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Faust - der Tragödie dritter Teil

Friedrich Theodor Vischer: Faust - der Tragödie dritter Teil - Kapitel 12
Quellenangabe
typetragedy
booktitleFaust ? der Tragödie dritter Teil
authorFriedrich Theodor Vischer
year1978
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006208-X
titleFaust ? der Tragödie dritter Teil
pages3
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1862
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Fünfter Auftritt

Dr. Marianus und die drei Patres treten mit Faust durch den Vorhang in den zweiten Raum.

Faust (den Mephistopheles erblickend).
Nun, da sieht's gut aus, der ist da!

Mephistopheles.
Mit höherem Permisse, ja!

Faust (zu Valentin).
Ach Gott, es sei! ich füge mich,
Nur macht es nicht zu fürchterlich!

(Er wird entkleidet und legt sich auf den Schragen.)

Valentin (zu Mephistopheles).
Dies eine Mal gehorch ich dir;
Ich bin bereit, nun kommandier!

Mephistopheles.
Sänftlich streiche,
Fleisch erweiche!

(Es geschieht.)

Faust.
Wird's nur nicht stärker, ist es zum Ertragen,
Ich dulde still auf meinem Schragen.

Mephistopheles.
Derber reibe,
Pressend drücke,
Klemmend kneipe,
Zwage, zwicke!

Faust.
Au weh!
Ich vergeh!

Mephistopheles.
Magst immer ächzen und schnaufen!
Es bringt die Säfte ins Laufen,
Daß du nicht mehr so lang verhockst
Und bis zum fünften Akte stockst!
(Zu Valentin.)
Kratze, fitzle,
Kraue, kitzle!
Kribble, krabble,
Daß er zapple!

Faust (krampfhaft lachend).
Haha! haha!
Greulicher Krampf, gichterisch Lachen,
Lieber vor Schmerz heulend zerkrachen!
Hi, hi!

Mephistopheles.
Nachkitzel zur Walpurgisnacht
Und ihren Ludereien!
Der klassischen sei hier nicht gedacht,
Die war schon zum Kasteien,
Man ging vor lauter Deutungsschund
In dem Gestrüppe ja zugrund.
Doch an den Zwerg Homunculus,
Des Dichterhirns forunculus,
Sein Schweben und sein Schwabbeln
Gemahne dich dies Krabbeln!
(Zu Valentin.)
Jetzt nimm die Gerte, hau!

(Valentin haut.)

Faust.
Au! Au! Au!

Mephistopheles.
Für Zauberei beim Uferbau
Mit Menschenopferblut
Hast du den Lohn noch gut;
Philemons und der Baucis Weh,
Die Räuberei zur offnen See,
Auf deiner Rechnung stehen sie,
Ernstlich bereutest du sie nie.
(Zu Valentin.)
Hau stärker zu!

(Es geschieht.)

Faust.
Huhu! Huhu!

Mephistopheles (zu Valentin).
Zurück jetzt denke an den Degenstoß
Und denk an deiner armen Schwester Los!
Hat man ein Weib so scheußlich ruiniert,
Wird man von Elfensang nicht absolviert!
Jetzt haue zu mit voller Kraft!
Es spritze nur der heiße rote Saft!

(Valentin haut noch stärker.)

Faust.
Du haust mich wund!
Ich geh zugrund!
Schwer ist die Schuld!
Übt Gnad und Huld!

Mephistopheles.
Hau zu! Hau zu!
Gib keine Ruh!

Valentin.
Nein! nein! und aber nein!
Nicht länger soll gehauen sein!
Vom Himmel hör ich Gretchens Stimme:
»Jetzt mach ein Ende deinem Grimme!
Hier oben ist die Schuld verziehn,
Verzeih auch du, mein Valentin!«

Mephistopheles.
Was, zahmer Lümmel, du?
Hau zu, hau zu!

Valentin.
Halt's Maul, du hast jetzt ausbefohlen,
Ich werde vielmehr diese scharfe Kur
In ihrer Tempi Reihenfolge nur
Rückwärts absteigend wiederholen,
Bis ich sie schließe mit gelinden Strichen,
Und meine Rechnung gilt mir ausgeglichen.

Mephistopheles.
Wie weich und feig!
Bist du von Teig?
Bist du Soldat
Und scheust die Tat?

