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Falsches Geld

Arthur Zapp: Falsches Geld - Kapitel 11
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typefiction
authorArthur Zapp
titleFalsches Geld
publisherHugo Steinitz Verlag
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Zehntes Kapitel.

Feldaus Verlobte als Detektiv

Kommissar Weigand hatte Wort gehalten. Er hatte seine Frau vermocht, der Braut seines Polizeiagenten einen Besuch abzustatten, um zu versuchen, die Eifersüchtige zur Vernunft zu bringen.

Frau Weigand erhielt von Frau Wagner, die ihr die Tür öffnete, zunächst den Bescheid, daß Käthe nicht zu sprechen sei. Freilich, als sie ihren Namen genannt und betont hatte, daß sie die Frau des Kommissars sei, in dessen Auftrage sie komme, da ließ sich das junge Mädchen, nicht lange bitten. Blaß und verweint erschien sie, in der guten Stube, in der Frau Weigand Platz genommen hatte.

Die Frau des Kommissars betrachtete das Junge Mädchen mit dem dunklen Haar, den hübschen, sympathischen Gesichtszügen und den dunklen Augen, aus denen viel Temperament sprach, mit geheimem Interesse. Der ganz verstört Dreinschauenden war unschwer anzusehen, wie tief bei ihr die Neigung zu dem Verlobten ging und wie schwer das Zerwürfnis sie getroffen hatte.

Frau Weigand hielt nicht lange mit dem Zweck ihres Besuches hinter dem Berge. Zunächst stimmte sie ein großes Loblied auf Feldau an, den sie während seiner verschiedenen Besuche in des Kommissars Privatwohnung gesehen und gesprochen hatte. Was für ein tüchtiger, diensteifriger Beamter er wäre und was für ein zuverlässiger, gediegener Charakter!

Darauf ging sie auf eine Schilderung der schweren Pflichten eines Kriminalbeamten ein, der viel Klugheit, Takt und viel Hingabe, viel Mut und Aufopferungsfähigkeit verlangte. Es sei deshalb die heiligste Pflicht einer Kriminalbeamtenfrau, dem Manne sein schweres Los zu erleichtern durch verdoppelte Liebe und Anhänglichkeit. Sie müsse ihm noch mehr als die Frauen anderer Männer das Haus zu einer Stätte der Ruhe und des Friedens machen, damit er sich in seinen kurzen Ruhepausen von den Strapazen seines Berufes erholen und neue Kräfte sammeln könne. Von all den kleinlichen, weiblichen Empfindlichkeiten und Launen, mit denen unvernünftige Frauen so oft den Frieden ihrer Ehe stören und dem Gatten das Leben erschweren, müsse sie sich besonders frei halten.

Der Beruf des Kriminalbeamten bringe es mit sich, daß er mit den schlechtesten und gefährlichsten Elementen der Bevölkerung zu tun habe. Da müsse er über seine völlige Ruhe, Kaltblütigkeit und ungeteilte Aufmerksamkeit und Denkkraft verfügen, um nicht den Gefahren zu erliegen.

Käthe Wagner machte eine Bewegung des Schreckens. Den Gefahren? Was für Gefahren denn die Frau Kommissar meine?

Nun, das läge doch auf der Hand. Feldau zum Beispiel habe den Auftrag, eine Spielergesellschaft zu beobachten und zu belauschen. Durch das Dienstmädchen habe er sich Eingang in die sonst für jeden Fremden unzugängliche Spielhölle verschafft. In welcher Gefahr der kühne, ganz seinem Dienst ergebene Feldau dabei schwebe, könne man sich doch leicht ausmalen. Wie, wenn das Mädchen vielleicht argwöhnisch geworden, ihn verriete? Oder wenn ihn einer der Spieler vielleicht zufällig trotz seiner Verkleidung erkenne! Der Revolver, den er ja wie jeder Kriminalbeamte bei sich trüge, würde ihm in einem solchen Fall wenig helfen. Er allein gegen 30 oder 50 erbitterter Spieler, unter denen sich natürlich manch hartgesottener, zu allem bereiter Verbrecher befände! Umringt von dieser Überzahl, werde er gar nicht dazu kommen können, sich zu verteidigen und seine Waffe zu gebrauchen.

Käthe Wagner rang die Hände. Das alles hatte sie nicht gewußt, das hatte sie nicht bedacht. Verflogen war mit einem Male alle Eifersucht. Kleinlich und kindisch kam sie sich vor. Wie wenig wog die Unruhe, die sie bei dem Gedanken empfunden, den Geliebten allein bei dem Mädchen zu wissen, gegen die große Gefahr, der er sich aussetzte!

