Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Theodor Vischer >

Faust - der Tragödie dritter Teil

Friedrich Theodor Vischer: Faust - der Tragödie dritter Teil - Kapitel 4
Quellenangabe
typetragedy
booktitleFaust ? der Tragödie dritter Teil
authorFriedrich Theodor Vischer
year1978
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006208-X
titleFaust ? der Tragödie dritter Teil
pages3
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1862
Schließen

Navigation:

Sechster Auftritt

Ein Schulzimmer. Es treten lärmend ein, mit Schulsäcken, Büchern, dreißig selige Knaben, nehmen nach und nach Platz auf den Bänken. Mephistopheles steckt den Kopf zur Türe herein:

Mephistopheles.
Gut' Morgen, holde Jugend, liebe Fratzen!

Knaben (jubelnd).
Oho! der lustige Kauz ist wieder da!

Mephistopheles (ist eingetreten).
Heut setzt's wohl Tatzen?

Knaben.
Wieso, wieso? Ihr wisset ja,
Er darf nichts tun, darf uns nicht schlagen!

Mephistopheles.
Wollt ihr's mal recht drauf wagen?
Nun sagt mir doch, ihr allerliebsten Tocken,
Was denkt ihr heut ihm wieder einzubrocken!

Karlchen.
Hier eine Kugel Pech, ich schmier's auf den Katheder.

Mephistopheles.
Auch gut, da klebt er fest mit seines Sitzteils Leder.

Fritzchen.
Ich habe da Knallerbsen mitgebracht.

Mephistopheles.
Nun ja, ihr müßt sie auf den Boden streuen,
Daß, wenn er auftritt, es ergötzlich kracht;
Doch bin ich stets ein Freund vom Neuen;
(zieht ein Schächtelchen aus der Tasche)
Kommt her, da guckt, ich hab euch was!

Knaben (ihn umringend und drängend).
Ei, wie, laß sehen, was ist das?

Mephistopheles.
Platz, süßer Pöbel, Platz!
(Hält Gustelchen die Schachtel ans Ohr.)
Hörst, Äffchen, wie es krabbelt?
Wie's rutscht und schiebt und zappelt?

Gustelchen.
Ach, Maienkäfer!

Mephistopheles.         Ja, mein liebes Kind!
Ich haschte sie heut nacht nur so geschwind,
Wie ich vom Blocksberg schlendernd stieg herunter;
Ich dachte schmunzelnd just an jene Nacht,
Wo ich mit Faust denselben Weg gemacht.
Blitz, welcher lust'ge Saus und Braus!
Der Hexentanz, was für ein Schmaus!
Es war so munter wie in Wien beim Sperl,
Und damals, ja, war Faust ein andrer Kerl!
Wie unverzagt schritt er bergan mit mir!
Das Drama ging nicht weiter, aber wir,
Und einem Rest von Goethes Epigrammen,
Die mit den Xenien nicht gepaßt zusammen,
Verschafft' ich bei der Geisterzunft
Noch leidlich eine Unterkunft!
Nun, wie ich da so bummle ohne Sorgen,
So schwärmten denn die Käfer gegen Morgen,
Sie summten fröhlich ihre Frühlingslieder,
Es spukte wohl selbst durch die Käferglieder
Die herrliche Walpurgisnacht –
Blitz, wer hat aufgemacht?

Knaben.
Der Fritz, der Fritz!

Mephistopheles (gibt ihm eine Ohrfeige).
Da hast du was für deinen Wunderfitz!
(Beschwörend, die offene Schachtel hinaushaltend.)
Der Herr der Maienkäfer, Schwaben,
Der Wanzen, Spinnen, Läuse, Schaben,
Der Schlangen, Kröten, Krokodille,
Vampire, Molche, Armadille,
Der Herr der Würmer und Lazerten,
Der Herr des Krebsgangs auf der Erden,
    Er schickt euch das Verhängnis!
    Zurück in das Gefängnis!

(Die Käfer fliegen in die Schachtel.)

Mephistopheles (zu Gustel, der sich des Deckels bemächtigt hat).
Klapp zu, klapp zu!
So, jetzt ist Ruh!
Da nimm's, und wenn der Lehrer ist im Zug,
Mach auf und laß den Tierchen ihren Flug!
Doch halt, es fällt mir noch ein Stückchen ein,
Das soll das beste noch von allen sein!
Langt vom Katheder mir den Stecken!

Fritzchen, Karlchen und andere (ihn holend und bringend).
Was mag er wohl bezwecken?

