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Fallobst

Heinz Tovote: Fallobst - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorHeinz Tovote
titleFallobst
publisherDr. Eysler & Co. G. m. b. H., Berlin
printrunZwölfte Auflage
yearo.J.
firstpub1890
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Ein Bekenntnis

Warum hat Any Ottwyl eigentlich nicht geheiratet? – fragte der Ingenieur und sah sich fragend in dem kleinen Kreise um, der an dem Wirtstische zusammengewürfelt war.

Der Doktor zuckte leicht mit den Achseln, der alte Pfarrer nahm bedächtig einen Schluck Wein, und schaute dann gen Himmel ...

Ich wußte nicht, wer Any Ottwyl war, und sah zu Gustav Merklin hinüber, der wie geistesabwesend auf das rot und weiß gewürfelte Tischtuch starrte.

– Irgend einen Grund muß sie doch gehabt haben, fuhr der Ingenieur sinnend fort. – Ein Mädchen, hübsch, jung, gescheit und – reich. Und dabei hat sie alle abgewiesen. – Entsinnen Sie sich noch des jungen deutschen Doktors, der sich in unseren Bergen wieder kräftigen wollte? Man sah ihn täglich mit Fräulein Any. Endlich schien der Rechte gekommen zu sein. – Eines Tages aber packte er seine Koffer und reiste ab. Ich sehe ihn noch, wie er in den Wagen stieg, bleicher als zuvor ... Gesunder ist er nicht von uns weggegangen. Er wird sich auch einen Korb geholt haben. – Na ja! – Weshalb soll ich es verschweigen? ... Mir ist es nicht besser ergangen. Ich habe mal geglaubt, Any Ottwyl sehe mich gern, und da hielt ich um sie an, und mit den schönsten Versicherungen aufrichtiger Freundschaft erhielt ich wie alle anderen ein Nein! – Ich wollte den Grund wissen. Sie konnte mir keinen angeben. Sie bat mich, nicht in sie zu dringen ... Sie hege die herzlichste Freundschaft für mich, ... aber sie könne mich nicht lieben ... Vielleicht könne sie überhaupt nicht lieben, wolle sich auch gar nicht verheiraten. – Sie wolle bei ihrer Mutter bleiben. –

– Jaja, nickte der Doktor und strich sich mit der fettigen Hand vorsichtig über das arg gelichtete Haar ... Es war ein seltsames Mädchen. Wie gern hätte ihre Mutter gesehen, daß sie sich verheiratete. Aber nein! – Sie lachte uns alle aus. Als dann die Jahre vergingen und sie vierundzwanzig war, behauptete sie immer noch, sie sei zu jung zum heiraten. Da hat es einmal eine heftige Scene gegeben, aber von ihrem Entschlusse war sie nicht abzubringen. Dann fing sie an, die Schule einzurichten ... sie wollte etwas thun, und welch einen Segen hat sie nicht durch ihre Wirksamkeit überall verbreitet.

– Davon habe eigentlich nur ich den rechten Begriff, nahm der Pfarrer das Wort. Nur war sie mir, der ich gewiß nicht so engherzig bin, doch als Frau zu freigeistig. – Sie ist viel, viel zu früh für uns alle gestorben. Erst sechsunddreißig alt. – Und nun sind bald vierzehn Tage darüber hingegangen ... Ich habe sie gekannt schon als ganz kleines Mädchen von sieben Jahren. Es war ein reizendes Kind. – Ich habe mir oft genug den Kopf zerbrochen, weshalb sie nicht geheiratet hat. Es hätte eine prächtige Frau werden müssen ...

Gustav Merklin schwieg noch immer.

Er selbst war es gewesen, der von seiner Schwägerin zu sprechen begonnen hatte; denn das war Any Ottwyl gewesen, wie mir der Doktor auf meine Frage zugeflüstert, und wie ich schon nach den ersten Worten mir gedacht hatte, da ich wußte, daß dem Freunde kürzlich eine nahe Verwandte gestorben war. –

Wir hatten uns zufällig in dem kleinen Schweizer Städtchen getroffen und wollten nun ein paar Tage zusammenbleiben.

Er war recht alt geworden. Sein Haar wurde schon grau, und er war mit den Jahren still geworden, sehr still, – er, der in der Jugend stets einer der lebhaftesten gewesen war. –

Das Gespräch über Any Ottwyl nahm ein Ende. – Es war erst zehn Uhr vorbei, als Gustav sich erhob. Man wollte ihn noch nicht gehen lassen. Allein er erklärte, sich nicht ganz wohl zu befinden, und wir brachen auf. –

Die Nacht war wundersam weich und warm. Ein leichter flüsternder Wind raschelte leise in den hängenden Zweigen der schlafenden Bäume, und ein frischer Nebelhauch strich vom See herauf.

– Bist du sehr müde? fragte mich Gustav.

– Keineswegs. – Ich wunderte mich, daß du schon aufbrechen wolltest.

– So laß uns noch einen Spaziergang am See machen. Es wild mir gut thun, denn mir ist sehr dumpf und schwer im Kopfe ...

Wir schritten durch das kleine stille Dorf, zwischen den die niederen Häuser umgebenden Gärten hin.

Kein Laut regte sich, kein Lichtschimmer drang mehr aus den Fenstern. Alles lag schon in tiefem Schlafe.

Wir stiegen den leichten Wiesenhang zum See hinunter und schlugen den schmalen Weg ein, der hart am Wasser hin um den See führte. –

Der Himmel war tiefblau und sternenklar, und all die tausend Lichtpunkte spiegelten sich deutlich in der dunklen Tiefe wieder. Zuweilen zitterte ein leises kräuseln wie ein leichtes nervöses frösteln über die glatte Wasserfläche, daß die Tupfen der Sternbilder ineinander rannen, und nun ein breiter Lichtschimmer über den schmalen Kämmen der kleinen Wellchen zu liegen schien.

Dann wieder zeichneten sich die Berge mit ihren gigantischen Schatten scharf im See ab, schwarz und gewaltig; und zwischen den Bergen hing die ruhige Scheibe des vollen Mondes, an dem zuweilen eine feine, durchsichtig weiße Wolke vorüberschwebte, daß sich ihre nebelhaften Ränder regenbogenfarbig umsäumten.

