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Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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10

Der Teufel und Faust stunden verwandelt und vermummt in dem Kreuzgang des Nonnenklosters. Die Pförtnerin lief voraus, was sie konnte, der Äbtissin den vornehmen Besuch anzukündigen. Die Äbtissin empfing sie, mit allen den frömmelnden Klosterbegrüßungen, die der Teufel in gleichem Tone beantwortete. Man trug Zuckergebacknes und feine Getränke auf, schnatterte von Klostergeschichten, von der argen Welt, und der Teufel lenkte seufzend die Unterredung auf Klaras Geschichte. Klärchen, die vermöge ihrer Verwandtschaft das Schoßkind des Klosters war, stund neben der Äbtissin, und lächelte unter ihrem Schleier. Faust bemerkte das Lächeln, verschlang sie mit den Augen, und freute sich des bevorstehenden Abenteuers, denn nie dünkte ihn, einen reizendern Schalk unter dem heiligen Schleier gesehen zu haben. Der Teufel gab dem Gespräche eine ernste Wendung, und ließ die Äbtissin merken, er hätte ihr wichtige Sachen zu vertrauen.

Äbtissin, zu Klara. Lämmchen, ihr könnt nun zu den Nonnen in Garten gehen, und Euch ergötzen. Ich will euch, des vornehmen Besuches der Äbtissin zu Ehren, Zuckergebacknes schicken, daß ihr den glücklichen Tag recht feiern mögt.

Klärchen sprang weg. Nach einigen Worten, wobei der Teufel sehr bedenklich und ängstlich tat, um die Äbtissin zu reizen, in ihn zu setzen, fing er an, seinem Zwecke näher zu kommen.

Teufel. Ach liebe Schwester, wie sehr bedaure ich Euch! Es ist wahr, und das kann Euch trösten, die ganze Stadt, und das ganze Land sind von Eurer Heiligkeit, Eurer Frömmigkeit und Strenge überzeugt. Ihr seid ein lebendiges Muster der Bräute des Himmels; aber leider! Welt ist Welt, und oft flößt der böse Feind den Weltmenschen böse Gedanken ein, um die durch sie zu stürzen, die ihm ein Dorn in den Augen sind. Er kann es nicht leiden, der häßliche Satan, daß Ihr Eure Schäfchen in aller Reinheit weidet. Wie gesagt, ich bedaure Euch herzlich, und noch mehr die armen Schäfchen, die Euch anvertraut sind; was wird aus ihnen werden, wenn sie Euch verlieren?

Äbtissin. Liebe Schwester, seid darum unbesorgt; ob ich gleich alt bin, so bin ich doch, dem Himmel sei Dank, gesund und frisch, und die kleinen Ungemächlichkeiten, ach! eine Folge der Enthaltsamkeit, des strengen Lebens und der Buße sichern eher mein hinfälliges Leben, als daß sie es bedrohen. Wenigstens sagt mir dies immer der Arzt des Klosters, wenn ich mich beklage.

Der Teufel sah sie bedeutend an:

Habt Ihr denn gar keine Ahndung von dem, was Euch bevorsteht? Kein warnendes Traumgesicht? Hat sich seit einiger Zeit gar nichts im Kloster zugetragen, das Euch aufmerksam auf die Zukunft macht? Es pflegt doch gewöhnlich zu geschehen, daß fromme Seelen durch gewisse Zeichen von dem unterrichtet werden, was ihnen bevorsteht.

Äbtissin. Ihr erschreckt mich, daß ich am ganzen Leibe zittre. Laßt mich doch nachsinnen – ja, ja, nun erinnre ich mich – ich schlafe sehr unruhig – träume von Kirchhof und Leichen – und vor einigen Tagen – o gewiß ist dies ein Zeichen und Warnung. Vor einigen Tagen, liebe Schwester, ging ich mit dem Hündchen, das hier in meinem Schoße schläft, und das ein gar sittsames Tier ist, spazieren. Ich war ganz allein, und die Nonnen erzählten sich unter den Linden Märchen. Auf einmal sprang der große Hund des Gärtners nach meiner Pietas, so heißt das Hündchen, und wollte das Werk des Teufels mit ihr treiben. Ich bebte an allen Gliedern, schlug ein Kreuz nach dem andern vor die Brust, es wollte alles nichts helfen. Endlich schlug ich mit meinem Stabe auf den großen Hund, schlug aus Leibeskräften auf das häßliche Tier, das das Kloster entweihte, und schlug, schlug, bis der Stab, den mir der hochselige Erzbischof bei meiner Einweihung als Äbtissin verehrte, mitten entzwei brach. Sollte dies nicht ein Vorzeichen von Bedeutung sein?

