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Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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3

Faust und der Teufel ritten nun nach dem Hofe des Fürsten von ***. Nicht aus Furcht verschweige ich die Namen der teutschen Fürsten und Großen, die in diesem Werk auftreten,Aus dieser Stelle sieht man, daß der Verfasser viele Abenteuer in Teutschland, um sein Buch nicht zu dick zu machen, unterschlagen hat. Vielleicht, daß sie einstens erscheinen. sondern weil die geheimen, von mir entdeckten Triebfedern ihrer Handlungen zu oft mit ihren lügnerischen, schmeichlerischen und unwissenden Geschichtschreibern im Widerspruch stehen, und die Menschen, die sich so gerne betrügen lassen, an der Echtheit meiner geheimen Entdeckungen zweifeln möchten. Welcher Herkules kann den Schutt ausräumen, den die Geschichtschreiber zusammengetragen haben?

Sie erreichten bald den Hof dieses Fürsten, der als ein Muster eines klugen, tugendhaften, gerechten Regenten, als ein Vater seiner Untertanen in ganz Teutschland ausgeschrien war. Seine Untertanen selbst, wollten freilich nicht immer in diesen Ton mit einstimmen; aber der Fürst soll noch geboren werden, der es allen recht macht. Ein Gemeinspruch der Politik, der, wie alle Gemeinsprüche, öfterer dazu dient, den schlechten Fürsten schlechter zu machen, als dem Guten sein schweres Amt im rechten Gesichtspunkt zu zeigen.

Faust und der Teufel fanden durch ihren Aufwand und ihr Betragen bald Eingang am Hofe. Faust sah den Fürsten mit den Augen eines Mannes an, dessen Herz durch das Vorurteil schon gestimmt war; dieses Vorurteil nun bis zur Überzeugung zu treiben, erforderte es vielleicht weniger, als das edle Äußere des Fürsten. Er schien, oder war, grad und offen. Suchte zu gefallen, und die Herzen zu gewinnen, ohne es merklich zu machen, war vertraulich, ohne sich etwas zu vergeben, und besaß jene kluge Kälte, die Ehrfurcht einflößt, ohne daß man sich die Ursache davon deutlich anzugeben weiß, und ohne daß man einen starken Trieb fühlt, ihr nachzuspüren. Dieses alles war mit so viel Würde, Feinheit und Anstand umhüllt, daß es dem geübtesten Auge schwer fiel, das Erlernte, Erkünstelte und Erworbene, von dem Natürlichen zu unterscheiden. Faust, der noch wenige Weltleute gesehen hatte, die ihren natürlichen Charakter an der politischen Klugheit abgerieben haben, setzte sich aus obigem ein Ideal zusammen, und nachdem er einige Zeit den Hof besucht, und die Hauptpersonen desselben alle gefaßt zu haben glaubte, so fiel eines Abends zwischen ihm und dem Teufel folgendes Gespräch vor:

Faust. Ich habe dir diese Tage vorsätzlich nichts von diesem Fürsten sagen wollen; aber nun, da ich mir schmeichle, ihn gefaßt zu haben, wage ich es, mit Zuversicht zu behaupten, daß das Gerücht kein Lügner ist, und ich hoffe dir das Geständnis abzuzwingen, er sei, was wir suchen.

Teufel. Faust, ich merke schon, wo du hinaus willst, und du gibst dem Teufel eine sonderbare Bestimmung; doch hiervon ein andermal. Dein Fürst da ist nun freilich ein ganzer Mann; ich werde dir auch nichts von meinen Bemerkungen über ihn sagen, denn wie ich diesen Abend bei dem Minister ausgespäht habe, so ist etwas auf dem Wege, das dich anschaulich von seinem Werte überzeugen wird; bis dahin halte das Ideal von ihm warm in deinem Busen, und sage mir, was hältst du von dem Grafen C***, seinem Günstling?

Faust. Verwünscht! dies ist der einzige Umstand, mit dem ich nicht fertig werden kann. Er ist sein Busenfreund, und doch so glatt wie ein Aal, der dir immer entwischt, und so geschmeidig wie ein Weib gegen ihren Mann, wenn sie auf Ehebruch sinnt. Indessen gehört dies vielleicht zu seiner Lage, sein Inneres so zu verdecken und zu übertünchen, daß keiner von denen, die sich so gern an begünstigte Große hängen, an etwas fassen soll.

Teufel. Sein Inneres? Glaubst du, Faust, der Mann, der so mühsam arbeitet, sich zu verbergen, habe ein Inneres, das das Licht verträgt? Traue dem Menschen nicht, in dem Kunst, Verstand und Interesse das Tierische seiner Natur so unterjocht und verdünstet haben, daß sogar die Zeichen seines Instinkts und seiner Sinnlichkeit verloschen sind. Wenn sich das, was in euch kocht und arbeitet, nicht mehr auf eurer Stirne, in euren Augen und Bewegungen zeigt, so seid ihr eurer Natur entsprungen, und werdet die gefährlichsten Tiere der Erde; Mißgeburten, die die überfeine Kultur des Verstandes mit der letzten Aufwallung der Wollust zeugt.