Traumhaft lag es über dem Thalkessel. An den näher liegenden Hängen zogen sich weiße Schleier leicht brauenden Nebels hin, vom See aufsteigend und im Mondlichte wieder zerfließend. –

Schweigend gingen wir neben einander. Ich dachte an Any Ottwyl und suchte vergeblich mir ein Bild von ihr zu machen. Wenn sie wirklich so schön und lebenslustig gewesen, – weshalb war sie dann einsam gestorben? ... Unglückliche Liebe konnte nach dem, was ich von ihr gehört hatte, nicht gut schuld daran sein.

Auch Gustav Merklin schien nachzusinnen.

Plötzlich wandte er sich zu mir, legte den Arm in den meinen, und stehen bleibend, während er mich fest ansah, sagte er ernst und ruhig:

– Willst du mich einmal anhören? – Ich habe dir eine Geschichte zu erzählen, – eine Geschichte, die ich schon lange mit mir herumtrage, und von der niemand etwas weiß, außer einer, die jetzt tot ist. – Vielleicht wird es besser, wenn ich sie jemandem erzähle. Gerade in der letzten Zeit hat es sehr schwer auf mir gelegen. Ich muß mir diese Last vom Herzen wälzen. – Du weißt ja, ich bin sonst kein Grübler. Ich fürchte mich auch nicht vor vergangenen Dingen und lege an die Handlungen der Menschen nicht den Maßstab der Schuld im gemeinen Sinne ... Aber zuweilen bekommen alte, schwarze Gedanken Macht über einen, und ich bin zu alt geworden, um sie mir wegzutrinken oder wegzuscherzen. – Willst du anhören, was ich dir zu erzählen habe? – Ob du besser von mir denken wirst, weiß ich nicht, ... aber vielleicht findest auch du die Entschuldigung, die ich selbst gefunden habe, in mir selbst. – Willst du? –

Ich nickte mit dem Kopfe, und Gustav Merklin begann zu erzählen:

– Zwanzig Jahre sind nun darüber hingegangen. Du weißt, ich nahm das Leben nicht allzu ernst. Ich that meine Pflicht und suchte der Welt die besten Seiten abzugewinnen. Das wurde anders, als ich meine Examina hinter mir hatte und – es war in München – ein junges Mädchen kennen lernte, das mich derart zu fesseln wußte, daß ich all meine Absichten eines fröhlichen Junggesellenlebens über Bord warf ... Ich liebte Grete Ottwyl, wie ich sie noch jetzt liebe. – Wir sind sehr glücklich miteinander geworden, – ganz glücklich. Unsere Kinder sind unser Stolz und unsere Freude – und so ist eben alles zusammen gekommen, um mich jenes Ereignis vergessen zu lassen, das beinah all mein Glück zerstört hätte ...

Ich hatte Grete Ottwyl bei ihren Verwandten kennen gelernt. Drei Monate fast war ich unschlüssig, dann kam die Erklärung, ohne daß ich selbst recht weiß: wie. – Grete, die damals einundzwanzig war, – ich war um vier Jahre älter, – wollte alles von dem Spruche der Mutter abhängig machen: und so entschloß ich mich eines Tages, meiner zukünftigen Frau Mutter in der Schweiz einen Besuch abzustatten.

Ich kam an und wurde auf das herzlichste empfangen. Die alte Frau gefiel mir eben so gut, wie ich ihr zu gefallen schien. –

Ich hatte im Gasthause absteigen wollen, allein dem widersetzte sich Frau Ottwyl ganz energisch.

Meine Einwände wurden rundweg abgeschlagen, und ich mußte als Gast in das Haus kommen. Wir wollten uns ja kennen lernen. Im Wirtshaus würde ich es so wie so keine drei Tage aushalten. –

Das Häuschen stößt dicht an den See. Du siehst es dort auf der Landzunge liegen. Man übersieht von der Terrasse aus die ganze Gebirgskette. Die wunderbare Schönheit der Gegend kommt dort voll zur Geltung – und ich, der ich von der Schweiz noch so gut wie nichts kannte, war entzückt und stand voll und ganz unter dem Zauber dieser Naturschönheiten.

Mein Besuch war vorläufig auf vierzehn Tage festgesetzt. Früher wollte man mich nicht fortlassen.

Ich hatte darauf gerechnet, spätestens nach einer Woche wieder zu entfliehen, um zu meiner Grete zurückzukommen, allein – ich blieb ...

Ich blieb ... und blieb gern. –

Zu Haus bei der Mutter war Grete's um drei Jahre jüngere Schwester, Any.

Ich fand Grete in ihr wieder, im Glanze ihrer Augen, in dem lichten Schimmer des Haares, in den feinen geschmeidigen Bewegungen, mit denen sie durch den Garten schlüpfte, in dieser seltsam frauenhaften Zurückhaltung, die sie zu Zeiten überkam.

Und doch war sie eine ganz andere. Ein tolles, ausgelassenes Kind, das hineinjubelte in die Welt, das seine Haare im Winde flattern ließ, und im Übermute aufjauchzte wie eine Bacchantin. –

Grete war immer so still, ernst und gesetzt. Eine frauenhafte Scheu und Zurückhaltung lag über all ihrem Thun.

Auch bei Any brach diese Scheu zuweilen durch, wie ein Rückschlag zu ihrer schrankenlosen Ausgelassenheit. –

Vor dem kleinen, aus zwei Stockwerken bestehenden Hause befindet sich ein kleiner Zier- und Blumengarten, an den sich dann eine Wiese und ein Obstgarten schließt, der sich an einem Hange bis hinab zum Seespiegel zieht.

Zur Bewachung des Hauses hatten die beiden Frauen, die mit ihrem Hausmädchen allein waren, eine große Dogge, ein Tier, das erst nach einigen Tagen Freundschaft mit mir schloß, nachdem es mich lange mißtrauisch umschnobert hatte.

Any hatte den Hund Tell getauft, und es gab für sie kein größeres Vergnügen, als sich mit ihm im Garten unter den Obstbäumen herumzuhetzen.

Jetzt, wo ich da war, mußte ich seine Stelle teilweise vertreten. Ohne gefragt zu werden, mußte ich mit Any haschen oder Ballfangen spielen.

Was sollten wir auch viel beginnen in dem kleinen stillen Städtchen? ... Wir tollten im Garten umher wie die Kinder, machten lange Spaziergänge am See, oder auch kleinere Partieen in die Umgegend, von Tell begleitet, oder wir fuhren hinaus auf den See ...

Zauberhaft schweigsame Kahnfahrten in der Dämmerung. Von den Bergen senken sich die schwarzen Schleier der Nacht herab. Die Sternpunkte werden immer heller. Und ringsum totenhaftes schweigen. Zuweilen klingt aus dem Dunkel vom Ufer her der leise Gesang eines halbverschlafenen Vogels oder der verhallende Ton einer rufenden Menschenstimme.