Mephistopheles (zieht ein Messerchen und schneidet am Stecken).
Wir ringeln ihn.

Knaben.
Was ist denn das?

Mephistopheles.
Sancta Simplicitas!
Wie, ihr, in allen Bubenstreichen
Zu Lehrers Qual bewandert sondergleichen,
Ihr wißt vom Steckenringeln nichts? Schaut her!
Ich nehm ihn, schneid hinein, doch nicht ganz quer,
Auch nicht bis in des Markes Mitte;
Aufsteigend in Spirale mit dem Schnitte,
Ganz fein, daß man ihn ja nicht sieht,
Richt ich den Stab so her, daß, wenn zu wild
Die Zornesader dem Gereizten schwillt
Und er nun doch vom Leder zieht,
Das Instrument ihm in der Hand zerbricht
Und ihm die Hälfte schnellet ins Gesicht.
Ihr sorgt dafür, daß seines Unmuts Geister
Nicht mehr bezwingt der hart bedrängte Meister.

Knaben.
Gern, gern nach Kräften! Wird's, so ist's famos!

(Man hört Schritte.)

Mephistopheles.
Er kommt; an euren Platz! Dann frisch drauf los
Mit allen euren Teufelei'n!
Den Stecken schnell ins Pult hinein!

(Die Knaben legen den Stecken ins Kathederpult, alle ordnen sich schnell, Mephistopheles verschwindet.)


Siebenter Auftritt

Faust (tritt ein).
Es ist so schwül, so dumpfig hie,
Daß es den Atem mir bedrückt,
Die sel'ge Knabenkolonie
Hat wiederum die Luft verdickt.
(Er öffnet ein Fenster, sitzt in den Katheder.)
Wir kommen also heut an den Homunkel;
Nicht leicht ist's, heute gebt besonders acht!

(Ein paar Knaben werfen Knallerbsen aus, Geflüster, Gekicher.)

Was gibt's? Was hör ich da für ein Gemunkel?
(Vom Katheder herabeilend.)
Verschwört ihr euch im Anfang gleich
Zu einem neuen Schelmenstreich?
Wer scharrt, wer flüstert, kichert, hustet, lacht?
Gesteht, wer hat die Unruh angefangen?

Knaben (durcheinander).
Der Fritzchen, Karlchen, Gustel (usw.) hat die Schuld!

(Während der Unruhe schleicht Karlchen auf den Katheder und schmiert Pech auf den Sitz.)

Faust.
Ihr Satansvolk! Ihr ungezognen Rangen!
Mir reißt am Ende doch noch die Geduld!
Still jetzt, und keiner soll sich regen,
Sonst kommt es sicher doch zu Schlägen!

(Er tritt auf eine Knallerbse, sie kracht, er rutscht, fällt; allgemeines Kichern, Lachen.)

Das ist zuviel! jetzt greif ich nach der Waffe!

Karlchen.
Ah bah! Ihr dürft ja nicht!

Faust.
Mit dir beginn ich, frecher Laffe!
Du bist der Täter, ungezogner Wicht!
(Schreitet zum Katheder, ergreift den Stecken, hält aber plötzlich still.)
Wie ist mir? Welche milde Stimme
Wehrt tief im Innern meinem Grimme?
Der Stunde denk ich, da in meiner Hand
O homo fuge! eingeschrieben stand,
Auch Wallenstein
Fällt jetzt mir ein:
»Ich will es lieber doch nicht tun«; –
So sei's, ich laß den Backel ruhn.
(Er legt den Stecken weg.)
Die Untersuchung schlag ich diesmal nieder,
Gemessen ratend: Solches tut nicht wieder!
Der Dichtung tiefem Ernste wird's gelingen,
Den Geist des Mutwills, hoff ich, zu bezwingen,
Es geht jetzt, wie gesagt, an den Homunkel,
Gebt acht, paßt auf, der Gegenstand ist dunkel!
(Ablesend aus einem Manuskript.)