Faust. Wie, so wäre es nicht einmal Verstellung?

Teufel. Da hättest du noch etwas vor dir; denn auch eine Maske hat Bedeutung, und man enträtselt den Vermummten an Gang, Stimme, Atemholen und Gewohnheiten. Nein, Faust, dieser da ist so ganz, was er ist.

Faust. Und was ist er denn im Namen der Hölle?

Teufel. Ein Mann, der viel gereist und die Welt gesehen hat. Der an den Höfen Europas herumgezogen ist, den rohen Menschen abgeglättet, und die Gefühle des Herzens an dem kalten Lichte des Verstandes versengt hat; kurz, einer der ausgebildeten Köpfe, die alle Verbindung zwischen Geist und Herz zertrümmern, eurer eingebildeten Tugend lachen, und mit den Menschen umgehen wie der Töpfer, der das Werk seiner Hände zu den Scherben wirft, wenn es seiner Laune nicht entspricht. Er ist einer von denen, die sich durch ihre Erfahrung berechtigt glauben, die Menschen samt und sonders als ein Pack Raubgesindel zu betrachten, die den auffressen, der ihnen edlen Instinkt zutraut. Nichts freut ihn, als ein fein entworfner, glücklich ausgeführter Hofstreich, und er genießt eines Mädchens wie einer Rose, die er von dem Stocke abbricht, beriecht, und dann gleichgültig mit Füßen tritt.

Faust. Hämischer Teufel, und der Mann, den du da malst, könnte der Busenfreund des Fürsten von *** sein?

Teufel. Es wird sich schon zeigen, was er ihm ist; ich sage dir, es ist etwas auf dem Wege. Hast du diesen Abend den Minister bemerkt?

Faust. Er scheint beklommen und düster.

Teufel. Dies ist nun einer von den Menschen, die ihr wackre Männer nennt. Großmütig, arbeitsam und gerecht; aber so, wie es euch immer geht, ein einziger Gran falschen Zusatzes schnellt schon die Waage hinauf. Dieser ist bei ihm der Sinn der Zärtlichkeit für das andre Geschlecht, und da er aus Grundsätzen die Einsegnung des Priesters zu seinem Vergnügen braucht, so vernarrte er sich nach dem Tod seiner ersten Gemahlin in das Weib, das du gesehen hast. Durch sie gab er seinen erwachsnen Kindern eine Stiefmutter, seinen Sinnen einen kurzen Genuß, und zertrümmerte das Gebäude seines Glücks. Sie nutzte seine Verblendung, verpraßte durch Üppigkeit, Putz und Spiel ihr, sein und seiner Kinder Vermögen, und verwickelte ihn noch obendrein in ungeheure Schulden. Es ist wahr, sie nahm in dem Baron H***, den du gesehen hast, und der eigentlich Herr im Hause ist, einen arbeitsamen Gehülfen dazu. Da man sich nun ganz auf der Neige fühlte, die Phantasie immer mehr wuchs, und neue Bedürfnisse ersann, je schwerer es war die Mittel dazu zu finden, so ließ sich's endlich die Mutter gefallen, einem Plan beizutreten, den ihr Buhler entwarf: Die Tugend ihrer Tochter, unter einer zweideutigen Versicherung auf Vermählung, so teuer an den Günstling zu verkaufen, als er sie kaufen wollte. Von allem diesem merkt der Minister nichts, fühlt nur die Lücke in seinem Vermögen, die Last der Schulden, das volle Maß seiner Torheit, und zittert vor der augenblicklichen Ankunft seines Sohns, den die Mutter aus dem Hause trieb, um auch sein Vermögen ungestörter zu verprassen. Indessen hat er sich in dem Türkenkriege einen hölzernen Arm geholt. Auch ist's wohl möglich, daß der Günstling, da der Minister viel bei dem Fürsten gilt, anfangs ernsthafte Absichten hatte; aber nun hat sich seit einigen Tagen die Szene gänzlich geändert. Der Fürst schlug ihm eine Vermählung mit der reichsten Erbin des Landes vor, und jetzt brütete er darüber, durch einen kühnen und geheimen Schlag den Minister und sein ganzes Haus so zu zerschmettern, daß keiner es wage, um Rache zu schreien; oder ihn nur anzuklagen. Verstummen sollen sie, als seien sie nie gewesen, und der Minister soll unter seiner Sohle hinsterben, wie der Wurm, dessen Ächzen euer hartes Ohr nicht hört.

Faust. Und diese Tat sollte der Fürst nicht rächen?

Teufel. Du sollst die Entwicklung mit eignen Augen sehen.

Faust. Ich gebiete dir bei meinem Zorne, hier keinen deiner Streiche zu spielen.

Teufel. Brauchen die des Teufels, die ihn durch ihr Tun beschämen? Faust, wir fangen nur an, die Decke von dem menschlichen Herzen aufzuheben; es ist mir aber doch lieb zu bemerken, daß auch ihr Teutschen der Ausbildung fähig seid. Freilich borgt ihr sie von andern Völkern, und verliert dadurch den Ruhm der Eigenheit; aber in der Hölle ist man darüber weg, und hält sich an den guten Willen.

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