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Falsches Geld

Arthur Zapp: Falsches Geld - Kapitel 16
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typefiction
authorArthur Zapp
titleFalsches Geld
publisherHugo Steinitz Verlag
correctorreuters@abc.de
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Fünfzehntes Kapitel.

Die Katastrophe bricht herein

Feldau hatte sich wieder einmal an Spangenbergs Fersen geheftet. Nun beobachtete er vom Hausflur des gegenüberliegenden Hauses aus, wie der Verbrecher vor dem Eingang zu den Haenelschen Weinstuben auf- und abschritt, augenscheinlich in der Erwartung irgendeiner Persönlichkeit, mit der er sich verabredet haben mochte. Der Polizeiagent ahnte ganz richtig, daß es sich wieder um eines der galanten Abenteuer handelte, mit denen Spangenberg seinem Leben eine besondere Würze zu geben bemüht war. Daß er aber auch jetzt noch Sinn für diese Art von Zerstreuungen hatte, wunderte den jungen Mann und jagte ihm einen aus Bewunderung und Grauen gemischten Schauer durch den Leib. Aber vielleicht war gerade das letzte große Verbrechen, mit dem Spangenberg sein Gewissen belastet hatte, die Ursache, daß er im Taumel des Genusses Betäubung suchte.

Eine Viertelstunde mochte vergangen sein, als Feldau eine Dame aus einem der unweit seines Lauscherpostens anhaltenden Straßenbahnwagen steigen sah. Das Gesicht fiel ihm auf. Wo hatte er dieses frische, freundliche Gesicht mit den dunklen Augen und dem schwarzen Haar schon einmal gesehen?

Der Anblick Spangenbergs, der der aussteigenden Dame entgegeneilte, brachte ihn auf die richtige Fährte. Er hatte die Unbekannte vor Monaten etwa zwei- oder dreimal in das Haus der Albertstraße hinein- und herauskommen sehen, in dem Elise Merten wohnte. Während der letzten Wochen war sie ihm nicht mehr begegnet.

Wahrscheinlich eine Freundin von Spangenbergs Geliebten, die den Don Juan in ihre Netze gezogen hatte! Der Polizeiagent sah, wie die beiden sich begrüßten und sich Arm in Arm in das Weinrestaurant begaben.

Feldau überlegte. War das nicht eine Gelegenheit, von Spangenbergs Geliebten, die doch sicherlich in das Falschmünzergeheimnis eingeweiht war, etwas herauszubringen? Sicherlich war es die einzige Gelegenheit, Elise Merten, an die nicht heranzukommen war, und die den Geliebten bei ruhiger Überlegung niemals preisgeben würde, zum Sprechen zu bringen. Gewiß war sie, wie alle Mädchen ihrer Art, ebenso leidenschaftlich wie eifersüchtig veranlagt. Ihre Liebe zu Spangenberg schien den Inhalt ihres Lebens auszumachen, und gewiß war sie nirgends so verwundbar, wie in diesem Punkt.

Feldau eilte, ohne weitere Zeit mit Grübeln zu verlieren, nach dem nächsten Postamt und gab an die Adresse Elise Mertens eine Depesche mit den wenigen Worten auf: »Spangenberg mit Ihrer Freundin im Chambre séparée Haenel, Wilhelmstraße.« Darauf telefonierte er nach dem Polizeipräsidium und bat, ihm zwei Beamte der Kriminalpolizei zur Unterstützung zu senden. Danach kehrte er, sehr befriedigt und in spannender Erwartung des kommenden, auf seinen Platz zurück. Eine halbe Stunde darauf trafen die beiden Kollegen ein, er berichtete kurz das Erforderliche und sie nahmen in der Nähe der Haenelschen Weinhandlung, natürlich in einiger Entfernung von einander, Aufstellung.

Eine weitere Stunde war ungefähr vergangen, als ein Automobil vorfuhr.

Feldau hatte sich unmittelbar am Eingang aufgestellt. Er erkannte die blonde Elise Merten auf den ersten Blick. Er bemerkte auch, daß sie sich in größter Aufregung befand, die jede ruhige Überlegung und jede Vorsicht ausschloß und nur den einen Gedanken an den ungeheuerlichen Verrat zuließ, der an ihr begangen worden war.

