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Falsches Geld

Arthur Zapp: Falsches Geld - Kapitel 9
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typefiction
authorArthur Zapp
titleFalsches Geld
publisherHugo Steinitz Verlag
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Achtes Kapitel.

Feldau als Verwandlungskünstler

Kommissar Weigand enthob nun seinen Polizeiagenten der ferneren Observation des Kaumann, die er einem seiner Kriminalschutzleute übertrug, um ihn mit der weit schwierigeren und gefahrvollen Aufgabe zu betrauen, Spangenberg, den Hauptakteur, und, wie es schien, den Anstifter des Münzverbrechens zu beobachten.

Charakteristisch, und ein Beweis von Spangenbergs Schlauheit und kluger Berechnung war es, daß er die Herstellung von kleinem Papiergeld betrieben hatte. Ein weniger erfahrener und vorsichtiger Verbrecher würde wertvollere Scheine, Zwanzig-, Fünfzig- oder Hundertmarkscheine bevorzugt haben, Spangenberg aber hatte sich gesagt, daß der Vertrieb von Fünfmarkscheinen viel gefahrloser war und doch trotz des kleinen Betrages oder gerade wegen desselben schließlich viel einträglicher sein würde, als der von Hundertmarkscheinen. Einen großen Schein sieht sich jeder genauer an, und außerdem konnte ein Schein, der einen so hohen Betrag darstellte, nur in größeren Geschäften gewechselt werden, in denen man naturgemäß besser in der Lage ist, Falsifikate von echten Scheinen zu unterscheiden. Einen Fünfmarkschein aber konnte man jederzeit, auch in den kleinsten Kellergeschäften, umsetzen, und bei dem Wechseln eines so kleinen Scheines machte niemand große Umstände, schließlich konnten Hundertmarkscheine, wenn man nicht von vornherein Verdacht erregen wollte, nur von besser gekleideten Personen verausgabt werden, wodurch die Schwierigkeit des Absetzens wiederum gesteigert worden wäre.

Feldau ging mit großem Eifer und mit dem festen Vorsatz an seine Aufgabe. Umsichtig traf er die Vorbereitungen, die ihm nötig erschienen, um an einen so gewiegten, vorsichtigen und mißtrauischen Verbrecher, wie es Spangenberg offenbar war, heranzukommen. In dem der Bratzschen Wohnung gegenüberliegenden Hause fand sich im zweiten Stockwerk ein freistehendes, möbliertes Zimmer bei einer Witwe, das für seine Zwecke besonders geeignet erschien. Die Wohnungsinhaberin war eine Waschfrau, ohne jeden Anhang, die in der Regel den ganzen Tag über außer dem Hause beschäftigt war, und die zudem weitere Zimmer nicht zu vermieten hatte.

Feldau war also in seinem Zimmer sowohl wie beim Aus- und Eingehen nicht geniert. Er mietete sich also hier ein und gab an, daß er stellungsloser junger Kaufmann wäre. So konnte es nicht auffallen, daß er sich zu verschiedenen Tageszeiten stundenlang zu Hause aufhielt und dann wieder stundenlang abwesend war. Der Vorsteher des betreffenden Polizeireviers wurde von dem wahren Charakter des neu zugezogenen Chambregarnisten diskret verständigt, so daß sich die Anmeldung seitens der Wirtin glatt vollzog.

In kluger Voraussicht aller Eventualitäten brachte der Polizeiagent in seinem Koffer vier besondere Kostüme mit in sein Interimszimmer. Die Uniform eines Post-Unterbeamten, das Kostüm eines Dienstmannes, die Uniform eines Straßenbahnschaffners und ein sehr reduziertes Habit, das ihn als einen jener »Pennbrüder« erscheinen ließ, die allmorgendlich und allabendlich die Königs-Allee und Chaussee unsicher machten, in der sich das städtische Asyl für Obdachlose befand.