Sonst ist nur das murmelnde rauschen der Wellen um das Boot und das leise klatschen der sich in das Wasser tauchenden Ruder hörbar ...

Dann zog ich die Ruder ein und ließ uns treiben.

Any saß am Steuer und blickte hinaus über den See, traumverloren ... Keiner sprach ein Wort. –

Ich mußte zu ihr hinüberschauen, deren Umrisse in der Dunkelheit fast verschwammen; und ich fühlte, wie ich dem Zauber unterlag, den sie auf mich ausübte, vor allem in diesen Dämmerstunden, in denen meine Sinne wie von einem Schleier umhüllt schienen.

Nie war ich mit Grete so allein gewesen. Mit Any war ich stundenlang, – halbe Tage lang ganz allein. Ich fand in ihr das Wesen der Schwester wieder – und fand noch mehr, weit mehr in ihr.

Und ich fing an, nachzugrübeln.

War Grete nicht doch vielleicht zu ernst für mich? Paßte nicht Any, mit ihrer Lebhaftigkeit, besser zu mir? ... Ich legte mir diese Frage immer aufs neue vor, um mich stets mit den schlagendsten Gründen zu widerlegen.

Ich liebte Grete, aber ich vermochte es nicht, mich dem Zauber, den Any's Wesen auf mich übte, zu entziehen. – –

Ich war nun bald vierzehn Tage dort und dachte nicht daran, fortzugehen. Täglich schrieb ich an Grete. Ich sehnte mich nach ihr. Allein der Reiz der Gegenwart war mächtiger. –

Eines Tages bemerkte ich, daß sich Any's Benehmen mir gegenüber änderte. Sie wurde zurückhaltender und wich mir aus. Wie etwas selbstverständliches hatten wir uns vom ersten Tage an geduzt.

Jetzt kamen Augenblicke, wo sie mit dem Du zu stocken schien. Sie lief nicht mehr wie ein übermütiges Kind davon, und rief mir zu, sie einzuholen.

Die anfängliche Unbefangenheit, die zwischen uns geherrscht hatte, verflüchtigte sich mehr und mehr.

Wenn sie mir jetzt die Hand gab, glaubte ich zuweilen ein leises Zucken in ihren schlanken Fingern zu spüren.

Sie wurde unruhig und nervös unzufrieden. Zuweilen war ihr trotz des besten Willens nichts recht zu machen. Sie wurde launisch und eigenwillig.

Einmal, als wir von Grete sprachen, zu der sie sonst wie zu einem Ideal aufgeschaut hatte, warf sie ein paar bitterscharfe Bemerkungen über die ältere Schwester hin, die mich so empörten, daß ich es ihr heftig verwies. Sie fing an zu weinen, ohne daß ich wußte, weshalb. Ich verstand sie nicht mehr.

In meiner Blindheit übersah ich das naheliegendste. –

Die etwas kränkelnde Mutter mit dem Hausmädchen schliefen drunten.

Any hatte ihre Zimmer über dem der Mutter.

Auch mein Zimmer lag im ersten Stock. Man hatte es nicht für nötig gefunden, eine Änderung eintreten zu lassen. –

Es war am dritten oder vierten Tage gewesen, als ich, weil wir an dem Morgen Freundschaft geschlossen hatten, Any zur guten Nacht küßte, wie ich das von meiner Schwester her gewöhnt war.

Seitdem war es zwischen uns ein berechtigtes, stillschweigendes Übereinkommen gewesen.

Mit einmal hörte das auf. Any wußte stets eine Gelegenheit zu finden, damit wir nicht zusammen hinaufgingen. Sie wich mir aus, sie, die vorher ohne Zieren mich geküßt hatte.

Sie entwich mir, und suchte mir mit Spott zu wehren.

Das ärgerte mich, und wir standen eine kurze Zeit auf etwas gespanntem Fuße. Wir neckten uns, um den kleinen Ärger auf beiden Seiten zu verbergen. –

Eines Tages fand ich sie im Garten dicht am See auf einer kleinen vorspringenden Insel einsam sitzen, wo unter dichtem Ligustergebüsch eine Bank verborgen war.

Ein Buch lag aufgeschlagen in ihrem Schoße. Sie las nicht darin. Ihre Blicke schweiften über den See, als suchten sie ein unerreichbares Ziel in der Ferne.

Ich blieb stehn und betrachtete sie. Sie regte sich nicht. Zuweilen zuckte es um ihre Lippen, und sie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, über Stirn und Augen, langsam schläfrig.

Ich wagte nicht, sie in ihrer Träumerei zu stören und schlich leise wieder fort, aber ich vergaß das Bild nicht. –

Sie war wie verwandelt. Das übermütige Kind war verschwunden. Der Ausdruck ihres Gesichtes war ein ernster und strenger geworden.

Sie schien gewachsen und stärker geworden zu sein. Wie über Nacht war das gekommen. In all ihren Bewegungen war sie jetzt voll und abgerundet, so sicher und selbstbewußt.

Der Mutter schien diese Veränderung völlig zu entgehen. Sie war sorglos in ihrem Vertrauen; war ich selbst es doch auch nur allzusehr.

Zwei Tage später fand ich bei der Rückkunft von einem Morgenspaziergang Any auf meinem Zimmer, das das Hausmädchen nie betrat. Any oder die Mutter besorgten alles, – die erste Pflicht der Gastfreundschaft hierzulande.

Die Morgensonne schien lachend in die geöffneten Fenster, durch die Blumenstöcke in das kleine schmucke Zimmer. Die Thür stand halboffen. – Die Laufteppiche dämpften meine Schritte ...

Any saß vor dem Tische, auf dem mein und Grete's Bilder standen. Das Staubtuch war zur Erde gefallen, es lag neben ihrem Stuhle.

Sie saß vor dem Tische, hatte die Arme auf den Tisch gelegt, das Gesicht auf die Hände gepreßt, und ich hörte deutlich, wie sie schluchzte.

Sie hob den Kopf etwas, fuhr sich über die Augen und weinte dann weiter.

Vorsichtig trat ich in das Zimmer ein.

Sie regte sich nicht, bis ich hinter ihr stand.

Ich legte ihr leise die Hand auf die Schulter. Sie schrak zusammen und starrte mich entsetzt an.

– Any, sagte ich, du weinst ... Aber Kind, was ist denn? Was giebt es denn zu weinen? – Darf ich es nicht wissen ...