Valentin.
Du Schandwurm, der die halbe Welt vergiftet,
Du bist's, der jene Taten angestiftet!
(Haut ihm mit der Gerte übers Gesicht.)

Mephistopheles (das Blut vom Gesicht wischend, für sich).
Verflucht, daß ich den Kerl nicht zwingen kann!
Was steckt doch in dem ungeleckten Mann?
Ihm gegenüber wird mein Zauber lahm,
Am End noch gar macht mich der Lümmel zahm!
Doch nein und nochmals nein!
Der letzte Wurf ist mein!
Hinüber jetzt zu meiner alten Base,
Dem Hexenbalge mit der spitzen Nase!
Da soll ein Naß bereitet sein,
Das durchbeißt bis ins Mark hinein!
(Ab.)


Sechster Auftritt

Valentin (nachrufend).
Kratz ab, kratz ab, du Schandgesicht,
Mach, was du willst, man fürcht't dich nicht!
(Zu Faust.)
Nun, gehn wir denn noch einmal dran!

Faust.
Ach, sei es gnädig abgetan!

(Wiederholung der Prozedur in sinkender Skala, Fausts Ausrufe milder, am Ende wohlig.)

Valentin.
Noch einen Klaps! Steh auf, durchknetet und durchweicht!

Faust (aufstehend).
Ach, wie ist mir so wohl, so luftig und so leicht!

Dr. Marianus (zu den Patres).
Mit Öl vom Atos, extrafein,
Reibt jetzt die wunde Haut ihm ein,
Dann kleidet mit geweihter Hand
Ihn sanft in priesterlich Gewand!

(Es geschieht, eine Soutane wird ihm umgezogen, dann ergreift ihn Dr. Marianus an der Hand.)

Komm, o Gekneteter,
Fäustlich Gejäteter,
Nicht mehr Verdichteter,
Handfest Gesichteter,
Kalkstoffentgichteter,
Reiner und freier
Komme zur Feier,
Komme zum Actus ernst und groß,
Komme zum himmlischen Fuchsenstoß!

(Er schlägt den Seitenvorhang auf und führt ihn in den Hauptraum hinaus, die anderen folgen.)


Siebenter Auftritt

Bärbelchen und Lieschen sind im Hauptraume wieder erschienen und vollenden die Zurüstung der Tafel, schenken dann die Becher ein und bedienen ferner beim Trunk.

Dr. Marianus.
Setzt alle frisch
Euch an den Tisch!
(Zu Valentin.)
Du, Valentin, magst untenan dich setzen,
Wir wissen alle dein Verdienst zu schätzen,
Doch kannst du tiefern Geist nicht ahnen,
Kannst beim Gespräch dich nicht beteiligen,
Denn du gehörst zu den Profanen,
Wir aber zu den Heiligen.

Valentin.
Mir wurst! Spielt immer eure Geige!
Ich gucke zu und trink und schweige.

(Dr. Marianus führt Faust an den Platz zu seiner Rechten, setzt sich obenan.)

Pater Ecstaticus.
Der Schwebeschwung sistiere sich,
Auf meinen Hintern setz ich mich
Und hole die Ekstase
Jetzt lieber aus dem Glase!
    Faleri, Juchhei!

Pater Profundus.
Dem Oberflächlichen
Blieb stets ich fern,
Drang dem Hauptsächlichen
Bis in den Kern,
Ich haßte stets das Leere, Seichte, Schiefe,
Heut aber schöpf ich gründlich aus der Tiefe.
    Falera, Juchhei!

Pater Seraphicus.
Nicht ird'scher Zaum und Zügel
Hemmt meines Geistes Lauf,
Hoch über alle Hügel
Schwebt er entlastet auf,
Heut gibt der Trunk uns Flügel,
(Zu Faust.)
Fiducit, Bruder, sauf!
    Faleri, Juchhei!

Dr. Marianus (ergreift den vor ihm liegenden Schläger und schlägt damit auf den Tisch).
Noch ist's nicht Zeit, ihm vorzutrinken,
Folgt in der Ordnung meinen Winken!
Zuerst, beim alten guten Brauch zu bleiben,
Laßt uns dem Fuchsen einen Salamander reiben!

Faust.
Ist's jener, der einst glühen sollte?