Das junge Mädchen stürmte auf den Eingang zu; Feldau gab seinen beiden Kollegen ein Zeichen. Er selbst folgte der Aufgeregten. Elise Merten schien hier Bescheid zu wissen; sie durcheilte den Vorderraum, in dem wenige Gäste saßen, die keine Notiz von der Eintretenden nahmen, und näherte sich dem für die Chambres séparées reservierten Teil des Restaurants. Sie riß die erste Tür auf, trat zurück, schloß sie wieder und öffnete die zweite Tür. Ein Kellner eilte hinzu, während Feldau zur Seite stand. Noch bevor es die Kellner, die erst jetzt auf das sonderbare Gebaren der Erregten herzueilten, es hindern konnten, war sie in den kleinen Raum getreten, in dem Spangenberg mit Frau Saaler, dicht aneinander geschmiegt, auf dem Sofa saßen und eben mit den Sektgläsern anstießen. Ihre angeregten, fröhlichen Mienen, ihre vor Lust und Heiterkeit sprühenden Augen veränderten sich im Nu und starrten entsetzt die ungestüm Hereinstürmende an.

»Schuft! Verräter!« knirschte sie, dicht vor den überrascht, erschreckt aufspringenden Geliebten tretend. Dann wandte sie sich an die junge Frau, die ebenfalls, bleich vor Entsetzen, am ganzen Körper zitternd, aufgesprungen war.

»Schlange!« zischelte sie ihr unmittelbar ins Gesicht, außer sich vor Wut und Haß. »Infame Schlange!«

Da packte einer der Kellner sie am Arm und zog sie zurück.

»Aber, meine Dame!«

Doch der Zorn schien der Wütenden Riesenkräfte zu verleihen; mit einem Ruck machte sie sich frei; mit ihrer Rechten fuhr sie der schreiend zurücktaumelnden Nebenbuhlerin ins Gesicht, so daß ein blutender Riß vom Mund fast bis zum Auge entstand. Da riß Spangenberg, der seinen ersten Schreck überwunden hatte, sie zurück und schüttelte sie heftig.

»Was fällt dir ein! Schämst du dich nicht?«

Aber da kam er übel an. Die Wut der Enttäuschten, in ihren tiefsten Gefühlen Verletzten, fachte sich zum Paroxismus an.

»Schämen – ich? Das sagst du mir, du Verräter, Verbrecher du! Jawohl –« sie drehte sich zu den Kellnern und dem herbeieilenden Geschäftsführer um, der laut nach einem Schutzmann rief, und deutete mit ausgestreckter Hand auf Spangenberg, der sich jäh verfärbte und zusammenzuckend, wie erstarrt, dastand.

»Jawohl, holen Sie einen Schutzmann, lassen Sie ihn verhaften, und die da, die Gehilfin des Falschmünzers, die ihm die falschen Banknoten zuträgt!«

»Ah!«

Feldau ließ sich diesen halblauten Ausruf entschlüpfen, und er beglückwünschte sich im stillen zu dem guten Einfall, dem er diese aufklärende Szene verdankte.

Genau, wie er vorausberechnet, hat die betrogene Geliebte Spangenbergs gehandelt. Ihre zornige Eifersucht hatte sie hingerissen, den Geliebten und den neuen Gegenstand seiner Treulosigkeit preiszugeben. Nun endlich, endlich würde man an den Herd des Münzverbrechens gelangen.

Er winkte den beiden Kriminalbeamten, die ihm nach der vorher getroffenen Verabredung in das Restaurant gefolgt waren und nun hinter ihm standen. Der eine von ihnen trat an den Geschäftsführer heran, legitimierte sich und klärte ihn mit ein paar Worten auf.

