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Fallobst

Heinz Tovote: Fallobst - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorHeinz Tovote
titleFallobst
publisherDr. Eysler & Co. G. m. b. H., Berlin
printrunZwölfte Auflage
yearo.J.
firstpub1890
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150411
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Besuch

Er stand vor dem großen Hause der Yorckstraße und starrte zu der zweiten Etage empor.

Dort wohnte seine Mutter – seine Mutter, die er nur einmal in seinem Leben gesehen hatte; aber die ihm oft in seinen Träumen erschienen war, wenn er zur Herbstzeit sich nach dem Mittagessen in das geschnittene Korn warf, um sich mit den anderen Arbeitern seine Stunde Ruhe zu gönnen.

Wenn dann die Sonne so grell vom blauen Himmel brannte, und die kleinen braunen Heuschrecken über die frischen Stoppeln hüpften und ihr eintöniges Gezirp durch die Mittagsstille hören ließen; wenn er im Schweiß gebadet, mit dem am Halse aufgeschlagenen blauen Kittel, daß die heiße Luft um seine Brust fließen konnte, ermattet von der Arbeit, umtaumelt von der Hitze, in Halbträume versank – dann sah er seine Mutter vor sich ...

Hie und da hatte er von ihr gehört. Sie schrieb der Frau, die ihn aufzog, und als er schon ein Bursche von sechszehn war, der beim Anblick jeder lachenden Bauerndirne rot wurde, hatte sie noch immer Geld für ihn geschickt, das der alte Pfarrer für ihn sorgsam auf ein Sparkassenbuch eintragen ließ. Denn er brauchte keinen Pfennig, außer dem, was er sich als Knecht verdiente; und so sammelte sich allmählich ein kleines Kapital an, das mit jedem Monate wuchs und ihm die Hoffnung gab, daß er sich eines Tages ein paar Streifen Land kaufen könne oder gar ein Häuschen, das er mit der rastlosen Arbeit seiner fleißigen Hände dann schuldenfrei machen würde.

Die Mädchen im Dorfe wußten, daß Hinrich Wulkow ein kleiner Kapitalist war. Deshalb blitzten sie ihn auch so unternehmungslustig mit ihren frischen Augen an, und zeigten ihm lachend ihre Zähne, und schüttelten im vorbeigehen ihre blonden Zöpfe.

Aber Hinrich fürchtete sich vor ihnen und wurde jedesmal rot, selbst als er nun achtzehn Jahre alt war und die anderen Burschen ihn mit auf den Tanzboden schleppen wollten. Er dachte zu viel an seine Mutter, die in Berlin wohnte, in dieser großen Stadt, die ihm vorkam wie ein wunderbares Ungeheuer; ein unerreichbar fernes Ziel, nach dem all seine Wünsche trachteten.

Er wußte, daß er eigentlich keinen Vater hatte. Einmal hatte man ihn damit necken wollen.

Wortlos wie ein in Wut geratener Stier war er über den Spötter hergefallen und hatte ihn zu Boden geschlagen; und es hatte der ganzen Autorität des Pfarrers bedurft, daß er wegen dieser Geschichte nicht vor Gericht kam.

Seit jenem Tage wagte es keiner mehr, ein Wort darüber fallen zu lassen.

Er hatte von seiner Mutter, die in letzter Zeit nichts mehr von sich hören ließ, eine seltsame Vorstellung. Er entsann sich ganz dunkel, daß einmal, er mochte acht oder neun Jahre alt gewesen sein, eine feine Dame in das Dorf gekommen war.

Er hatte sich gerade mit einem Jungen gebalgt gehabt, und die Nase blutete ihm, als er zu seiner Pflegemutter gerufen wurde.

Die schöne Dame sah ihn mit angstvoll erschrockenen Augen an, und er wagte es nicht, die Thürschwelle zu überschreiten.