Ihre Tränen flossen von neuem, diesmal in bitterer Reue und Selbstanklage. Wenn ihm etwas zustieß, sie war schuld, sie hatte ihm seine sichere Besonnenheit und kühle Überlegung geraubt.

Nachdem sich Frau Weigand mit ein paar Trostesworten entfernt hatte, ging Käthe weinend, klagend und händeringend im Zimmer auf und ab; alle paar Minuten trat sie an das Fenster und mehr als einmal wollte sie nach Hut und Mantel greifen, um auf die Straße zu eilen. Ihre Mutter mußte all ihre Überredungskunst und mütterliche Autorität aufbieten, um die furchtbar Erregte zurückzuhalten.

Da endlich erklang die Flurklingel. Käthe war mit einem Sprung hinaus und im Nu war sie an der Tür, die sie in höchster Spannung aufriß.

Er war es. Mit einem Jubelschrei flog sie dem Eintretenden an die Brust, küßte ihn und weinte und lachte in einem Atemzug ...

Feldau war sehr glücklich, daß das Zerwürfnis zwischen ihm und seiner Braut wieder behoben war, und Käthe freute sich, trotzdem sie glaubte, ihre Eifersucht völlig überwunden zu haben, von Herzen, als sie von ihrem Verlobten erfuhr, daß Minna entlassen war, und daß er ihr bei eventuellen ferneren Besuchen der Spielhölle nicht mehr begegnen würde. Freilich, dem Polizeiagenten bereitete die noch nicht gelöste Frage, wie persönlich an Spangenberg heranzukommen sei, in den nächsten Tagen viel Kopfzerbrechen.

Daß Spangenberg keinerlei Argwohn geschöpft hatte, sondern sich im Gegenteil sicherer als je fühlte, ging daraus hervor, daß er sich frei bewegte, nach wie vor seinen Liebesabenteuern nachging und auch in letzter Zeit häufig in einem unweit seiner Wohnung gelegenen bescheidenen kleinen Restaurant ein Glas Bier zu trinken pflegte.

Dieses Lokal suchte Feldau eines Tages in der Verkleidung als Postunterbeamter auf. Er setzte sich an den Nebentisch Spangenbergs und studierte seine Gesichtszüge, die er zum ersten Male genauer und mit Muße, wenn auch verstohlen, betrachtete, sowie seine Bewegungen und Art, sich zu geben. Die Züge des ehemaligen Zuchthäuslers waren scharf markiert, die stark geschwungene Adlernase gab ihm, in Verbindung mit dem Henriquatre und den dunklen Augen mit dem stechenden Blick, etwas Kühnes und zugleich Interessantes; sein gelblicher Teint trug dazu bei, diesen Eindruck noch zu verstärken und ihn als Südländer erscheinen zu lassen. Seine Gestalt war groß und hager.

Auch Feldau konnte sich dem Eindruck, den diese Persönlichkeit auf jeden phantasiebegabten Menschen ausübte, nicht entziehen, und so hatte er ein doppeltes Interesse, sich dem interessanten Manne zu nähern. Aber er stieß schon heim Anfang auf eine unüberwindliche Schwierigkeit. Offenbar hatte es sich der vorsichtige Mensch zum Prinzip gemacht, jeder ihm unbekannten Person mit Mißtrauen und stolzer Unnahbarkeit zu begegnen. Eine so freundliche, treuherzige Miene der Pseudo-Beamte auch aufsteckte, so vertrauenerweckend schon an und für sich seine Uniform war, Spangenberg sah ihn mit kühler Miene an und antwortete auf seine Fragen und Bemerkungen nur mit einem kurzen stereotypen »Ja« oder »Nein«. Es war geradezu unmöglich, mit dem zugeknöpften Menschen in ein Gespräch zu kommen.

Der Polizeiagent ließ sich natürlich durch diesen Mißerfolg nicht abschrecken. Er beschloß, nun direkt vorzugehen und unter einem plausiblen Vorwand in Spangenbergs Zimmer zu dringen. Er diktierte seiner Braut einen Brief, über dessen Inhalt sich Käthe vor Lachen ausschütten wollte, den sie aber gern niederschrieb, stolz und froh, dem Geliebten in seinem schweren Beruf beistehen zu können. In diesem Brief forderte eine Unbekannte Spangenberg zu einem Rendezvous auf. Sie wohne in der Nachbarschaft, habe ihn verschiedentlich auf der Straße gesehen und wünsche lebhaft, ihn kennen zu lernen. Er werde ihr nicht verargen, daß sie ihren Namen vorläufig noch geheim halte, bis sie erst näher mit einander bekannt sein würden.

