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Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Drittes Buch

1

Der Teufel hatte Fausten durch einige Abenteuer geführt, die, nebst den vorhergehenden, seinem Herzen bloß zur Vorbereitung auf die Stürme des Lebens, welche er, vermöge seiner Menschenkenntnis, vorsah, dienen sollten. Das, was Faust bisher gesehen hatte, erfüllte seinen Busen höchstens mit Hohn und Bitterkeit; aber die Szenen, die sich nun eröffnen, rissen nach und nach solche tiefe Wunden hinein, daß sein Verstand sie nicht mehr zu tragen und zu heilen fähig war. Und nur ein Großer der Erde, oder welches so oft einerlei ist, ein Schöpfer und Mitwürker des menschlichen Elends, kann sie gelassen ansehen.

Der Teufel und Faust ritten unter Gesprächen an der Fulda hin, als sie, nahe bei einem Dorfe, unter einem Eichbaum, ein Bauerweib mit ihren Kindern sitzen sahen, die leblose Bilder des Schmerzes und der stumpfen Verzweiflung zu sein schienen. Faust, den die Tränen ebenso schnell wie die Freude herbeizogen, nahte sich hastig, und fragte die Elenden um die Ursache ihrer Not. Das Weib sah ihn lange starr an. Nur nach und nach taute sein freundlicher Blick ihr Herz so weit auf, daß sie ihm unter Tränen und Schluchzen folgendes mitteilen konnte:

»In der ganzen Welt ist niemand unglücklicher, als ich und diese arme Kinder. Mein Mann war dem Fürst-Bischof seit drei Jahren die Gebühren schuldig. Das erste Jahr konnte er sie wegen Mißwachs nicht bezahlen; das zweite fraßen die wilden Schweine des Bischofs die Saat auf, und das dritte ging seine Jagd über unsre Felder, und verwüstete die Ernte. Da der Amtmann meinen Mann beständig mit Pfändung bedrohte, so wollte er heute ein gemästetes Kalb mit dem letzten Paar Ochsen nach Frankfurt führen, sie zu verkaufen, um die Gebühren zu bezahlen. Als er aus dem Hofe fuhr, kam der Haushofmeister des Bischofs, und verlangte das Kalb für die fürstliche Tafel. Mein Mann stellte ihm seine Not vor, bat ihn, die Ungerechtigkeit zu bedenken, daß er das Kalb für nichts hingeben sollte, da man es ihm in Frankfurt teuer bezahlen würde. Der Haushofmeister antwortete: er wisse doch wohl, daß kein Bauer etwas über die Grenze führen dürfte, was ihm anstünde. Der Amtmann kam mit den Schergen dazu; anstatt meinem Manne beizustehen, ließ er die Ochsen ausspannen, der Haushofmeister nahm darauf das Kalb, mich trieben die Schergen mit den Kindern von Haus und Hof, und mein Mann schnitt sich in der Scheune aus Verzweiflung den Hals ab, während sie unser Hab und Gut wegführten. Da seht den Unglücklichen unter diesem Tuche! Wir sitzen hier, seinen Leichnam zu bewachen, damit ihn die wilden Tiere nicht fressen, denn der Pfarrer will ihn nicht begraben.«

Sie riß das weiße Tuch von der Leiche weg, und sank zu Boden. Faust fuhr bei dem schrecklichen Anblick zurück. Dicke Tränen drängten sich aus seinen Augen, er rief: »Menschheit! Menschheit! ist dies dein Los?« zum Himmel. »Ließest du diesen Unglücklichen darum geboren werden, daß ihn ein Diener deiner Religion, durch Verzweiflung, zum Selbstmord treibe?« Er deckte den Unglücklichen zu, warf der Frau Gold hin, und sagte: »Ich gehe zum Bischof, ich will ihm Eure unglückliche Geschichte erzählen, er muß Euren Mann begraben, Euch das Eurige zurückgeben, und die Bösewichter bestrafen.«