Dann hatte ihn die Alte hervorgezerrt, und er mußte der Dame die Hand geben, und da hatte sie ihr Gesicht in ihr feines Taschentuch, von dem ein Duft ausging, der ihn ganz seltsam berührte, gepreßt und geschluchzt – herzzerreißend. Und er stand dabei und fing endlich auch an zu heulen, und die Alte hatte gezümpfelt und sich immerzu geschneuzt, und als sie eine zeitlang dies Konzert aufgeführt, nahm die Alte den völlig verblüfften und verwirrten an der Schulter und drehte ihn aus der Thür hinaus.

Da stand er nun wieder im Sonnenschein auf der Dorfstraße und starrte das Haus an, und dann drehte er sich um, und als ob der Teufel hinter ihm herreite, war er dem nahen Walde zugestürzt, wo die Schar der Dorfjungen in den raschelnden Büschen nach frischen Haselnüssen suchte.

Später legten sie sich in den ausgetrockneten Chausseegraben hinter die wilden Brombeersträuche, und einige machten Jagd auf Feldmäuse, die zu tausenden hier ihre Löcher hatten, und für die es eine gute Prämie gab. –

Gegen Abend waren sie auch mit dieser Beschäftigung fertig, und starrten nun den beiden offenen Wagen nach, in denen eine lustige Gesellschaft vornehmer Herren und Damen in lichten Kleidern mit unglaublich großen Blumenhüten und blassen Gesichtern jubelten und sangen.

Die übermütigste und lustigste von allen aber war die Dame gewesen, die Hinrich ein paar Stunden vorher in der dunstigen niederen Küche so bitterlich hatte weinen sehn. –

Als er am Abend, seine Schuhe in der Hand, in seinen Verschlag hinaufsteigen wollte, sagte ihm die Alte barsch wegwerfend, die Dame von heut Nachmittag sei seine Mutter ...

Er hatte sie angeglotzt und kein Wort verstanden. Und weil er noch immer nicht weiter ging, sondern sie dumm anstarrte, hatte sie ihm eins hinter die Ohren gewischt, und er war schnuckelnd im Finstern auf seinen raschelnden Strohsack gekrochen und starrte die ganze Nacht durch die Dachsparren in den blassen Mond, ohne doch mehr von all dem zu begreifen.

Seit jenem Tage saß er oft in der Abenddämmerung und träumte, – und er sah immer wieder die Dame in ihrem hellen gelben Kleide, und sah sie im Wagen, wie sie aufrecht stehend den roten Sonnenschirm schwang und jubelte und lachte, – ein frohes helles Gelächter, in das die andern alle einstimmten. –

Allmählich verwischten sich diese Erinnerungen, und nur ein unklares Gefühl blieb zurück, dämmernd schleierhaft. –

Einmal war er im Nachbardorfe in einer katholischen Kirche gewesen und hatte dort ein Madonnenbild gesehen. Seitdem konnte er die beiden Erscheinungen nicht mehr auseinanderhalten, der große weiße Hut verwandelte sich für ihn in den goldenen Strahlenkranz der Himmelskönigin. Die tiefen Augen blickten eben so dunkel, so schwärmerisch dunkel umhaucht.

Und im langen weißwallenden Gewande, über die Sterne hinstreifend, wandelte seine Mutter durch seine unruhigen Träume. –

Dann war eines Tages die Sehnsucht in ihm aufgekeimt, sie wiederzusehen.

Und dieser Gedanke kehrte ihm immer wieder und erfüllte ihn ganz, so völlig, daß wenn er allein war und er an seine Mutter dachte, ihm die Thränen kamen.

Eines Tages ging er zum Pfarrer und klagte ihm sein Leid. Der versuchte ihn zu trösten und es ihm auszureden. Was wollte er denn in der großen Stadt? Das war nichts für ihn ...

Wieder waren Monate vergangen. Der Herbst schüttelte die braunen Blätter von den Bäumen und trieb sie unter dem grauen Himmel hin über die kahlen Stoppelfelder.

Arbeit gab es kaum, und die Langeweile des herannahenden Winters drückte schwer auf allem.

Das war so recht die Zeit, um müßigen Gedanken nachzuhängen.

