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Falsches Geld

Arthur Zapp: Falsches Geld - Kapitel 18
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authorArthur Zapp
titleFalsches Geld
publisherHugo Steinitz Verlag
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Siebzehntes Kapitel.

Das Ende

Der Chef der Kriminalpolizei nahm am andern Vormittag den Bericht des Kommissars mit großem Interesse und mit sichtlicher Befriedigung entgegen.

»Ich danke Ihnen, lieber Weigand,« sagte er, ihm herzlich die Hand reichend. »Sie haben sich wieder einmal ausgezeichnet bewährt. Ich werde nicht verfehlen, Ihre Verdienste in dieser wichtigen Sache geeigneten Orts bekannt zu geben und hoffe, Ihnen die verdiente Belohnung für Ihren Eifer bald überreichen zu können.«

Kommissar Weigand schmunzelte vergnügt. Wenn er auch den idealen Erfolg, den er erzielt hatte, bereits als schönen Lohn für seine Mühen empfand, eine klingende Anerkennung in blanken Goldstücken war bei dem knappen Gehalt nicht zu verachten.

Die nächste Anordnung, die er traf, war die Inhaftnahme Elise Mertens und Kaumannes; denn daß die erstere in die Falschmünzersache eingeweiht gewesen und dabei Hilfe geleistet hatte, war anzunehmen.

Das Verhör des Lomnitz brachte fast die völlige Aufklärung, auch über die Punkte, die der Behörde bis dahin noch dunkel geblieben waren.

Spangenberg war der »spiritus rector« des Münzverbrechens, wie Weigand ganz richtig vermutet hatte, nachdem er in die Akten des Lomnitz und Spangenbergs gründlich Einsicht genommen und sich über ihr Vorleben durch sonstige Erkundigungen genau informiert hatte.

Spangenberg hatte den Lomnitz nach seiner Entlassung aus dem Zuchthause, in dem sie mit einander bekannt geworden, aufgesucht, um ihn zur Anfertigung von falschen Fünfmarkscheinen zu verleiten.

Lomnitz hatte anfänglich heftigen Widerstand geleistet; aber als er nach dem Besuch Kerners aus der Familie seiner Tochter, mit Bitterkeit und mit Mutlosigkeit erfüllt, ausgewiesen und von seinem Sohne in so demütigender Weise behandelt worden war, hatte er Spangenbergs Drängen nachgegeben.

Nachdem er in dem Chambre garnie, in dem er zuerst gewohnt, die nötigen Vorbereitungen getroffen, war er zu der Witwe Saaler gezogen, um hier die Arbeiten, die ganze Monate in Anspruch genommen, abzuschließen und zur Herstellung neuer falscher Scheine überzugehen.

Die Witwe Saaler kenne er von ihren Besuchen im Zuchthause her, in dem ihr Mann, ein damaliger bankrotter Kaufmann, wegen Wechselfälschung und Betrug gesessen und schließlich an Schwindsucht gestorben war. Er – Lomnitz – sei in der Lage gewesen, dem Kranken verschiedene Dienste und Erleichterungen gewähren zu können, und so habe die Saaler sich ihm zu Dank verpflichtet gefühlt, und habe seiner Bitte, ihm Unterkunft zu geben und ihn unter einem falschen Namen anzumelden, stattgegeben. Das sei aber auch alles, was von der Behörde der jungen Witwe, die eine durchaus anständige, ehrenhafte Person sei, vorgeworfen werden könnte. An seiner Tätigkeit als Falschmünzer habe sie keinen Anteil, ja, sie habe nicht einmal gewußt, was seine Arbeiten zu bedeuten gehabt hätten.

Daß Lomnitz bei dieser letzteren Aussage von seiner im übrigen bewiesenen Wahrheitsliebe abgewichen war, erschien dem verhörenden Kriminalkommissar zweifellos. Sicher war es ein edles Motiv, das den Verbrecher antrieb die Frau, die er wahrscheinlich unter Spangenbergs Einfluß in sein verbrecherisches Treiben gezogen, möglichst zu entlasten.

Auf die Frage des Kommissars, wie denn Spangenberg, der doch der Generalvertreiber der Fünfmarkscheine gewesen, in den Besitz der Falsifikate gelangt sei, erwiderte der Falschmünzer, daß Spangenberg sich die fertigen Scheine von ihm – Lomnitz– abgeholt habe. Auch als Weigand ihm auf den Kopf zusagte, daß das eine Lüge wäre, da ja Spangenberg schon seit Monaten beobachtet worden sei, und daß man in diesem Falle die Falschmünzerwerkstatt längst entdeckt haben würde, blieb Lomnitz bei seiner früheren Aussage und bei seiner Behauptung, daß die Saaler unschuldig sei.

