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Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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5

Der Teufel Leviathan und Faust fuhren über die Stadtmauern weg, und als sie sich auf dem flachen Felde befanden, sandte ersterer einen Geist nach dem Wirtshause, die Rechnung zu berichtigen, und Fausts Gerätschaft zu bringen. Darauf wandte er sich zu Faust, und fragte ihn: wie er mit seinem Probstück zufrieden sei?

Faust. Hm, will der Teufel gelobt sein? so, so! Es freut mich übrigens, daß du ihnen etwas angehängt hast; aber nie hätte ich's hinter dem ernsthaften Schuft gesucht, daß er sein Weib, um des Wahns willen, prostituieren würde.

Teufel. Nur weiter, Faust, bald wirst du dich überzeugen, daß dieses die Gottheit ist, die ihr anbetet, und die ihr unter allerlei glänzenden Gestalten ausgeputzt habt, ihre Blöße zu verstecken. Man hört dir noch immer an, daß du dich mit den Büchern abgegeben, und auf leerem Stroh gedroschen hast; freilich nicht der Weg zu dem Herzen der Menschen. Die Schuppen werden dir schon nach und nach von den Augen fallen. In deinem Vaterland ist übrigens nicht viel zu tun. Möncherei, Scholastik, Prügeleien der Edelleute, Menschenhandel der Fürsten mit ihren Untertanen, Bauernschinderei, das ist euer Getreibs. Ich muß dich auf eine Bühne führen, wo die Leidenschaften etwas freier würken, und wo man zu großen Zwecken große Kräfte anwendet.

Faust. Und ich will dich zwingen, an den moralischen Wert des Menschen zu glauben, bevor wir mein Vaterland verlassen, wenn wir sagen können, daß wir eins haben. Nicht ferne lebt ein Fürst, den ganz Teutschland als ein Muster der Tugend und Gerechtigkeit preist, diesen wollen wir besuchen und belauschen.

»Topp«, sagte der Teufel, »ein solcher Mann, könnte auch mir um der Seltenheit gefallen.«

Der Geist kam mit Fausts Gerätschaften an, sie schickten ihn nach Mainz voraus, um in einer Herberge Quartier zu bestellen. Faust wollte aus geheimen Absichten, die der Teufel roch, bei einem Eremiten, an der Homburger Höhe, übernachten, der weit und breit im Geruche besondrer Heiligkeit stund. Sie erreichten um Mitternacht die Einsiedelei, und klopften an. Der Eremit öffnete ihnen, und Faust, der die reichen Kleider des Teufels umgeworfen hatte, entschuldigte die Dreistigkeit, die Ruhe eines so heiligen Mannes unterbrochen zu haben, mit dem Vorwand, sie hätten sich auf der Jagd verspätet, und ihr Gefolg, außer einem einzigen Diener verloren. Der Eremit sah zur Erde, und sagte seufzend:

»Derjenige, der dem Himmel lebt, darf der gefährlichen Ruhe nicht pflegen. Ihr habt mich nicht gestört, und wollt ihr ausruhen bis zum Aufgang der Sonne, so laßt es euch gefallen, wie ihr es findet. Wasser, Brot, und Stroh zum Lager, ist alles, womit ich euch dienen kann.«

Faust. Bruder Eremit, wir haben das Nötige bei uns, und ich bitte dich nur um einen Trunk Wasser.

Der Eremit nahm seinen Krug und ging nach der Quelle.

Faust. Ich denke, in seinem Herzen wohnt Ruhe, wie auf seiner Stirne, und preise ihn glücklich, daß er das nicht kennt, was mich dir verbunden hat. Ihm sind Glauben und Hoffnung Ersatz für alles das, um deswillen ich der Verdammnis zueile; so scheint es wenigstens.

Teufel. Und scheint auch nur; wie, wenn ich dir bewiesen daß dein Herz rein wie Gold gegen das seinige ist?

Faust. Teufel!