Diese Geschichte machte einen so starken Eindruck auf ihn, daß sie schon an dem bischöflichen Schlosse waren, bevor er seiner Empfindung Luft machen konnte. Man nahm sie sehr gut auf, und lud sie zur Tafel. Der Fürst-Bischof war ein Mann in seinen besten Jahren, und so ungeheuer dick, daß das Fett seine Nerven, sein Herz und seine Seele ganz überzogen zu haben schien. Er fühlte nirgends als bei Tische, hatte nur Sinn auf der Zunge, und kannte kein andres Unglück, als wenn eine von ihm angeordnete Schüssel nicht geriet. Seine Tafel war so gut besetzt, daß Faust, dem der Teufel durch dienstbare Geister einigemal hatte auftischen lassen, gestehen mußte, ein Bischof überträfe selbst diesen Tausendkünstler an feinem Geschmack. Auf der Mitte des Tisches stund unter andern ein großer fetter Kalbskopf, ein Lieblingsgericht des Bischofs. Er, der mit Leib und Seele bei Tische war, hatte noch nicht gesprochen. Auf einmal erhub Faust seine Stimme:

»Gnädiger Herr, nehmt mir nicht übel, wenn ich Euch die Eßlust verderben muß; aber es ist mir gar nicht möglich, diesen Kalbskopf da anzusehen, ohne Euch eine schreckliche Geschichte zu erzählen, die sich heute, ganz nahe bei Eurem Hoflager, zugetragen hat. Auch hoffe ich von Eurer Gerechtigkeit und christlichen Milde, daß Ihr den Beleidigten Genugtuung verschaffen, und in Zukunft dafür sorgen werdet, daß Eure Angehörigen die Menschheit nicht mehr auf eine so unerhörte Art verletzen.«

Der Bischof sah verwundernd auf, blickte Fausten an, und leerte seinen Becher aus.

Faust erzählte mit Wärme und Nachdruck die obige Geschichte, keiner der Anwesenden schien darauf zu horchen; der Bischof aß fort.

Faust. Mich dünkt doch, ich rede hier zu einem Bischof, einem Hirten seiner Herde, und sitze mit Lehrern und Predigern der Religion und christlichen Liebe zu Tische. Herr Bischof, seid Ihr es oder nicht?

Der Bischof sah ihn verdrießlich an, ließ den Haushofmeister rufen, und fragte ihn: »He, was ist denn das mit dem Bauern da, der sich wie ein Narr den Hals abgeschnitten hat?«

Der Haushofmeister lächelte, erzählte die Geschichte wie Faust, und setzte hinzu: »Ich habe ihm darum das fette Kalb genommen, weil es eine Zierde Eurer Tafel, und für die Frankfurter, denen er's verkaufen wollte, zu gut ist. Der Amtmann hat ihn gepfändet, weil er immer ein schlechter Wirt war, und seit drei Jahren seine Gebühren nicht bezahlt hat. So verhält sich's gnädiger Herr, und wahrlich kein Bauer soll mir etwas Gutes aus dem Lande führen!«

Bischof. Da hast du recht. – zu Faust. Was wollt Ihr nun? Ihr seht doch, daß er wohlgetan hat, dem Bauer das Kalb zu nehmen; oder meint ihr, die Frankfurter Bürger sollten die fetten Kälber meines Landes fressen, und ich die magern?

Faust wollte reden.

Bischof. Hört Ihr, eßt, trinkt und schweigt. Ihr seid der erste, der an meiner Tafel von Bauern und solchem Gesindel spricht, und wenn Euch Euer Rock nicht zum Edelmann machte, so müßt ich denken, Ihr stammt von Bettlern her, weil Ihr ihnen so laut das Wort redet. Wißt, ein Bauer, der seine Gebühren nicht bezahlen kann, tut ebenso wohl, daß er sich den Hals abschneidet, als gewisse Leute tun würden zu schweigen, wenn sie einem die Eßlust mit unnützem Gerede verderben. – Haushofmeister, dies ist ein vortrefflicher Kalbskopf –

Haushofmeister. Es ist eben der von Hans Ruprechts Kalbe.

Bischof. So! So! Gib ihn her, und reiche mir die Würze. Ich will ihm ein Ohr herunter schneiden – er wird auch dem Schreier dort schmecken.

Der Haushofmeister stellte die Schüssel vor den Bischof. Faust raunte dem Teufel etwas ins Ohr, und in dem Augenblick, da der Bischof das Messer an den Kalbskopf setzte, verwandelte ihn der Teufel in den Kopf Ruprechts, der wild, gräßlich und blutig dem Bischof in die Augen starrte. Der Bischof ließ das Messer fallen, sank rücklings in Ohnmacht, und die ganze Gesellschaft saß da in lebloser Lähmung des Schreckens.

Faust. Herr Bischof, und ihr geistliche Herren, laßt euch nun diesen da christliche Milde vorpredigen!

Er brach mit dem Teufel auf.

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