Sie blieb noch immer sitzen und starrte vor sich hin.

– Bin ich dein Freund nicht mehr, Any, daß du mir etwas verheimlichst? –

Sie stand auf und fuhr sich mit dem Rücken der Hand über die Augen.

– Es ist nichts. – Laß mich! sagte sie.

– Nein, Any, du hast etwas. Bitte sag mir, was dir fehlt. –

Sie schüttelte traurig mit dem Kopfe und wollte fort.

Allein ich ließ sie nicht. Ich bat sie mit den innigsten Worten, mir ihr Leid zu vertrauen.

Ich hatte sie bei den Armen gefaßt und hielt sie fest.

Sie wollte sich losringen, allein ich ließ sie nicht, bis sie plötzlich in haltloses schluchzen ausbrach und an meiner Brust lag.

Ich hob ihr Gesicht zu mir empor und küßte ihr die Thränen von den Augen.

Sie drängte sich an mich, und ihre Finger krampften sich in meine Kleider, während ich sie küßte, nicht mehr die Augen allein, die Wangen, die Lippen, den Hals.

Ich fühlte dieses bebende junge Mädchen in meinen Armen, und es kam wie ein unsinniger Taumel über mich. Ich faßte sie fest und fester und küßte sie, die sich vergebens wehrte, mit jener Haltlosigkeit, die uns zuweilen wie eine plötzliche Trunkenheit überkommt.

Sie stemmte sich gegen mich, sie suchte mir ihr Gesicht zu entziehen. Ich küßte sie, wohin meine Lippen trafen, ohne zu wissen, was ich that, bis sie sich an mir herab gleiten ließ und so meinen Armen entschlüpfte ...

Ich wartete, daß sie wiederkommen sollte.

Mein Zimmer war erst halb aufgeräumt. Alles lag noch umher. – Ich setzte mich an das Fenster und wartete.

Sie kam nicht. – Ich wollte sie um Verzeihung bitten. Ich hatte ja nicht gewußt, was ich gethan. Ich war meiner im Augenblicke nicht mehr Herr gewesen.

Und sie selbst – hatte sie sich denn nicht in meinen Armen fast hingegeben, sich an mich geschmiegt, daß ich mich nicht mehr halten konnte ...

Ich wartete zwei Stunden, allein sie kam nicht. Ich suchte sie im Garten, im Hause ... sie war nicht zu finden.

Erst bei Tisch trat sie mir wieder entgegen.

Sie war sehr bleich, und man sah es ihren Augen an, daß sie geweint hatte.

Die Mutter merkte nichts. –

Nur als Any kaum etwas aß, fragte sie.

Sie sei nicht ganz wohl. – Sie zitterte ein wenig und wich meinen Blicken aus.

Wenn ich sie anredete, antwortete sie ruhig, aber von selbst sagte sie nichts. – –

Und nun begann zwischen uns beiden eine Jagd, eine fortwährende Nachstellung. Ich wollte ihr eine Erklärung geben, sie um Entschuldigung bitten, um jene Scene zu verwischen, die in meinem Gedächtnis wie ein todeswürdiger Frevel brannte. –

Sie floh vor mir. Es war unmöglich, sie auch nur einen Augenblick allein zu treffen. Jede nur erdenkliche List wandte sie an, um mir zu entgehen.

Es war eine atemlose Hetzjagd, die uns beiden das Blut schneller durch die Adern trieb, ein jagen und fliehen, das uns nicht zur Ruhe kommen ließ.

Die Angst stand in ihren Augen, die Angst, als solle jene Scene sich erneuern.

Und ich wollte doch nichts, als ihre Verzeihung erflehen ... Es war unmöglich. –

Der Tag verstrich, ohne daß ich auch nur ein Wort über den Vorfall des Morgens hatte sagen können.

Der Abend brach herein. Sie schützte Kopfweh vor und wich nicht aus der Nähe der Mutter. Als diese das Zimmer verließ, flüchtete auch sie sich.

Sie ging früh hinauf, während ich noch bleiben mußte. Auch ich folgte bald, indem ich Müdigkeit vorschützte.

Es war mäuschenstill im Hause. Als ich vorsichtig hinaufging, sah ich durch die Spalte ihrer Thür schwachen Lichtschimmer. Eine Stufe knarrte unter meinen Tritten, und das Licht erlosch sofort. – Ich klopfte leise an ihre Thür.

– Any! rief ich, Any! ...

Nichts regte sich. – Ich fing an zu bitten.

Und dann hörte ich, wie sich vorsichtig leise der Schlüssel im Schloß drehte.

Sie schloß zum zweiten Male um. –

Ich hörte das leise rascheln ihres Kleides und glaubte ihr Atmen zu vernehmen.

Sie stand an der anderen Seite der Thür.

Ich fing an zu sprechen, leise, mehr als flüsternd. Ich wollte mich entschuldigen, und ich wußte, ich sprach sinnloses Zeug.

Ich rief sie wiederholt beim Namen.

Sie regte sich nicht. Alles blieb mäuschenstill.

Ich bat und beschwor sie, mir zu sagen, daß sie mir vergeben habe. –

Kein Wort, nicht der geringste Laut.

Und doch wußte ich, daß sie jenseits der Thür sich befand, daß sie den Atem anhielt, um sich mir nicht zu verraten ...

Endlich gab ich den Versuch auf und ging in mein Zimmer hinüber. Aber ich fand keinen Schlaf.

Ich zündete die Lampe an und versuchte zu lesen. Die Buchstaben verwirrten sich vor meinen Augen, und ich schlug das Buch wieder zu. Ich sah zum Fenster hinaus. Die Nacht verlockte mich.

Flüchtig kleidete ich mich an und tastete mich in den Garten hinab. Tell, die Dogge, fuhr auf mich ein, doch sie beruhigte sich sofort wieder, als sie mich erkannte.

Ich schritt langsam im Garten auf und ab.

Vor Any's Fenster blieb ich stehen. Mir schien, als habe sich droben etwas bewegt.

Allein nur der Wiederschein des Mondes spiegelte sich in den Scheiben.

Ich starrte lange zu dem Fenster empor. Dann ging ich zum See hinunter, von der Dogge gefolgt, als wolle sie mich bewachen.

Die Nacht war schwül, wie gewitterschwanger.

Der betäubende Sommerduft der blühenden Bäume strich durch die Nacht.

Ich war wie im Fieber ...

Nur vom See her wehte es kühl herauf.