Teufel. Faust, du warst arm, verkannt, verachtet, und sahst dich mit deinen großen Fähigkeiten in dem Staube: du bist der Verachtung als ein kraftvoller Mann auf Gefahr deines eigenen Selbsts entsprungen, und warst nicht fähig, deine Not mit dem Mord eines andern zu enden, wie dieser Heilige es tun würde, wenn ich ihn in Versuchung führte.

Faust. Merke ich doch den listigen Teufel! Ich darf dir nur befehlen, deine Kunststücke auszuüben, und du wirst die Sinne dieses Gerechten so verwirren, daß er Taten unternimmt, die seinem Herzen fremd sind.

Teufel. Ist denn eure Tugend und Frömmigkeit ein so zerbrechliches Ding, daß keiner daran schlagen darf, ohne sie zu zertrümmern? Seid ihr nicht stolz auf euren freien Willen, und schreibt durch ihn eure Taten eurem eignen Herzen zu? Ihr seid alle Heilige, wenn euch nichts in Versuchung führt. Nein, Faust, ich will nichts hinzusetzen, und seinen Sinnen nur den Köder zeigen, um sein Herz zu prüfen. Braucht der Teufel in euch hinein zu kriechen, da ihr durch eure Sinne gestimmt werdet?

Faust. Und wenn dir's nicht gelingt, glaubst du, ich würde deine Pfuscherei ungestraft lassen?

Teufel. Nun so sollst du mir zur Strafe, einen ganzen Tag von der Tugend der Menschen vorprahlen. Laß sehen, ob ihn dieses reizt.

Eine mit leckern Speisen und mit feurigen Weinen besetzte Tafel, erschien in der Mitte der Einsiedelei.

Der Eremit trat herein, und stellte leise das Wasser vor Faust, entfernte sich in einen Winkel, ohne der üppigen Tafel zu achten.

Faust. Nun, Bruder Eremit, wir haben aufgetischt, laßt es Euch nicht zweimal sagen, und greift zu. Unbeschadet Eures heiligen Rufs, mögt ihr mitschmausen, denn auf Eurer Stirne lese ich, daß es Eurem Herzen gelüstet. Kommt, einen Becher zu Ehren eures Schutzheiligen! Wie heißt er?

Eremit. Der heilige Georg.

Faust. Er soll leben!

Teufel. Ho, ho, Bruder Eremit, der heilige Georg von Kappadozien, das war mir ein ganzer Kerl, und wenn Ihr den zum Muster nehmt, so werdet Ihr gut dabei fahren. Ich kenne seine Geschichte recht gut, und will sie Euch, zu Eurer Erbauung, mit kurzen Worten erzählen. Er war der Sohn sehr armer Leute, und in einer elenden Hütte Ciliciens geboren. Als er heranwuchs, fühlte er früh seine Gaben, und öffnete sich durch Schmeichelei, Niederträchtigkeit und Kuppelei die Häuser der Großen und Reichen. Diese verschafften dem dienstfertigen Manne, aus Dankbarkeit, eine Lieferung für die Armee des griechischen Kaisers. Er stahl aber dabei auf eine so grobe Art, daß er bald flüchtig werden mußte, um nicht gehenkt zu werden. Hierauf schlug er sich zu der Sekte der Arianer, und machte sich als ein offner Kopf bald zum Meister des dunklen, unverständlichen Wirrwarrs der Theologie und Metaphysik. Um diese Zeit vertrieb der arianische Kaiser Constantius den gut katholischen und heiligen Athanasius von dem bischöflichen Sitze Alexandriens, und der Kappadozier ward von einem arianischen Synod auf den bischöflichen Stuhl gesetzt. Hier war Euer Georg nun in seinem Elemente, er schwelgte, und ließ sich gut sein; da er aber durch Ungerechtigkeit und Grausamkeit die Gemüter seiner Untergebenen bis zur Verzweiflung trieb, schlugen sie ihn endlich tot, und führten seine Leiche, auf einem Kamel, im Triumph durch die Straßen Alexandriens. Seht, so ward er ein Märtyrer, Euer und Engellands Schutzheiliger.

Eremit. Die Legende sagt nichts davon.