Eines Tages erklärte Hinrich seinem Bauern, bei dem er als Knecht war, daß er in die Stadt wolle. Auf wie lange denn? – Er wollte erst mal sehen, vorläufig auf acht Tage. – Am folgenden Morgen brach er auf.

Man riet ihm, mit der Eisenbahn zu fahren, aber er hatte kein rechtes Vertrauen dazu; und so ging er über Land, vom frühen Morgen bis in die späte Nacht unermüdlich vor sich hintrabend. Hie und da nahm ihn ein Wagen eine Strecke lang mit.

In einem Dorfe, durch das er kam, schlief er bei einem Knechte, der vor der Thür des Hauses seine Pfeife rauchte und sich auf dem gefrorenen Boden die Beine austrat.

Der Bauer war mit der Bäuerin in der Stadt.

Am folgenden Mittag kam er an die ersten Häuser der Vorstadt.

Bis jetzt hatte er nur immer die gerade Chaussee zu gehen gehabt. Jetzt verlief er sich bald in dem Gewirr der Straßen.

Er fragte, – aber meist erhielt er keine Antwort, oder man schüttelte den Kopf über sein halb unverständliches Platt, mit dem er es nicht verstand, Yorkstraße auch nur annähernd deutlich auszusprechen. –

Die Nacht kam und nun stand er ganz verlassen und verwirrt. All diese Lichter blendeten ihn, der Wirrwar betäubte seine einfachen Sinne, Häuser, Laternen und Menschen schienen ihn zu umtaumeln, daß er sich einmal an eine Mauer stützen mußte und die Augen schloß, um wieder zur Besinnung zu kommen.

Die Wagen jagten an ihm vorüber, die Pferdebahnen durchklingelten die endlosen Straßen, die Menschen drängten und stießen ihn, hie und da wandte sich einer um, und wenn er den tölpelhaften Bauernjungen sah, warf er wohl ein hartes Wort hin, das aber der Lärm verschlang; und wenn es auch an sein Ohr gekommen wäre, – er nahm alles hin, überwältigt von diesem betäubenden Eindrucke, den Berlin auf ihn machte. –

Wie sollte er in diesem Gewühle seine Mutter finden ...

Er irrte weiter und kam in einsame Straßen, immer weiter hinauf in den Norden, wo die Stadt sich allmählich wieder in das Land verläuft.

Hier fand er in einem halb verfallenen Wirtshause Unterkunft für die Nacht. Aber er schlief nicht. Er wälzte sich und stöhnte wie im Fieber bis zum Morgen.

Aller Mut war ihm geschwunden ...

Am liebsten wäre er schon jetzt umgekehrt.

Aber er mußte seine Mutter einmal sehen. –

Am andern Morgen wanderte er hinaus nach dem Süden ... Endlich stand er vor dem Hause, ein hohes graues Gebäude mit einer Unzahl von Fenstern, wie hundert Augen, in denen die Strahlen der frostigen Dezembersonne spielten. –

Dort wohnte seine Mutter ...

Als er noch immer stand und hinaufblickte, ging ein Schutzmann dicht an ihm vorüber und betrachtete ihn forschend von oben bis unten.

Das trieb ihn zum Entschluß, und er trat in das Haus ein. Seine schweren, nägelbeschlagenen Stiefel knirschten auf den bunten Steinfliesen des Hausflurs. Die lustigen nackten Amoretten der Wandflächen kamen ihm wie ein Wunder vor, das ihn erschreckte, aber er faßte sich ein Herz und stieg die teppichbelegte Treppe hinauf.

In der zweiten Etage machte er Halt.

Dort auf dem Messingschilde stand sein Name. Er buchstabierte jeden Buchstaben, dann atmete er tief auf, wischte sich den Schweiß von der Stirn und pochte mit seiner derben Faust gegen das braune Getäfel der hohen Thür.

Erst als er zum zweiten Male gepocht hatte, kam ein junges Dienstmädchen, das die Thür wütend aufriß, und ehe er ein Wort sagen konnte, ihn anfuhr, weshalb er nicht klingele ... ob er verrückt sei? ...

