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Faust - der Tragödie dritter Teil

Friedrich Theodor Vischer: Faust - der Tragödie dritter Teil - Kapitel 3
Quellenangabe
typetragedy
booktitleFaust ? der Tragödie dritter Teil
authorFriedrich Theodor Vischer
year1978
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006208-X
titleFaust ? der Tragödie dritter Teil
pages3
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1862
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Dritter Auftritt

Die Decke öffnet sich, es erscheint in einem rötlichen Lichtkreis Mephistopheles mit einem Orchester von höllischen Geistern, die, als Köchinnen und Kellnerinnen gekleidet, in einer Küche beschäftigt sind; er dirigiert mit dem Taktstock.

Gesang der Geister.

                    Schwindet beengende,
Mönchisch bedrängende,
Traurige Wände!
Weichet behende
Traulichen Räumen
Freundlicher Küche!
Schüsseln umsäumen,
Blanke, die Ränder,
Pfannen die Ständer;
Quillet hervor,
Steiget empor,
Holder Gerüche
Reizparadies.
Denn an dem Herde
Flinker Gebärde
Stehet die nette
Köchin Babette,
Drehet das fette
Gänschen am Spieß. –

Weitre Gewahrung
Zeiget daneben
Salzigen Harung,
Welcher soeben
Neben Kartöffelein,
Die sie gerädelt fein,
Stehet parat,
Kleingeteilt aufzugehn,
Angemacht aufzustehn
Im ölgenetzeten,
Essigdurchsetzeten
Räsen Salat.

Doch in Kamines Schoß
Drängen sich klein und groß
Bis zu dem Firste,
Locken und winken
Rauchige Schinken,
Zungen und Würste,
Ziehn um die niedliche,
Um die gemütliche,
Die appetitliche
Köchin, die drehende,
Sorglich besehende,
Schwebenden Kranz.
Fertig nun findet sie,
Ziehet vom Spieße die
Brätelnde, schmorende,
Nasebetorende,
Goldschimmerhäutliche,
Brodelnde, bräutliche,
Rundliche Gans.

Wie sie sich beuget,
Wie sie sich neiget
Über die Schüssel,
Klirren bewegt,
Rasseln die Schlüssel,
Lange und kurze,
Blinkend am Ringe
Stählerner Zwinge,
Die sie am Schurze
Amtsgemäß trägt.

Doch der gewaltigste
Unter denselbigen
Öffnet aufs baldigste
Zu dem gewölbigen
Keller die Tür;
Dort aus dem kluftigen,
Dunkeln Gelaß
Luget herfür
Strotzend von duftigen,
Alten und reinen
Tiroler Weinen,
Strotzend von hopfigem,
Malzgehalttropfigem
Kraftelixiere
Lagernder Biere
Faß an Faß. –

Faust (sich den Mund wischend).
Oh, oh, oh!
O das ist nicht von Stroh!

(Gebärden des Entzückens, hierauf Versinken in einen träumerischen Zustand. Er schläft ein. Der Geisterchor ist verschwunden, die Decke schließt sich wieder, Mephistopheles erscheint hinter Faust.)

Mephistopheles (ad Spectatores).
Da bin ich. Faßt den Satz in seiner Tiefe:
Wo Prüfung ist, ist auch das Negative!
(Sich über Faust beugend und die dürren Hände über ihn ausstreckend.)
Er schläft, so recht, nun ist er wieder mein!

Lieschen.
O weh, o weh, der Böse wieder da!

Mephistopheles.
Altbackne Trutschel, freilich, ja.

Lieschen.
Weh, schläfert er ihn gänzlich ein,
So hat er gewonnen,
Hat ihm den Geist umsponnen!
(Zu Faust, indem sie ihn rüttelt.)
Wach auf, wach auf, sonst bist du ja verloren!

Faust (im Schlaf redend).
Hörst du das Gänselein am Spieße schmoren?