Faust. Ich glaub es wohl, Bruder, denn um der Wahrheit willen müßte sie eigentlich der Teufel schreiben.

Der Eremit segnete sich.

Faust. Ist Essen und Trinken eine Sünde?

Eremit. Es kann dazu reizen.

Teufel. Dann müßt Ihr schwach sein, und schlecht mit dem Himmel stehen. Kampf und Versuchung ist der Triumph des Heiligen.

Eremit. Der Herr hat recht; aber nicht alle sind Heilige.

Faust. Seid Ihr glücklich, Bruder?

Eremit. Ruhe macht glücklich, und ein gutes Gewissen selig.

Teufel. Auch Ruhe reizt zur Sünde, und mehr als Speis und Trank; woher nehmt Ihr das?

Eremit. Die Bauern bringen mir des kümmerlichen Lebens Unterhalt.

Faust. Und was tut Ihr für sie?

Eremit. Ich bete für sie.

Faust. Gedeiht es ihnen?

Eremit. Ich hoffe, und sie glauben es.

Teufel. Bruder, Ihr seid ein Schelm.

Eremit. Beleidigungen der sündigen Welt sind dem Gerechten nötige Züchtigung.

Teufel. Warum seht Ihr nicht aufwärts? Warum errötet Ihr? Nun denkt einmal, ich verstünde die Kunst, auf des Menschen Angesicht zu lesen, was in seinem Herzen spukt.

Eremit. Desto schlimmer für Euch, Ihr werdet Euch selten in Gesellschaft freuen.

Teufel. Ho! ho! wißt Ihr doch das? er sah nach Faust.

Eremit. Es ist eine sündige Welt, in der wir leben, und weh ihr, wenn Tausende nicht in die Einsamkeit eilten, ihr Leben dem Gebet weihten, um die Rache des erzürnten Himmels von dem Haupt der Sünder abzuwenden.

Faust. Guter Bruder, Ihr schlagt Euer Gebet ziemlich hoch an, und glaubt mir nur, es ist noch immer leichter zu beten als zu arbeiten.

Teufel. Hört doch, Ihr habt da einen Zug um den Mund, der Euch zum Heuchler stempelt, und Eure Augen, die in einem so engen Kreise herumlaufen, und immer gegen den Boden gekehrt sind, sagen mir, daß sie überzeugt sind, sie würden zu Verrätern Eures Herzens, wenn sie aufblickten.

Der Eremit hub die Augen gen Himmel, betete mit gefaltnen Händen, und sprach: »So antwortet der Gerechte dem Spötter.«

Faust. Genug! kommt, Bruder, und laßt es Euch gut mit uns sein.

Der Eremit war nicht zu bewegen, Faust sah den Teufel höhnisch an, der es noch höhnischer erwiderte. Auf einmal öffnete sich schnell die Türe, und eine junge Pilgerin fuhr atemlos herein. Als sie sich von ihrer Furcht und ihrem Schrecken erholt hatte, erzählte sie, wie sie ein Ritter verfolgt hätte, dem sie so glücklich gewesen zu entwischen, und sich bei dem frommen Eremiten zu retten. Man bewillkommte sie freundlich, und entdeckte eine blühende, wollüstig gebildete Schönheit in ihr, die dem heiligen Antonius selbst den Sieg über das Fleisch würde schwer gemacht haben. Sie setzte sich zu dem Teufel, nahm bescheiden Teil an dem Mahl, und der Teufel erlaubte sich Freiheiten mit ihr, die anfangs den Eremiten empörten, endlich verwirrten; da aber der Teufel in einem Augenblick ihren milchweißen, vollen, schimmernden und hebenden Busen aufdeckte, ihre schwarze Haare darüber rollten, so fühlte er das glühende Feuer der Lust von diesem Busen so heiß in den seinen hinüber fließen, daß er beinahe vergaß, dagegen zu kämpfen. Die Pilgerin riß sich beschämt und zornig aus den Armen des Teufels, um Schutz bei dem Eremiten zu suchen, den er ihr, vermöge seines Rocks, nicht versagen konnte.