Der Kommissar erzählte ihm nun von dem Tête-à-Tête Spangenbergs mit der Saaler im Chambre-separée. Da lief ein schmerzliches Zucken über das Gesicht des Greises, aber er erwiderte nichts, sondern bewegte nur resigniert seine Schultern. Betreffs des Russen Bender erklärte Lomnitz, daß dies ein Freund des Spangenberg sei. Und auch von Spangenberg sei die Idee ausgegangen, russische Banknoten zu verfertigen. Bender hätte die Vermittlung und den Absatz nach Rußland übernehmen sollen. Von diesem letzteren Unternehmen hätte sich er sowohl wie Spangenberg einen weit größeren Erfolg versprochen, als sie mit den armseligen Fünfmarkscheinen gehabt hätten, für die er von Spangenberg 1 ½ Mark pro Stück erhalten habe.

Bender habe bereits die besten Verbindungen in Rußland angeknüpft und mit russischen Bankbeamten in Unterhandlungen gestanden, die die falschen 25-Rubel-Scheine in größerer Anzahl in Zirkulation bringen wollten. Auf diese Weise habe er und Spangenberg gehofft, sich in kurzer Zeit ein Vermögen zu erwerben, das ihnen die Flucht nach Amerika ermöglichen sollte. Nun sei es freilich anders gekommen und sein »Amerika« würde nun das Zuchthaus sein, in dem er für den Rest seiner Tage Zuflucht finden werde.

Die Wohnung der Saaler wurde drei Tage lang observiert – ohne weiteren Erfolg.

Auch die Haussuchung bei Spangenberg ergab nichts, das seine Teilnahme an dem Münzverbrechen hätte beweisen können. Er war eben ein schlauer Fuchs, der immer auf alle Eventualitäten vorbereitet gewesen.

Wenn ihm nicht sein leidenschaftlicher Hang nach dem weiblichen Geschlecht einen Streich gespielt hätte – es hätte noch lange dauern können, bis es der Kriminalpolizei gelungen wäre, das von ihm ins Werk gesetzte und geleitete Münzverbrechen völlig aufzudecken.

Als der Tag der Schwurgerichtsverhandlung der Falschmünzersache gekommen war, saßen im ganzen neun Personen auf der Anklagebank: Lomnitz, Spangenberg, Kaumann, Barth, Schmidt, Frau Saaler, Elise Merten, Bender und Möller sen. Der Sohn des letzteren, Hermann Möller, hatte im Untersuchungsgefängnis durch Erhängen seinem Leben ein Ende gemacht.

Spangenberg leugnete hartnäckig und forderte immer wieder mit spöttischer Ironie, man solle ihm doch etwas beweisen.

Lomnitz nahm von dem Geständnis, das er bei seiner Verhaftung dem Kriminalkommissar abgelegt hatte, nichts zurück. Er gestand offen alles ein und versuchte nicht, seine Schuld im geringsten zu leugnen oder auch nur zu beschönigen. Freilich, er blieb auch diesmal dabei, daß die Saaler nicht schuldig sei und von seinem verbrecherischen Treiben nichts gewußt habe. Wenn auch die in der Sache tätig gewesenen Kriminalbeamten mit aller Entschiedenheit die Ansicht verfochten, daß die Übersendung der Falsifikate von Lomnitz an Spangenberg nur durch die Vermittlung der Saaler und der Merten stattgefunden haben könne, wurden die beiden Frauen doch aus Mangel an Beweisen von den Geschworenen für nichtschuldig erklärt.

Lomnitz und Spangenberg erhielten jeder zehn Jahre Zuchthaus.

Kaumann, der im Grunde viel schuldiger war, als die von ihm mit gefälschten Geldscheinen versehenen Barth und Genossen, erhielt nur Gefängnisstrafe wegen Anstiftens zum Verausgaben des Falschgeldes, da ihm eine Verausgabung der falschen Scheine nicht nachgewiesen werden konnte.

Die anderen, die alle der Verausgabung von Falschgeld für überführt befunden wurden, sämtlich dem Gesetz gemäß zu Zuchthausstrafen verurteilt. Bender wurde nach Rußland abgeschoben.

Marie Saaler und Elise Merten wurden zu gleicher Zeit freigelassen. Während die letztere aus der Untersuchungshaft wieder nach ihrer komfortablen Wohnung in der Albertstraße zurückkehrte, tötete sich die erster, durch das harte, gegen Lomnitz ausgesprochene Urteil völlig gebrochen und gefoltert von heftigen Gewissensbissen, noch an demselben Tage durch einen Sprung ins Wasser. Ihr Töchterchen wurde dem Waisenhaus übergeben.

So endete, die große Falschmünzeraffäre, die einen Teil der Kriminalpolizei unter ihrem erfahrensten und geschicktesten Kommissar Monate hindurch beschäftigt hatte, für die ergriffenen Verbrecher mit recht empfindlichen, aber wohlverdienten Strafen.