Diesen Brief wollte Feldau in der Maske eines Dienstmannes Spangenberg selbst überbringen, in der Hoffnung, daß er das Zimmer des Verbrechers, während dieser die verlangte Antwort niederschreiben würde, in aller Ruhe in Augenschein nehmen könnte. Aber er hatte die Rechnung ohne den Fuchs Spangenberg gemacht. Als er klingelte, öffnete das Dienstmädchen (der armen Minna Nachfolgerin). Auf seine Frage, ob Herr Spangenberg zu Hause sei (was er ohnedies wußte), erhielt er zwar eine bejahende Antwort, aber Frau Bratz, die hinzukam, bedeutete ihm, im Korridor zu warten, während sie selbst nach dem Brief griff, um ihn in Spangenbergs Zimmer zu tragen.

Aber Feldau war geistesgegenwärtig genug, zu erklären, daß er den strengen Auftrag habe, den Brief nur persönlich Herrn Spangenberg auszuhändigen. Aber auch das nutzte dem Pseudo-Dienstmann nichts: Frau Bratz rief ihren Bruder hinaus.

Spangenberg aber fertigte den Dienstmann auf dem Korridor ab. Er nahm den Brief, durchflog ihn, ohne eine Miene zu verziehen, und erwiderte kurz: »Es ist gut. Antwort nicht nötig.«

Feldau blieb nichts übrig, als davonzugehen, ohne daß er auch nur einen Blick in Spangenbergs Zimmer hätte tun können.

Die Einladung zum Rendezvous hatte auf drei Uhr des nächsten Tages gelautet, und zwar war die Kaiserpromenade, die vom Dom zum Pariser Tor führte, als Ort des Stelldicheins genannt worden.

Es war von Feldau, als er seiner Braut den Brief diktiert hatte, mit keinem Gedanken daran gedacht worden, daß die Briefschreiberin sich zu dem Stelldichein auch einfinden sollte. Er hatte den Brief nur allein als Mittel zu dem Zweck betrachtet, in Spangenbergs Zimmer zu gelangen. Jetzt hinterher, nachdem der Versuch mißlungen war, fiel ihm ein, daß Spangenberg, wenn die ungenannte Briefschreiberin sich zum Rendezvous nicht einstellte, die Mystifikation erkennen und noch mißtrauischer sein werde, um so mehr, als die Dringlichkeit, mit der Feldau als Dienstmann Einlaß in Spangenbergs Zimmer geheischt, vielleicht schon seinen Argwohn erregt hatte.

Diese Erwägung quälte den Polizeiagenten sehr, denn die Beobachtung des raffinierten, sich größter Vorsicht befleißigenden Spangenberg war schon an und für sich schwierig und mühevoll genug, es war nicht nötig, daß man sich seine Aufgabe durch Schachzüge, die mehr Schaden als Nutzen stifteten, noch erschwerte. Nein, es mußte irgendeine weibliche Persönlichkeit gefunden werden, die die Rolle der anonymen, in den interessanten Mann verliebten Briefschreiberin übernahm. Weibliche Polizeiagenten aber beschäftigte die Behörde nicht – woher also eine geeignete hübsche und intelligente junge Dame nehmen, die fähig war, diese Rolle zu übernehmen und zu Ende zu führen, ohne Schaden zu stiften?

Das Schlimme war, daß die Zeit kurz war, und daß die Frage schnellstens gelöst werden mußte. Er erschrak selbst, als sich seine Gedanken zum erstenmal auf Käthe richteten. Aber je länger er über die Idee, Käthe mit dieser Mission zu betrauen, nachsann, desto mehr leuchtete sie ihm ein. Sie hatte den Brief geschrieben, sie war, informiert und sie besaß auch alle Eigenschaften, die dazu gehörten, die ihr übertragene Mission glücklich zu Ende zu führen.

Aber was würde sie zu dieser Zumutung sagen?

Als er während eines Spazierganges, zu dem er sie von ihren Eltern abgeholt hatte, mit seinem Vorschlage herausrückte, lehnte sie im ersten Moment entschieden und etwas empfindlich ab.

»Ich begreife nicht, Fritz, wie du mir so etwas zumuten kannst.«

Er strich ihr begütigend über die Hand.