Er guckte nach dem weißen Knopfe, auf den sie wies, und stotterte dann etwas. –

Die gnädige Frau sei noch nicht auf, wurde ihm mit einem spöttischen Blicke erwidert, und dann schlug man ihm die Thür vor der Nase zu. –

Ein paar Minuten blieb er noch stehn, ob sich die Thür nicht wieder öffnen werde. Als aber alles still blieb, schlich er sich hinunter und sah zu den Fenstern hinauf. –

Es war kalt, und die Füße fingen an ihn zu frieren. Er entschloß sich, nach einer Stunde wiederzukommen, und nun lief er durch die Straßen, ohne zu wissen wohin, und so kam er zum Kreuzberg.

Oben auf den Stufen des Denkmals setzte er sich, und blickte auf diese ungeheure schwarze Häusermasse zu seinen Füßen, wie der schwarze Qualm der Kamine schwer darüber hinstrich, wie die breiten Goldkreuze der Kirchen und der goldene Engel der Siegessäule in der Sonne glitzerten, und wie einzelne gewaltige Kuppeln sich wölbten, oder die tonnenartigen Glashallen der Bahnhöfe aus dem Häusermeere wie Inseln aufragten.

Ein scharfer prickelnder Wind kam von der Hochebene her. Aber er blieb ruhig sitzen.

Als er lange genug gewartet hatte, stieg er den Hang wieder hinunter.

Es war Mittag vorbei, als er wieder vor dem Hause stand. Diesmal klingelte er an der Thür.

Erst beim dritten Mal kam jemand. Es war ein anderes Mädchen als zuerst.

Als sie ihn fragte, was er wolle, wußte er ihr nichts zu antworten. – Was sie der gnädigen Frau denn melden solle? – Er wußte es nicht. – Gnädige Frau hätten übrigens jetzt Besuch. Sie wolle es sagen, und er möge in einer Stunde wiederkommen.

Zum zweiten Male verließ er das Haus und trostloser als zuvor irrte er umher, jetzt von nagendem Hunger gepeinigt. Und doch wußte er, daß er keinen Bissen hinunterbringen würde. Erst mußte er seine Mutter gesehen haben. –

Es war Nachmittag geworden. Der Himmel hatte sich verschleiert. Weiße, streifige Wolken zogen sich über das blau und hingen ihre grauen Schleierfetzen vor die kalte Sonnenscheibe.

Ihm war der Mut gesunken und eine ganze Weile schon hockte er auf der Treppe vor der Thür und wartete, daß sich drinnen etwas regen sollte.

Endlich hörte er Schritte, Thüren wurden geschlagen, ein paar unverständliche Rufe und dann lautes lachen.

Er erhob sich und stand vor dem Knopfe der Glocke.

Endlich drückte er seinen breiten zerrissenen Daumen darauf. Der scharfe Metallton vibrierte durch die Stille. Dann kam das Mädchen. –

– Der Mann ist wieder da, gnädige Frau!

Und auf dem Korridor steht ein Herr im grauen Spitzbarte, der den Cylinder schon auf dem Kopfe hat, und einer Dame in den schweren grauen Pelz hilft, die sich unwillig nach der Störung umsieht.

Dann erblickte sie ihn, und er starrt sie an und fragt sich immer wieder, ob sie das wohl sein könne: diese Dame mit dem goldblonden Haar, dem blutleeren weißgepuderten Gesichte und den etwas scharfen, grauen Augen unter den schwarzen Brauen, die sich unmutig zusammenziehen.

Er stammelt etwas. Das soll heißen: Ich bin Hinrich Wulkow! aber niemand versteht es. – Die Zofe kichert und die Dame lacht. Denn der Herr muß eine Bemerkung gemacht haben, wahrscheinlich über ihn.

Und nun steht er da in einer Ecke und wagt es nicht, den Mund aufzuthun.

Die Dame fragt, was der aufdringliche Mensch denn eigentlich will ...

