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Fallobst

Heinz Tovote: Fallobst - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorHeinz Tovote
titleFallobst
publisherDr. Eysler & Co. G. m. b. H., Berlin
printrunZwölfte Auflage
yearo.J.
firstpub1890
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150411
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Die Witib

Ah Herr Kollege! ... Sie hier? –

– Wollen Sie zu mir, Assessorchen? –

– Zu Ihnen? ... Wohnen Sie denn hier? –

– Natürlich, dritte Etage, über der reizendsten Witwe von der Welt, der Perle dieses Hauses ... Um Himmelswillen, – wenn das Flackerlicht der Treppe mich nicht täuscht, dann sind Sie eben rot geworden. – Ah, Pardon, ich wußte nicht, daß Ihr Besuch Frau Margarete Wendland gelten sollte ... Na – na! kleiner Schäker! –

Der Referendar Max Schnorr lachte und schüttelte seinem Kollegen, dem Regierungsassessor Franz Halmsen, bieder energisch die Hand.

– Sie können sich mal gelegentlich zu mir heraufverirren, wenn die schöne Frau Sie nicht zu sehr in Anspruch nimmt. Ich bin ihr übrigens nicht unbekannt. Sie ist an manchem schönen Sommerabend drunten im Garten. – Aber ich will Sie nicht aushalten. Also auf Wiedersehen ... Viel Glück!

– Auf Wiedersehen! Ich komme schon mal zu Ihnen.

– Das ist famos. Eine Stiege höher, rechts! –n' Abend! –

Damit eilte der Referendar rasch die teppichbelegte Treppe des vornehmen Hauses hinunter, während der Assessor Halmsen mit der Hand in den steifen Kragen fuhr, den Shlips zurechtzupfte, den schwarzen Hut abnahm und sich über das Haar strich, während er sich in dem Spiegel betrachtete, der zwischen den beiden Eingangsthüren der Etage angebracht war. Endlich drückte er auf den weißen Knopf der Klingel, worauf ihm nach einer kleinen Weile ein junges Dienstmädchen öffnete mit den Worten:

– Die gnädige Frau erwarten den Herrn Assessor im Salon.

Er legte Hut und Stock ab und trat in das kleine Vorzimmer ein, wo er nochmals einen flüchtigen Blick in den Spiegel warf, und klopfte dann vorsichtig an die schon halb geöffnete Thür zum Salon, aus dem eine weiche Stimme freudig: Herein! rief.

Der wohnlich ausgestattete Raum ward von einer niedrigen, mit rotem Spitzenschleier verhängten Tischlampe und zwei sehr hohen, neben dem Spiegel befindlichen Lampen mit einem gleichmäßig ruhigen Lichte erfüllt.

Frau Margarete, in glatt an ihrer Gestalt herabfließender, mausgrauer Robe, stand neben dem geöffneten Piano und schritt jetzt dem Assessor entgegen, dem sie eine kleine, aber feste Hand freundlich darbot, die dieser etwas befangen an die Lippen führte.

– Wie hübsch ist es doch von Ihnen, so zeitig zu kommen.

– Gnädige Frau sind zu liebenswürdig. Ich möchte den Mann kennen, der einen entschuldbaren Hinderungsgrund anführen könnte, um den Augenblick, mit einer schönen Frau zusammen zu sein, auch nur um eine Minute hinauszuschieben.

– Wenn er Franz Halmsen heißt, glaube ich das wohl, aber sonst ...

– Aber gnädige Frau! wehrte er bescheiden vorwurfsvoll ab.

Sie lachte und sah ihn mit ihren dunklen Augen schelmisch an.

Wenn sie vor ihm stand, reichte sie ihm kaum bis zu den Schultern. Sie mochte etwa fünf- oder sechsundzwanzig sein und war seit drei Jahren Witwe. Ihr Gatte, ein Arzt, der anfing, sich einen Namen zu machen, war einer Ansteckung, die er sich von einem seiner Kranken zuzog, erlegen; hatte sie aber in sehr gesicherten Verhältnissen zurückgelassen, sodaß sie, trotzdem sie sehr hübsch war, gar keine Eile zu haben schien, sich wieder zu verheiraten.