»Aber liebe Käthe, du sollst ja kein wirkliches Rendezvous abhalten, sondern sollst mir nur meine Aufgabe erleichtern. Wenn Spangenberg erst mißtrauisch wird, was er ohnehin von Natur genug ist, dann kann ich nur getrost einpacken, dann werde ich nie an mein Ziel gelangen. Du weißt aber, wieviel davon für mich und auch für dich abhängt. Es ist gewiß nichts Schlechtes, wenn du deinem Bräutigam in einer schwierigen, wichtigen Angelegenheit Beistand leistest.«

Käthes krause Stirn glättete sich rasch und ihre Augen blickten den neben ihr Schreitenden wieder freundlicher an.

»Gewiß nicht, Fritz. Aber ich fürchte mich vor diesem gefährlichen Menschen.«

Feldau lachte.

»Aber Käthe! Um drei Uhr nachmittags, auf der belebtesten Promenade der Stadt kann dir doch niemand etwas antun. Übrigens bin ich ja auch in deiner unmittelbaren Nähe.«

»Du?«

»Natürlich. Du lenkst Spangenberg nach der Mittelpromenade und ich halte mich seitwärts von euch, auf dem Trottoir. Ich lasse euch beide nicht eine Sekunde aus den Augen.«

Das junge Mädchen sann eine Weile vor sich hin; das lebhafte Rot, das ihr in die Wangen stieg, bewies, daß die Sache sie stark beschäftigte. Es schien, als ob sich allmählich ein Interesse an der Angelegenheit in ihr entzündete, und als ob sie den Vorschlag ihres Verlobten in einem anderen Licht zu betrachten begann.

»Aber ich weiß ja gar nicht, was ich zu ihm sagen soll,« wandte sie ein.

Feldau machte eine beruhigende Handbewegung.

»Das laß nur ganz seine Sorge sein! Er wird dich schon unterhalten, und du hast nur nötig, ab und zu eine Antwort zu geben oder eine Bemerkung zu machen, die deinem Erscheinen einen natürlichen Anstrich gibt, so daß ein Argwohn in ihm gar nicht aufkommen kann. Übrigens –« der junge Mann sah seine Verlobte mit verliebten Augen an – »daß er gar nicht zu ruhiger Überlegung kommt, dafür, wird der Eindruck deiner Persönlichkeit schon sorgen.«

Sie lächelte geschmeichelt.

»Aber wenn – – wenn er in seinen Reden ungezogen und dreist wird!«

Doch Feldau schüttelte mit dem Kopf.

»Das glaube ich nicht, Käthe. Erstensmal wirst du ihn schon durch dein ganzes Wesen in den gebührenden Schranken halten, und zweitens ist Spangenberg gewiß kein plumper, ordinärer Mensch, sondern im Gegenteil, an Gewandtheit und Schliff mangelt's ihm sicher nicht, sonst würde er nicht soviel Glück bei den Damen haben.«

»Hat er das?«

Käthes Augen blitzten auf und in ihren Mienen verriet sich ein immer lebhafteres Interesse; sie hätte ja auch kein phantasievolles, temperamentvolles, junges Mädchen sein müssen, wenn das in Aussicht stehende Abenteuer ihren romantischen Sinn und ihre Neugier nicht gereizt hätte.

Freilich, als sie sich am andern Nachmittag nach dem Rendezvousort begab, klopfte ihr das Herz doch etwas bänglich und wenn sie nicht ab und zu ihrem Mut durch einen Blick nach dem auf der anderen Straßenseite sichtbaren Bräutigam aufgeholfen hätte, wäre sie sicherlich noch kurz vor dem Rendezvousplatz wieder umgekehrt.

Zögernd, mit Aufbietung ihrer ganzen Willenskraft, nahm sie, als sie sich dem Ende der Kaiserpromenade näherte, ihr Taschentuch in die Hand, wie es in dem von Feldau diktierten Briefe als Erkennungszeichen angegeben war.

Es dauerte keine zwei Minuten, als sie einen großen, hageren, mit einer gewissen flotten Eleganz gekleideten Herrn an sich herantreten sah, den sie vorher nicht erblickt hatte, und der sich wohl hinter einem der Bäume verborgen hatte. Sie fuhr leicht erschrocken zusammen.

»Pardon!« redete er sie mit einer klangvollen Stimme an, der er sich offenbar bemühte, einen weichen, gewinnenden Ton zu geben: »Spangenberg!«

Er lüftete seinen Hut höflich.