Zunächst informierte Feldau sich über die Lebensgewohnheiten seines Observanten. Spangenberg pflegte weit in den Vormittag hinein zu schlafen, und sich überhaupt während des größten Teils des Tages in seinem Zimmer aufzuhalten. An manchen Tagen verließ er das Haus überhaupt nicht, und nur zwei oder dreimal in der Woche ging er in der Abendstunde aus. Natürlich gehörte es zu des Polizeiagenten Aufgabe, Spangenberg in solchen Fällen überallhin zu folgen und auszukundschaften, mit welchen Personen er in Verbindung stand.

Das war bei der gewitzigten und argwöhnischen Verbrechernatur des Observanten keine einfache Sache.

Feldau schlug deshalb ein neues, ihm von seinem Vorgesetzten Kriminalkommissar Weigand empfohlenes Verfahren ein, das dieser schon selbst mehrfach mit Erfolg angewandt hatte.

Bekanntlich ist es sonst üblich, daß die Kriminalbeamten den von ihnen observierten Personen in kurzen Entfernungen folgen. Erfahrene Verbrecher aber wurden es häufig bald gewahr, daß sich einer der gefürchteten und gehaßten »Greifer« an ihre Fersen gehängt hatte, und sie leisteten sich nicht selten das Vergnügen, an einer Straßenecke Halt zu machen und dem ahnungslosen Verfolger, wenn er in die andere Straße einbog, höhnisch ins Gesicht zu lachen. Natürlich war es dann, abgesehen von dem moralischen Nachteil, für den Tag unmöglich, den Observanten weiter zu verfolgen.

Deshalb war Kommissar Weigand auf den Gedanken gekommen, dem Verbrecher, den er beobachten wollte, nicht zu folgen, sondern ihm auf der anderen Straßenseite vorauszugehen und ihn durch gelegentliches vorsichtiges Blicken über die Schulter zu observieren. Schwierig war dieses Verfahren natürlich in hohem Grade und es erforderte viel Vorsicht und Gewandtheit, den Observanten dabei überhaupt nicht aus den Augen zu verlieren. Die Gefahr aber, von dem Verbrecher bemerkt zu werden, lag bei diesem Manöver weniger nahe, denn der Verbrecher, der eine Beobachtung argwöhnte, achtete natürlich mehr auf die Vorgänge hinter seinem Rücken, als auf das, was sich vor ihm abspielte.

Feldau begleitete in dieser Weise den Spangenberg auf allen seinen Gängen und er wechselte dabei mit seinen verschiedenen Kostümen ab. Er stellte fest, daß Spangenberg außerhalb seiner Wohnung nur mit Kaumann und sonst mit keinem anderen Mann zusammentraf. Auch verkehrte der Beobachtete niemals in Verbrecher-Kaschemmen, sondern ausschließlich in besseren Restaurants. Bei solchen Besuchen pflegte Spangenberg oft Begleitung zu haben, und zwar ausschließlich weibliche.

Feldau machte die immerhin interessante Entdeckung, daß Spangenberg ein großer Don Juan war und lebhaften Verkehr mit verschiedenen Damen unterhielt. Der Verbrecher, der keinerlei Erwerb betrieb, hatte viel freie Zeit, die er nun nach seinem Geschmack und seiner Neigung verbrachte. Daß der Don Juan solche Anziehungskraft auf die Frauen ausübte, setzte den Beobachter eigentlich in Verwunderung, denn ein schöner Mann konnte Spangenberg nicht genannt werden, wenn er auch nichts alltägliches hatte, sondern als eine ungewöhnliche Erscheinung gelten konnte, die aber eigentlich mehr Scheu und Furcht zu erregen geeignet war, als Sympathie.

Doch vielleicht machte gerade dieses etwas exotische Exterieur, der Hauch des Geheimnisvollen, Ungewöhnlichen, Fremdartigen, der den Verbrecher umschwebte, ihn interessant und übte auf die sensationslüsternen Damen einen unwiderstehlichen Reiz aus. Oder waren andere Gründe vorhanden, die dem Verteiler der falschen Geldscheine die Gunst der Frauen gewann? Besaß er unter ihnen Helferinnen, Mitschuldige?

