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Faust - der Tragödie dritter Teil

Friedrich Theodor Vischer: Faust - der Tragödie dritter Teil - Kapitel 10
Quellenangabe
typetragedy
booktitleFaust ? der Tragödie dritter Teil
authorFriedrich Theodor Vischer
year1978
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006208-X
titleFaust ? der Tragödie dritter Teil
pages3
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1862
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Neunter Auftritt

Ein starker Knall, das Gewölbe der Höhle öffnet sich, Licht von oben dringt herein, in der Höbe erscheinen zwei Männer, umgeben von einem Strahlenkreis.

Erster Mann.
Der alt böse Feind,
Mit Ernst er's jetzt meint,
Groß Macht und viel List
Sein grausam Rüstung ist,
Auf Erd ist nicht seinesgleichen.

Ein ewigs Gut
Liegt in eurer Hut,
Das ist nicht Wind,
Damit spielen ist Sünd,
Dürft nicht wanken und weichen.

Da nehmt ein Schwert,
Ist Mannshand wert,
Heißt Luthers Herz und Mut,
Kräftiglich hauen tut,
Ein gute Wehr und Waffen!

Führt es so wie ich
Standhaft ritterlich,
Der Satan steht ihm nicht,
Das macht, er ist gericht't,
Belial und seine Pfaffen.

(Er reicht ein Schwert herunter, Valentin ergreift es.)

Valentin.
Das sprach ein Mann von Schrot und Korn,
Recht hat er mit seinem heil'gen Zorn.
Der Donner schlag', was war ich für ein Schaf!
Bin wieder Valentin, Soldat und brav!

Zweiter Mann.
Wofür die Ahnen blutig einst gestritten:
Freiheit der Welt von pfäffischer Gewalt,
Wofür mein Volk am Marterkreuz gelitten,
Zerstampft, beraubt und krank an innrem Spalt:
Jetzt, da ihr in erstaunten Weltteils Mitten
Dasteht verjüngt, in stolzer Mannsgestalt,
Schenkt ihr den Preis in einem Wahn von Milde
Dem Nimmersatt und seinem Götzenbilde.

Als Losung nicht für weiche, matte Seelen
Hab ich der Duldung schönen Ruf gemeint,
Nicht eurer Schonung wollt' ich ihn empfehlen,
Den »Patriarchen«, jeder Duldung Feind!
Laßt euch von mir zu bessern Taten stählen!
Schämt euch! Ich stand allein, ihr seid vereint.
Da nehmt dies Schwert von mir, sein Nam ist Wahrheit!
Grad aus, wie ich, haut durch und schaffet Klarheit!

(Er reicht ein Schwert herab. Faust ergreift es.)

Faust.
Der Kopf wird hell, der Schwindel weicht,
Der Alp läßt frei die Glieder,
Fort, Dunstgebilde, Larven, fleucht!
Mich selber find' ich wieder.
Bin Faust und fühl es tief und recht:
Wie ich beharrte, wär' ich Knecht.
Ein geistig strebend Volk ist mein,
Todfeind des Wahnes dumpfem Schein,
Dein treuer Hüter will ich sein!

(Beide heben die Schwerter, die sämtlichen Popanze, die während der Reden der zwei Geist-Männer stutzend stillgestanden, verschwinden, das Gewölbe hat sich wieder geschlossen.)

Gesang unsichtbarer guter Geister.

Glücklich erstanden!
Selig der Treffliche,
Welcher die pfäffliche,
Überschlagbeffliche,
Hetzkaplankläffliche,
Schwarze, soutanische,
Ultramontanische,
Undeutsch romanische,
Spanisch loyolische,
Sengend petrolische,
Buddha-mongolische,
Kritische, griffige,
Schwindelhortpfiffige,
Fuchsschweifbeschiffige,
Reineke Vossige,
Keineswegs possige,
Wirklich Canossige
Prüfung –

Chorus mysticus (einfallend, in tiefem Basse).

Halt!
Was man zuletzt gesehn,
Als wär' es schon geschehn,
Ist noch nicht factum!
Verbum verwandelt sich,
Merket, es handelt sich
Eigentlich nur um
Futurum
Exactum.

Unsichtbare gute Geister (fortfahrend).

Prüfung zwar nicht so ganz
Allerdings nicht mit Glanz,
Immerhin unterdes
Doch noch mit Hilfe des
Beistands der Geister
Älterer Meister,
Und wenn man ungeniert
Sonderlich konjugiert,
Diesesmal setzet statt:
Prüfung bestanden hat –
Bestanden haben wird,
Wirklich nur kurz beirrt
Noch hat bestanden!

Faust.
Wie rührt mich im Bewußtsein meiner Schuld
Durch dies Konzert der hehren Geister Huld!
Ich, der so streng im richt'gen Konjugieren
Das Schülervolk gewohnt zu exerzieren,
Wie tröstet mich's, daß mir zum Benefiz
Diesmal darf gelten ein grammat'scher Schnitz!

Valentin.
Nur in der deutschen Schul bin ich gewesen,
Und das nicht lang, ich bracht' es kaum zum Lesen.
Ich sage einfach: Gnade ist geschehen
Für Recht. Was? Weichen vor dem Schwindelquark?
Rührt er sich wieder, dann soll's anders gehen,
Man soll mich finden und mein altes Mark! –
Was aber regt sich noch im Hintergrund?
Was geistert hinten in dem Höhlenschlund?
Sind's gar die Mütter, die man nicht mehr sah?
Wo staken sie? Potz Blitz, sie sind schon da!