Spangenberg hatte inzwischen seine volle Fassung wiedergefunden. Mit großer Geistesgegenwart suchte er sich aus der gefährlichen Situation mit guter Manier herauszuziehen. Mit überlegenem, nachsichtigem Lächeln, sagte er: »Sie müssen schon entschuldigen, Herr Geschäftsführer, meine eifersüchtige Frau spielt mir wieder einmal eine Szene ... Kellner, die Rechnung!«

Während der betreffende Kellner mit dem Teller, auf dem er schon die Rechnung bereitgehalten, herbeieilte, trat Feldau an den Verbrecher heran:

»Spielen Sie uns hier keine Komödie vor, Spangenberg! Wir sind Ihnen schon lange auf der Spur. Kommen Sie!«

Er wollte dem Zurückweichenden Fesseln anlegen, aber Spangenberg protestierte mit gutgespielter Entrüstung.

»Wer sind Sie? Was wollen Sie? Ich kenne keinen Spangenberg.«

»Das werden wir auf dem Polizeipräsidium sehen,« erwiderte der Polizeiagent ruhig und bestimmt.

Spangenberg sah sich mit wilden Blicken um, als suche er einen Ausweg zur Flucht, aber der einzige Ausweg wurde von dem Geschäftsführer, den Kellnern und einer Anzahl Gäste, die der Lärm herbeigelockt hatte, verstellt. So ergab er sich denn mit bewundernswerter Fassung in sein Schicksal.

»Ihr Irrtum wird sich allerdings auf dem Präsidium herausstellen,« sagte er, äußerlich völlig ruhig.

Erst als er, nachdem ihm schnell die Handfesseln angelegt waren, an seiner Geliebten vorbeischritt, rief er ihr mit grimmigem Hohn zu: »Das hast du gut gemacht, Elise!«

Mit der Angeredeten ging eine sichtbare Veränderung vor. Ihre Erregtheit machte einer grenzenlosen Ernüchterung Platz; die Spannung in ihren Mienen wich; sie erkannte, was sie angerichtet halte, und ein krampfhaftes Schluchzen brach aus ihrer ringenden Brust herauf.

»Kommen Sie!« forderte sie einer der Kriminalschutzleute auf.

Ohne Widerspruch ließ sie sich hinwegführen; auf der anderen Seite des Schutzmanns ging Frau Saaler, wie betäubt, mit wirren Blicken um sich schauend. Der Abstieg von ausgelassener Lebenslust zur tiefsten Stufe menschlichen Elends war zu jäh, zu unvermittelt erfolgt. Eben noch bei Austern und Sekt, an der Seite eines vor Bewunderung glühenden Verehrers, jetzt auf dem Wege zum Gefängnis. Wie im Traume gelangte sie auf die Straße und in eine der beiden Autodroschken, die ein uniformierter Schutzmann auf das Geheiß seiner Kollegen von der Geheimpolizei herbeigerufen hatte. Hier mußte sie neben einem der beiden Schutzleute Platz nehmen, während Elise Merten in demselben Gefährt auf dem Rücksitz saß. In der zweiten Droschke fuhr Spangenberg, von Feldau und dem andern Kriminalschutzmann bewacht.

Kommissar Weigand, der inzwischen von dem Vorgefallenen verständigt worden war, stellte das erste Verhör mit dem Arrestanten an.

Spangenberg gab seine Antworten auf die ihm gestellten Fragen kurz, anscheinend ruhig und seiner Sache sicher. Er sei allerdings Spangenberg, habe aber mit irgendeiner Falschmünzersache nicht das geringste zu schaffen. Er wohne bei seinem Schwager Bratz und lebe von den Unterstützungen, die er einer ihm befreundeten, wohlhabenden Dame verdanke. Seine Wohltäterin zu nennen, müsse er selbstverständlich ablehnen.

Vergebens war alles Zureden Weigands, sich durch ein offenes Geständnis eine mildere Behandlung zu sichern; bei dem abgehärteten, erfahrenen Zuchthäusler verfingen diese Versprechungen nicht im geringsten. Umsonst war es auch, daß der Kommissar die List anwendete, sich wohl informiert zu stellen und zu erklären, von seiner – Spangenbergs – Verbindung mit Lomnitz bereits die Beweise in der Hand zu haben.