Natürlich ließ es sich Feldau mit Hilfe der von seinem Vorgesetzten dazu beorderten Kriminalbeamten angelegen sein, sich über diese wichtige Frage Gewißheit zu verschaffen. Es ließ sich aber unschwer feststellen, daß die betreffenden Damen in dieser Hinsicht nicht in Betracht kommen konnten.

Zur Überraschung der Beamten ergab sich, daß alle diese offenbar in den Don Juan aufrichtig verliebten Damen unbescholtenen, guten Bürgerfamilien, ja, zum Teil den höheren Gesellschaftsschichten angehörten. Die verliebten, abenteuerlustigen Schönen hatten sicherlich nicht die geringste Ahnung, daß sie ihr Interesse einem ehemaligen Zuchthäusler, dem Genossen eines Falschmünzers, schenkten.

Feldau machte ferner die Wahrnehmung, daß Spangenberg viele Briefe erhielt. Seine Vermutung, daß das zumeist zärtliche Billetsdour waren, erwies, sich in der Folgezeit als richtig. Ein neuer Beweis für Spangenbergs außerordentliche Vorsicht lieferte die weitere Beobachtung, daß der Verbrecher selbst nie einen der von ihm doch in Generalvertrieb genommenen falschen Fünfmarkscheine verausgabte. Er zahlte seine und seiner Begleiterinnen Zeche stets mit gutem Gelde, und auch bei seinen gelegentlichen Einkäufen in Zigarrenläden und anderen Geschäften gab er nie, wie der Polizeiagent ebenfalls feststellte, einen der falschen Scheine in Zahlung. Da Spangenberg aber, außer mit Kaumann, nie mit anderen Männern in Berührung kam, so blieb es ein Rätsel, wie er in den Besitz der Falsifikate gelangte. Mit dem Falschmünzer hatte er offenbar keine direkte Verbindung. Wer war die Mittelsperson, die als Bote zwischen dem Hersteller des Falschgeldes und seinen »Generalagenten« tätig war?

Allem Anschein nach traf er mit diesem noch zu ermittelnden Vermittler und mit anderen Komplizen innerhalb der Bratzschen Wohnung zusammen.

Feldau mußte deshalb unter allen Umständen versuchen, Zutritt zu dieser Wohnung zu erlangen. Das war natürlich leichter beschlossen als ausgeführt. So sehr Feldau auch über dieses Problem nachsann, es bot sich nur ein Mittel, sein Vorhaben zur Ausführung zu bringen. Aber dieses eine Mittel behagte dem jungen Mann wenig. Das Bratzsche Ehepaar stand im Lebensalter von einigen dreißig Jahren und hatte drei Kinder zwischen 4 und 8 Jahren. Zu den weiteren Angehörigen des Bratzschen Haushaltes gehörte außer Spangenberg nur noch ein Dienstmädchen. Minna war bereits zwei Jahre älter, als der im 26. Lebensjahre stehende Polizeiagent, und ihre körperlichen Reize waren auch nicht geeignet, eine besondere Anziehungskraft auf die Männerwelt auszuüben. Dazu kam, daß Feldau verlobt und seiner Käthe mit größter Innigkeit zugetan war.

Käthe Wagner war die Tochter eines ehrsamen Tischlermeisters, der durch große Lieferungen für Bauten ein kleines Vermögen erworben hatte. Der alte Wagner hatte erst nach langem Widerstreben der Bitte des verliebten Töchterchens, das erst 20 Jahre zählte, nachgegeben und in die Verlobung mit dem wenn auch tüchtigen und soliden, aber doch völlig mittellosen jungen Schlossers eingewilligt.

Sehr ärgerlich war Wagner gewesen, als Feldau plötzlich seine Stellung als Kassenbote aufgegeben und in Polizeidienste getreten war.

