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Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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3

Die Glocke schlug zur Mahlzeit. Der Teufel und Faust setzten sich auf prächtig geputzte Pferde, und ritten, von einem großen Gefolge begleitet, an das sich ein langer Zug gaffenden Pöbels hing, zu dem regierenden Bürgermeister. Sie traten in den Versammlungssaal. Der ganze Magistrat erwartete sie, und beugte sich vor ihnen bis auf die Erde. Der regierende Bürgermeister bewillkommte sie mit einer Rede, stellte ihnen die Ratsglieder, und die Weiber der Vornehmsten vor, die ihre geistlosen Gestalten so prächtig herausgeputzt hatten, daß ihre Steifheit und Ungewandtheit nur um so auffallender wurden. Sie starrten alle, wie eine Herde Gänse, und konnten sich an Leviathans Putze nicht satt sehen. Die Bürgermeisterin, eine Leipzigerin, ragte allein unter ihnen hervor, wie eine Oreade. Ihr war der Blick Fausts so wenig entgangen, als seine vermögende Gestalt, und sein geistvolles Gesicht. Sie errötete, da er sie bewillkommte, und fand keine andre Antwort auf seine Anrede, als einen Blick voller Verwirrung, den Fausts Herz, wie die süßte Harmonie, verschlang. Die Senatoren spannten ihren Witz an, den Gästen zu hofieren, und man setzte sich zur wohlbedienten Tafel. Nach Tische nahm der Teufel den Bürgermeister in ein besondres Kabinet; ein Umstand, der diesem außerordentlich schmeichelte, und allen übrigen, besonders dem Schöppen, ein Dolchstich durchs Herz war.

Der Bürgermeister, vom Weine erhitzt, von der Ehre, die ihm der vermeinte Kaiserliche Gesandte erwies, berauscht, erwartete in gebeugter Stellung, und mit hervorragenden starren Augen seinen Antrag. Der Teufel bezeugte ihm, in sanftem Tone, wie schmeichelhaft ihm die gute Aufnahme des Bürgermeisters sei, und wie sehr er wünschte, sich ihm dankbar zu erweisen, setzte hinzu: »er führe eine gute Anzahl Adelsbriefe bei sich, mit Kaiserlicher Unterschrift bekräftigt, verdienstvolle Männer zu belohnen, und er wollte ihm gern den ersten erteilen, wenn –«

Freude, Entzücken, Erstaunen schossen durch des Bürgermeisters Geist, er stund vor dem Teufel, mit weit aufgesperrtem Munde, stammelte endlich: »Wenn? Was? Wie? Oh –« Und der Teufel raunte ihm ganz leise ins Ohr:

»sein Freund Faust sei ganz unsinnig, in die schöne Bürgermeisterin verliebt; um seinetwillen würde er alles tun, und wenn die Bürgermeisterin sich auf einige Augenblicke mit Fausten entfernen wollte, das bei dem Geräusche eines Schmauses so leicht wäre, so sollte er ihr den Adelsbrief zustellen.«

Hiermit verließ ihn der Teufel, ging zu Fausten, unterrichtete ihn, und stellte ihm den Adelsbrief zu, seiner Sache gewiß. Faust zweifelte, und der Teufel lachte seiner Zweifel.

Der Bürgermeister stund in seinem Kabinette wie versteinert. Der plötzliche Glanz eines unerwarteten Glücks hatte sich, durch die häßliche Bedingung, so verfinstert, daß der Reiz desselben schon verschwinden wollte, als auf einmal der Stolz in seine Seele blies:

»Ho! ho!« sagte dieser: »auf eine so auszeichnende Art zum Edelmann geprägt zu werden! dadurch deinen stolzen Feinden gleich zu werden, und deine Stimme im Rat zu erheben, wie eine Posaune! unter sie zu treten, wie ein Mann, den Seine Kaiserliche Majestät, seiner Verdienste wegen, über alle und vor allen erheben will!«

Ein andres Gefühl lispelte leise:

