die Knäuel Garn, warf sie ihr brummend in Schoß, legte seine Fetzen zusammen und rief mit donnernder Stimme: »Wo ist das übrige?« »Zum Fenster hinaus!« – »Zum Fenster hinaus!« – Die Flüche donnerten heraus, daß die Fenster zitterten, das Glas auf dem Tisch erklang. Lene stopfte sich die Ohren zu, spielte die vorige Komödie; der Gast kam, Troßel mußte das Bett verlassen, und murmelte dabei zwischen den Zähnen: »Ich wollte, daß die drei Mohren-Könige die Beine gebrochen hätten! schon zum zweitenmal machen sie mich zum Hahnrei.«

»Und sie sollen's zum dritten-, vierten- und fünftenmal, verwegener Sünder! Ein Fluch gegen die Heiligen ist Todes-Sünde!« rief die Stimme hinter den Bettvorhängen hervor.

Der Gast hielt Wort. Da nun Troßeln die Besuche zu oft kamen, so sagte er diesen Morgen zu Lenchen: »Ich kann es nicht mehr ertragen! Ich mag machen, was ich will – mag ersticken, bersten – fluchen muß ich! Ich will den Nachmittag nach dem Pater Orbelius schicken, daß er mich morgen früh besuche, ihm dann alles erzählen, und ihn bitten, daß er mir und dir helfe.«

Lene lobte seinen Entschluß, schlich aber bald darauf in ihr Kämmerlein, setzte sich hin, ihrem Galan den Vorfall zu melden, und ihm zu schreiben, er solle abends den Teufel mit dem Auftrag schicken, Troßeln mit dem Tode zu drohen, wenn er die Erscheinung entdeckte.

Ich, schon zufrieden mit dem, was geschehen war, schlich ihr nach. Warf ein hellrotes Mäntelchen um die Schultern, steckte mich in einen Wams von rauhen Fellen des Alps, legte ein Krägelchen um den Hals, aus roten, blauen, gelb und grünen Flammen gewebt, stellte mich auf zwei hohe Hahnen-Füße mit langen Spornen, nahm eine scheußliche Kröten-Maske vor, und bedeckte den feuchten, kahlen Schädel mit einem Federhut. Statt des Schwanzes wickelte sich eine ungeheure Schlange um meinen Leib, ihr Rachen ragte aus dem geöffneten Schlunde der Kröten-Maske weit hervor, und so geschmückt stellte ich mich hinter den Stuhl der Schreibenden, und zischelte ihr mit ausgestreckter Schlangen-Zunge in einem süßen, gefälligen Tone zu: »Bemüht Euch nicht, gnädige Frau, wenn Ihr einen Teufel braucht, da habt Ihr gleich den rechten. Befehlt nur!«

Die Folgen meines Grußes, Faust, nebst der Moral, wenn wir uns wieder begegnen.

Die Stimme schwieg, und Faust fühlte den Geist an sich vorüber sausen. Er schrie: »Wo ist er hin? Die Moral will ich hören.«

Teufel. Ho! ho! soll diese der Teufel auch machen? und seinen Schwank verderben, wie's eure Dichter machen? Er ist schon weit weg; vermutlich hat er einen neuen Spuk gewittert! Hm, Faust, es fehlt den teutschen Weibern, wie ich sehe, nicht an Genie, und wenn sie nichts aus Euch machen, so geb ich alle Hoffnung auf.

Unter Glossen und Lachen über den Schwank ritten sie in das Tor der vor ihnen liegenden Stadt, und die gute Mahlzeit, die herrlichen Weine, die sie dort fanden, schlugen bald Fausts trübe Geister völlig nieder. Da eben in der Stadt Jahrmarkt war, so ging Faust, mit dem Teufel, nach Tische auf den Platz, um das Gewimmel zu sehen.