Feldau liebte zwar sein Mädchen sehr, und war gern bereit, ihr zuliebe alles Mögliche zu tun. Seiner eigenen Neigung aber aus Rücksicht auf ein, wie ihm schien, unberechtigtes Vorurteil seines Schwiegervaters Zwang anzutun, das litt sein männliches Selbstgefühl nicht. Aber freilich, vor dem Gedanken, was die Eltern Käthes und was diese selbst sagen würden, erführen sie durch einen Zufall, daß er einen Liebeshandel mit einem Dienstmädchen angeknüpft hatte, graute ihm doch.

Dennoch blieb kein anderer Weg zu genaueren Erkundigungen über die Verhältnisse der Familie Bratz, über ihre Besucher, über die Einteilung der Wohnung und schließlich in diese selbst zu gelangen, als ein Liebesverhältnis mit dem Dienstmädchen Minna.

Feldau mußte wohl oder übel in den nicht eben rotwangigen sauren Apfel beißen und sich an Minna heranmachen.

Er tat dies in der Maske eines unverheirateten Straßenbahnschaffners und Minna zeigte sich nichts weniger als unzugänglich. Der hübsche, flotte, junge Mann in der kleidsamen, graugrünen Uniform gefiel ihr ausnehmend, dazu kam die schöne Aussicht, endlich einmal des nicht angenehmen Loses überhoben zu werden, unter fremden Menschen ihr Brot zu suchen und sich die Launen der Hausfrau und die Ungezogenheiten der Kinder gefallen lassen zu müssen. Als Frau eines festangestellten Straßenbahnschaffners winkte ihr die Selbständigkeit, ein eigener häuslicher Herd, und die sonstigen Freuden der Liebe und Ehe, die damit verknüpft waren, ließen natürlich ihr warm empfindendes, sehnendes Mädchenherz nicht gleichgültig.

Feldau brachte zunächst allerlei über Bratz in Erfahrung, das für ihn von höchstem Interesse war.

Bratz hatte früher eine kleine Bäckerei besessen, hatte aber nicht bestehen können und deshalb wieder als Geselle eintreten müssen. Das hatte ihm aber auf die Dauer nicht behagt, und er hatte sich auf einen Erwerb gelegt, der wenig anstrengend war und nur wenig Mühe und Zeit in Anspruch nahm, der aber ungesetzlich und deshalb gefahrdrohend war.

Feldau wußte bereits aus gelegentlichen Äußerungen seiner Polizei-Kollegen, daß die Bäcker zumeist, leidenschaftliche Hasardspieler sind. Ihre unregelmäßige Lebensweise trägt wohl dazu bei, daß den jungen Leuten, die sich diesem Berufe widmen, die Leidenschaft für das Spiellaster bald in Fleisch und Blut übergeht.

Die Bäcker arbeiten bekanntlich des Nachts. Den Vormittag über schlafen sie und nur des Nachmittags bis etwa zur neunten Abendstunde können sie ihren Hang nach Zerstreuung und Vergnügen befriedigen. In den öffentlichen Lokalen und Herbergen zu spielen, ist zu gefährlich, und so frönen die Bäcker ihrer Leidenschaft für das Hasard am liebsten in der Wohnung des älteren Gesellen, den sie dann den »Spielbooß« nennen. Zu einer solchen Spielbank werden nur die dem »Booß« oder seinen Freunden bekannten Bäckergesellen zugelassen. Ab und zu werden solche Bäcker-Spielgesellschaften von der Polizei aufgehoben.

In den meisten Fällen hält der »Booß« die Bank selbst, zuweilen aber hat er auch einen »Zocker«, d. h. einen Bankhalter, mit dem er selbstverständlich unter einer Decke steckt, denn fast immer wird falsch gespielt, und zwar mit präparierten Karten.

Ein solcher »Spielbooß« war auch Bratz, der Schwager Spangenbergs. In dem großen Vorderzimmer der Bratzschen Wohnung, neben dem Spangenbergs Zimmer lag, versammelte sich jeden Nachmittag und Abend eine Gesellschaft von etwa 90 Personen, um gemeinschaftlich das Glück im Spiel zu versuchen.

