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Falsches Geld

Arthur Zapp: Falsches Geld - Kapitel 7
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typefiction
authorArthur Zapp
titleFalsches Geld
publisherHugo Steinitz Verlag
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Sechstes Kapitel.

Der Klempner wird von Kaumann zum Vertrieb falscher Fünfmarkscheine angeworben

Am nächsten Abend stellte sich der arme Klempnergeselle wieder in der Kaschemme in der Weberstraße ein, in der man ihn so freundlich bewirtet hatte. Auch Kaumann war bereits anwesend und nickte dem Eintretenden freundlich zu. Der Klempner bestellte sich wieder einen billigen Kornschnaps und stützte wieder mit trübseliger Miene den Kopf auf.

»Na, alter Freund –« tönte plötzlich eine laute Stimme in sein Ohr, »wie steht's denn? Ist's nun mit der Arbeit vorbei?«

»Husaren-Wilhelm«, alias Kaumann, stand vor ihm, zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor und setzte sich.

Er bestellte eine große Weiße und die obligaten Schnäpse dazu und lud den Klempner ein, zu trinken.

Der griff erfreut zu und tat einen tiefen Zug, um die Gelegenheit, auf eines andern Kosten sich gütlich zu tun, ordentlich wahrzunehmen. Dann gab er dem Fragenden Antwort. Die Klempnerarbeit auf dem Neubau sei beendet, der Meister habe ihn entlassen, da vorläufig nichts zu tun sei. Nun könne er wieder, wie gewöhnlich im Winter, den Schmachtriemen anziehen.

Kaumann tröstete. Ein junger, starker Kerl wie er würde schon bald etwas finden. Bis dahin würden wohl die Verwandten und guten Freunde helfen.

Der Klempner aber lachte bitter. Ihm gäbe kein Mensch auch nur einen Pfennig, Verwandte habe er in der Stadt nicht, und die guten Freunde stellten sich nur ein, wenn es was zu nassauern gäbe; sei man aber selber in der Not, dann machten sie sich höllisch rar.

Kaumann hörte mit sichtlichem Interesse den Klagen seines neuen Bekannten zu und erkundigte sich teilnehmend nach seinen weiteren Verhältnissen. Der Klempner, der offenbar froh war, daß er einmal einen uneigennützigen Menschen getroffen hatte, der ein bißchen Interesse an ihm nahm, schüttete ihm sein ganzes Herz aus. Kaumann lächelte im stillen. Das war wirklich einmal ein naiver Mensch, der sich von dem ersten besten, der ein freundliches Wort an ihn richtete, sozusagen bis aufs Hemd ausfragen ließ ...

Täglich sprach der Klempner von da ab in der »Hölle« vor, und auch Kaumann war immer anwesend, und fast jedesmal traktierte er den armen Teufel, der von Tag zu Tag eine kläglichere Miene zeigte und immer noch keine Arbeit hatte, mit einem Glase Bier oder Schnaps. Ab und zu ließ er ihm auch eine belegte Stulle oder gar eine warme Wurst mit Kartoffelsalat geben, die dann der Klempner mit einem wahren Heißhunger und in unglaublich kurzer Zeit verputzte.

Auf Kaumanns Frage erzählte er, daß er seine Uhr und seine Ausgehkluft bereits versetzt habe, um sich über Wasser zu halten, und wenn er nicht bald Arbeit fände, dann wisse er nicht, was beginnen.

So verstrichen nahezu zwei Wochen. Eines Abends zeigte sich der Klempner besonders niedergeschlagen. Er war wie gebrochen und tat ganz verzweifelt. Seine Schlafstellenwirtin, der er schon seit zwei Wochen kein Schlafgeld mehr gezahlt, habe ihm erklärt, wenn er nicht in spätestens drei Tagen Zahlung leiste, würde er an die Luft gesetzt. In drei Tagen also läge er auf der Straße und dann bliebe ihm nur noch der Strick oder ein Sprung ins Wasser. Als obdachloser Mensch, als Vagabund vegetieren? Nein, lieber gleich von hinnen!

Über Kaumanns Gesicht zuckte ein Strahl der Befriedigung. Im nächsten Moment legte er dem neben ihm Sitzenden seine Hand beruhigend auf die Schulter. Der Klempner solle nur ruhig sein. Er werde ihn nicht verlassen. Dann ließ er dem armen Teufel etwas zu essen geben und zuletzt forderte er ihn auf, ihn zu begleiten. Sie hätten ja wohl denselben Weg und könnten ein Stück zusammengehen. Außerdem habe er ihm etwas zu sagen. Er wisse ein Mittel, seine – des Klempners – Not für immer ein Ende zu machen.