Der Teufel und Faust stellten sich trunken, und zum Schlafe geneigt; ehe sie sich niederwerfen, steckte der Teufel, vor des Eremiten Augen, einen schweren Beutel voll Gold unter die Streue, legte seine und Fausts reiche Ringe in eine Schachtel, die letzterer zu sich nahm. Auf den Tisch legten sie ihre Schwerter und Dolche, warfen sich nieder und schnarchten.

Die Pilgerin nahte leise dem Tische, goß mit ihrer niedlichen und schneeweißen Hand einen Becher voll schäumenden Weins. Sie kostete den Rand mit ihrem reizenden, frischen Munde, und reichte ihn dem Eremiten dar. Er stund da wie betäubt, und in der Verwirrung leerte er diesen und einige folgende aus, und verschluckte gierig die Leckerbissen, die ihm die Zauberin, einen nach dem andern, in den Mund steckte. Hierauf zog sie ihn hinaus, bat ihn unter Tränen um Vergebung, daß sie gezwungen seine heilige Augen beleidigt hätte; tat dabei so wehmütig und untröstlich, faßte seine Hände so warm, ließ sich endlich vor ihm auf die Knie nieder, und da in diesem Augenblick ihre Brust sich öffnete, und der silberne Mond ihren schimmernden Busen erleuchtete, der leise Wind ihre schwarzen Locken darauf hin und her bewegte, so erwachte das Gefühl der unterdrückten Natur so stürmend in dem Eremiten, daß er an diesen blendenden Busen sank, ohne zu wissen, wie ihm geschah: Die Pilgerin führte ihn unmerklich von einer Stufe der Lust zu der andern, und da er eben hoffte, sich seinem Wunsche zu nahen, so lispelte sie ihm leise ins Ohr: »Sie würde ewig die seinige sein, wenn er sie zuvor an diesen Frechen rächen, und sich ihres Schatzes bemächtigen wollte, durch dessen Besitz sie beide ein seliges, wollüstiges Leben, bis an ihr Ende führen könnten.«

Der Eremit erwachte ein wenig aus seinem Taumel, und fragte sie zitternd: »wie sie das verstände, und was sie von ihm forderte?«

Unter üppigen Küssen, wollüstigen Seufzern, lispelte Sie ihm noch leiser ins Ohr, indem sie ihren heißen Busen gegen sein schlagendes Herz drückte: »Ihre Dolche liegen auf dem Tische, du ermordest den einen, ich den andern, kleidest dich in ihr Gewand, bemächtigst dich ihres Schatzes, wir stecken die Einsiedelei an, und fliehen nach Frankreich.«

Der fürchterliche Gedanke des Mords schauderte durch die Sinne des Eremiten, die Wollust raste in seinem Herzen, er strauchelte, wankte, blickte auf die Reize der Zauberin, fühlte sich in ihrem Besitze, sah, daß er sie und den Schatz ohne Gefahr erhalten könnte, alle vorige Empfindungen verschwanden, und er vergaß den Himmel und seinen Beruf. Die Pilgerin stieß den Taumelnden in die Zelle, er faßte einen Dolch, sie den andern; er wollte den Streich gegen Fausten führen, der Teufel erhub ein Hohnlachen der Hölle, und Faust sah den Eremiten mit gezücktem Dolche an seiner Seite knien.

Faust. Verdammter, der du unter der Larve der Frömmigkeit deine Gäste ermorden willst!

Der Eremit sank bebend zur Erde. Die Pilgerin, eine Gaukelei der Hölle, zeigte sich ihm in einer fürchterlichen Gestalt, und verschwand.

Faust befahl dem Teufel, die Hütte anzustecken, und sie mit dem Heuchler zu verbrennen. Der Teufel gehorchte frohlockend, und die Einsiedelei brannte auf. Den folgenden Morgen wehklagten die Bauern über den Tod des Gerechten, sammelten seine Knochen, und verehrten sie als Reliquien des frommen Eremiten.

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