Dr. Marianus.
Als sich der Pudel nicht entpuppen wollte?
Du grüner himmlischer Student,
Der den Komment so wenig kennt! –
Zu Ehren ihm nach überstandnen Proben
Nunmehr die Becher feierlich erhoben!
Exercitium Salamandris fiat! Eins! Zwei! Drei!

Faust.
Gerühret dank ich, heil'ge Kompanei!
Und ahne bei dem Trunk, mir zum Gewinn
Der Schlückezahl geriebnen tiefen Sinn!

(Trunk nach dem Kommando, Niederstoßen der Becher.)

Dr. Marianus.
Nun singt zum Gruße für das neue Glied
Aus vollen Kehlen ihm das Bundeslied!

Die drei Patres mit Dr. Marianus (singen).

Mystischer Trinkerchor,
Hehres Studentenkorps,
Fromme Magisterschar
Vom Himmelsseminar,
Ernsteste Streblinge,
Strahlende Schweblinge,
Nimmer Buchstäblinge,
Setzen wir minniglich,
Brüderlich inniglich,
Figürlich sinniglich,
Hebend das Glas empor,
Dir einen ganzen vor,
Irdischen Drucks
Nunmehr entbürdeter,
Eintritts gewürdeter
Lieblicher Fuchs!

Faust.
Seit lange soff ich keinen Ganzen mehr,
Das Ganze ward mir immer etwas schwer.

Dr. Marianus.
Drum blieb der Faust so lange ein Fragment,
Jetzt heißt es absolvieren, Herr Student!
Bemoster Chor,
Auf, macht's ihm vor
In den bekannten sieben Zügen,
Von eins bis vier, von vier bis sieben!
Genau! Sonst werd ich's rügen!

(Die drei Patres trinken, während Dr. Marianus vorzählt, in den genannten Tempi.)

Patres.
Ist auch nicht die Nagelprobe dringeblieben!
Jetzt, Fauste, sei's getan!
Frisch, setz an!

Faust.
Nun denn, es steigt,
Zählt nach und zeugt!

Lieschen.
Wüßt' ich nicht, daß es Sinnbild sei,
Wie schmerzte mich die Völlerei!

Dr. Marianus.
Wohl Sinnbild, denn das Leben ist ein Schlucken,
Muß jeder würgen, ohne auszuspucken,
Und unsre Kirche lehrt das rechte Ducken.
(Zu Faust, der ausgetrunken hat.)
Auch nicht bemogelt, Fuchs? Laßt sehn!
Er duckt sich: gut, vollkommen ist's geschehn.
Nun stimmet an das schöne Fuchsenlied,
So oft schon, wenn von Haus ein Füchschen schied,
Aus kräftigen Jugendlungen
Zum Empfang in der Kneipe gesungen,
Zwar jetzt mit etwas renoviertem Text,
Doch ohne daß ein Sinnverlust erwächst!
Der große Humpen geht dabei im Kreise,
Trink wacker, Faust, und greifst du singend ein,
Dein Sprüchlein bring nach der bekannten Weise
Ergetzlich vor als blödes Füchselein.
Wohlan denn, schon gestimmt sind ja die Kehlen!
Pater Profunde, laß den Baß nicht fehlen,
Er trage fest mit seiner Grundgewalt
Die Melodie, daß es harmonisch schallt!

Chorus.

Wer kommt vors Himmelstor,
Wer kommt vors lederne Himmelstor?
Ça, ça lederne Tor,
Wer kommt vors Himmelstor?
Es kommt ein Füchselein,
Es kommt ein ledernes Füchselein,
Ça, ça Füchselein,
Es kommt ein Füchselein.

Faust.

Ihr Diener, meine Herrn,
Ihr Diener, meine hochehrwürdigen Herrn,
Ça, ça hochehrwürdigen Herrn,
Ihr Diener, meine Herrn!

Chor.

Was macht das Mütterkorps,
Was macht das lederne Mütterkorps,
Ça, ça lederne Korps,
Was macht das Mütterkorps?

Faust.

In Fetzen liegen sie,
In ledernen Fetzen liegen sie,
Ça, ça liegen sie,
In Fetzen liegen sie.

Chor.

Was macht die Helena,
Was macht die lederne Helena?
Ça, ça Helena,
Was macht die Helena?

Faust.