Der Klempner drückte dem Mitleidigen dankend die Hand und folgte willig. Auf der Straße schritten sie eine Weile schweigend nebeneinander, der eine abwartend, mit gesenktem Haupt, der andere überlegend und – wie es schien – mit einem Entschluß ringend. Plötzlich kehrte er sein Gesicht dem Gefährten zu.

»Ich habe Vertrauen zu Ihnen,« redete er den aufhorchenden, seinen Blick erhebenden Klempner an, »und möchte Ihnen helfen. Sie tun mir leid, wahrhaftig! Aber Vertrauen gegen Vertrauen! Zuerst müssen Sie mir eine Frage beantworten, aber offen und ohne Scheu. Haben Sie schon mal einen Konflikt mit dem Gesetz gehabt – ja?«

Der Klempner schien ganz verdutzt und erschrocken.

»Ich weiß nicht, wie – wie Sie das meinen,« stotterte er, während seine Augen scheu und verlegen blinzelten.

Kaumann gab ihm einen freundschaftlichen Rippenstoß.

»Na, alter Freund, Sie verstehen mich schon. Nur heraus mit der Sprache! Ich seh's Ihnen ja an Ihren Mienen an. Sie wissen, wie einem zu Mute ist, wenn einen die ›Polente‹ packt und wenn man dann vom Richter ›verknaxt‹ und hinter schwedische Gardinen gesteckt wird. Habe ich recht?«

Aber der Klempner machte eine abwehrende Geste und wollte den Gekränkten spielen. Doch der andere lachte ihn aus.

»Tun Sie doch nicht so! Ach so, Sie genieren sich wohl vor mir und denken, ich werde gleich ein Grauen vor Ihnen kriegen und ausreißen. Im Gegenteil! Ich weiß ja aus eigener Erfahrung, wie leicht einem so was passieren kann.«

Der Sprechende lachte wieder laut auf, als er die erstaunte, überraschte und erschrockene Miene des Klempners sah.

»Jawohl –« bestätigte er. »Wie Sie mich hier sehen, bin ich schon dreimal Staatspensionär gewesen. Damals war ich ein dummer Kerl – wegen Betrug haben sie mich gekappt. Ich hatte die Sache zu ungeschickt angefangen. Heute aber sollen Sie mich nicht mehr kriegen. Aber nun will ich mal erst von Ihnen reinen Wein eingeschenkt haben. Wenn Sie mir nicht vertrauen, traue ich Ihnen auch nicht. Und dann kann ich Ihnen nicht helfen, so leid Sie mir tun.«

Der Klempner würgte und schluckte. Das Bewußtsein seiner verzweifelten Tage und die Offenherzigkeit des andern schienen endlich seine Scheu zu besiegen.

Also ja – er habe einmal vier Wochen und das zweite Mal drei Monate abgemacht. Das erste Mal wegen einer Schlägerei, das zweite Mal habe er von einem Neubau was mitgehen heißen. Da läge soviel herum, man brauche nur zuzugreifen. Eigentlich wäre es Sünde, einen armen Menschen so in Versuchung zu führen.

Kaumann lächelte.

Drei Monate! Einfacher Diebstahl! Das sei gar nichts. Er habe das letzte Mal zwei Jahre abgeschoben. Aber jetzt habe er etwas ganz Feines im Gange und wenn der Klempner wolle, werde er ihn an der Sache beteiligen. Sechs, nein zehn Mark den Tag könne er dabei verdienen.

Der Klempner geriet förmlich in Ekstase. Zehn Mark den Tag! Nie im ganzen Leben hätte er geglaubt, daß ein einfacher Handwerksgesell soviel Geld verdienen könne. Zehn Mark! Dafür würde er gern schuften vom frühen Morgen bis zum späten Abend und seine Knochen nicht schonen, und wenn er gleich Blut dabei schwitzen müsse.

Aber Kaumann schüttelte mit dem Kopf und zeigte eine geringschätzige, verächtliche Miene.

Arbeiten? Na, so dumm! Mit ehrlicher Arbeit sei nichts zu verdienen. Mit der Ehrlichkeit könne einer ganz gut verhungern. Das wisse doch der Klempner aus eigener Erfahrung. Er für sein Teil sei nicht so dumm, sich für andere zu plagen, und dabei nicht mal soviel zu ergattern, um davon anständig leben zu können. Nein, da wisse er was Besseres, Bequemeres.