»Hu! hu! mit Willen und Wissen ein Hahnrei zu werden – aber wer weiß es? antwortete der Verstand. Und was ist nun an dem ganzen Dinge, ich erhalte ein wirkliches Gut, und leihe dafür eins, das längst keinen Reiz mehr für mich hat. Das Übel sitzt nur in der Meinung, und es wird ein Geheimnis zwischen mir und meiner Frau bleiben. Und wenn es gar Seine Kaiserliche Majestät erführe, daß ich diese hohe Ehre ausgeschlagen – Im Grund, kann ich wohlfeiler zum Edelmann kommen? Wird es nicht ein Nagel an dem Sarge des Schöppen werden? Und was werden die Bürger nicht sagen, wenn sie sehen, daß Seine Kaiserliche Majestät mich so zu schätzen weiß? Werde ich mich nicht der ganzen Regierung bemächtigen, und es allen denen vergelten, die mich beleidigt haben? Ho! ho! Bürgermeister, sei kein Narr! die Gelegenheit hat nur an der Stirne Haare, hinten ist sie kahl. Greife zu! Der Mann ist nur das, was er in den Augen der Welt scheint. Wer sieht es dem Edelmann an, wie er's geworden ist – aber meine Frau, die wird sich dagegen setzen, ich kenne schon die sächsische Ziererei« –

In diesem Augenblick trat sie herein, um zu erfahren, was der vornehme Herr ihm allein vertraut hätte. Er sah sie schalkhaft, doch etwas verlegen an:

»Wie, Mäuschen, wenn ich dich heute noch zur Edelfrau machte?«

Sie. Schätzchen, so würden alle Weiber der bürgerlichen Ratsherren aus Neid vergehen, und die Frau des Schöppen würde an ihrem trocknen Husten zur Stunde für Ärgernis sterben.

Er. Das würde sie gewiß, und ich könnte ihren stolzen Mann unter mich bringen; aber Mädchen, du sollst dich selbst dazu machen, und mich obendrein.

Sie. Seit wenn machen die Weiber ihre Männer zu Edelleuten, mein Schatz?

Er. Wer weiß, mein Kind, wie viele es so geworden sind – erschrick nur nicht – Da ist der verwünschte Faust, dem hast du es angetan.

Die Bürgermeisterin errötete, er fuhr fort:

Nur um seinetwillen will mich der Gesandte zum Edelmann machen, und er soll dir den Adelsbrief unter vier Augen übergeben. Du verstehst mich schon. Hm, was denkst du davon?

Sie. Stille, stille, mein Schatz, ich denke, daß uns, wenn der Kaiserliche Gesandte einem andern aus dem Rat die Bedingung vertraute, die Gelegenheit entwischen könnte.

Er. Verzweifelt, Mäuschen, so laß uns eilen, daß uns keiner zuvorkomme.

Die Gesellschaft hatte sich indessen in dem Garten zerstreut, der Bürgermeister schlich hinter dem Faust her, und sagte ihm leise ins Ohr: »es würde seiner Frau eine Ehre sein, den Adelsbrief aus seinen Händen zu empfangen, nur möchte er sich ohne Aufsehen auf der Hintertreppe, die er ihm zeigen wollte, zu ihr begeben, er denke übrigens, es sei nur eine Grille von ihm, und er fürchte nichts von einem Manne, der so viel Ehrgefühl und Gewissen zeigte.« Er führte ihn hierauf zur Hintertreppe, Faust schlich hinauf, trat in das Schlafzimmer, und fand die Bürgermeisterin in der wollüstigsten Verwirrung. Er raste an ihrem schwellenden Busen seine Glut aus, und schlug den Bürgermeister zum Ritter des Heiligen Römischen Reichs. Sie von ihrer Seite glaubte sich nicht dankbar genug bezeigen zu können, und fragte am Ende, ob in Zukunft mehr dergleichen Formalitäten nötig wären? Hierauf überbrachte sie ihrem Gemahl heimlich den Adelsbrief, und sie verabredeten, ihn bei dem Abendessen, in einer verguldeten und verdeckten Schüssel, auftragen zu lassen, um den Gästen, durch die unerwartete Entdeckung, einen desto peinlichern Schlag beizubringen. Der Teufel, dem der Bürgermeister seinen Plan mitteilte, fand ihn vortrefflich; Faust aber raunte ihm ins Ohr: »ich befehle dir, dem Schufte, der sein Weib um des Wahns prostituiert hat, und dem ganzen hochweisen Magistrat einen recht tückischen Streich zu spielen, um mich an allen den Schafsköpfen auf einmal zu rächen, die mich so niederträchtig herumgezerrt haben!«

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