Sein stilles dunkles Wasser, auf dem der breite Schein des Mondes so besänftigend lag, lockte mich. Ich warf die Kleider ab und schwamm weit hinaus in den See, bis meine Kräfte zu ermatten drohten, und ich dem Ufer wieder zustreben mußte.

Das Bad hatte mich erfrischt und mein fieberheißes Blut abgekühlt, daß ich bald und fest einschlief. –

Am folgenden Morgen fing das Hetzen von neuem an. Wie ein armes, vom Jäger verfolgtes Reh flüchtete Any vor mir ...

Am Nachmittag traf ich sie im Garten. Die Mutter schlief. Rings war alles still.

Die Sonne zitterte über den narkotisch duftenden Kräutern der Wiese. Nur die Insekten summten durch die dicke, schwüle, trockene Luft; und hie und da taumelte ein Schmetterling von Blume zu Blume, wie trunken vom Sonnenlichte.

Ich traf Any im Garten, wo man nichts mehr vom Hause sah, – dort, wo sie jüngst auf der versteckten Bank sich ihren Träumen hingegeben hatte.

Sie wollte mir entfliehen, allein ich war schneller als sie, und wie in früherer Zeit beim haschen, eilte ich hinter ihr her und holte sie ein.

Als ich sie am Arm hielt, rief sie plötzlich: Tell! – Tell! ...

Ich hatte sie mit beiden Armen gefaßt, daß sie sich nicht losringen konnte.

Als sie nach dem Hunde rief, ließ ich sie etwas los und sagte:

– Wozu rufst du den Hund? –

Ich mußte lachen über ihre sinnlose Furcht.

Sie hob den Kopf zu mir, ohne mehr einen Versuch zu machen, sich zu befreien, und fing an zu lachen.

Ich hielt sie vor mir, daß ihr Gesicht fast an meiner Schulter lag und meine beiden Arme sie umfingen. Sie blickte zu mir auf, während ihr Kopf sich nach hinten bog, als wolle sie ihr Gesicht von dem meinen entfernen.

Ich blickte ihr lachend in die Augen.

– Du fürchtest dich wirklich vor mir? ...

Sie blickte mich an und lachte, während ihre Augen mich flohen.

– Nicht im geringsten!

– Warum fliehst du denn vor mir?

– Weil ... weil ...

Ich beugte mich etwas über sie, und sie legte sich zurück, daß sie in meinem rechten Arm hing, ihr ganzer Körper an den meinen hingegossen.

In ihrem Gesichte mischte sich Lachen und Furcht.

Ein seltsames Feuer flackerte in den Augen. Die Pupille zuckte ein wenig. Und ich schaute nur immer in die Tiefe dieser grauen Augen.

Ich hatte vergessen, was ich ihr sagen wollte, ich fühlte jetzt nur den betäubenden Wiesenduft uns umwehen, ich hörte das summen der Insekten, fühlte den Pulsschlag ihres Blutes, diese auf mich überströmende Wärme, und ich zog sie fester an mich.

Sie hatte die Augen fest geschlossen, es sah aus, als ob sie mich verschmitzt anlächele.

Ihre frischen, vollen roten Lippen waren halb geöffnet, daß man die kleinen scharfen Zähne deutlich sah. – Ich fing an, sie zu zählen.

Und plötzlich beugte ich mich nieder, und mein Mund hatte diese geöffneten Lippen gefunden, daß die Zähne aneinander klirrten.

Ihr Leib bäumte sich in meinen Armen, aber mein Mund ließ den ihren nicht in einem wahnsinnigen, endlosen Kusse.

Ich hielt ihren Arm fest, daß sie sich nicht befreien konnte, und wieder küßte ich sie, wie am Morgen zuvor so sinnlos.

Es war eine Raserei, wie ich sie an mir selbst noch nicht gekannt hatte.

Ich fühlte den ungestümen Gegendruck ihrer Lippen, wie ihr Leib sich mir zu entringen suchte, und sich doch anschmiegte, als gehöre er mir.

Sie brach in den Knieen zusammen, und fast wäre ich mit ihr zu Boden gestürzt.

Ihre Augen waren geschlossen, die Lippen halb geöffnet.

Als sie ins wanken kam, schien sie wieder zu sich zu kommen.

Ehe ich es hindern konnte, stemmte sie mich zurück, und mit der geballten kleinen Faust mich ins Gesicht schlagend, entrang sie sich mir, und mitten durch das Gebüsch eilte sie dem Hause zu, ehe ich recht wußte, wie das alles gekommen war. –

Ich hatte sie um Verzeihung bitten wollen, und jetzt standen die Dinge schlimmer als zuvor.

In meinem Blute lag eine nicht zu bezähmende Gier, diesen jungen Mädchenleib an mich zu ziehen, an mich zu pressen, und sollte ich tausendmal darüber zu Grunde gehen.

Sie hatte mir nicht wehe gethan, als sie mich geschlagen, aber ich war ärgerlich geworden, daß sie mir widerstand. Ich wollte ihren Eigenwillen brechen ...

Und jetzt verfolgte ich sie wirklich. –

Sie war für mich die verbotene Frucht geworden.

Ich dachte mir nicht viel dabei. Ich vergaß keinen Augenblick, daß es die Schwester meiner Braut war, aber diese, wie ich mir sagte, kindliche Prüderie, dieser erwachende Trotz reizte mich, ihn zu brechen.

Mir schien es ein harmloses Spiel, das die Nerven erregte, ein Spiel ohne jede Gefahr, – unter den Augen der Mutter ...

Seit sie sich meinen Küssen entzog, war mir jeder Kuß ein Reiz, nach dem meine Sinne begehrten.

Ich suchte sie zu haschen, sie zu umfassen – wenn ich sie im Garten traf ... im Hause ... wenn die Mutter einen Augenblick das Zimmer verließ. Ich traf sie aus der Treppe, und ich küßte sie trotz all ihres sträubens.

Ich wußte ja, daß sie gleichsam in meiner Gewalt war. Es war ein stillschweigendes ringen, lautlos, mit keuchendem Atem, ein fortwährendes versteckenspielen und überrumpeln.

Ich sah, wie es Any erregte, und in ihrer fieberhaften Aufregung schien sie mir schöner als je. Sie wurde für mich begehrenswert.

Es war wie ein fortwährender Rausch, den man vor jedem Auge verheimlichen muß, und der ausbricht, wenn niemand in der Nähe ist, der uns beobachten kann.

Es gab Stunden, wo ich Grete völlig vergessen hatte, wo ich nur an Any dachte. – –

Die beiden Schwestern waren mir fast eins geworden, und die Zuneigung für Grete übertrug ich auf die jüngere.