Dabei griff er in seine Tasche und zog einen Geldschein heraus, entfaltete ihn und reichte ihn dem Klempner. Mit verschmitzter Miene sagte er zu dem erstaunt und begierig Zugreifenden: »Was ist das?«

Der Klempner trat an die nächste Laterne und betrachtete den Schein aufmerksam. Seine Augen blitzten wie im Triumph. Darauf drehte er sich zu dem hinter ihm Stehenden um und entgegnete gelassen, anscheinend gänzlich verständnislos:

»Das ist ein Fünfmarkschein.«

»Ist Ihnen nichts daran aufgefallen?«

»Aufgefallen? Nein! Was sollte mir denn daran auffallen?« versetzte der Klempner, arglos wie ein Kind.

Der andere aber zeigte ein geheimnisvolles Gesicht. Darauf sagte er mit lächelnder, pfiffig-überlegener Miene:

»Wieviel wollen Sie davon haben? Sie brauchen bloß zu sagen. Zehn, hundert, zweihundert? Ich lasse sie Ihnen alle per Stück mit drei Mark.«

Der Klempner riß Mund und Augen weit auf, schüttelte mit dem Kopf und sah seinen Begleiter mißtrauisch an. Er wolle sich doch bloß einen Spaß mit ihm machen. Einen Fünfmarkschein für drei Mark? Das sei doch ganz ganz unmöglich. Da müsse er doch zwei Mark dabei verlieren.

Aber der andere lächelte verschmitzt und versetzte dem ungläubig Dreinschauenden einen sanften Rippenstoß. Ob er denn nicht Lunte rieche? Die Sache sei doch ganz einfach und die Lösung des Rätsels läge doch sehr nahe. Damit beugte sich der Sprechende zu dem Ohr des wie erstarrt Dastehenden hinab. Das seien doch natürlich keine echten, sondern nachgemachte Scheine. Aber beileibe keine sogenannte Blüten, denen jeder auf drei Schritte Entfernung bereits ansähe, was mit ihnen los sei. Nein, diese Scheine da seien von einem echten kaum zu unterscheiden. Es müsse einer schon gut Bescheid wissen und scharf nachsehen, wenn er erkennen wolle, daß es sich um nachgemachtes Geld handele. Der Klempner liefe gar keine Gefahr, wenn er wolle, könne er von nun an ein herrliches Leben führen, ohne auch nur eine Hand zu rühren. Er brauche nur alle Tage ein paar Stunden spazieren zu gehen und ab und zu in einen Laden eintreten, um eine Kleinigkeit zu kaufen, und dabei einen der Fünfmarkscheine wechseln.

Aber der Klempner schien sehr betreten und bestürzt. Mit schreckensvollen Augen schaute er den Versucher an. Dann äußerte er stammelnd, verwirrt, wie betäubt, daß das eine zu brenzliche Sache wäre. Darauf stände doch Zuchthaus. Nein, davor habe er viel zu viel Furcht.

Kaumann aber setzte seine Überredungskünste mit Eifer fort. Er solle doch nicht ein so furchtsamer Hase sein. Wenn er die Sache nur einigermaßen geschickt anfange, und vor allem sicher und ruhig aufträte, könne ihm im ganzen Leben nichts passieren. Freilich, wenn er vorziehe, sich von seiner Wirtin aufs Straßenpflaster setzen zu lassen, im Asyl zu übernächtigen und am Tage als Fechtbruder sein bißchen Essen vor den Türen zusammenzubetteln, dann wolle er ihn nicht davon abhalten. Er, Kaumann, habe ihm ja nur einen Gefallen erweisen und ihm ein Leben voll Freude und Herrlichkeit eröffnen wollen. Er solle sich das mal vorstellen: Ein hübsches Zimmer könne er sich mieten, anstatt in einer schmutzigen, plundrigen Schlafstelle zu liegen, sich fein kleiden, die besten Restaurants besuchen, sich an den schönsten Speisen satt essen, trinken nach Herzenslust, kurz, ein Leben wie ein Baron führen, denn er habe ja immer die Tasche voll Geld. Ob er denn nicht das Märchen vom »Tischlein, deck dich« kenne? Geradeso wäre er daran, wenn er zugriffe.

Da endlich hob der Klempner wieder sein Gesicht, auf dem nur noch ein Rest schwachen Widerstrebens zuckte. Ob denn die Sache wirklich nicht gefährlich wäre?