– Sie weiß sich auch so zu trösten, lachten boshafte Seelen, und erzählten jedem, der es wissen oder nicht wissen wollte, von einem, keineswegs nur seinen Studien lebenden Privatdozenten, der nach Kiel berufen wurde, und einem Rittmeister, der aber schon seit einem halben Jahre versetzt war. –

Jetzt bewarb sich Franz Halmsen eifrig um die Gunst der schönen, lebenslustigen Frau, die seit dem Tode ihres Gatten etwas stark geworden war, sodaß ihr Hausarzt ihr täglich riet, sich zu verheiraten.

– Sie sind nun einmal nicht für die Ehelosigkeit geschaffen. Dieses Blut, dieses Feuer! – Es thut wirklich not, daß Sie unserm guten Emil einen Nachfolger geben. Hätte ich nicht meine liebe kleine Frau – wer weiß ... Na – also: heiraten Sie! ... Das geht nicht so weiter! – So gesund Sie sind – aber Sie müssen einen Mann haben ...

Sie wurde bei diesen anzüglichen Reden puterrot, schalt ihn einen abscheulichen Menschen, aber heiratete noch immer nicht.

Seit sie Franz Halmsen kennen gelernt, war sie anderen Sinnes geworden. Er gefiel ihr.

In letzter Zeit waren sie viel zusammen getroffen, und heute hatte sie den Herrn Assessor zum ersten Male zum Abend eingeladen.

Das Mädchen brachte den Tisch in Ordnung. Margarete bereitete auf dem Samowar den Thee, und die beiden saßen sich bald im traulichsten tête-à-tête gegenüber, aßen, tranken und plauderten; und mit jedem Bissen, mit jedem Wort verlor der Assessor seine anfängliche Zurückhaltung, und es wurde ihm nur immer etwas beängstigend warm ums Herz, wenn sie sich zurücklegte in die Sofakissen und lachte, daß man all ihre weißen Zähne zwischen den verführerisch vollen Lippen sah, und dabei ihr Busen den eng sitzenden grauen Seidenstoff der Taille zu sprengen drohte.

Und dann diese vollen runden Arme, die etwas so bestrickend molliges hatten, diese ganze kleine Person mit dem wilden, à la diable um den Kopf gelegten braunen Haare und den kleinen grauen Katzenaugen, die sie meist etwas zusammenkniff, wenn sie ihn scharf ansah oder die Wirkung eines Wortes beobachten wollte.

In der Nähe des verführerischen Weibes, dessen Hand er zuweilen streifte, wenn er ihr eine der Assietten überreichte, zurückgelehnt in seinen weichen bequemen Sessel, fühlte er sich so wohlig, so gemütlich, daß er sie schon am liebsten in die Arme genommen und diese frischen roten Lippen geküßt hätte – geküßt ...

Er mußte sich wahrhaftig in acht nehmen, um keine Dummheit zu begehen. – Der Thee war ausgezeichnet; nur hatte er sich immer die Tasse halb voll Arrac gegossen, weil er so heiß war, und diese angenehme Wärme floß ihm jetzt durch alle Glieder.

Und Frau Margarete war verteufelt hübsch, und ...

Da sollte einer ruhig bleiben – so ganz allein mit ihr im Salon. – Sie hatte das Mädchen fortgehen lassen, es wollte zu einer kranken Tante und kam erst um zwölf wieder – und jetzt war es kaum neun vorbei.

Der Tisch war abgeräumt. Vor ihnen stand die Flasche, an der er sich erst lange abgequält hatte, weil der Pfropfen so fest saß.

Sie hatte vor ihm gestanden und die Hände lachend zusammengeschlagen, weil er sich vergebens abmühte und ganz rot vor Anstrengung im Gesicht wurde.

Dann war er zum Scheine ärgerlich geworden, und sie hatte ihn wie ein Kind um Verzeihung gebeten.

Der Wein perlte in den weiten seinen Gläsern, und Margarete knabberte Makronen. Plötzlich nahm er ihr das letzte Stückchen von einer fort, an der sie herum biß, und aß es etwas verlegen lachend auf, während sie wie so oft schon sehr rot wurde und ihn einen Narren schalt.

Aber sie schien gar nicht besonders böse über diese Verwegenheit zu sein.