»Ich habe wohl das Vergnügen, Fräulein X. Y. Z. zu begrüßen?«

Sie nickte errötend und hob den Blick mit einem Gemisch von Angst und Neugier zu dem vor ihr Stehenden, der sie um einen halben Kopf überragte. Er zeigte eine freundlich lächelnde Miene. Sie wunderte sich im stillen. Er sah gar nicht aus wie ein Verbrecher. Im Knopfloch seines Rockes steckte eine Orchidee; in der breiten, seidenen Krawatte blitzte eine Nadel, die ihr durch die seltene Form – es war ein von Brillantsplittern umgebenes Rubinherz – und durch ihre Kostbarkeit auffiel. In seiner Rechten trug er ein leichtes Spazierstöckchen mit silbernem Knopf, und seine Blicke sahen sie mit ungeheuchelter Bewunderung an.

Er wollte den Weg nach dem Volkspark einschlagen, zu dem man durch das Pariser Tor gelangte. Aber sie wandte sich nach der entgegengesetzten Seite und begann, wieder die Kaiserpromenade, auf der sie gekommen war, hinabzuschreiten. Durch einen schnell hinübergleitenden Blick überzeugte sie sich, daß Feldau auf dem Trottoir zur Linken promenierte.

»Ich hätte nicht gedacht, daß Sie so schön sind,« sagte er. »Anonyme Briefe schreiben gewöhnlich nur Damen, die persönlich nirgendwo Anklang gefunden haben. Um so angenehmer bin ich überrascht – wahrhaftig!«

Obgleich sie ihn nicht ansah, hatte sie doch die Empfindung, daß seine dunklen Augen sie mit einem lebhaft huldigenden Blick ansahen. Eine dunkle Glut verbreitete sich über ihr ganzes Gesicht.

Er bemerkte es und lächelte.

»Man könnte beinahe glauben, daß Ihnen noch niemand gesagt hat, wie schön Sie sind. Aber das ist ja doch unmöglich.«

Sie nickte, denn sie war so befangen, daß sie kein Wort hervorbrachte.

»Dann sind Sie gewiß noch nicht lange in der Großstadt? –« fuhr er fort.

»O, doch!«

»Dann müssen Sie jedenfalls sehr zurückgezogen leben.«

»O, ja.«

»Um so mehr freue ich mich, daß ich den Vorzug genieße, Sie kennen zu lernen.«

Seine Stimme klang eindringlich, schmeichelnd. Sie sandte einen Blick zu ihm empor. Seine Miene strahlte lebhaft, angeregt, in wirklichem Interesse.

Er sieht nicht übel aus, sagte sie bei sich. Jedenfalls war er eine eindrucksvolle Persönlichkeit, die man nicht übersah und nicht so leicht vergaß, und die einem wohl Interesse abnötigen konnte.

Mit prickelnder Neugier, einer halb ängstlichen, halb erwartungsvollen Spannung sah sie seinen weiteren Worten entgegen.

Er ließ sie nicht lange darauf warten.

»Wir werden uns nun doch recht häufig sehen?«

Sie wußte nicht gleich, was sie antworten sollte.

»Nicht wahr, mein schönes Fräulein?« mahnte er.

»Ich – ich weiß noch nicht,« erwiderte sie verlegen.

»Warum wissen Sie das nicht? ... Sie haben mir doch so Liebes und Schönes geschrieben.«

Sie bekam plötzlich einen furchtbaren Schreck und heiße Beschämung trieb ihr wieder das Blut ins Gesicht. Mit Schaudern erinnerte sie sich der Worte, die sie nach dem Diktat Fritz Feldaus geschrieben hatte. Sie ließ den Kopf auf die Brust sinken und sah nach der entgegengesetzten Seite hin.

»Mein liebes, kleines Fräulein!« hörte sie seine vibrierende Stimme und zugleich fühlte sie ihre am Körper schlaff herabhängende Hand erfaßt. Sie wollte sie ihm entziehen, aber er hielt sie fest.

»Nein, nein!« sagte er und drückte die schlanken Finger innig. »Sie müssen mir erst eine Frage beantworten: Es tut Ihnen doch nicht leid, daß Sie mir ein so himmlisches Briefchen geschickt haben?«

Sie war in tödlicher Verlegenheit.

»Man schreibt manches, und meint es doch gar nicht so,« erwiderte sie stotternd.