Die armen Bäckergesellen ahnten nicht, daß sie wenig oder gar keine Chancen hatten, zu gewinnen, denn nicht das Glück, d. h. der Zufall, entschied über Gewinn und Verlust, sondern die geschickte Hand des »Zockers«.

Feldaus höchster Wunsch war, persönlich einen Einblick in die Bratzschen Verhältnisse zu gewinnen. Zutritt zu der Wohnung selbst und zu dem Spielzimmer zu erlangen, erschien allerdings kaum möglich denn Minna hatte ihm mitgeteilt, daß besonders in den Abendstunden die Korridortür und jeder Eintretende von Bratz oder seiner Frau kontrolliert wurden.

Die Wohnung bestand aus vier Zimmern und der Küche. Außer den beiden Vorderzimmern gab es noch zwei Schlafzimmer, eins für die Eheleute, das andere für die Kinder. Neben dem letzteren lag die Küche, die dem Dienstmädchen auch als Schlafraum dienen mußte.

Feldau äußerte eines Nachmittags, in der Dämmerstunde mit Minna in der Belforter Straße in seiner Straßenbahneruniform promenierend, den Wunsch, der Geliebten einen Besuch in der Küche abzustatten. Noch nie waren sie außer auf der Straße oder in der nahen Allee zusammengetroffen, denn des Abends hatte Minna niemals Ausgang, da sie wegen des Besuches der Spieler immer zur Verfügung stehen mußte, wenn sie selbst auch natürlich das Spielzimmer nicht betreten durfte. An einem gelegentlichen Sonntags-Ausgang Minnas hatte der Pseudo-Straßenbahnkondukteur nicht teilnehmen können, angeblich, weil er gerade Sonntags immer dienstlich verhindert war.

Minna schmiegte sich zärtlich in den Arm, den der neben ihr Schreitende galant um ihre Taille geschlungen hatte. Die Glut freudigster Erregung schlug ihr ins Gesicht.

»Ach, Liebster!«

Sie hielt unwillkürlich, ganz den in ihr wogenden Gefühlen hingegeben, ihre Schritte an und lehnte selig ihr Haupt an seine Schulter.

Dem Polizeiagenten war bei diesem Zärtlichkeitsausbruch auf offener Straße wenig behaglich. Instinktiv warf er einen besorgten Blick um sich. Diese Spaziergänge auf der Straße und in der nahen Allee waren ihm immer sehr peinlich, und mit geheimen Schauder erwog er immer die Möglichkeit, einmal in einer solchen Situation von seiner Braut gesehen zu werden. Ihre Eltern wohnten in demselben Stadtviertel und er wußte aus ihren Mitteilungen, daß sie häufig des Nachmittags eine Freundin, deren Eltern in einem der ersten Häuser der Königs-Allee ihre Wohnung hatten, besuchte. Wie leicht konnte sie auf dem Heimgang die Belforter Straße passieren und ihm begegnen!

Ein paar Sekunden lang mußte er ja anstandshalber stillhalten, dann löste er den Kopf der verliebten Minna von seiner Schulter.

»Komm!« sagte er. »Es ist kalt und die Leute werden schon aufmerksam.«

Minna zog eine Schmollmiene. Ihr war ganz warm, und vor den Leuten genierte sie sich gar nicht, war es denn ein Verbrechen, eine Schande, von einem so netten und anständigen Menschen, wie der Straßenbahnschaffner war, geliebt zu werden und seine Liebe zu erwidern? Im Gegenteil! Sie empfand nur Stolz und Genugtuung, wenn ein Vorübergehender den Blick auf sie und ihren Begleiter warf.

Feldau aber zog sie am Arm mit sich, der dunkleren Allee zu.

»Also, wie ist's, Minna: kann ich einmal kommen?«

Sie seufzte.

»Ach, es wäre ja so schön, Fritz, aber wie sollst du bloß reinkommen? Einen Hintereingang hat unsere Wohnung nicht und von vorn läßt dich der Alte nicht ein.«

Der Pseudo-Straßenbahnschaffner lachte unbesorgt.