Sie plauderten weiter, und plötzlich fühlte Franz Halmsen etwas neben seinem Fuße, einen kleinen Fuß, und mit der Spitze seines Schuhes fühlte er den Hacken, und dabei schien von dem Füßchen eine Wärme auszugehen, die ihm alles Blut zu Herzen trieb.

Und sie zog ihren Fuß auch nicht fort, trotzdem er sich bewegte, weil er meinte, sie halte das vielleicht für das Tischbein. –

Es entstand eine kleine Pause, und dabei verlor er wieder all seinen Mut.

Er war so verschüchtert, daß er nicht einmal wagte, sie anzusehen.

Herrgott! dachte sie, soll das den ganzen Abend so fortgehen. Hie und da ein Ausbruch von Lustigkeit, und dann wieder minutenlange Pausen. Und dabei fühlte sie selbst einen Übermut, daß sie am liebsten im Zimmer herumgetollt wäre.

Diese ewigen Engel, die durchs Zimmer flogen, behagten ihr gar nicht. Sie waren schon bei der zweiten Flasche, aber der Wein schien gar keine Wirkung zu haben. –

Sie hatte einen Gedanken! –

– Wie wäre es mit einer Flasche Sekt! – Aber Marie ist nicht da ... Ach was, – wir müssen uns selbst eine holen ... Ich glaube, es liegen noch ein paar im Eisschranke ... Helfen Sie mir! – Aber schnell! Ja! ...

Sie eilte auf den Korridor, er hinter ihr drein in die Küche, und sie zündete dort eine kleine Lampe an. Dann suchte sie den Schlüssel zu der Speisekammer, und bei dem ungewissen Lichte drangen sie in den Aufbewahrungsraum ein, wo der Eisschrank stand, der seinen Namen augenblicklich mit Unrecht führte, wenn er auch einen guten Ort bot, um mannigfache Waren vor dem Verderben zu schützen.

Margarete hatte die Röcke zusammengehalten, um sich nicht vollzustauben, und kniete nieder, um in den Schrank hinein zu blicken, während der Assessor hinter ihr stand.

Er sah auf ihren Nacken, wie sich dort die dunklen Haare krausten, und plötzlich hatte er sich niedergebeugt und sie auf den Hals geküßt.

– Aber nein! lachte sie und erhob sich. – So kann ich doch nichts finden. – Suchen Sie mal! –

Er war froh, daß er seinen Kopf so tief in den Eisschrank verstecken konnte. – und nach einer Weile förderte er zwei dickbauchige, silberhalsige, aber arg verstaubte Flaschen zu Tage, deren erscheinen Frau Margarete mit einem übermütigem: Viktoria! Das ist herrlich! begrüßte.

Er hatte sich den Ärmel beschmutzt. Sie klopfte ihm den Staub mit der Hand ab, und dann gingen sie mit ihrem Funde in den Salon zurück, nachdem sie die Flaschen vorher unter der Wasserleitung abgespült hatten.

Sie eilte nochmals hinaus in das eigentliche Eßzimmer, um vom Büffet einen Kühler und Gläser zu holen.

Er hatte die größte Lust, ihr in das dunkle Zimmer zu folgen, aber der unverschämte Mut fehlte ihm; statt dessen schickte sie ihn jetzt mit dem Eiskübel fort, um ihn an der Leitung mit recht kaltem Wasser zu füllen.

Und dann ließ sie den Pfropfen springen, indem sie die Flasche weit weghielt, den Kopf zurückbog und die Augen zwinkernd schloß.

Mit welcher Wonne schlürfte sie den perlenden zerplatzenden Schaum. – Es ging doch nichts über Sekt ...

Schnell genug puffte die zweite Flasche in die Stille des Salons. Es war beängstigend ruhig und schwül.

Sie stieß mit ihm an, leerte das Glas auf einen Zug und eilte an das Klavier ... Sie vermochte es nicht ihm länger so ruhig gegenüber zu sitzen. Er sah sie eigentlich ein bißchen dumm an; allein diesen Blick ertrug sie nicht. – Du lieber Gott; wenn er doch nur nicht so steif wäre.