Lieschen (ihn stärker rüttelnd).
Ermanne dich, da steht der Hölle Sohn!
Komm zu dir! Auf, er packt dich schon!
Vertreib ihn mit Gebet,
Sonst wird's zu spät!

Faust (erwachend).
Ach, laß mich fort, du bete nur und bleibe!
Ich breche auf und stürze in die Kneipe!
Was ist die Himmelsfreud? Ein leerer Traum
Verglichen mit der Kneipe trautem Raum!
Fühlt' ich nicht immer ihren Wert?
Bin ich der Schlucker nicht, der Schlechtbehauste,
Der Unmensch, den am magern Herd
Der grimme Durst, der dürre Hunger zauste?
Und seitwärts du mit wohlerzognen Sinnen
In dieser Hütte dürft'gem Möbelzelt
Und all dein häusliches Beginnen
Umfangen von der engen Küchenwelt?
Dich, deinen Frieden muß ich untergraben,
Du, Kneipe, willst und sollst dies Opfer haben!
Hilf, Teufel, mir die Angst verkürzen!
Was muß geschehn, mag's gleich geschehn!
Genießen will ich noch des Lebens Würzen
Und meinethalb zugrunde gehn!

Mephistopheles (reißt ihn empor, um ihn fortzuzerren).
Gehörest mir,
Nur her zu mir!

Lieschen.
O Not, o Not! Er raset, er ist hin!
Jetzt ist es Zeit, jetzt schell ich Valentin!
(Zieht die Glocke.)


Vierter Auftritt

Valentin (mit einer Malzschaufel).
Was soll's, was gibt's?

Faust (in Krämpfen).
O hin zu dir! zu dir!
Nur einen guten Bissen reiche mir!
Nur einen guten Tropfen
Aus Malz und Hopfen!
Nur einen einzigen Pokal
Von dunkelrotem Spezial!
Nur einen! Reiche mir aus deinen Fluten
Nur einen kühlen Becher der Erquickung,
Ach, ich vergeh in diesen Lechzegluten,
Errette mich vom Qualtod der Erstickung!

Valentin (zu Lieschen).
Zum Brunnen mit dem Eimer schnell,
Füll ihn mit Wasser aus dem frischen Quell,
Und übern Kopf schütt ihm die kalte Flut!
Ein Sturzbad ist in solchem Falle gut.

Lieschen.
Ich weiß, das Physikalische
Wirkt öfters aufs Moralische;
Soll schnell geschehn, der Brunnen ist nicht fern,
Dabei denk ich der alten Zeiten gern. (Ab.)

Mephistopheles (die linke Hand an Faust, mit der rechten den Degen ziehend, zu Valentin).
Gleich nimm ihn mit dir, schenk ihm ein!
Wo nicht, sollst du des Teufels sein!
Den Degen sieh, mit dem ich dich gelähmt!
Gedenke, Lümmel, wie man dich gezähmt!

Valentin.
War keine Kunst, dein Degen war gefeit,
Der meine nicht, doch jetzt ist andre Zeit!
Gleich sind die Waffen hier
Im höheren Revier,
Mein Instrument ist himmlisches Ärar,
Ist zauberfest geweihtes Mobiliar!
(Sie fechten.)

Mephistopheles.
Verflucht, wie seine Schaufel saust! (Taumelt.)

Valentin.
So, Hund, jetzt spür auch meine Faust!
(Schlägt ihn.)
Und hast du meine Faust gespürt,
So spüre, wie mein Arm umschnürt,
Wie er dich rüttelt, schüttelt, schnellt,
Zur Tür hinaus im Fluge prellt!

(Er faßt ihn um den Leib, schüttelt ihn; Lieschen zurück, sie übergießt Faust.)

Faust.
Sie gießet, sie schüttet
Die himmlische Quelle,
Der Busen wird ruhig,
Das Auge wird helle!