Dann flüstert der Herr mit ihr und sie nickt ihm freundlich zu, und im hinausgehen wirft der Herr ihm ein Geldstück in die Mütze, die er krampfhaft zwischen den Händen hält. Dann rauschen die beiden an ihm vorüber, die Treppe hinunter. –

Hinrich kommt zur Besinnung und fragt das Mädchen, wer die Dame gewesen. – Dann stürzt er die Treppe hinunter und kommt vor das Haus, gerade als die Pferde des Wagens anziehen, den er schon bei seinem kommen dort bemerkt hat.

Er sieht nur noch die nickende Feder von dem Hute der Dame und den glänzenden Cylinder, dann biegt der Wagen um die nächste Straßenecke ...

Da steht er nun mitten auf der Straße und starrt dem Wagen nach.

Plötzlich fühlt er das Geldstück kalt zwischen seinen Fingern. Sie haben ihm ein Geschenk gegeben, wie einem Bettler ...

Langsam gleitet die Münze zwischen seinen Fingern durch und klirrt auf das Pflaster.

Ein Wagen kommt, mit Mauersteinen schwer beladen, und er muß weiter gehen.

Er geht immer weiter. –

Die Dämmerung bricht ein. Der Himmel hat sich umzogen, und mit einmal flockt es weiß herab, zarte Federflocken, die immer größer, immer zahlreicher werden, immer toller durcheinander wirbeln. –

Dann kommt die Nacht, und das Schneegestöber wird immer wilder.

Und in dem Taumel der Schneefedern taumelt er durch das Unwetter. So kommt er unter die Linden, mitten in die Fluten des elektrischen Lichtes, das von den weißen, zwischen den kahlen Zweigen der Bäume schwebenden Monden der Bogenlampen herabfließt.

Die Wagen hasten aneinander vorbei, die Menschen fluten trotz des Schnees hin und her.

Ein Wagen fährt hart an ihm vorbei, den er kennt, den er schon einmal gesehen hat. Er windet sich durch die Menschenmasse, denn die Equipage fährt langsam, weil eine Droschke, aus der zwei Herren aussteigen, gerade vor ihr am Straßenrande hält.

Er kann durch die Scheiben sehn, – nur einen flüchtigen Augenblick, – aber er hat den Herrn und die Dame daneben erkannt.

Der Wagen setzt sich wieder in Trab.

Es liegt Hinrich so schwer in den Gliedern.

Er hat sie wiedergesehn. – Und nun faßt ihn ein brennender Wunsch: er muß sie sehen – muß sie sprechen. –

Er fängt an zu laufen, auf dem Straßendamme, hinter dem Wagen her.

Ein Schutzmann sieht sich nach ihm um.

Auf dem Trottoir bleiben ein paar Leute stehn und sehen ihm nach, aber der Schnee stäubt zu dicht nieder. –

Er ist in ständiger Gefahr, von den Rädern erfaßt zu werden. Weit vor sich sieht er den Wagen, der immer schneller enteilt.

Er strengt alle Kraft an, ihm zu folgen, er achtet nicht mehr auf das, was um ihn her vorgeht.

Immer näher kommt er ihm. Bald hat er ihn erreicht – da gleitet er auf dem schlickrigen Boden aus. Er taumelt auf – vorwärts, – dann stürzt er wieder hin. –

– Hee! – ruft ein Droschkenkutscher und reißt mit krampfhafter Anstrengung seinen abgetriebenen Gaul herum, der erschreckt zur Seite gewichen ist, um den niederstürzenden nicht zu treten.

Einen Augenblick bleibt er liegen. Ein Schutzmann eilt auf ihn zu und hilft ihm unsanft beim aufstehn.

– Nur ein Betrunkener! ... und die Menge drängt weiter.

Der Schutzmann sieht, daß der Bursche nicht betrunken ist. – Ein Bauer, der von der Großstadt verwirrt ist.