»Ich steige einfach durchs Fenster!«

Minna schrak zusammen, aber es war ein angenehmer Schreck. Soviel Glut und Leidenschaft hatte sie ihm gar nicht zugetraut, im Gegenteil, er war ihr im Gegensatz zu der hellodernden Flamme ihres Liebesgefühls immer viel zu wenig leidenschaftlich, viel zu wenig begehrlich.

»Wie stürmisch du bist, Fritz!«

Der Pseudo-Liebhaber verbarg ein ironisches Lächeln.

»Ja, man liebt eben, oder man liebt nicht. Einen Verliebten, der sein Schätzchen besuchen will, schreckt nichts zurück.«

»Aber wenn's einer merkt,« wandte sie berauscht und halb überwunden ein.

»Wer soll's denn merken? Um sechs ist's doch schon dunkel. Ich passe auf, und wenn's still ist auf dem Hof, dann klettere ich eben auf den Fenstersims. Ein Glück, daß deine Herrschaft parterre wohnt. Du stehst am Fenster, öffnest und husch – bin ich bei dir. Das ganze dauert nicht länger als eine Minute. Und dann, Minna, sind wir allein – endlich allein!«

Feldau verdrehte seine Augen und spitzte den Mund. Minna lächelte glücklich; ihre lebhafte Frauenphantasie spiegelte ihr allerlei Süßigkeiten vor. Sie hatten sich eigentlich nie so recht von Herzen küssen können.

»Wann willst du denn kommen?« hauchte sie.

»Morgen,« fuhr es Feldau heraus, der vor Ungeduld glühte, endlich einmal die Höhle des Fuchses Spangenberg betreten zu können. Vielleicht verhalf ihm der Zufall zu irgend einer wichtigen Beobachtung.

Minna sah ihren Liebhaber erstaunt an.

»Wenn du heute einen freien Nachmittag hast, kannst du dich doch nicht morgen schon wieder freimachen.«

Der Polizeiagent erkannte, daß er sich von seinem Eifer allzu sehr hatte beherrschen lassen. Doch er fand rasch einen Ausweg, und Minnas Arm liebevoll drückend, meinte er:

»Weißt du, ich habe Bange, es könnte dir wieder leid werden und dann –« er legte wieder seine Rechte um die Taille der neben ihm Schreitenden – »ich kann's gar nicht erwarten, einmal mit dir ein Stündchen ungestört beisammen zu sein. Mit einem guten Wort und ein paar Mark kann ich unter den Kollegen leicht einen Stellvertreter finden.«

Minna war sehr gerührt. Wie lieb er sie doch haben mußte!

»Also schön, dann komme morgen! Um halb sieben! Ich passe auf. Ach, Fritz!«

Sie sah ihn zärtlich an, strahlend im Vorgefühl der erwarteten Freude; ihre Lippen spitzten sich verlangend. Feldau, froh, so nahe am Ziel zu sein und von der Absicht geleitet, sie bei guter Laune zu erhalten, zog sie an seine Brust, und im nächsten Moment fühlte er auch bereits ihre Lippen auf den seinen.

Sie waren gerade an der Ecke, wo die Belforter Straße in die Königs-Allee mündete, angekommen. Die Gasglühlichtlaternen beleuchteten hell ihre beiden Gesichter. In ihrem beiderseitigen, freilich verschiedenen Ursachen entspringenden Freudenrausch hatten sie die leicht heranhuschenden Schritte einer eilig schreitenden Mädchengestalt nicht wahrgenommen. Jetzt schreckte ein halblauter Schrei sie auf.

Feldau blickte, nichts Gutes ahnend, auf. Drei Schritte vor ihm und seiner Dulzinea sah er Käthe Wagner, seine Braut. Sie stand wie zu Stein erstarrt; nur in ihren flackernden Blicken verriet sich fieberhaft erregtes Beben.

Im ersten Moment war auch er wie vom Donner gerührt. Aber er faßte sich schnell.