Ein Wunder, daß er sie da draußen in den Nacken geküßt hatte. Sie konnte doch nicht noch mal was in dem leeren Eisschrank suchen.

Sie setzte sich vor das Piano und fing an zu spielen, erst einen tollen Walzer, dann eine rêverie, schwermütig, die Sinne umschmeichelnd.

Er stand hinter ihr. Sie wartete förmlich daraus ... Jetzt mußte er sie doch wieder küssen.

Aber nein! – Sie griff falsch und sprang auf, indem sie ausrief:

– Wenn Sie so hinter mir stehen, machen Sie einen ganz nervös.

– Das ist Ihnen nicht gleichgiltig?

– Aber gewiß nicht. –

– Ich bin Ihnen also etwas? –

– Wie können Sie nur so fragen!

– Margarete! ...

Er streckte die Hand nach ihr aus, und im nächsten Augenblick lag sie in seinen Armen.

Wenn sie ihm nicht geholfen hätte, würde es wohl beim ersten Kuß geblieben sein. Jetzt folgten ihm eine ganz beträchtliche Anzahl.

Sie schloß die Augen und gab sich dem Augenblicke hin und dachte dabei, warum sagt er denn nichts? – Ob er mich wohl so liebt, daß er mich heiraten will? –

Im selben Moment hatte sie sich auch schon von ihm losgerissen.

Wie konnte sie nur so thöricht sein, ihm das zu gestatten. Sie schlug die Hände vor das Gesicht und flüchtete vor ihm, warf sich in einen Sessel und verbarg das Antlitz.

Franz Halmsen war selbst ganz erstaunt über seine Kühnheit. Er wußte jetzt, daß er sie liebte, und kniete neben ihrem Sessel nieder, nahm ihre herabhängende Hand, küßte sie und sprach nun schmeichelnd auf sie ein.

Er bat sie, ihm zu verzeihen, er sprach von seiner Liebe: ob sie ihn denn gern habe, ob sie ihn nur ein wenig liebe. –

Sie hörte ihn schweigend an und richtete sich langsam auf.

Und dann vergab sie ihm; aber sie war schon ein bißchen wirr im Kopfe und dachte, warum redet er denn nur so viel, wenn er mich doch lieber küssen wollte ... Und sie sah auf seine Lippen und auf seinen Schnurrbart, an dem sie ihn jetzt so gern mit beiden Händen gezaust hätte; und dabei hörte sie nichts von dem, was er sagte.

Ihr war, als habe sie einen kleinen Schwips weg, und es kostete sie Anstrengung, sich gemessen zu betragen.

Die zweite Flasche war nahezu leer.

Die Lampe surrte leise, und es war so angenehm warm im Salon.

Eine süße Schläfrigkeit überkam sie ...

Franz Halmsen hatte seinen Sessel dicht an das Sofa gerückt und hielt ihre Hand. Sie lehnte sich zurück und ließ den Kopf etwas zurückfallen, sodaß er sie mit der andern Hand stützte, und dabei kam er ihr ganz nahe, daß sie ihr müdes Köpfchen an seine Schulter legte.

Wie sie so hingegossen dalag, und er die süße Wärme ihres Leibes in seinem Arme fühlte, war es um all seine guten Vorsätze geschehen.

Er betrachtete sie eine Zeit lang und fühlte dabei, wie ihre kleine Hand in seiner fieberheiß ward und zitterte, und wie sich die Finger fest und fester um die seinen schlossen, und plötzlich beugte er sich nieder, seine Lippen lagen auf den ihren, und er sog sich an ihrem halbgeöffneten, wollüstig kleinen Munde fest.

Sie hielt die Augen noch immer geschlossen, und eine willenlose Mattigkeit lag auf dem bleichen Gesichte, nur die Schultern zog sie wie sich aufbäumend hoch, bei jedem seiner Küsse erschauernd.

Sie lag da, wie unter einem Banne, in jener zitternden Angst des Weibes vor der Gewalt des Mannes, der sie sich beugen will, mit jener Hingabe, die nur den einen Willen hat, völlig zu unterliegen.

Es dauerte ein wenig lange, so daß sie wieder zum klaren Bewußtsein kam, sich aufrichtete, den Bann abschüttelte, und ihn, der sich über sie gebeugt hatte, zurückstieß.