(Die Mütter, die aus einem Winkel der Höhle hervorgeschlüpft, erscheinen mit verschiedenem Küchengerät und Geschirr, auch Feuerbränden bewaffnet.)

Die Mütter.

Volkes Stimm Gottes Stimm!
Unser Kaplan
Füllte mit Gall und Grimm
Frommes Organ,
Christlichste Zeitungen,
Wahrheitsverbreitungen.
Stechet mit spitzem Stift,
Speiet und spritzet Gift!
Hussa packan!
Halali!

Laßt ihm den Schlüssel nicht,
Haltet ihn fest,
Strafet den Bösewicht
In unsrem Nest!
Quälet und peiniget,
Kreuziget, steiniget
Ketzerisch Sünderpack
In unserem Höhlensack!
Hussa packan!
Halali!

(Sie machen einen Angriff mit ihren Instrumenten, werfen Brände und einen Hagel von Geschirren, aus denen verschiedene Brühe, Essig, Kaffeesatz und dergl. sich ergießt.)

Faust.
Auch das noch! Mit den schnöden Vetteln
Soll man noch seine Zeit verzetteln?
Schaff du sie fort, ich rühre keine Hand.

Valentin.
Man schlenkert sie halt einfach an die Wand!
Sich da befassen tut nicht gut;
Sie schaden dem nur, der sie fürchten tut.

(Er wirft sie verächtlich an die Wand, wo sie, in Papierfetzen verwandelt, hängenbleiben.)

Gesang unsichtbarer Geister.

Völlig erstanden!
Selig der würdige
Nordengebürtige,
Der auch die letzliche,
Lästige, bürdige,
Zwar nicht entsetzliche,
Doch nicht ergetzliche,
Maulig bemutternde,
Nervenerschutternde,
Schwach Herz verbutternde
Prüfung bestanden!
    Dir auch, du anderer
Unterweltswanderer,
Nicht leicht entfärblicher,
Derblicher
Sterblicher,
Der du befreitest schon
Früher den Sorgensohn
Voll Resolution
Aus jener brätlichen,
Duftend salätlichen,
Sinne beschleichenden,
Nase bestreichenden
Prüfung und treuelich,
Nimmermehr scheuelich
Ihm in dem spassischen,
Helenaklassischen
Und in dem sohnischen
Euphorionischen,
Hüpferlich narrischen,
Grillig bizarrischen
Strauß dich geselletest,
Dann zum gefährlichen,
Sehr militärlichen
Kampfe dich stelletest
Und mit ihm schwitzetest,
Feind niederblitzetest,
Dann in der kritischen,
Kulturpolitischen,
Stickluftmephitischen
Prüfung zwar wackeltest,
Wankelhaft fackeltest,
Doch dich ermannetest,
Anfangs zu klügliche,
Schwache, verzügliche
Geisteskraft spannetest
Und den halb faktischen,
Futur-exaktischen
Sieg mit errangest,
Götzen bezwangest,
Endlich den Mütterspuk,
Schwarzen Gespenstertuck
Warfst an die Wand zuruck,
Sagen wir Amen
Nach dem Examen!

Valentin.
Nun ja, doch jetzt genug der Dudelei!
Ich mag sie nicht und brauch sie nicht,
Die höchst langweilige Lobeshudelei,
Tu halt nach Kräften meine Pflicht.
Zu meiner Bärbel möcht ich jetzt nach Haus,
Mach, Faust, zieh deinen Schlüssel wieder raus!
Doch halt! dann kommt der Schornsteinfeger wieder,
Dem steh ich nicht für seine ganzen Glieder;
Der Schandgeselle, der im Ruße haust,
Seh ich ihn nur, so juckt mir schon die Faust;
Doch diesmal leider werden wir ihn brauchen,
Wer sonst kann durch den Schlot hinauf uns schlauchen?

Faust.
Ich glaube doch, zur Auffahrt an das Licht
Bedürfen wir des schwarzen Helfers nicht;
Die Rückkehr in das ganze Eine,
Wo sich das Wahre mit dem schönen Scheine
Vereint, wo sich vollzieht das höchste Gut,
Bedingt nicht wieder die Negation;
Drum zweifle nicht, mein Sohn,
Diesmal ermahne ich dich, fasse Mut!
Ich höre etwas wie ein wirbelnd Sausen,
Ein ziehend Wehn von oben her und außen,
Der Himmel hat, so wage ich zu hoffen,
Etwas wie eine Luftdruckpost zur Hand – –
Entschlossen pfeif ich –
(er pfeift auf dem Schlüssel, die Türflügel springen auf)
                                      sieh, der Weg ist offen!
Ich spür's, der Zug ergreift schon mein Gewand,
Hinauf, hinan!
Frei ist die Bahn!
Hinauf aus schwarzer Tiefe.
Ins Lichte, Positive!

(Während dieser Worte sind beide schon vom Boden gehoben, schweben dem Tore zu, durch dasselbe hinaus, dann, wie von einer Windhose gefaßt, wirbelnd nach oben und verschwinden.)

(Ende des zweiten Aufzugs.)

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