»Nicht die Spur –« entgegnete der andere eifrig. »Wenn Sie z. B. in feiner Kleidung in einen Zigarrenladen treten, fordern ein halbes Dutzend Zigarren, 10 Pf. das Stück, und werfen so ganz nonchalant einen Fünfmarkschein auf den Ladentisch, – glauben Sie, daß der Verkäufer dann den Geldschein erst genau untersuchen wird? Fällt ihm gar nicht ein! Er legt ihn einfach in die Kasse und zahlt Ihnen ohne weiteres 4,40 Mk. auf den Tisch. Aber selbst, wenn wir den ganz undenkbaren Fall annehmen, der Kaufmann erkennt, daß der Schein falsch ist, dann ist auch noch nichts verloren, dann stellen Sie sich einfach erstaunt und entrüstet, schimpfen auf den Kerl, der Ihnen das falsche Geld in die Hand geschmuggelt hat, stecken den Fünfmarkschein ein und erklären, sofort Anzeige bei der Polizei erstatten zu wollen, und legen für die Zigarren sechs Nickel auf den Tisch. Glauben Sie, daß der Ladeninhaber Lärm schlagen und sich zeitraubenden Weiterungen aussetzen wird? Der steckt die sechs Groschen ein und für ihn ist die Angelegenheit erledigt.«

Die Augen des Klempners leuchteten, er nickte. Das schien ihm einzuleuchten.

»Sie haben recht!« rief er entschlossen. »Der Teufel soll mich holen, wenn ich länger solch ein Esel bin und am Hungertuch nage, wenn mir eine so schöne Gelegenheit geboten wird, endlich einmal den ganzen Jammer loszuwerden. Ja, ich will auch einmal kennen lernen, wie es ist, wenn man die Tasche voll Geld hat und aus dem Vollen leben kann. Abgemacht, ich bin Ihr Mann!«

Kaumann ergriff die ihm von dem Klempner, der jetzt ganz Feuer und Flamme war, gebotene Hand und drückte sie herzhaft.

»Na, also! Ich hab's ja gewußt.«

Darauf faßte er in seine Rocktasche und brachte ein kleines Paket – lauter Fünfmarkscheine – zum Vorschein und zählte davon zehn Stück ab.

»Also dann sind wir einig. Sie gehen morgen an die Arbeit. Übermorgen abend treffen wir uns in der ›Hölle‹. Hoffentlich werden Sie dann die paar Scheine abgesetzt haben. Sie zahlen mir 30 Mk. und kriegen neue Scheine. Na, viel Glück!–«

Sie schieden im besten Einvernehmen. Der Klempner warf von Zeit zu Zeit einen kurzen, verstohlenen Blick über die Schulter. Er merkte wohl, daß der andere ihm vorsichtig folgte. Spöttisch lachte er vor sich hin. Das hatte er nicht anders erwartet.

In die nächste Destille, an der ihn sein Weg vorüberführte, trat er ein. Als er nach einer halben Stunde die Straße betrat, war von Kaumann nichts mehr zu sehen. Die Zeit war ihm wahrscheinlich zu lang geworden. Auch mochte er seiner Sache nicht sicher sein, hatte er doch den Klempner 14 Tage lang aufs schärfste beobachtet und nicht ein einziges Mal irgend etwas Verdächtiges, irgend etwas Auffallendes, das nicht im Einklang mit seiner Eigenschaft als armer, stellungsloser Klempnergesell gestanden hätte, an ihm wahrgenommen ...

Kommissar Weigand war nicht wenig überrascht, als er noch spät am Abend – es war kurz vor 10 Uhr – den Besuch Feldaus erhielt. Mit triumphierender Miene hielt der Polizeiagent – er und der arme Klempnergeselle waren natürlich ein und dieselbe Person – seinem Vorgesetzten die erbeuteten zehn Fünfmarkscheine entgegen, die der Kommissar sofort als falsche Scheine von derselben Sorte, wie die schon früher konfiszierten, rekognoszierte. Darauf berichtete Feldau, wie Kaumann endlich in die ihm gestellte Falle gegangen sei.

Kommissar Weigand hatte einen so raschen, und vollständigen Erfolg kaum erwartet. Er bewunderte ehrlich und mit rückhaltlosem Lobe die eminente Geschicklichkeit, mit der Feldau die Rolle des Klempners gespielt und den vorsichtigen, schlauen Verbrecher überlistet hatte. Nun waren die Mühen der letzten Wochen nicht vergebens gewesen, nun war der Beweis erbracht, daß Kaumann bei dem Münzverbrechen, das die Kriminalpolizei schon seit Monaten beschäftigte, die Hand im Spiele hatte. Freilich, der schwierigste Teil der Arbeit lag noch vor ihnen, wer war der Mann, von dem Kaumann die Scheine erhielt?

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