»Nicht so?«

Sie bemerkte, wie er sie mit seinen funkelnden schwarzen Augen enttäuscht, forschend ansah. Sie erschrak – mißtrauisch durfte sie ihn nicht machen – und zwang ein kokettes, schämiges Lächeln auf ihre Lippen.

»Mein Gott, wenn Sie mich nur nicht so quälen, so grausam ausfragen wollten!«

Er deutete ihre Verwirrung und ihre Worte in einem für sich günstigen Sinn, denn ein Ausdruck der Befriedigung glitt über sein Gesicht; mit der linken Hand fuhr er streichelnd über ihre noch immer in seiner Rechten ruhenden Finger.

»Sie sind ein reizendes, ein bezauberndes, liebenswertes Geschöpf.«

Seine Stimme klang so süß, so weich, so zärtlich und leidenschaftlich vibrierend, daß ihr ganz heiß dabei wurde.

Wenn sie die wütenden, zornigen Blicke gesehen hätte, die der stille Beobachter drüben auf dem Trottoir auf sie und ihren Begleiter heftete, wenn sie sein mahnendes, tadelndes Hüsteln gehört hätte, würde sie wahrscheinlich ihre Hand mit voller Kraft den kosenden Fingern entzogen haben. So aber dachte sie gar nicht mehr an Ursache und Zweck dieses Rendezvous und an den, der sie dazu veranlaßt hatte, und der nun mit eifersüchtigem Grimm jede ihrer Bewegungen und Mienen beobachtete.

Sie war ganz im Bann der dringlichen Art ihres Begleiters, und das Herz klopfte ihr ungestüm.

»Ja, wirklich,« hörte sie ihren Begleiter sprechen, »ich bin entzückt von Ihnen und schon ganz verliebt in Sie, mein schönes, kleines Fräulein.«

Sie lächelte und hob schalkhaft ihren Blick.

»Zu wievielen Sie das wohl schon gesagt haben mögen!«

»Noch zu keiner so ehrlich, so aus dem innersten Herzen heraus. Das können Sie mir glauben, das schwöre ich Ihnen. Das glauben Sie mir doch?«

Sie bewegte verneinend, mit koketter Gebärde, ihr Haupt.

Er war ganz erregt oder tat doch so.

»Nein, wirklich, das ist nicht hübsch von Ihnen! Wie soll ich es Ihnen beweisen? So schnell, so ganz und gar hat mich noch keine bezwungen. Kein Wunder, denn keine war so bezaubernd, so hinreißend in ihrer Schönheit und Jugendfrische ...«

Er redete so leidenschaftlich und stürmisch auf sie ein, sagte ihr so zärtliche, süße Schmeicheleien, wie sie sie noch nie gehört hatte. Sie war ganz berauscht und außerstande, ihm zu wehren. Sie merkte es nicht einmal, als er ihren Arm über den seinen zog und immer noch mit der anderen Hand schmeichelnd über ihre auf seinem Unterarm ruhende Hand strich.

Sie schritten die Promenade hinab, er in einemfort auf sie einredend und in sie dringend, ihm doch persönlich zu wiederholen, was sie dem Brief anvertraut hatte und ihm das Versprechen eines baldigen Wiedersehens zu geben – sie in einem rauschähnlichen Zustand, der sie in eine eigentümlich wohlige, selbstvergessene Stimmung lullte.

Da, an der nächsten Querstraße, kreuzte jemand ihren Weg, der im vorübergehen ein so höhnisches, zorniges Lachen hören ließ, daß sie beide erschreckt aufblickten.

Aber schon hatte der Passant sein Gesicht abgekehrt und verschwand im Gewühl des sich hier stauenden Publikums.

Käthe hatte ihn wohl erkannt; der Zauber, der sie im Bann gehalten, war gebrochen und sie erinnerte sich des wahren Charakters ihres Begleiters, und fast mit Lebensgefahr sprang sie auf den eben vorüberfahrenden Autoomnibus.

Und noch ehe der verdutzte, überraschte Spangenberg recht zur Besinnung gekommen, war das flinke Gefährt schon so weit ab, daß es ihm unmöglich war, dem schönen Flüchtling zu folgen. –

Eine Stunde später gab es zwischen den beiden Verlobten noch eine heftige Auseinandersetzung.

Feldau machte seiner Braut lebhafte Vorwürfe. Sie habe ihre Rolle doch allzu lebensvoll, mit einer Natürlichkeit und Hingabe gespielt, die er nicht von ihr verlangt habe. Käthe aber weinte, halb zerknirscht, halb gekränkt.

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