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Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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8

Faust saß düster auf seinem Pferde (denn da sie über die Grenzen waren, hatten sie durch des Teufels Vermittlung das Fuhrwerk verändert). Die letzte Geschichte nagte noch immer an seinem Herzen; es verdroß ihn, dem Teufel in Ansehung der Menschen gewisse Dinge zugestehen zu müssen, und seine Laune ward um so bittrer, da er selbst anfing sie in einem andern Lichte zu betrachten. Doch tröstete ihn der Gedanke in seinem Mißmut, den unglücklichen Minister an den Heuchlern gerächt zu haben. Der Stolz schwellte nach und nach sein Herz so auf, daß er beinahe anfing, seine Verbindung mit dem Teufel als das Wagstück eines Mannes anzusehen, der seine Seele für das Beste der Menschen opfert, und dadurch alle Helden des Altertums, die nur ihr zeitliches Dasein dransetzten, übertrifft. Noch mehr, da diese um des Ruhms willen sich opferten, und also aus Eigennutz handelten, auf den er, vermöge seiner Verbindung, keinen Anspruch machen konnte, so fiel vor seinen verblendeten Augen alle Vergleichung zwischen ihnen und ihm weg. Setze den Menschen in welche Lage du willst, sei unbesorgt, und laß nur seine Eigenliebe würken; du siehst, sie weiß Fausten selbst die Aussicht in die Hölle zu vergulden. Er vergaß in diesem stolzen Gefühle, die Beweggründe seiner Verbindung mit dem Teufel, seinen Hang zur Wollust und Genuß, und schwärmte sich auf seinem Rosse in gespannter Phantasie zum Ritter der Tugend, zum Rächer der Unschuld. Ja, dieser Selbstbetrug ward sogar ein Balsam für seinen gekränkten Geist, und er sah gleichgültiger auf den peinlichen Gedanken, das nicht durch den Teufel entdeckt zu haben, was er so sehnlich zu wissen gewünscht hatte. Sein Herz schlief hierbei so ruhig an dem Abgrund der Hölle ein, als der Fromme in die Arme des Todes sinkt, der ihn in die seligen Gefilde hinüberträgt. Der Teufel ritt neben ihm her, und ließ ihn ruhig seine Glossen machen. Er nur sah in jedem dieser vermeinten edlen Gefühle einen neuen Stoff zur künftigen Marter und Verzweiflung, und sein Haß nahm in dem Maße gegen Fausten zu, als sich dessen Aussicht aufheiterte und erweiterte. Er genoß der Stunde voraus, worin alle diese glänzende Lufterscheinungen zusammenstürzen, alle diese bunten Bilder der Phantasie sich in die Farbe der Hölle hüllen, und des Kühnen Herz so zerreißen würden, wie nie eines Sterblichen Herz zerrissen ward. Nach langem Schweigen erhub endlich Faust die Stimme:

»Sage mir, wie ist es nun mit dem falschen Günstling?«

Teufel. Er schmachtet auf dem glühenden Sande, streckt seine verdorrte Zunge aus dem brennenden Rachen, daß die Luft und der Tau sie erfrischen und befeuchten mögen; aber dort weht kein kühlender Wind, und in Jahrtausenden fällt kein erfrischender Tropfen vom Himmel. Sein Blut kocht wie glühendes Metall in den Adern, die Strahlen der Sonne fallen senkrecht auf sein nacktes Haupt. Schon rollt der Fluch gegen den Ewigen in seinem entflammten Gehirne, seine dürre Zunge vermag nicht ihn auszusprechen, er arbeitet in dem heißen Sande wie ein Maulwurf, um die feuchte Erde zu lecken, und öffnet sich nur ein Grab. Ist deine Rache befriedigt?

Faust. Rache? Warum nennst du Ausübung der Gerechtigkeit Rache? Sieh, kalter Schauder überlief meine Haut bei deinen Worten; aber ich sah ihn kalt lächeln, da ich ihm die Marter des Edlen und der Verführten schilderte.

Teufel. Die Zeit, die nur langsam den Schleier hebt, mag es entwickeln. Der Bauer, Faust, säet den Hanf, arbeitet ihn zum Stricke, ohne zu ahnden, daß sein strenger Herr ihn einst damit wird geißeln lassen, wenn er die Gebühren und Frondienste nicht abträgt. Was wird aus dir werden, wenn du den Menschen in größerm Wirkungskreise sehen wirst? Wir haben dem Ungeheuer nur die erste Haut abgezogen, was wird es dann sein, wenn wir ihm die Brust aufreißen? Schnell würde der, welcher die Rache sich vorbehalten hat, das Zeughaus des Donners ausleeren, wenn er alle die vernichten wollte, die nach deiner Meinung nicht zu leben verdienen. Aber er will, daß sie leben, leiden, sündigen und der Strafe reifen. Gleichwohl wäre das Ding von Mensch noch immer gut genug, wenn es nur dem Trieb, alles zu verzerren und zu mißbrauchen, durch seine stolze Vernunft etwas mehr widerstehen könnte oder wollte. Faust, woher mag dies Unvermögen wohl kommen? Wenn du eine Maschine verfertigest, wirst du sie nicht so zurichten, daß sie deinem Zweck entspricht; wenn du nun fändest, daß du dich in deinem Machwerk geirrt hättest, und es eher deinem Zweck hinderte als beförderte, wirst du sie nicht verbessern oder vernichten?