Sie sprang auf, atmete tief auf und wollte zum Fenster eilen; aber er kam ihr zuvor. Er trat ihr in den Weg und streckte ihr die Hände entgegen, die Finger wie tastend vorgestreckt, ohne daß er es jedoch wagte, sie, die bebend vor ihm stand, zu ergreifen.

Sie wich ihm aus, und so spielten sie miteinander, wie eine lüsterne Katze mit einem Mäuschen spielt. Sie flüchtete hinter einen Sessel, hinter den Tisch, und er immer langsam hinter ihr her; lächelnd als sei es ein harmloser Kinderscherz, und dabei war ihr zu Mute, als müsse sie jeden Augenblick in Thränen ausbrechen.

Wenn er doch nur ein Wort sagte, nur ihren Namen, so hätte sie sich in seine Arme gestürzt. Alles in ihr war in Aufruhr. Sie begehrte ihn, wie er sie, – aber sie wollte sich nicht schwach vor ihm zeigen.

Sie mußte alle Willenskraft aufbieten, um nicht umzusinken, so matt fühlte sie sich, so zitterten ihre Kniee.

Sie war in der Nähe der Thür, und ohne zu überlegen, wollte sie in das dunkle Eßzimmer flüchten, als er sie endlich ergriff.

Sie stemmte die beiden Hände gegen seine Brust und drehte und wendet ihren Kopf, um seinen Küssen zu entgehen.

Aber diesmal ließ er sie nicht.

Sie fühlte, daß es vorbei sei, und sie fing an zu weinen und flehentlich zu bitten:

– Lassen Sie mich, – aber so lassen Sie mich doch! – bitte! ... bitte! –

Er hörte nicht auf ihr stammeln.

Aber plötzlich fing sie an, herzzerreißend zu schluchzen; und als er ihre stürzenden Thränen sah, begann ihm der Mut zu schwinden, und er erschrak vor seiner Unverschämtheit.

Sie that ihm leid und er zog sie sanfter an sich und küßte ihre Stirn, ihre Augen. Er hatte es gefühlt, daß sie nahe daran war, sich ihm hinzugeben, und er glaubte ihr weinen zu verstehen ...

Und so suchte er sie zu beruhigen. Er gab ihr die süßesten Kosenamen, er nannte sie mit einem Male Du, streichelte sie und redete auf sie ein, daß sie doch nur ruhig wurde, und ihm nicht mehr zürnte.

Sie aber fing immer heftiger an, zu weinen, suchte sich von ihm loszumachen und warf sich aufschluchzend in die Sofaecke.

Er stand ratlos vor ihr, die Hände gefaltet, und sah auf die jammernde herab.

Dann richtete sie sich plötzlich wie erschreckt auf.

– Sie stehen noch da! ... Aber so gehen Sie doch fort. –

– Margarete!

– Gehen Sie doch, – aber mein Gott, so gehen Sie doch! – Sehen Sie mich nicht so an! –

– Aber Margarete! ...

– Lassen Sie mich, ich bitte Sie, lassen Sie mich! keuchte sie atemlos. Wenn Sie mich lieb haben, so gehen Sie! – O Gott, ich bin ja so unglücklich! – so unglücklich ...

Und aufs neue weinte sie, ohne daß er ein Wort der Beruhigung für sie fand.

Sie sprang auf und drängte ihn fort.

Er wollte sie küssen, aber sie entzog sich ihm, und er wagte keinen neuen Versuch.

– Aber mein Gott, so lassen Sie mich doch! ...

Eine zitternde Angst, eine kindliche Hilflosigkeit bemächtigte sich ihrer. Warum sagte er denn nichts, warum stand er denn da wie ein begossener Pudel? ... In dem Augenblick kam er ihr entsetzlich dumm vor.