Es war ein sonderbares Land, worin sie sich nun befanden. In einem Kloster der Stadt lebte ein junger Mönch, dem es ohne viele Mühe gelungen war, einige wenige Funken von Verstand durch das Feuer seiner Einbildungskraft gänzlich aufzubrennen, und sich so mächtig von der Kraft des religiösen Glaubens zu überzeugen, daß er hoffte, wenn einst seine Seele den wahren Schwung erhielte, und der Geist Gottes ihn völlig durchsauste, es ihm ein leichtes sein würde, Berge zu versetzen, und sich als ein neuer Apostel in Wundern und Taten zu zeigen. Überdem sog er, gleich einem trocknen Schwamme, die Torheiten und Scharlatanerien ein, die andere ausheckten, ein Umstand, wodurch sich die Schwärmer von den Philosophen gänzlich unterscheiden, denn diese hassen und verachten die Hypothesen eines andern, da jene allen Unrat des menschlichen Geistes annehmen, und sich zu eigen machen. Da dieser junge Mönch, wie jeder Schwärmer, der von seinem Gegenstand durchdrungen ist, ein feuriger Redner war, so zog er bald die Seelen der Männlein, und vorzüglich der Weiber (die alles Leidenschaftliche so gern aufnehmen) an sich. Seine Einbildungskraft verschaffte ihm bald einen neuen Zauberstab; denn da er, vermöge seiner innigen Verbindung mit dem höchsten Wesen, eine hohe Meinung von den Menschen hatte, so faßte er in einer seiner glühenden Stunden den Entschluß, dieses Meisterwerk der Vorsehung, diesen Liebling des Himmels, für den alles übrige gemacht ist, physiognomisch zu zergliedern, und sein Inneres durch sein Äußeres zu bestimmen. Leute von seinem Schlage betrügen sich so oft selbst, daß man nicht mit Gewißheit sagen kann, ob ihm etwa ein verborgner Funken des Verstandes zugelispelt hat, diese Schwärmerei würde der alten einen neuen Firnis geben, und die frommen Seelen, über deren Gesicht sich so viel herrliche Dinge sagen ließen, noch mehr an ihn ziehen. Da er nur die vier Wände seiner Zelle, und Leute seiner Art gesehen hatte, übrigens, in Ansehung der Menschen, der Welt und wahrer Wissenschaften so unwissend war, als es Leute von heißer Einbildungskraft gewöhnlich sind, die obendrein alle aufstoßende Zweifel mit dem zerschmetternden Hammer des Glaubens zerschlagen, so läßt sich leicht schließen, daß auch nur die Phantasie allein bei seinem Werke die Feder führte. Aber eben darum tat es eine erstaunende Wirkung auf die Geister aller derer, die lieber verworren fühlen, als klar denken. Dies ist der Fall des größten Teils der Menschen, und da die Tage des Lebens unter dem angenehmen Kitzel des geliebten Selbsts so sanft dahinfließen, so konnte es ihm nicht an Anbetern fehlen. Es tut so wohl, sich als ein vielgeliebtes, vorzüglich besorgtes Schoßkind der Gottheit anzusehen, und über die übrigen rohen Söhne der Natur mit Verachtung und Mitleiden hinzusehen! Unser Mönch blieb aber nicht bei dem Menschen allein stehen, er stieg auch zu den andern unedlen Tieren der Erde herunter, bestimmte ihre Eigenschaften aus ihren Gesichtern, ihrem Baue, und glaubte große Entdeckungen gemacht zu haben, wenn er aus den Klauen, den Zähnen, dem Blicke des Löwen, und dem schwächlichen, leichten Baue des Hasens bewies, warum der Löwe kein Hase, und der Hase kein Löwe sei. Es wunderte ihn gewaltig, daß es ihm gelungen, die bestimmten und unveränderlichen Merkzeichen der tierischen Natur so klar beweisen, und auf den Menschen anwenden zu können, obgleich die Gesellschaft das Gesicht des letztern zur Maske geschliffen hat, und er nie einen in seinem ursprünglichen Zustande sah. Hierauf drang er selbst in das Reich der Toten, zog die Schädel aus den Gräbern, die Gebeine der Tiere aus den Gruben, und zeigte den Lebenden, wie und warum die Toten so waren, und wie sie, vermöge dieser Knochen, so und nicht anders sein konnten. Zu was für gefährlichen Schlüssen könnten diese Voraussetzungen einen Sophisten, oder einen Menschen, der gern seine Schlechtigkeit von sich wälzen möchte, verleiten? Soll, kann der Mensch durch Kunst ersetzen, was durch natürliche Anlagen in ihm verhunzt ist?

Dem Teufel war dieser Spuk bekannt, und er merkte wohl, da sie im Wirtshause bei Tische saßen, daß einige Anwesende und selbst der Wirt ihn und Fausten mit besondrer Aufmerksamkeit betrachteten, und sich leise ihre Beobachtungen mitteilten, während sie verstohlen ihre Profile zeichneten. Auch zu Faust war der Ruf dieses Wundermanns gedrungen, hatte ihn aber bisher so wenig interessiert, daß er auf dieses Geflüster nicht aufmerksam wurde. Da sie nun auf den Platz kamen, überraschte sie ein ganz neues Schauspiel. Dieses Gewimmel von Menschen war die echte Schule der Gesichtsspäher. Jeder konnte da seinen Mann fassen, und sein Gesicht auf die Waage legen, die Kräfte seiner Seele abzuwägen. Einige stunden vor Müllereseln, Pferden, Ziegen, Schweinen, Hunden und Schafen, andre hielten Spinnen, Käfer, Ameisen und andre Insekten zwischen den Fingern, forschten mit scharfem Blicke nach ihrem innern Charakter, und suchten zu entwickeln, wie sich ihr Instinkt aus dem Äußern bestimmen ließe. Einige maßen Schädel von Menschen und Tieren aus, beurteilten das Gewicht und die Schärfe ihrer Kinnladen und Zähne, und rieten, welchem Tiere sie zugehörten. Da aber Faust und der Teufel unter sie traten, hörte man sie ausrufen: »Welch eine Nase! Welche Augen! Welch ein forschender Blick! Welch eine liebliche sanfte Rundung des Kinns! Welche Kraft ohne Schwäche! Welche Intuition! Welche Durchdringlichkeit! Welche Helle und Bestimmtheit im Umrisse! Welch ein kraftvoller, bedeutender Gang! Welches Rollen der Augen! Welch ein Wurf der Glieder! Wie einverstanden und harmonisch! Ich gäbe, ich weiß nicht was darum, wenn ich die Handschrift der Herren hätte«, sagte ein Weber, »um den schnellen und leichten Gang ihrer Denkkraft aus ihren Federzügen zu sehen.« Sie zogen alle ihr Reißblei aus den Taschen, und nahmen ihre Profile. Der Teufel verzerrte bei Anhörung dieser Fratzen das Gesicht, und einer der Späher schrie: »Der innre Löwe Kraft hat sich gegen eine äußre Versuchung oder einen schwächlichen Gedanken geschüttelt!«