Er fragt ihn, wohin er will. Der Bursche nennt ängstlich seine Heimat. Wo ist das? – Ah so auf der Straße nach Landsberg – dort zum Alexanderplatz muß er. –

Eine zeitlang bleibt er an eine der nackten schwarzästigen Linden gelehnt. Sein Knie schmerzt ihn. Er ist schmutzig, an seinen Händen klebt der schmelzende Schneeschlamm.

Dann kriecht er weiter, die Linden hin, immer geradeaus, ohne an etwas denken zu können.

Vor der Oper hat er einen Augenblick gehalten und gesehn, wie die Equipagen vorfahren, die Diener den Schlag öffnen, und in dichte Pelze gehüllte vornehme Damen aus den Wagen steigen und unter das Schutzdach eilen, – Damen, die eben so aussehen, wie die Frau, die seine Mutter sein soll.

Vielleicht ist auch sie in dem großen Hause drin. Aber was soll er, was will er von ihr, die ihn nicht mehr kennt, die an ihm vorübergegangen ist, ohne auch nur einen Blick nach ihm zu werfen.

Er geht weiter über die Brücke, am Schloß vorüber, am Rathaus, über den Alexanderplatz. –

Die Straßen werden immer einsamer. Die Laternen stehen weiter von einander. Es wird dunkler um ihn. Das Schneewetter geht zu Ende und hört bald ganz auf.

Es ist leer um ihn. Kein Haus mehr, nur die verschneite schnurgerade Chaussee, die in die Nacht hineinführt, und in der Ferne vereinzelte schwache Lichtpunkte.

Er humpelt weiter über den feinen Schnee, der nur eben die Erde bedeckt. Das Knie schmerzt ihn, und ermattet, vor Hunger, vor Anstrengung, Müdigkeit und Trauer hockt er sich auf einen am Wege liegenden Steinhaufen nieder, empfindungslos gegen die nasse Kälte dieser spitzen, eckigen Steine.

Er blickt den Weg zurück, den er gekommen ist ... dort ... weit, weit hinter ihm liegt die Stadt ... Er kann sie erkennen an dem roten Scheine, der wie Bluthauch, wie das glühen einer fernen Feuersbrunst sich über den Nachthimmel ausbreitet, gespensterhaft wie feuriger Nebel. –

Um ihn her ist es totenstill. – Kein Laut, kein Schrei ... Nur die Steine regen sich kollernd unter seiner Last, sobald er sich rührt.

Und er starrt auf diesen seltsamen Blutdunst hin, der ihn mit Entsetzen erfüllt. Von dort kommt er ... dort hat er etwas suchen wollen ... Was nur ... was? –

Was hatte ihn fortgezogen; was hat ihn in die große Stadt getrieben? – Er weiß es nicht mehr ...

Ihm ist zu Mute, als müsse er sich in den kalten Schnee werfen, um das alles nicht mehr sehen zu müssen, was heute an seinen Augen vorübergezogen ist.

Er fühlt sich mit einem Male so elend allein, so toteneinsam, so ganz von Gott und der Welt verlassen.

Und von seinen Lippen bricht unbewußt wie ein Naturlaut jener Schrei, der dem Menschen kommt in der höchsten Not, jener Ruf nach dem einzigen Wesen, dessen uneigennützige Liebe ihm immer verwehrt geblieben war, – wie voller Verzweiflung streckt er die Arme in die Schneeluft, und schreit es hinaus in fürchterlicher Angst:

– Mutter! ... Mutter! ...

Aber nichts antwortet ihm. Nur die schwarze sternlose Nacht ist über ihm, und das schweigen des einsamen Feldes umgiebt ihn ...

Dann wird er still, und sitzt und brütet vor sich hin, in sich hinein schluchzend, mit jenem ungewissen Gefühle, etwas verloren zu haben, das er nie besessen, – mit dem dämmernden Bewußtsein, daß der schöne Traum von einer Mutter, die ihr Kind mit offnen Armen jubelnd empfangen werde ... jener Traum, der sein ganzes Leben ausgemacht hatte, für immer zu Ende geträumt ist. – – –

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