Der Teufel und Faust taten erschrocken:

Ach das schlimmste von der Welt!

Teufel. Nun ist alles klar und wahrhaftig. Hab ich's Euch nicht gesagt, Schwester Agathe?

Faust beugte sich demütig.

Äbtissin. So redet doch, ich bebe am ganzen Leibe.

Teufel. Faßt Euch, liebe Schwester, noch ist Rettung da, vielleicht, daß ich sie Euch bringe. Bedenkt wohl, daß es der Stab war, den Euch der Erzbischof bei Eurer Einweihung als Äbtissin verehrte, und hört mir dann aufmerksam zu. Ihr kennt doch meinen Bruder den Domherrn? Nun, er vertraute mir eine ganz erschreckliche Sache, und eben darum bin ich zu Euch gekommen. Er nahm zwar eine Verpflichtung von mir, es Euch nicht zu sagen; aber weiß ich doch, daß es besser ist, eine kleine Sünde zu begehen, wenn man einer größern zuvorkommt, und die Absichten des Teufels stört.

Äbtissin. Da habt Ihr recht, und die Kirchenväter selbst lehren uns das, wie mein Beichtvater sagt.

Teufel. So wißt denn, der Erzbischof hat endlich das Kapitul so weit gebracht, daß sein Vorschlag durchgegangen ist, Euch nach Verlauf einiger Monate abzusetzen, und seine Nichte Klara als Äbtissin einzuweihen.

»Jesus Maria!« rief die Äbtissin, rang die Hände, und fiel in Ohnmacht. Der Teufel machte ein saures Gesicht bei ihrer Ausrufung, und Faust rieb ihr lachend die runzlichten Schläfe. Nachdem sie sich erholt hatte, brach sie in eine Tränenflut, und in die bittersten Verwünschungen über die Bosheit der Welt aus.

Teufel. Verzweifelt nicht, liebe Schwester, für ein Übel, das noch nicht geschehen ist, kann man immer Mittel finden.

Äbtissin. Und was ratet Ihr mir Unglücklichen? Ach, der Himmel erbarme sich, was soll aus mir, was soll aus den Nonnen werden?

Teufel. Ich sagte Euch schon, daß es oft besser sei, eine kleine Sünde zu begehen, um einer größern vorzukommen, und ihr selbst bewiest es aus den Kirchenvätern, und setztet hinzu, daß man dadurch den Absichten des Teufels, und derer er sich bedient, entgegen arbeitet; aber liebe Schwester, dazu gehört Mut und Verstand, es so einzufädeln, daß ein Dritter die Hauptsünde davon trage, und man ohne Gefahr für sich und seine Seele seinen Zweck erhalte.

Äbtissin. Ach, liebe Schwester, und wie ist das anzufangen?

Teufel. Ich bin einmal in unserm Kloster in gleichem Fall gewesen, die fromme Schwester Agathe hier ist mein Zeuge, sie hat alles angesehen, dazu geholfen, und Ihr habt sie nicht zu fürchten.

Faust verbeugte sich demütig.

Teufel. Eine Nonne, die durch sündlichen Verstand, und noch sündlichere Schönheit, bei den Großen Schutz gefunden hatte, sollte durch ihre Hülfe über mich hinaussteigen. Ach, ihr fühlt nun, wie das tut, wenn man auf einmal gehorchen soll, nachdem man so lange unumschränkt geherrscht hat! Ich ging in Gegenwart der Schwester Agathe mit einem meiner Anverwandten zu Rat, er war in Gewissens- und Sündenfällen sehr bewandert, und wußte auf ein Haar, was verdammlich und nicht verdammlich sei. Dieser kluge Mann nun gab mir einen Rat, der mir aus der Not half, und wofür ich noch heute seine Asche segne. Anfangs schien er mir freilich sündlich, aber er versicherte mich, und bewies mir's aus den Kasuisten, daß Fasten und ein wenig Disziplin ihm das Arge und Verdammliche benehmen würden.

Äbtissin. Und der Rat? der Rat?

Teufel. Ich schäme mich, es Euch laut zu sagen.