Faust belächelte die Narrheit, als auf einmal ein englisches Gesicht aus einem nahen Fenster auf ihn blickte, und in süßer Verwundrung rief: »Heilige Katherine! welch ein herrlicher Kopf! welch eine himmlische, liebevolle, sanfte Schwärmerei! Welche Gefühl und Anhänglichkeit atmende Physiognomie!«

Diese Töne erklangen melodisch in dem Herzen Fausts. Er starrte nach dem Fenster, sie sah noch einen Augenblick auf ihn, zog sich zurück, und Faust sagte zu dem Teufel:

»Ich verlasse diesen Ort nicht, bis ich mit dieser Dirne gelegen habe. Die Wollust schimmert unter einem so frommen Glanze aus ihren Augen, als sollte er der Sinnlichkeit die wahre Würze mitteilen.«

Sie wandten sich kaum nach einer Seitenstraße, als einer der Späher zu ihnen trat, und sie keck um die Physiognomie ihrer Handschrift bat, um, wie er sie versicherte: »die Trägheit oder Fertigkeit ihrer hervorbringenden Kraft, die Gradheit, Standhaftigkeit, Reinheit oder Schiefheit ihres Charakters daraus zu entziffern«. Er setzte hinzu: »Es habe ihm bisher kein Fremder diese Gefälligkeit abgeschlagen, und er hoffte von ihnen ein Gleiches.«

Hierauf zog er ein Taschenbuch, Feder und Dinte hervor, und spitzte die Ohren voller Erwartung.

Faust. Nicht so rasch, guter Freund, Dienst um Dienst: sagt mir vorerst, wer ist die Jungfrau in jenem Hause, die ich eben am Fenster sah, und deren Äußeres so englisch schön ist?

Späher. O sie ist ein Engel in allem Verstande. Unser großer Seher versichert von ihr, ihre Augen seien Spiegel der Reinheit und Keuschheit. Ihr holder Mund sei nur geschaffen, die hohe Begeistrung eines von himmlischen Dingen erfüllten Herzens auszudrücken. Ihre Stirne sei ein glänzender Schild der Tugend, an dem sich alle Versuchungen, alle irdische und sinnliche Gefühle zerschlugen. Ihre Nase wittere die Gefilde der Unsterblichen. Sie sei das Ideal der Schönheit, und aller der Tugenden, die diese begleiten, wenn die Gottheit eine vollkommen schöne Seele dem Auge des Fleisches sichtbar machen wollte.

Faust. Ihr malt wahrlich nicht mit Farben der Erde; aber sagt mir nun auch etwas von ihren irdischen Verhältnissen.

Späher. Diese sind freilich nicht so glänzend wie die erstern, aber doch hinreichend, ihre Ausübung nicht zu stören.

Faust. Und sie heißt?

Späher. Angelika.

Sie schrieben Worte ohne Sinn auf ein Blatt, und der Späher verschwand vergnügt mit seinem Schatze.

Faust. Teufel, wie meinst du, daß dem frommen Kinde beizukommen sei? Ich bin nun recht in der Laune, das Ideal dieses Sehers zu verpfuschen.

Teufel. Auf der graden Heerstraße zu dem menschlichen Herzen, Faust, darauf wird sie dir gewiß begegnen; denn früh oder spät muß jeder dahin einlenken, seine Phantasie mag ihn noch so weit davon entfernt haben.

Faust. Es muß ein reizender Genuß sein, eine solche zugespitzte Einbildungskraft mit Bildern der Wollust zu füllen.

Teufel. Der Mönch hat dir schon vorgearbeitet, und ihre Sinnlichkeit so geschärft, ihr Seelchen mit so viel Eitelkeit und Selbstvertrauen angefüllt, ihre Frömmigkeit so sinnlich gemacht, daß es weiter nichts erfordert, als gehörig an dem Herzen anzuklopfen, um sich als würklichern Gegenstand der Schwärmerei hineinzunisten. Laß mich eine Probe machen, zu was die Schwärmerei die Weiber endlich führt.

Faust. Und schnell! Ich habe bei Nonnen gelegen, und sie wie andre Weiber gefunden, laß mich nun sehen, wie sich eine Schwärmerin dabei gebärdet.

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.