(Valentin wirft mit einem Schüttelruck schnellend den Mephistopheles zur Tür hinaus. Faust zusehend:)

Ei, wie der's kann! Recht so, hinaus!
Hinaus, hinab in seiner Hölle Graus!

Mephistopheles (sich zurückwendend).
Frohlocke nicht, wenn ich für diesmal kusche,
Wart nur, wart nur, bis ich dich einmal dusche!


Fünfter Auftritt

Harfentöne von oben, hierauf:

Gesang unsichtbarer guter Geister.
Glücklich erstanden –

Faust.
Horch, welche reinen Töne!

Lieschen.
Von himmlischer Schöne!
Nicht lockend, lullend,
Sinnkitzelschnullend,
Nicht jenen gleich phrenetisch,
Nein, hoch ästhetisch.

Gesang derselben Geister.

                    Glücklich erstanden!
Selig der Sterbliche,
Welcher die reizende,
Küchengewerbliche,
Sinneneinheizende,
Brätelnde, schmalzige,
Fleischliche, gänsliche,
Prickelnde, salzige,
Angenehm brenzliche,
Wurstliche, fettige,
Lockend Babettige,
Lüsterne, kitzliche,
Gaumenerhitzliche,
Weinlich bespitzliche,
schmatzende, bitzliche,
Malzige, hopfige,
Spundenfortklopfige,
Seideleinspritzliche,
Gärende, bockige,
Schäumende, flockige,
Mittelbar nützliche
Prüfung –

wenn auch mehr nur tatsächlich, mehr dem Erfolg als dem Verdienste nach –

                                    bestanden.

Faust (zu Valentin).
Laß dich umarmen, den ein Gott mir schickte
Als Retter aus dem Rausch, der mich umstrickte!
Du scheinst – ich sag es ohne Phrasendunst –
In jener seltnen, expedienten Kunst,
Hinauszuschmeißen, an die Luft zu setzen,
Des echten Hausknechts amtlichem Ergetzen,
Ein wahrer Techniker zu sein.

Valentin.
Sieh zu und lerne, liebes Doktorlein,
Ich bin ein Kerl, der etwas kann,
Wie ich, so macht's ein rechter Mann!
Half dir nicht einst, dem üppigen Minnesänger,
Mit seinem Schwert der schnöde Rattenfänger,
Dem jetzt der Zauber in der Scheide blieb,
Wie hätt' ich damals weidlich dich gezwiebelt
Mit unpariertem tücht'gem Stoß und Hieb!
Du bist und bleibst – es sei mir nicht verübelt,
Man grollt ja nicht in diesem Heiligtumb –
So hier wie dort halt ein Charakterlump!

Faust.
Wart nur, wart nur! das sag ich meinem Düntzer!

Valentin.
Was scher ich mich um diesen Zopf?
Zeig's ihm nur an, dem tausendfachen Münzer
Von Goethes letztem Hosenknopf!
Siehst du's denn aber gar so gern,
Wenn Famel schreiben über ihren Herrn? –
Doch jetzo muß es anders gehn, es muß,
Denn jetzt bin ich dein Famulus!
Vorwärts mit mir durch Höllen Qualm und Schwaden,
Mit mir, der Arm und Schenkel hat und Waden!

Faust.
Der Mensch ist wacker, zuverlässig, stet,
Doch fehlt's ihm fühlbar an Humanität!

Lieschen.
Heut soll uns nichts beleidigen,
Wir werden ihn noch schmeidigen,
Wir bilden ihn, wir schleifen ihn noch fein,
Den ungeschliffnen Edelstein.
Umarmet mich, mir ist vor Freude weinrich,
Komm, Valentin, komm, hochgeschätzter Heinrich!
(Man hört eine Glocke läuten.)
Die Glocke ruft, jetzt zu dem Lehrerstuhle,
Gekühlter Freund, und halte deine Schule!

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