»Komm!« flüsterte er der nichts ahnenden Minna zu, deren Blicke verzückt auf dem Geliebten weilten und nichts anderes sahen. »Du mußt nach Hause. Es ist höchste Zeit.« Er zog sie wieder mit sich. Minna wollte protestieren. Aber er ließ sie nicht zu Worte kommen.

»Willst du uns alles verderben?« redete er hastig und dringlich auf sie ein. »Willst du deine Herrschaft mißtrauisch machen? Morgen sehen wir uns ja wieder.«

Das leuchtete ihr auch ein.

»Du hast recht. Also auf morgen! Halb sieben! Auf Wiedersehen, Schatz!«

Er nickte; Minna eilte auf die andere Straßenseite hinüber und war gleich darauf in einem der nächsten Häuser verschwunden. Feldau drehte sich um. Käthe stand noch immer auf derselben Stelle. Im Nu war er an ihrer Seite.

»Käthe!«

Sie hob die Augen, aus denen helle Tränen herabströmten. Noch einmal nahm sie ihn ganz in Augenschein. Sie hatte sich also nicht geirrt. Er war es, war es wirklich! Heißer Schmerz, tiefste Entrüstung zuckten in ihren Mienen. Ihre Bewegung war so groß, daß sie nur das eine Wort über die Lippen zu bringen vermochte, das ihren Empfindungen prägnanten Ausdruck gab.

»Pfui!«

»Aber, Käthchen, du denkst doch nicht etwa im Ernst, daß –«

Sie unterbrach ihn.

»Ich habe genug gesehen, ich brauche nicht erst zu denken.«

Sie sah so vergrämt und verstört aus, daß es ihm in die Seele schnitt. Niemals hatte er so stark und überzeugend empfunden, daß er sie mit aller Kraft seines Herzens liebte.

»Käthchen, sei doch gut, sei doch vernünftig,« suchte er sie zu beruhigen. »Ich werde dir ja alles erklären.« Er faßte bittend ihre Hand, zog sie unter seine Arme und kehrte mit ihr in die Allee, von der sie gekommen war, zurück.

Sie war zu schwach, um ihm widerstehen zu können, wenn sie auch krampfhafte Anstrengungen machte, sich von ihm zu befreien. Er sprach mit der ganzen Beredsamkeit seiner Liebe und seines guten Gewissens auf sie ein. Er setzte ihr auseinander, daß er lediglich aus Berufsinteressen Anschluß an das Mädchen gesucht hatte.

»Und den Kuß!« wandte sie bitter und spöttisch ein. »Hast du ihr den auch im Berufsinteresse gegeben?«

Die Frage setzte ihn allerdings in Verlegenheit.

Er zuckte mit der Schulter.

»Ein Genuß war es nicht,« versuchte er sich scherzend zu helfen. »Das kannst du mir glauben, Käthe.«

»Damit willst du dich doch nur herausreden,« entgegnete sie, noch immer in größter Erregung und Bitterkeit. »Wenn dir's kein Vergnügen gemacht hätte, hättest du sie ja nicht zu küssen brauchen.«

»Ich habe sie ja gar nicht geküßt, Käthe, sondern sie mich.«

»Willst du dich noch über mich lustig machen? Und willst du vielleicht behaupten, daß sie deine Bekanntschaft gesucht hat und du nicht ihre? Unter einer Verkleidung hast du dich ihr genähert, wahrscheinlich, um leichter bei ihr Gehör zu finden.«

Sie bemühte sich von neuem, sich loszumachen, aber er hielt sie fest. Dann setzte er ihr auseinander, daß er natürlich nicht in seiner wirklichen Eigenschaft als Polizeibeamter hätte auftreten können, und warum es sein Bestreben sein mußte, sich das Mädchen gefügig zu machen. Er nannte der erregt Zuhörenden keinen Namen und ging auch auf die Falschmünzerangelegenheit nicht ein. Nur soviel sagte er, daß er sich in dienstlichem Interesse Eingang in die Wohnung der Herrschaft des Mädchens verschaffen müßte und daß er nur deshalb allein den Galanten spiele.