Lomnitz war der einzige unter ihnen, der wegen seines offenen, bescheidenen Auftretens und seiner äußeren, Mitleid einflößenden Erscheinung beim Publikum lebhafte Sympathie erweckt hatte. Daß der greise, hinfällige Mann nur einen kleinen Teil der ihm zudiktierten Strafe würde abbüßen können, war jedem, der ihn während der Verhandlung beobachtet hatte, klar.

Ein erfreuliches Resultat hatte die Falschmünzersache für den Kriminalkommissar Weigand und für den Polizeiagenten Feldau. Der erstere erhielt vom Reichsbankdirektorium eine Prämie von 1000 Mk., und der letztere eine solche von 400 Mk. Außerdem wurde Feldau zum Kriminalschutzmann befördert.

Zwei Monate später fand eine neue Schwurgerichtsverhandlung gegen Spangenberg wegen Ermordung seines Mitschuldigen Kerner statt.

Der raffinierte Verbrecher hatte diesmal eine andere Taktik gewählt. Er ließ sich überhaupt nicht auf irgendwelche Beantwortung der an ihn gestellten Fragen ein, sondern er griff zu dem alten Mittel gewiegter Verbrecher, sich der verdienten Strafe zu entziehen: er spielte den »wilden Mann«.

Schon während der Untersuchung hatte er Irrsinn simuliert; ganze Stunden lang hatte er wie stumpfsinnig dagesessen, mit blödem, irren Lächeln vor sich hinstarrend; dann wieder hatte er sich in Positur gesetzt, hatte erklärt, daß er der Sultan Abdul Hamid sei und hatte dem Untersuchungsrichter mit hoheitsvoller Gebärde allerlei unsinnige Befehle erteilt.

Freilich seine Schuld war so gut wie erwiesen. Durch das Bratzsche Dienstmädchen wurde festgestellt, daß Kerner am Abend vor dem Tage, als sein Leichnam von den Marktleuten auf dem Felde an der Königs-Chaussee gefunden worden war, bei Spangenberg zu Besuch geweilt hatte. Das Mädchen hatte an der Tür gelauscht und die Worte, der zwischen den beiden alten Zuchthäuslern laut und erregt geführten Unterhaltung, die sie erhascht hatte, ließen erkennen, daß Kerner eine Art Erpressung bei Spangenberg versucht hatte.

Der Verdienst, den er selber durch Verausgabung der falschen Scheine erübrigte, die er durch Vermittlung Kaumanns erhielt, erschien ihm nicht genügend und so hatte er Kaumann so lange listig nachgespürt, bis er auf Spangenbergs Spur, als des Haupt-Vertreibers, gelangt war.

Nun hatte er Spangenberg Daumenschrauben angesetzt: Wenn Spangenberg ihm nicht die Hälfte seiner Einnahmen abtrete, so werde er – Kerner – die ganze Sache »verpfeifen«. Verraten.

Spangenberg war anscheinend auf Kerners Ansinnen eingegangen, hatte ihn aber offenbar durch irgend welche Vorspiegelung zu bewegen gewußt, mit ihm den Weg nach der Königs-Chaussee, die nach dem Vorort Mariensee führte, einzuschlagen.

Das Dienstmädchen hatte gesehen, wie sie beide zusammen Spangenbergs Wohnung verlassen hatten.

Die Aussagen des Kriminalschutzmanns Feldau und seiner ihm inzwischen angetrauten Frau Käthe geb. Wagner, die beide die an der Mordstelle gefundene Krawattennadel mit dem Rubinherz als Eigentum Spangenbergs rekognoszierten, ließen keinen Zweifel daran, daß Spangenberg seinen Genossen Kerner während des gemeinschaftlichen Ganges über das dunkle Feld ermordet hatte, um sich des gefährlichen Erpressers zu entledigen.

Spangenberg spielte den Irrsinnigen mit so großer Geschicklichkeit, daß Richter und Sachverständige sich täuschen ließen.

Die Verhandlung wurde abgebrochen und der Simulant einer Anstalt zur Beobachtung übergeben. Vier Wochen später gelang ihm, wie festgestellt wurde, durch Hilfe von außen, die Flucht aus der Irrenanstalt.

Daß Elise Merten die Befreierin gewesen, war anzunehmen, denn acht Tage später wurden beide auf einem in London landenden Dampfer erkannt.

Spangenberg sprang, als er festgenommen werden sollte, in die Themse. Als rüstiger Schwimmer versuchte er, das andere Ufer zu erreichen. Als er aber sah, daß man dort von dem Dampfer aus auf ihn aufmerksam gemacht worden, und daß ein Entrinnen nicht mehr möglich war, tauchte er unter und kam nicht wieder zum Vorschein. Erst drei Tage später wurde seine Leiche aufgefischt.

Elise Merten machte im Untersuchungsgefängnis ihrem Leben durch Erhängen ein Ende.

So hatte das Münzverbrechen, das größte seit vielen Jahren in Deutschland, vier Menschenopfer gefordert, abgesehen von Lomnitz, der im Zuchthaus seinem nahen Tode entgegensieht.

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