Spangenberg lächelte nur ironisch.

»Wenn Sie schon alles wissen, Herr Kommissar, brauche ich Ihnen ja nichts zu sagen.«

Da hielt es der Kommissar an der Zeit, mit schwererem Geschütz anzurücken. Er neigte sich auf seinem Stuhl dem vor ihm Stehenden entgegen, lächelte anscheinend ganz unbefangen und zeigte eine arglose Miene, während er in gemütlichem Tone plötzlich die Frage stellte: »Sagen Sie mal, Spangenberg, was macht denn Ihr Freund Kerner?«

Dem scharf beobachtenden Kriminalbeamten entging nicht, daß der Verbrecher leise zusammenzuckte und um einen Schatten blasser wurde, und daß sich in seinen Augen im ersten Moment starres Entsetzen malte. Aber diese Anwandlung der Schwäche und Fassungslosigkeit währte nur eine kurze halbe Sekunde, dann hatte sich der gewandte, den schwersten Situationen gewachsene Mensch wieder in voller Gewalt.

Auch er lächelte und entgegnete in gemütlichem Scherzton: »Danke für gütige Nachfrage, Herr Kommissar, ich erinnere mich allerdings dunkel, daß ich einen Kerner einmal, als ich noch Staatspensionär war, kennen gelernt habe. Was seitdem aus ihm geworden ist, kann ich Ihnen, so leid es mir tut, leider nicht verraten.«

»Also Sie haben den Kerner seit Ihrer gemeinsamen Zuchthaushaft nicht wieder gesehen?«

»Nein, Herr Kommissar.«

Kommissar Weigand steckte eine triumphierende Miene auf.

»Das war sehr dumm von Ihnen, Spangenberg. Sie leugnen den Verkehr mit Kerner, den ich Ihnen doch nachzuweisen imstande bin. Durch Ihr unüberlegtes Lügen machen Sie sich ja doch erst recht verdächtig.«

Der Verbrecher zuckte gelassen mit den Achseln.

»Wenn Sie das beweisen können, dann können Sie mehr als Brot essen, Herr Kommissar.«

Der Kommissar nickte, immer mit derselben lächelnden Überlegenheit.

»Das kann ich, mein lieber Spangenberg. Ich kann sogar beweisen –« er beugte sich wieder weit vor und sah den Verbrecher mit niederschmetternden Blicken an, während er ihm mit fester, lauter Stimme zurief: »Ich kann beweisen, daß Sie Kerner in der Nacht vom Montag zum Dienstag auf dem Felde nahe der Königs-Chaussee erstochen haben.«

Wieder verfärbte sich Spangenberg für einen kurzen Moment, wieder zuckte es in seinen Augen; dann schluckte er und griff mit zwei Fingern seiner Rechten in den tadellos weißen Stehkragen. Endlich stieß er mit finsterem Gesicht, in einem Anfall von Ärger und Zorn hervor:

»Wenn Sie keine gelungeneren Scherze machen können, Herr Kommissar, dann ist es besser, wir beenden das Verhör und legen uns schlafen.«

Aber der Kommissar erwiderte lachend: »Nein, mein Lieber, in dieser Nacht werden Sie kaum zum schlafen kommen. Sie alter Fuchs, diesmal sind doch ins Eisen gegangen. Im Morden sind Sie eben noch ein Neuling, da hat Sie Ihre sonstige Vorsicht und Ruhe ganz im Stich gelassen.«

Spangenberg zuckte, äußerlich gelassen, mit den Schultern, als hielte er es nicht der Mühe für wert, auf eine so ungeheuerliche und haltlose Beschuldigung zu erwidern.