»Also besuchen willst du sie auch noch und ich soll damit zufrieden sein!«

»Aber was soll ich denn tun, Käthchen?«

»Deinen Vorgesetzten bitten, daß er dich durch einen Kollegen ablösen läßt.«

Heißer Unwille schoß in Feldau empor.

»Ich werde mich hüten,« versetzte er heftig. »Damit einem andern die Frucht meiner bisherigen Bemühungen und Erfolge in den Schoß fällt! Ich soll mich vor meinem Vorgesetzten blamieren und meinem ganze Karriere in Frage stellen. Das kannst du nicht von mir verlangen.«

Aber Käthe Wagner war nicht weniger erzürnt und empört.

»Und du kannst nicht verlangen, daß ich zusehe, daß du andere Mädchen besuchst und sie küssest und herzest.«

Er biß sich ärgerlich auf die Lippen.

»Ich verspreche dir, daß ich so zurückhaltend wie möglich sein werde.«

Sie lachte grell.

»Das sagst du jetzt. Und nachher, wenn sie sich dir an den Hals hängt? Nein, nein!« Die Eifersüchtige stampfte zornig mit dem Fuß auf. »Das lasse ich mir nicht gefallen. Und wenn du mir nicht versprichst, daß du das Mädchen nicht besuchen wirst, und daß du diese ganze Geschichte aufgibst, dann –«

»Nun, dann, Käthe?«

»Dann kann ich mich nicht mehr als deine Braut betrachten.«

Der junge Mann fuhr erschrocken zurück.

»Aber Käthe! Das kann doch nicht dein Ernst sein? Bedenke doch, was für mich auf dem Spiel steht!«

»Und für mich? Ich könnte dir nie mehr vertrauen. Immer würde es mir vor den Augen stehen, wie du dich mit diesem Mädchen – einem Dienstmädchen – geküßt hast.«

Feldau preßte seine Hände gegeneinander. Der Ärger wollte ihn übermannen.

»Das ist ja dummes Zeug. Wenn deine Liebe nicht einmal eine so kleine Probe bestehen kann!«

»Und deine?« versetzte sie prompt und redete sich immer tiefer in ihre Erbitterung hinein. »Aber es scheint, daß dir an der Person mehr liegt, als an mir.«

»Du bist eine Närrin –« brauste er auf.

»Und du bist ein – ein Don Juan, ein gewissenloser Mensch. Da – hier!« Sie zerrte den Verlobungsring vom Finger. »Da – nimm!«

»Käthchen!« schrie er zornig und schmerzlich zugleich.

»Versprichst du mir, daß du –«

»Nein!«

»Dann – dann ist es aus mit uns. Da!«

Sie warf den Ring zu Boden und lief in größter Aufregung davon. Er bückte sich und hob den Ring auf, dann kämpfte er mit der Regung, ihr nachzueilen, und seiner Empörung über ihre Unvernunft und über die Raschheit, mit der sie sich von ihm losgesagt hatte. Die letztere siegte. Mit Gewalt würde er sich ihr nicht aufdrängen, und wenn sie imstande war, ihn so leichten Herzens aufzugeben, dann liebte sie ihn eben nicht, und wenn sie ihn nicht liebte, mochte er sie auch nicht.

Er schlich sich, wie immer, vorsichtig in sein Zimmer hinauf. Seine Wirtin war noch nicht zu Hause. Rasch entkleidete er sich, um seinen gewöhnlichen Anzug anzulegen. Den ganzen Abend über ging ihm die Sache im Kopf herum, und fast die ganze Nacht hindurch wälzte er sich schlaflos in seinem Bett. Sein Ärger verrauschte mehr und mehr und Schmerz und Trauer nahmen immer ausschließlicher von ihm Besitz. Hundert kleine Erinnerungen wurden in ihm lebendig, unzählige Beweise ihrer hingebenden großen Liebe, und gerechtere Erwägungen erwachten in ihm.

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