Der Homunculus, das von meinem früheren Famulus Wagner, nachher Professor, auf chemischem Wege verfertigte Menschlein, ist einerseits die geistlose Gelehrsamkeit, welche Schätze des Wissens zwar sammelt, aber nicht in lebendigen, geistigen Besitz zu verwandeln weiß, andererseits aber ebensosehr das besonnene, in selbstbewußter Kraft ahnungsvoll nach dem idealen Schönen hingerichtete Streben, also die sich selbst übertreffende Gelehrsamkeit, die Liebe zum Schönen, die dem Menschen voranleuchten muß, wenn er das Land der Schönheit suchen und finden soll; übrigens, da er an Galateas Muschelwagen zerschellt und als flüssiges Feuer –

Doch nein, der Rest sei aufgeschoben!
Erst laßt mich sehen, ob ich euch kann loben;
Jetzt wird behört. Nun, Karlchen, sag
(Er will aufstehen, fühlt, daß er anklebt, reißt sich los.)
Das Wetter schlag! –
Was hält mich da?
Hier pappt es ja!
Was klebt, was sperrt?
Was reißt, was zerrt?
Ha, das ist Pech!
Wer war so frech?

(Eilt vom Katheder unter die Knaben; man bemerkt, daß ein Teil seines Beinkleids etwas mangelhaft geworden.)

Wer hat's getan? Ihm nahet das Gericht!

Knaben.
Ich nicht – ich nicht – ich nicht – ich nicht –

Faust.
Nicht länger spotte,
Du teuflische, obwohl selige
Lausbubenrotte!
Daß ich euch noch befehlige,
Jetzt endlich sollt ihr klärlich es verspüren!
Den Backel, was auch folge, will ich führen!
Gespannt ist jeder Nerv zu Schreckenstaten!
Vom ersten fang ich an und haue fort
Mit furchtbar'm Hieb von Ort zu Ort,
Bis mir der schnöde Täter wird verraten!
(Geht entschlossen zum Katheder, ergreift den Stecken, steht aber plötzlich still.)
Wär' es getan, wenn es getan ist, dann
Wär's gut, man rät' es schnelle; wenn der Schlag
Auffangen könnt' in seinem Netz die Folgen,
Mit dem Vollbringen das Gelingen haschen,
Daß mit dem Stockhieb alles aus und ab,
Ganz fertig alles wäre – hier – nur hier,
Auf dieser Schülerbank der Gegenwart,
Das künft'ge Leben setzte ich aufs Spiel.

(Die Türe wird leise halb geöffnet, Lieschen wird sichtbar.)

Lieschen (flüsternd).
Enthalte dich auch jetzo von dem Wilden
Und suche menschlich deine Schar zu bilden;
Wenn wilde Bären unter Menschen laufen,
Da muß der Fühlende entsetzlich schnaufen.
Ergib dich ganz humanitarischen Zwecken
Und laß im Pulte den barbarischen Stecken!
Von Lady Macbeth volles Gegenteil
Bered ich dich zu deinem eignen Heil.
(Zieht die Türe wieder zu. Ab.)

Faust.
Sei mir gesegnet, Engelstimme du!
Ja, du hast recht! Ich habe keinen Stachel,
Als einzig Zornwut, die zum Aufschwung eilt,
Sich überschlägt und in die Patsche fällt –
Und nun, ihr Jungen, wieder zum Homunkel!
Genau und ohne jegliches Geflunkel
Will er bestimmt sein, kurz gefaßt,
So daß das Wort streng zum Begriffe paßt;
So sage, Fritzchen, ohne Federlesen,
Was ist es also, dieses seltne Wesen?

Fritzchen.
Homunkel ist fürs erste überhaupt –
Er ist – er ist –

Faust.         Nun, wie mit Recht man glaubt –
(Für sich.)
Schon ist die vorige Definition,
Die memorierte, wieder mir entflohn.
Es ist nicht Zeit, im Hefte nachzusehn,
Aus Kommentaren, wenigstens aus zehn,
Hab ich die Deutungen mir abgeschrieben –
(Laut.)
Er ist – er ist – wo sind wir stehngeblieben?
Er ist, besieht man es beim Licht –

Fritzchen.
Erlaubt, mir scheint, ihr wißt es selber nicht.

Faust (für sich).
Du ahnungsvoller Schlingel du!
(Laut.)
Wart, Kerl, ich haue doch noch zu!
(Besteigt den Katheder, sieht in das Manuskript.)

Ja gut, zuerst folgt noch der Rest der ersteren, längeren Definition: Der Homunculus ist nämlich außerdem, daß er einerseits die trockene Gelehrsamkeit, andrerseits die Liebe zum ideal Schönen ist, zugleich eine äußerst tiefsinnige Anspielung auf den Vulkanismus. Indem er nämlich am Muschelwagen der Galatea –

(Maienkäfer summen.)

Welch tiefes Summen, welch ein dumpfer Ton
Stopft mit Gewalt das Wort in meinem Munde?
Verkündiget ihr Maienkäfer schon
Des Wonnemonats freudenreiche Stunde?
Was sucht ihr, mächtig und gelind,
Ihr Brumseltöne mich im Schulenstaube?
Klingt dort umher, wo Frühlingsferien sind –

(Noch mehr Maienkäfer summen.)