Wie es in Any's Innerem aussah, daran dachte ich nicht. Damals hatte ich keine Ahnung davon. Ich machte mir auch keine Gedanken darüber.

Es war für mich ein aufregendes, lustiges Spiel eine Abwechslung in dem einförmigen Leben, das ich nun schon bald drei Wochen lang führte. –

Jetzt kann ich mir denken, was das arme Mädchen gelitten haben mag, – allzu spät erkannte ich es.

Damals hatte ich kein Gefühl dafür. –

Meine Zeit ging zu Ende. Ich mußte nach München zurück. Allein zuvor hatte ich noch eine kleine Reise zu unternehmen.

In drei Tagen wollte ich zurück sein und dann am folgenden Tage die Schweiz verlassen. –

Über Any war eine peinigende Unruhe gekommen. Sie selbst gab die Veranlassung zu jenem versteckten ringen, das zwischen uns beiden stattfand.

Sie forderte mich geradezu heraus, obgleich ich das Spiel nun zu Ende sein lassen wollte.

Es schien, als ob dieses aufregende Hetzen ein Lebensbedürfnis für sie geworden sei.

Als ich fortging, war sie sehr erregt. Sollte ich doch nur mehr einen Tag bei meiner Rückkehr bei ihnen bleiben.

Ich nahm sehr ruhigen Abschied.

Als ich Any küßte, glaubte ich, sie würde zusammenbrechen, so erschauerte sie. – –

Ich kam mit meiner Angelegenheit schneller zu Ende, als ich dachte. Der rasche Abschluß war gut gefeiert worden, und ich war nicht ganz nüchtern geblieben.

Ich suchte schnell zurückzukommen. Spät in der Nacht langte ich vor dem kleinen Häuschen an.

Alles lag schon im tiefsten Schlafe, selbst der Hund regte sich nicht. –

Es war eine stille Nacht wie die heutige. Der See lag so ruhig und eben da, wie jetzt. –

Wie friedlich und besänftigend doch die Natur ist. In ihr allein finden wir Ruhe für alles, was uns einmal geängstigt hat, in ihr so sehr wie an dem Herzen eines geliebten Weibes ...

Komm, laß uns hier Platz nehmen. Es ist so schön hier ...

Wie sich die Sterne in den dunklen Wassern wiederspiegeln, ein Bild des menschlichen Lebens.

Wer weiß, was alles unter diesen Wassern verborgen liegt. Wer weiß, welches Leid oft in der Seele des Menschen ruht. – – – – – – – – – – –

* * *

Wir ließen uns auf die Bank nieder, die auf einer in den See vorspringenden felsigen Halbinsel gelegen war.

Alte breitästige Bäume wölbten ihre dichten Zweige über uns, durch deren Geblatt die Sterne schimmerten.

Eine kleine weiße Wolke zog an der vollen Scheibe des Mondes vorüber.

Die kleinen Strandwellen des im Mondlichte schlafenden Sees murrten an das kiesige Ufer, zitternde Silberstreifen auf dem seinen Gestein bildend.

In der Nähe raschelte im Busche ein verschlafener Vogel. Ein kalter Lufthauch wie ein zitterndes frösteln strich über die Seefläche.

Dann verfiel die Natur wieder in schweigen. –

Und ich sah jene Scenen, die mir der Freund weiter schilderte, sich vor meinen Augen abspielen. Aber ich sah mehr als er. Ich durchlebte sie mit dem jungen Mädchen.

Wie allmählich die Liebe in ihr erwachte, das Blut aus dem jungfräulichen Schlafe aufgerüttelt wurde.

Was ihm nur Spiel war für sie lebenswahre Angst, jenes sehnende zittern, die hingebende Flucht vor der Gewalt des Mannes.

Was mußte sie empfunden haben bei seinen Küssen, bei seinen Verfolgungen; wie mußten ihre Nächte gewesen sein, wo sie ihn Wand an Wand neben sich wußte, ihn den sie liebte ...

Er selbst hatte in ihre Liebe das Gift der Sinnlichkeit geflößt, er hatte die Begierde wach geküßt.

Und dabei die Heimlichkeit vor der Mutter, die Gefahr, der stete Gedanke, daß er der Schwester gehörte.

Wie es dem Gaste gegenüber Sitte war, mußte sie für sein Zimmer sorgen. Es war nicht möglich, daß sie es dem Mädchen überließ.

Dieses gesunde Kind der Natur, machtlos all diesen verführerischen Einflüssen gegenüber.

Und er begriff es nicht. Er trieb das Spiel, wie er es nannte, weiter.

Er brachte ihr Blut zum sieden, die keinen Halt fand, die alles stumm mit sich selbst auskämpfen mußte.

Was für Gedanken mochten sie überschlichen haben, wenn sie in seinem Zimmer seine Sachen aufräumte. Diese brutale Intimität, in die sie hineingezwungen wurde, eine Intimität, die sonst jedem jungen Mädchen fern gehalten wird, und die ihr hier von der Sitte der Gastfreundschaft wie eine brennende Qual auferlegt wurde.

Wie sollte sie diesem ersten Sturme der Sinnlichkeit widerstehen!

Und als er für die kurze Zeit fortging, wie mochte es da mit ihren Gedanken gewesen sein! ...

Wenn er zurückkehrte, dann sah sie ihn zum letzten Male. Es gab keine Hoffnung für sie.

Er gehörte der Schwester. Sie konnte doch nicht mit der Schwester um ihn ringen, die mit ihm verlobt war. Und sie mußte schweigend dulden.

Wie mochte sie ihre Nächte durchweint und durchwacht haben.

Und jene Nächte, da er nicht mehr mit unter dem Dache schlief! – Bis dahin war das Angstgefühl nicht von ihr gewichen. Jetzt kam das Gefühl der Einsamkeit über sie, das Bewußtsein der Trostlosigkeit ihres künftigen Lebens, wenn er erst ganz fort war.

Die Furcht der Einsamkeit mußte sie überkommen haben. Es hatte sie nicht mehr in den Kissen geduldet in jener Nacht, von der er mir jetzt erzählte.

Sie war aufgesprungen von ihrem Lager, und hatte sich hinüber geschlichen in sein Zimmer, um noch einmal sein Bild zu sehen, sein Bild, das dort neben dem der Schwester stand, die sie so haßte, wie sie ihn liebte.