Äbtissin. So lispelt mir's in das Ohr. Was die Äbtissin der schwarzen Nonnen ohne Gefahr ihrer Seligkeit tun konnte, mag auch die Äbtissin der weißen tun.

Teufel, ihr leise ins Ohr: Er riet mir, es zu veranstalten, oder geschehen zu lassen, daß die mir gefährliche Nonne die Sünde des Fleisches beginge.

Äbtissin, sich kreuzigend. Heilige Ursula! dies ist ja Teufelswerk, und führt grade zur Hölle.

Teufel. Den, der sie begeht, liebe Schwester, und das rate ich Euch ja nicht. Bedenkt doch, wenn Ihr um der heimlichen Sünden Eurer Nonnen verdammt würdet, wie sollte es Euch ergehen?

Äbtissin. Aber um aller Heiligen willen, wie konntet Ihr eine so gefährliche Sache ausführen, ohne daß es entdeckt wurde?

Teufel. O mein Fall war viel schwerer, wie der Eurige, denn Euch begünstigt schon das Gerücht von dem Traume, der die ganze Stadt erfüllt hat. Wenn ihr nun einen Mann, unter der Gestalt des Dominikaners, in Klaras Zelle schleichen laßt, und die Zeichen der sündigen Tat darauf erscheinen, wird nicht die ganze Welt sagen, es sei ein Spiel des Erbfeinds der Menschen? Laßt dem Satan den schlechten Ruf, und bleibt auf Eurem Stuhle mit der Herrschaft geschmückt sitzen, die dem Himmel gefällt. Dieses rate ich Euch zu Eurem Besten, aus Freundschaft für Euch, und Ihr mögt es nun machen, wie Ihr wollt.«

Die Äbtissin saß stumm da, und betete in der Verwirrung leise ihren Rosenkranz herunter. – »Die Sünde des Fleisches soll retten – Ave Maria! – es ist Eingebung des Satans – Heilige Ursula, erleuchte mich! – sie sah nach dem Bilde der Heiligen. – Die Schande und Ärgernis für das Kloster werden groß sein – Ave Maria! – es wird auf die Rechnung des Teufels geschrieben werden – aber ich kann verdammt dadurch werden! pater noster – soll ich nun eine Magd im Kloster werden, und in meinen alten Tagen mich von Höhern quälen lassen, nachdem ich so lange die Nonnen gequält habe? – wir würden ihrer los, das sündliche Geschöpf hatte ohnedies der ganzen Stadt Ärgernis gegeben. – Hm, ich soll nicht mehr die Nönnchen auskeifen; und wie würde sich diese und jene an mir rächen? Ave Maria! – ich will meine übrigen Tage als Äbtissin ausleben, dem Kloster zum Besten, es koste was es wolle!«

Der Teufel feuerte zu, und der Anschlag ward gefaßt. Beim Weggehen sagte der Teufel zu Faust:

»Was hab ich nun anders getan, als daß ich den Stolz dieser alten Vettel fragte: ob es besser sei, die gefürchtete Verdammnis zu wagen, oder die tyrannische Gewalt über die armen Nonnen aufzugeben, die sie nur noch eine kurze Zeit auszuüben hat?«

So wohl Fausten der Spaß gefiel, so sehr mißfiel es ihm, daß der Teufel immer recht behielt. Abends führte ihn die Äbtissin, unter der Vermummung des Dominikaners, selbst in Klaras Zelle; während die Nonnen in der Vesper waren. Klärchen erschien, und nachdem sie sich der heiligen Ursula empfohlen, legte sie sich nieder. Ihre Einbildungskraft, die einmal auf gewisse Dinge gespitzt war, wiederholte oft in Träumen die vorige Erscheinung, sie lag eben in einer solchen Entzückung, als Faust zu ihr schlich, die Erscheinung zu verkörpern. Klärchen hielt wachend das Spiel für Traum, genoß seiner, und fühlte die Sünde der Lust in all ihrem Reiz. Die Äbtissin gab sich indessen in ihrer Zelle die Disziplin, und gelobte, jede Woche, um ihrer Seele willen, einmal zu fasten. Der Erfolg dieser Nacht endigte auf einmal den Krieg in Mainz; aber für das arme Klärchen war er schrecklich.

Faust nahm nun Abschied von seiner Familie. Es wurden wenig Tränen vergossen, und sein Vater gab ihm traurig heilsame Lehren.

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