Faust wollte eben antworten, als sie in der Ferne ein Dorf in hellen Flammen sahen. Da ihn nun alles scharf reizte, spornte er sein Pferd, und der Teufel zog hinter ihm drein. Es begegnete ihnen bald ein Haufe fliehender Ritter und Knechte, die eben ein andrer Haufe geschlagen hatte. Als sie dem Dorfe näher kamen, fanden sie das Feld mit Leichen der Reisigen und Pferden bedeckt. Sie sahen unter den Toten einen Knappen, der mit beiden Händen arbeitete, seine herausgestürzte Eingeweide in den Bauch zurück zu drücken; er heulte und fluchte fürchterlich unter dem schmerzlichen Werke. Faust fragte ihn höflich um die Ursache des Zwists, der Knappe schrie: »Schert Euch zu allen Teufeln, Herr Naseweis! wenn Ihr Eure Kaldaunen in frischer Luft sähet, wie ich, die Neugierde würde Euch vergehen. Weiß ich, warum sie mir den Bauch aufgerissen haben? Fragt dort den gnädigen Herrn, meinen Junker, den sie auch verstümmelt haben, und dem ich dies Frühstück zu verdanken habe.«

Sie nahten einem Ritter, der eine Wunde an dem Schenkel hatte, und Faust tat dieselbe Frage an ihn. Der Ritter antwortete: »Ein Bauer aus dem brennenden Dorfe hat vor einiger Zeit dem mächtigen Rauhgrafen einen Hirsch erlegt. Darauf hat der Rauhgraf den Täter von meinem Herrn gefordert, um ihn nach teutschem Herkommen auf einen Hirsch zu schmieden, und zu tot rennen zu lassen. Mein Herr wollte den Bauern nicht herausgeben, und erklärte die Pfändung an Hab und Gut zu seinem eignen Besten für hinreichende Strafe. Der Rauhgraf schickte hierauf dem Edelmann im Namen Gottes und unter dem Schutze des Kaisers einen Fehdebrief zu. Die Fehde ist unglücklich für uns ausgefallen, der Rauhgraf hat nun das Dorf angezündet, es mit seinen Reisigen umgeben, daß keiner der Bauern heraus kann, und will jetzt dem Eide Gnüge tun, den er bei dem heiligen Sakrament geschworen, alle die Bauern wie Martinsgänse für seine Hunde und wilden Schweine zu braten.«

Faust, ergrimmt. Wo liegt sein Schloß?

Ritter. Auf jener Höhe, es ist das festeste und prächtigste im Lande.

Faust ritt auf eine Anhöhe, und sah in dem Tale das brennende Dorf vor sich liegen. Die Mütter mit ihren Kindern, Männer und Greise, Jünglinge und Jungfrauen stürzten heraus, warfen sich den Reisigen zu Füßen, flehten verzweifelnd um Rettung. Der Rauhgraf schrie, daß es im Tal erschallte: »Treibt die Hunde zurück! In den Flammen sollen sie alle sterben!« Die Bauern schrien, daß es den Himmel und die Felsen zerreißen müßte: »Wir sind unschuldig, der euch beleidigt hat, ist entflohen! Was haben wir und unsre Kinder verbrochen? Ach rettet nur sie!« Die Reisigen peitschten sie von der Erde auf, trieben sie nach den Flammen, die Mütter warfen die Kinder nieder, in der Hoffnung, sie würden sich ihrer erbarmen, der Huf der Rosse zerschmetterte sie –

Faust rief wahnsinnig: »Teufel, fliege und kehre nicht zurück, bis du des Wüterichs Schloß, mit allem, was es in sich faßt, ausgebrannt hast. Er kehre heim und finde Wiedervergeltung!«

Der Teufel lächelte, schüttelte den Kopf, und flog davon. Faust warf sich unter einen Baum und blickte ungeduldig nach dem Schlosse. Als er es in Flammen sah, wähnte der Verwegne, die Ordnung der Dinge hergestellt zu haben, und empfing den zurückkehrenden Teufel mit Zufriedenheit. Dieser fuhr siegend einher, verkündigte ihm den Jammer, den er angerichtet, und mit welcher Eile der Rauhgraf mit seinen Reisigen nach dem Schlosse zujage; »aber, Faust«, setzte er hinzu, »der Dampf des höllischen Pfuhls wird ihm einst nicht so entgegenstinken, als diese deine Tat. Sein junges, vielgeliebtes Weib ist vor einigen Tagen mit dem Erstgebornen niedergekommen« –

Faust. Rette sie und den Neugebornen.

Teufel. Es ist zu spät; die schwache Mutter drückte ihn in ihre Arme, und er brannte auf ihrem Herzen zu Asche.

Diese Post durchschauderte die Seele Fausts, er sagte grimmig: »Ha, wie schnell der Teufel im Zerstören ist!«

Teufel. Faust, nicht so schnell, als der verwegne Mensch im Urteil und Richten. Hättet ihr unsre Macht, längst würdet ihr die Welt zertrümmert und zum Chaos gemacht haben. Beweisest du es nicht, da du deine Herrschaft über mich so unsinnig mißbrauchst? Fahre nur zu! der Mensch, der sich den Zügel läßt, gleicht dem Rade, das vom Berge rollt, wer kann es aufhalten? es springt von Klippe zu Klippe, bis es zerschmettert. Faust, gern hätte ich den Unmündigen der Sünde reifen lassen, nun ist er der Hölle entgangen samt der Mutter; er brannte auf ihrem Herzen zu Asche, und sie wehrte der ihn aufzehrenden Flamme, noch mit den Knochen, von denen schon das Feuer das Fleisch abgefressen hatte.

Faust. Du legst es an mein Herz.

Er hüllte sein Gesicht in seinen Mantel, und netzte ihn mit seinen Tränen.

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