Wie oft mochte sie das Bild schon geküßt haben. Ihn durfte sie nicht küssen, sich nicht von ihm küssen lassen – denn er gehörte der Schwester.

Sie war hinübergehuscht in sein Zimmer, zitternd und fröstelnd. Er war ja weit fort. –

Es hatte ihr keine Ruhe gelassen. Sie gehorchte wie unter einem Zwange. Zum erstenmale war das Glück über sie gekommen, ein Glück, das sie morgen für immer verlieren sollte. All die Träume und Hoffnungen eines jungen sehnsüchtigen Mädchenherzens sollte sie nun begraben, und die Angst einer liebeleeren Zukunft hatte sie erfaßt und aufgetrieben, ohne daß sie ein Bewußtsein hatte, was sie that. –

Das alles ging mir durch den Sinn, während er neben mir saß und hinausstarrte auf den regungslosen Seespiegel, und nach einer kurzen Pause langsam fortfuhr zu erzählen. – – – – – – – – – – – –

– Die Nacht war still und friedlich wie die heutige.

Vorsichtig tappte ich durch den Garten, leise schloß ich die Thür auf und tastete mich die Treppe hinauf. Das Geländer knarrte einmal laut unter meiner nach einer Stütze suchenden Hand.

Ich blieb stehen und lauschte, aber nichts regte sich. –

Und vorsichtig stieg ich die Treppe weiter hinauf.

Meine Thür war nur angelehnt. –

Als ich sie leise öffnete, schlug drunten im Hause die Uhr halb. Deutlich tönten die zwei Schläge herauf.

Ein feiner stechender Geruch, wie von einer herabgebrannten Kerze, erfüllte das Zimmer.

Die Fenster waren halb geöffnet. Ich machte sie ganz auf, blickte in die Mondnacht hinaus und mußte an Any denken.

Dann tastete ich nach den Zündhölzern. Ich fand sie nicht gleich.

Ich suchte in meinen Taschen. Auch da nichts. –

Der Mond schien hell ins Zimmer.

Wozu brauchte ich ein Licht? Und ich warf wie gewöhnlich im Wohnzimmer meine Kleider ab.

Aber auf der Thürschwelle zum Schlafzimmer blieb ich, erschreckend, stehen. –

Ich faßte nach meiner Stirn. Sollte ich wirklich so viel getrunken haben, daß ich zu phantasieren anfing. –

Die vier Stunden Fahrt hätten mich doch nüchtern machen müssen. –

Allein es war keine Täuschung.

Die Hände in die Kissen eingekrampft, das Gesicht hinein vergraben, lag Any dort, halb auf dem Bettrande sitzend.

Ich weiß nicht, wie mir mit einmal ward; aber das Bewußtsein von etwas entsetzlichem stieg in mir auf.

Wie kam sie hierher; was wollte sie hier? –

Und plötzlich sah ich die Vorgänge der letzten Tage in ihrem rechten Lichte, und ich erschrak vor mir selbst. –

Das hatte ich nicht gewollt, bei Gott nicht – das nicht! ...

Ich ging auf das Lager zu, faßte die schlafende vorsichtig am Arm und rief leise: Any! –

Sie regte sich, löste ihre verschlungenen Hände und schlug langsam die Augen auf. –

Als sie mich sah, zog es wie sonnige Freude über ihr Gesicht. – Der Mond schien wie taghell in das Gemach.

Ich stand dicht vor ihr und umfaßte sie, um sie aufzurichten, während meine Hände zitterten.

Ich wollte sie hinübertragen in ihr Zimmer. Denn sie war noch im Halbtraum.

Aber sie faßte nach meinen Händen, und dann zog sie mich zu sich und schlang ihre Arme um meinen Hals und schmiegte sich an mich.

– Any, liebe Any! bat ich leise. – Komm! –

Sie hörte mich nicht, legte nur ihren Kopf an meine Schulter. Als ich sie wieder beim Namen rief, hob sie endlich ihr Gesicht zu mir empor.

Ich küßte sie vorsichtig auf die Stirn. Ein unendliches Mitleid überkam mich mit dieser rührenden Hilflosigkeit.

– Komm, Any. – Ich bringe dich zu dir hinüber. –

Statt aller Antwort suchten ihre Lippen wie im Traume die meinen. Und ich küßte diese feuchten, sehnsüchtigen Mädchenlippen, die sich mir willenlos, in erschauernder Wonne boten.

Ich wollte mich von ihr losmachen. Dieser junge Mädchenleib mit seiner verwirrenden Blutwärme nahm mir alle Besinnung. Mir war, als ob mir der feste Boden unter den Füßen weggezogen würde.

Und ihre Lippen flüsterten meinen Namen, ihr heißer Atem stieg um mein Gesicht, und der Mund flehte: Laß mich bei dir, – ich habe dich ja so lieb!

Dann weinte sie wortlos in meinem Arme, und ich fühlte, wie auch mir sich die Kehle zuschnürte.

Um mein denken zu ersticken, preßte ich sie fester an mich, immer sinnloser. Die ganze Welt war versunken und vergessen ...

Vergessen im Rausche der Liebe. Sie lag hinter uns, weit – weit, wie ein verklungener Traum.

Und ich fühlte nur das pochen eines glühenden jungen Herzens, das an dem meinen ruhte, in traumseliger Hingebung. – – – – – – – – – –

Der Tag stieg regnerisch grau über den schweigenden Bergen auf, als ich Any auf meinen Armen hinübertrug in ihr Zimmer, das ich zum ersten Male betrat. –

Sie lächelte im Halbtraume mit geschlossenen Augen. –

Als ich sie in ihre Kissen bettete, hielt sie meine Hand mit ihren schmalen weißen Fingern noch lange fest.

Dann war sie fest eingeschlafen; ich löste meine Hand aus der ihren und ging zu mir hinüber. Aber es hielt mich nicht.

Ich mußte ins Freie.

Die widerstreitendsten Gedanken bestürmten mich.

Es mußte etwas geschehen!

Nach dem, was vorgefallen war, gab es nur einen Ausweg. Ich mußte Any zu meinem Weibe machen und mit Grete brechen. –

Es war Mittag, als ich endlich heimkehrte.

Ich fand die Mutter im Garten. Any war bei ihr.

Da geschah etwas, das ich nicht verstand.

Ich selbst war in furchtbarer Aufregung.

Any kam mir so ruhig entgegen, wie ich sie kaum je gesehen, und reichte mir die Stirn zum Kusse.

Und während ich sie küßte, flüsterte sie fast unhörbar: Thu, als kämest du erst jetzt zurück. – Niemand weiß etwas ...