Und er ließ sich hinausdrängen. Er ging wahrhaftig. – Er nahm ihre Hände und küßte sie ... Er hörte auf ihre sich überstürzenden Bitten, zu gehen ... Er entschuldigte sich – suchte sie zu trösten; wollte sie küssen, aber sie wehrte ihm; – und dann nahm er Hut und Stock – und ging, mit dem Versprechen, morgen wieder zu kommen ... und er ging wahrhaftig! – –

Die Thür schlug hinter ihm zu, und sie stand mitten im Salon unter dem in eine Tüllwolke eingehüllten Lüster und sah sich in dem großen Spiegel, ihre ganze Gestalt ... und dann ging sie darauf zu und betrachtete ihr Gesicht, und wischte sich die Thränen aus den Augen, ganz langsam, sich selbst beobachtend.

Weshalb hatte sie denn eigentlich geweint? ... Sie hatte geweint, wie ein Kind, dem man einen Wunsch nicht gleich erfüllt. –

Sie sah sich um ... Er war wirklich gegangen. –

Sie hatte ihn so gehen lassen.

Vielleicht war die Hausthür schon zu ... und er mußte wiederkommen! – Ein freudiger Schreck durchzuckte sie. Sie lauschte angestrengt. Dann nestelte sie die kleine goldene Uhr aus der Taille ... Du lieber Himmel, es war noch nicht halb zehn. Er war also wirklich fort! –

Es zitterte noch alles an ihr, eine süße, wonnige Aufregung, daß sie sich in einen Sessel kauerte und sich, indem sie die Kniee hochzog, wie ein Kätzchen in das Polster schmiegte.

Ein beben durchlief ihren Körper. Ein paarmal hatte sie geglaubt, es sei zu spät; sie war ganz in seiner Gewalt gewesen – und nun war er so gegangen.

Und mit einem Male stieg ein maßloser Ärger in ihr auf, eine blinde Wut gegen diesen Menschen! – Nein, wie dumm, wie gottsjämmerlich dumm er vor ihr gestanden hatte. War sie schon hilflos, so war er es noch weit mehr gewesen.

Das wollte ein Mann sein, so eine Schlampe. –

Und wie aus tiefster Seele rang sich ein Wort von ihren Lippen, in dem ihre ganze Empörung lag, der Ärger über sich, daß sie sich schwach gezeigt hatte, und daß er wie ein Schuljunge vor ihr gestanden hatte, und nicht wie ein Mann, der weiß, was er zu thun hat, – und das Wort platzte wie eine Bombe in die tiefe wohlige Ruhe, die sie umgab:

Schafskopf! ...

Dann lachte sie über sich selbst und strich sich lachend über die Haare und die Stirn, auf der noch der Schweiß stand.

Wie konnte ein Mensch nur so sein? –

Das war ja mehr als abscheulich! – –

Sie stand auf und ging im Zimmer auf und ab.

In der Flasche war noch ein kleiner Rest. Den goß sie in eines der Spitzgläser, hielt es gegen das Licht und leerte es auf einen Zug.

Dann schritt sie unruhig über den Teppich.

Einen Augenblick hatte der Ärger ihr alle Stimmung genommen, jetzt floß eine süße Mattigkeit durch ihre Glieder.

Ihr war entsetzlich warm. Mit hastigem Ruck hatte sie ihre Taille geöffnet, und ließ die Luft um Hals und Busen fließen. Sie tupfte mit ihrem Batisttüchlein die Schweißtropfen fort.

Es war zum ersticken warm, und schnell entschlossen, warf sie die Taille ganz ab, und nun auch das Kleid und streckte sich matt auf das Sofa. –

Wenigstens erleichterte das etwas.

Es war drückend schwül im Zimmer ...

Aufgesprungen – und das Fenster aufgerissen. –

Die feuchte Nachtluft wälzte sich neblig herein. Sie öffnete auch die Thür zu dem Eßzimmer und Korridor.

Wenn doch nur diese brennende Glut in ihrem Innern nachließ.

Sie steckte ihre fieberheißen Hände in das Wasser des Champagnerkühlers und netzte sich die pochenden Schläfen.

Aber es half nichts, sie wurde nicht ruhiger.

Wahrhaftig – der Arzt hatte recht ... Sie mußte heiraten. Das war nicht mehr auszuhalten; sie mit ihrer übersprudelnden Lebenslustigkeit. Sie küßte so gern, und ...