Ist aus dem Rock geschlüpft,
Ist aus dem ledernen Rock geschlüpft,
Ça, ça Rock geschlüpft,
Ist aus dem Rock geschlüpft.

Chor.

Was macht Euphorion,
Was macht der lederne Kautschuksohn,
Ça, ça Kautschuksohn,
Was macht der Kautschuksohn?

Faust.

Er ist geklopft, gepatscht,
Der Lederne ist geklopft, gepatscht,
Ça, ça durchgepatscht,
Er ist geklopft, gepatscht.

Chor.

Was macht der große Mann,
Was macht der lederne große Mann,
Ça, ça Cäsarmann,
Was macht der große Mann?

Faust.

Man schlug ihm ab den Hut,
Man schlug ihm ab den ledernen Hut,
Ça, ça Kaiserhut,
Man schlug ihm ab den Hut.

Chor.

Was macht der Schwindelhort,
Was macht der lederne Schwindelhort,
Ça, ça Schwindelhort,
Was macht der Schwindelhort?

Faust (stockt).

Chor.

Was macht der Hetzkaplan,
Was macht der lederne Hetzkaplan,
Ça, ça Hetzkaplan,
Was macht der Hetzkaplan?

Faust (stockt).

Chor.

Was macht der Loyola,
Was macht der lederne Loyola,
Ça, ça Loyola,
Was macht der Loyola?

Faust (stockt).

Dr. Marianus.

Was schweigt das Füchselein,
Was schweigt das lederne Füchselein,
Ça, ça Füchselein,
Was schweigt das Füchselein?

Faust (für sich).
Hör ich die Namen nur der Mißgebilde sprechen,
Wird mir zumut, als müßte ich mich brechen,
Die Zunge stockt, die Stirne schwitzt vor Scham,
Daß es bis dahin, dahin mit mir kam,
Daß ich ein Nichts, wozu die Hölle lacht,
Zeitweilig gelten ließ als eine Macht.
O was für Lagen
Muß man ertragen!
Die Glatzen würden ohnedem
Mich ganz gemütlich und bequem
Am Holzstoßfeuer schmoren,
Hätt' nicht der Dichter so verkehrt, vertrackt,
Um zu gastieren bei dem blöden Akt,
Sie herbeschworen.
Nur eine Halbzeit läßt sich finden,
Mich leidlich da herauszuwinden:
Hilf mir, Futurum exactum:
Ein Faktum und noch kein Faktum!
(Laut.)
Sie werden ausgemerzt worden sein.

Chor.
Falsch prophezeit, nein, nein, o nein!
O diese Zeit tritt niemals ein,
Permaneant in secula,
Sunt enim nostra genera!

Dr. Marianus.
Fällst in die Ketzerei zurück?
Bedenke besser dein Geschick!
Wart, wart,
Es geht dir hart!
Wir weigern dir die Taufe, Fuchs!

Faust.
Ach was, ich weiß ja, ihr seid kommandiert!
Ihr freut euch selber des soliden Schlucks,
Der euch bei diesem Aktus wird serviert.

Dr. Marianus (zu den Patres).
Nun ja, es sei!
Nehmt's leicht und frei!
Vollendet willig den erhabnen Jux!
Die Kirche wird am Ende siegen,
Ein halber Ketzer wird so viel nicht wiegen,
Vielleicht durchmürbt ihn im Verlaufe
Doch noch die Kraft der Fuchsentaufe.
Sie folge nun in üblich hehrer Weise,
Stellt euch um uns in feierlichem Kreise!
Sie muß nun doppelt gründlich sein,
Statt des Pokals füllt mir den Humpen ein!

(Lieschen macht eine ablehnende Bewegung, Bärbelchen füllt und reicht. Man stellt sich im Kreis um Dr. Marianus und Faust.)

Dr. Marianus (den Humpen hebend).
Du vom Himmel zwar Bezweckter,
Doch noch immer nicht Korrekter,
Immer noch nicht recht Perfekter,
Vernimm an dieser hehren Pforte
Des Dichters klassisch große Worte!
Die Engel, die zum Himmelsaal
Dich trugen, haben sie gesungen,
Vernimm sie heute noch einmal,
Du Wäsche, die nicht völlig ist gewrungen:
»Uns bleibt ein Erdenrest
Zu tragen peinlich,
Und wär' er von Asbest,
Er ist nicht reinlich –«

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