Wie unter einem Zwange gehorchte ich ihr.

Sie sah bleich aus. Aber nichts in ihren Bewegungen verriet auch nur die leiseste Erregung.

Sie klagte etwas über Kopfweh und Mattigkeit, plauderte aber, wie in den ersten Tagen, da ich sie kennen lernte. Denn das Hetzen der letzten Zeit hatte keine rechte Unterhaltung mehr aufkommen lassen.

Ich konnte kaum ein Wort sprechen. Wir schienen die Rollen getauscht zu haben. –

Nach Tisch, während sich die Mutter in ihrem Sessel auf der Veranda ruhte, gingen wir hinab in den Garten, hinunter zum See ...

Ich wollte sie leidenschaftlich an mich ziehen. Aber sie wehrte mir, nicht ungestüm, – sondern so ruhig, daß ich sie anstarrte, als sei sie ein anderes Wesen. –

Dann fing ich an zu sprechen von meinen Plänen.

Sie lächelte bitter, und sagte dann wie nach reiflicher Überlegung, als ob auch sie schon all diese Möglichkeiten erwogen habe:

– Das geht nicht. – Es muß alles beim alten bleiben. Du fährst morgen oder – besser noch heute, ja ich bitte dich, fahre heute ab! – Ich weiß, daß du Grete liebst, – du mußt sie auch jetzt noch lieben, oder deine Liebe ist eine Lüge gewesen ... Das sind thörichte Gedanken, die nicht auszuführen sind ... Es ist unmöglich ... Bedenke, daß du mit meiner Schwester verlobt bist ... du kennst sie ja nicht, du weißt nicht, wie sehr sie dich liebt ... Es liegt uns wohl so im Blute. – Aber ich weiß, sie würde den Tod suchen, wenn sie deine Liebe verlöre.

– Any, ich bitte dich, ich beschwöre dich ...

– Nein laß das, sagte sie. Ich zähle dabei gar nicht mit. Oder doch. Glaubst du denn, ich würde es überleben? – Glaubst du das wirklich? – Den rechten Grund müßtest du doch angeben. Und siehst du, wenn du das erste Wort sagen würdest, wäre es aus ... Niemals! sage ich dir, niemals! Du würdest Grete unglücklich machen, und mich doch nie gewinnen, denn ich wähle den Tod, wenn du ein Wort sagst. –

Ich drang in sie, ich flehte, ich weinte fast.

Sie war unbeugsam. –

Am Nachmittage zeigte sie mir Grete's Briefe ... Sie hatte nur zu recht. Diese Leidenschaftlichkeit hatte ich nicht bei ihr erwartet, die sich mir immer so still und kühl zeigte.

Any lächelte nur und sagte schmerzlich:

– Nicht wahr, nun siehst du, daß wenn wir einmal lieben, selbst der Tod nichts ist für unser lieben.

Alle Bemühungen blieben fruchtlos.

Ich bat mir Bedenkzeit aus.

Das sei unnütz! – Dann sagte sie endlich, ich solle erst zu Grete zurückkehren. Sie wolle mich in vierzehn Tagen noch einmal hören. –

Am Abend reiste ich ab.

Im letzten Augenblicke glaubte ich noch, sie überzeugen und überreden zu können.

Ich bat, ich flehte, sie solle mit mir gehen, wir wollten fliehen, über das Meer, irgend wohin.

Sie schüttelte den Kopf. –

Nein, das ging nicht! Ich hatte ihrer Schwester mein Wort gegeben, und das mußte ich einlösen.

Endlich riß ich mich von ihr los.

Ihre starre Unbeugsamkeit entsetzte mich, sie beleidigte mich fast, daß ich ihr zürnte. –

Wie ich vor Grete hingetreten bin mit dem Gedanken an all diese Dinge, kann ich dir nicht sagen.

Und sie: ganz Liebe, ganz Hingebung. –

Allein all ihr lieben vermochte nicht den Vorsatz bei mir zu brechen, an Any zu sühnen, was wir beide, hingerissen vom Augenblicke, verschuldet hatten.

Ich schrieb ihr täglich, aber sie gab keine Antwort.

Nach vierzehn Tagen endlich kam ein Brief. Noch einmal zählte sie all ihre Gründe auf, um mir die Unmöglichkeit zu beweisen.

Sie bat und beschwor mich, die Schwester nicht unglücklich zu machen. Sie legte die Briefe bei, die Grete ihr geschrieben, in der sie klagte, daß sie meine Liebe verloren zu haben scheine. –

Und die Zeit verstrich. –

Heimlich fuhr ich dann zu Any hinüber, heimlich trafen wir uns. Es war alles vergeblich. –

Im folgenden Sommer ward Grete mein Weib ...

Any hatte recht. Ich liebte Grete, ich liebte sie anders wie Any. An Grete ketteten mich tausend kleine Fäden; und als unser erstes Kind geboren ward, da wurden diese Fäden unzerreißbar.

Any kam zur Taufe herüber. Das Kind wurde nach ihr benannt.

Kein Wort fiel mehr. Es schien alles ein Traum gewesen zu sein. –

Any blieb unvermählt. Ich allein wußte, weshalb.

Wenn ein klagender Brief der Mutter kam, war ich wohl einige Tage unruhig, dann trat die Gewohnheit wieder in ihr Recht. –

Jetzt haben wir das arme Herz zur Ruhe gebracht. –

Auch eines jener Frauenherzen, in denen Kämpfe getobt, von denen kein Mensch auf der ganzen weiten Gotteswelt eine Ahnung gehabt hat, die so ruhig scheinen, und in deren Innern sich Tragödien abspielen, die den ganzen Jammer und alles Leid einer Menschenseele umfassen.

Und doch kein Wort der Klage. Eine stille, lächelnde Ergebung, die dem, der Schuld trägt, das Herz zerreißt.

Wer kann wissen, was in der dunklen Tiefe des Sees verborgen ruht, der sich so friedlich vor uns ausbreitet. –

Wer zieht die Grenze zwischen Rechtthun und Schuld, wer kann richten und verdammen, wo niemand weiß, wo das Recht aufhört und die Schuld beginnt ...

Im eignen Herzen des Menschen allein liegt die Strafe und die Sühne für jede That. Nur wir selbst können uns richten oder freisprechen. –

Und ist denn die Erinnerung an gewisse Dinge der Vergangenheit für uns nicht Strafe genug? –

Ich habe mein Gericht und – meine Sühne in mir selbst gefunden ...

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