Da kam es wieder, ein leises nervöses zittern, daß sie die Augen schloß und mit halb geöffnetem Munde die Luft einsog, und ihre Arme sehnten sich, jemand zu umfangen, daß sie die Hände über dem Busen kreuzte und fest an sich preßte, bis sie sich weh that. – –

Warum hatte er nur auf ihr dummes weinen, auf ihr albernes flehen gehört? – Ob er wirklich ganz ruhig fortgegangen war? ... Hatten denn die Männer gar kein Gefühl mehr? – – –

Sie horchte auf ...

Schritte auf der Treppe! ... Sie eilt an die Thür und lauscht.

Sie hat sich nicht getäuscht ...

Er kehrt zurück! – Ein unsagbarer Jubel überkommt sie, Triumphfreude. – Es kann ja niemand anders sein. –

Droben sind nur zwei Ateliers, und dann wohnt die alte Frau Weber da, und die hat nur einen Mieter, den lustigen Referendar Max Schnorr, – ein hübscher Junge, der sie immer mit arg verliebten Augen angesehen und sie eines Tages drunten im Garten ganz einfach angeredet und ihr dann einen Besuch gemacht hat. – Sie hat ihn immer sehr kühl behandelt, weil er sie im Garten eines Tages einmal ohne weiteres geküßt hatte. – Sie hatte ihm gründlich die Meinung gesagt, und seitdem war er geknickt, daß er ihr eigentlich recht leid that, der hübsche, nur etwas zu unverschämte Junge. – Aber jetzt denkt sie nur an Franz Halmsen.

Er kommt zurück, und sie muß an sich halten, um nicht laut aufzujauchzen vor Freude.

Die Schritte kommen näher, jetzt hält er vor der Thür.

Angstvoll lauscht sie. Jetzt muß er die Hand nach der Glocke ausstrecken. Sie fiebert vor Ungeduld; und jetzt kann sie sich nicht länger halten und hat die Thür aufgerissen ...

Im selben Augenblick prallt sie auch zurück, denn statt des Assessors steht Max Schnorr vor ihr. –

So stehen sie und starren sich einen Augenblick lang an.

Auf ihrem Gesicht liegt noch die ganze jubelnde Freude, und auf dem des Referendars ein wonniger Schreck über diese unerwartete entzückende Erscheinung, die er anstarrt, ohne zu wissen, wie er zu solcher Überraschung kommt.

Plötzlich wird sie sich bewußt, in welchem Kostüm sie vor ihm steht, in schwarzem Korsett und weißen Spitzenunterrocke, und sie verliert alle Besinnung, schlägt die Hände vor das Gesicht und eilt in das Zimmer zurück, ohne daran zu denken ... ohne Zeit zu finden, die Thür wieder hinter sich zuzumachen. – – – – – – –

* * *

Als im andern Morgen Marie an die Thür zum Schlafzimmer der gnädigen Frau pocht, ruft ihr diese zu, sie solle erst einen Weg zum Tapezier machen.

Zehn Minuten später wundert sich Frau Weber, daß ihr Herr Referendar erst am Morgen um halb acht heimkommt.

– Nanu, denkt sie, so wat is ooch noch nich dajewesen.

Sie hatte sich in der kommenden Zeit sehr oft zu wundern, ohne recht zu wissen, weshalb ...

Als ein halbes Jahr später Frau Margarete Wendland sich mit dem Regierungsassessor Franz Halmsen verlobte und Frau Weber ihrem Mieter gegenüber ein Wörtchen fallen lassen wollte, schnauzte der Herr Referendar sie zum ersten Male in ihrem Leben fürchterlich an, und warf sie beinah aus seiner Bude, mit einem Gesichte, als ob er sie fressen wolle. –

Und als zwei Monate später die Hochzeit war, zu der ihm der Assessor noch persönlich die Einladung brachte, der er aber nicht Folge leistete, lief er drei Tage wie ein Halbverrückter herum, daß Frau Weber in beständiger Angst schwebte, es könne ein Unglück geben, und sich erst wieder beruhigte, als sie am Morgen des vierten Tages ihm die Stiefel ins Zimmer setzte, und er mit seiner Bärenstimme, die für einen königlichen Referendarius etwas ungewöhnlich war, ein Gaudeamus igitur! ebenso bierehrlich überzeugungsvoll wie grausam falsch in die frühe Morgenluft hinausbrüllte. –

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