»Bei der ungewohnten Beschäftigung,« fuhr der Kommissar mit beißender Ironie fort, »haben Sie alle Kaltblütigkeit verloren, wie ein Anfänger. Sie haben in der Aufregung Ihren schönen Dolch bei Ihrem Opfer liegen lassen und haben Ihre kostbare Krawattennadel mit dem Rubinherz verloren. Das hätte Ihnen nicht passieren dürfen, Spangenberg.«

Er weidete sich boshaft an dem Ärger, der dem Verbrecher zu Kopfe stieg. Mit der Faust auf den Tisch schlagend, brauste Spangenberg zornig auf:

»Lassen Sie mich in Ruhe mit Ihrem Unsinn! Ich protestiere gegen diese infame Beschuldigung. Ich habe niemand getötet.«

Weigand aber lächelte überlegen: »Lassen Sie doch die Komödie, Spangenberg! Diesmal hilft's Ihnen doch nicht. Diesmal halten wir Sie fest. Aus dem Zuchthaus kommen Sie lebend nicht mehr heraus!«

Spangenberg hatte seinen Anfall rasch überwunden; er richtete sich in seiner ganzen, stolzen Größe auf und entgegnete wieder gelassen mit höhnischem Lächeln:

»Wenn Sie sich nur nicht irren, Herr Kommissar. So schlau wie Sie und das Gericht sind wir noch allemal.«

Daß dies nicht nur eine Phrase der Verlogenheit oder der Überhebung war, sondern ein Ausfluß berechtigten Selbstvertrauens, erwies sich später ...

Das Verhör der beiden Frauen war noch kürzer als das Spangenbergs. Beide hatten sich während der Fahrt nach dem Polizeipräsidium einigermaßen gefaßt und überlegt, wie sie sich am besten zu verhalten hatten.

Elise Merten nahm die gegen Spangenberg und seine Begleiterin ausgesprochene Beschuldigung zurück und erklärte, daß sie dem Treulosen in ihrer Eifersucht und in ihrem furchtbaren Zorn das erste beste Verbrechen, das ihr in den Sinn gekommen, angedichtet habe. Ihr Geliebter habe, soviel sie wisse, keinen Beruf, er habe es auch nicht nötig, denn sie habe ihm die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt, um ein behagliches Leben führen zu können.

Vergebens war alles Zureden Weigands, die Wahrheit zu sagen. Man wisse ohnedies, daß Spangenberg mit Lomnitz in Verbindung stehe und daß die Unbekannte die Vermittlerin zwischen Spangenberg und dem Falschmünzer gewesen sei. Nur den Namen der Frau und die Wohnung, die sie mit Lomnitz teile, wisse man noch nicht, und wenn sie – die Merten – über diese beiden Fragen Aufschluß gebe, so könne sie darauf rechnen, straflos davonzukommen.

Elise Merten aber blieb unerschütterlich. Die Weibsperson, in deren Gesellschaft sich Spangenberg befunden habe, kenne sie nicht, und den Namen Lomnitz höre sie in ihrem Leben zum ersten Male.

Ähnlich verlief das Verhör der Saaler. Nach ihrem Namen befragt, erwiderte sie, daß sie Klara Müller heiße, ihre Wohnung aber nicht angeben wolle, damit ihre Familie, vor der sie sich des Rendezvous wegen schäme, nicht in Kenntnis gesetzt werden könne. Den Spangenberg habe sie einmal im Theater kennen gelernt, sonst wisse sie nichts von ihm. Ein Mann namens Lomnitz sei ihr nicht bekannt. Mehr war trotz allem guten Zureden und trotz aller Strenge und aller Drohungen nicht herauszubekommen.

Während Kommissar Weigand – denn daß »Klara Müller« nur ein fingierter Name war, daran zweifelte er nicht einen Augenblick – abführen ließ, erklärte er der Merten, daß sie nach Hause gehen könne. Man kenne ja ihren Namen und ihre Adresse, und da sie eine eigene Wohnung habe, liege keine Veranlassung vor, sie in Haft zu behalten.

Das war natürlich nur eine List des Kommissars, denn er hätte wohl gesetzliche Ursache gehabt, die Freundin Spangenbergs, die der Mitschuld dringend verdächtig war, dem Untersuchungsrichter vorführen zu lassen. Aber er hoffte, schneller sein Ziel zu erreichen, wenn er die Merten freiließ.