Des Sumselns hör ich mehr! wie, was! ich glaube –

(Gekicher. Ein Maienkäfer sitzt Faust auf die Nase; stärkeres Gekicher.)

Das Bubenpack,
Zum Schabernack
Ließ los das käfrige Gefieder –
Die Ader schwillt, der Zorngeist packt mich wieder –

(Er stürzt vom Katheder herab unter die Knaben, findet nach längeren Schwierigkeiten bei Gustelchen die Schachtel, reißt ihn am Wamskragen zum Katheder.)

Ha! an mir selbst – so bin ich desperat –
Begeh ich, zwar mit etwas Änderung,
Doch mit dem gleichen wilden Schwung
Zum zweitenmal dasselbe Plagiat.
Was ist die Himmelsfreude mit gebundnen Armen!
Jetzt soll das Haselholz in meiner Hand erwarmen!
Hilf, Teufel, mir die Pein verkürzen!
Was muß geschehn, mag's gleich geschehn!
Mag dein Geschick auf mein's zusammenstürzen
Und du mit mir zugrunde gehn!
In Todesmut will ich zum Stecken greifen,
Dir fünfundzwanzig auf den Hintern häufen,
Zum Globus, den geschwollenen, erweitern
Und wie du selbst am End auch ich zerscheitern!

(Er ergreift den Stecken, holt mit der Rechten aus, während er mit der Linken Gustelchen die Hosen spannt, der Stecken zerbricht, das obere Stück fliegt ihm an den Kopf; ausgelassenes Gelächter der Knaben.)

Faust.
Ha, diesmal hat der schlimmste Bubenstreich
Mich just gerettet aus der Hölle Rachen!
Vernunft kehrt wieder; lacht ihr Buben gleich,
Der Teufel, der's euch riet, wird schwerlich lachen.

Mephistopheles (erscheint im Hintergrund, nur dem Zuschauer sichtbar, hinter dem Ohre kratzend).
O diesmal war ich sonder Zweifel
Ein dummer Teufel!
Die Patsche hab ich selbst mir angerichtet,
Durch Steckens Ringlung meinen Sieg vernichtet;
Ich Esel habe nicht bedacht,
Daß allzu scharf nur schartig macht!
Von neuem wird mir's klar: ich bin ein Teil der Kraft,
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

Gesang unsichtbarer guter Geister.

      Erste Strophe
Glücklich erstanden!
Selig der Sterbsliche,
Welcher die herbsliche,
Beinah verderbsliche,
Heil doch erwerbsliche,
Knallende, erbsliche,
Erbsliche, knallende,
Rutschende, fallende
Prüfung bestanden!
      Zweite Strophe
Glücklich erstanden!
Selig der Sterbliche,
Welcher die tappige,
Sitzledergerbliche,
Schmierige, pappiche,
Hinterwärts färbliche,
Klebrige, schnappige,
Hosenabklappige
Prüfung bestanden.
      Dritte Strophe
Glücklich erstanden!
Selig der Lehrende,
Dichtung Erklärende,
Knaben Behörende,
Der die beschwerende,
Ärgerlich störende,
Käferlich brummende,
Schläferlich summende,
Lüftedurchirrende,
Surrende, flirrende,
Naseumschwirrende,
Krabbliche,
Fappliche,
Schwappliche,
Zappliche
Prüfung zwar nicht so ganz,
Wenigstens nicht mit Glanz,
Immerhin unterdes,
Doch noch in Folge des
Bubengeschlingelten,
Rundschnittumzingelten,
Steckengeringelten
Streiches bestanden!

Faust.
O tönet fort, ihr süßen Engelslieder!
Tropft Schweiß der Scham auch von der Stirne nieder,
Die Gnade siegt, der Himmel hat mich wieder!

(Lieschen ist inzwischen eingetreten.)

Dank stamml ich dir!

Lieschen.
Nicht mir, nicht mir!
Zu Hilfe kamen äußere Momente,
Doch alles dankst du lediglich am Ende
Dem eignen Selbst, das ernst und tief
Dir wieder ins Bewußtsein rief
Ihn, der vorübergehend schlief:
Kants kategorischen Imperativ.

(Umarmung. Die Knaben weinen gerührt. Hinter der Gruppe Mephistopheles, immer noch hinter dem Ohre kratzend.)

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.