Während er sie im Nebenzimmer durch ein paar Formalitäten aufhalten ließ, traf er seine Anordnungen. Zwei Kriminalschutzleute erhielten den Auftrag, die Wohnung der Merten zu beobachten, während er Feldau befahl, der Freundin Spangenbergs für den Fall zu folgen, daß sie sich nicht direkt nach ihrer Wohnung begeben würde.

Kommissar Weigand hatte richtig gerechnet.

Elise Merten bestieg eine der unweit dem Polizeipräsidium haltenden Autodroschken und fuhr zunächst in der Richtung ihrer Wohnung davon. Aber schon nach fünf Minuten Fahrt ließ sie halten, tat, als wenn sie ihre anfängliche Absicht geändert habe, und hieß den Chauffeur wenden und die entgegengesetzte Richtung einschlagen.

Daß Feldau schon vor ihr in der letzten der bei dem Präsidium haltenden Autodroschken Platz genommen und dem Chauffeur den Befehl gegeben hatte, der anderen von dem jungen Mädchen bestiegenen Droschke zu folgen, ahnte sie freilich nicht.

Die Fahrt ging nach dem hohen Norden hinaus. An der Ecke des Goethehains und der Ahlbecker Straße ließ Elise Merten ihr Auto halten.

Feldau beobachtete von seinem Gefährt aus, wie sie in die Ahlbecker Straße einbog. Er ließ seine Droschke an der andern vorüberfahren, beständig die langsam, wie zögernd Voranschreitende im Auge, dann stieg er aus, hieß den Chauffeur warten und folgte der Merten. Alle paar Schritte blieb sie stehen und sah sich ängstlich forschend um. Es schien ihr plötzlich einzufallen, daß sie am Ende doch verfolgt würde. Nun schien sie einen anderen Entschluß gefaßt zu haben, sie machte Kehrt und eilte, so rasch sie gehen konnte, nach der Stelle zurück, wo ihre Autodroschke stand.

Feldau, der auf der anderen Straßenseite gegangen war und sie hier überholt hatte, stieß einen unwillkürlichen Fluch aus. Sein Herz hatte schon vor Spannung und Freude geklopft. »Endlich – endlich würde er zu dem Ursprung der Falschmünzerangelegenheit, die ihn nun so viele Monate beschäftigte, gelangen. Er würde den Falschmünzer in seiner Werkstatt bei der Arbeit ertappen und mit einem Schlage das ganze Belastungsmaterial vorfinden. Der Verbrecher und seine Helfer und Helfershelfer würden für eine lange Zeit unschädlich gemacht werden. Daß er als Einzelperson sich vielleicht einer großen Gefahr aussetzte, daran dachte er nicht; er war nur ganz erfüllt von dem Eifer des Jägers, der der Spur eines edlen Wildes folgt.

Und nun war diese stolze Hoffnung getäuscht! In der Mitschuldigen, der der Schlupfwinkel des Falschmünzers offenbar bekannt war, und die sicherlich auf dem Wege zu ihm gewesen, um ihm von der Verhaftung seiner Gehilfin und Spangenbergs Kunde zu bringen, war plötzlich Argwohn und Vorsicht erwacht. Sie hatte eingesehen, daß sie eine große Dummheit zu begehen im Begriff stand. Deshalb war sie rechtzeitig umgekehrt, vielleicht nur wenige Schritte von der Stätte des Verbrechers entfernt.

Es blieb dem Polizeiagenten nun nichts übrig, als ebenfalls Kehrt zu machen und zu sehen, was die Verfolgte jetzt beginnen werde. Als das Auto, das sie bestiegen, sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, winkte er seinem Chauffeur, und die Jagd begann von neuem. Die Fahrt ging, wie er mit zunehmendem Ärger und bitterster Enttäuschung bemerkte, nach der Albertstraße. Die Freundin Spangenbergs schien die Sache verloren zu geben, oder vielleicht hatte sie sich gesagt, daß es besser sei, erst einige Zeit zu warten oder den Falschmünzer auf anderem Wege zu benachrichtigen.

Feldau ließ sich im schnellsten Tempo nach dem Polizeipräsidium zurückfahren, um seinem Vorgesetzten Bericht zu erstatten.

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