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Fallobst

Heinz Tovote: Fallobst - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorHeinz Tovote
titleFallobst
publisherDr. Eysler & Co. G. m. b. H., Berlin
printrunZwölfte Auflage
yearo.J.
firstpub1890
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150411
projectidd7bf227b
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Frühling

Erster Frühlingstag. –

Eine Regenwoche ist vorübergerauscht, die warmen Tropfen sind in die eiserstarrte Erde gesickert, der Boden ist aufgeweicht – dann ist die Sonne gekommen, und jetzt wirbelt ein seiner grauer Staub auf, wenn der leise Wind über den Boden hinwischt.

Den ganzen Morgen hat er geweht, ein milder Hauch, wie der warme Atem von den Lippen eines jungen Weibes.

Die Sonnenstrahlen fallen abendlich schräg durch die Zweige der Bäume, die noch schwarz und nackt gen Himmel starren, nur die Stämme zeigen schon einen giftgrünen Schimmer.

Aus dem Tiergarten strömt eine fröhliche Menge durch das Brandenburger Thor.

Die Plätze vor und hinter demselben sind angefüllt mit einer kribbelig wimmelnden Menge, wie das hasten und rennen vor einem aufgestörten Ameisenhaufen.

Und durch diese schwarze Menschenmasse, aus der einzelne Frühlingstoiletten wie lichte Punkte sich abheben, suchen sich die Wagen ihren Weg, klingeln die langsam fahrenden Pferdebahnen.

Plötzlich kommt Bewegung und Ordnung in die Masse. Von der Thorwache tönt langgezogen: Rrraus! ...

Die berittenen Schutzleute heben die Hände und winken. Die Wagen halten, Pferdebahnen stauen sich zu einer Kette, und der Mittelweg von den Linden zur Charlottenburger Chaussee wird frei. Alles eilt dem Mittelwege zu, und die fröhlichen Menschen bilden eine Mauer. Erwartungsvoll vorgestreckte Hälse, zappelnde Kinder, sich vor Erregung hysterisch geberdende Weiber. Und nun ein hüteziehen und knixen, wenn der Hofwagen in flüchtigem Trabe vorübersaust ...

Dann wirbelt wieder alles durcheinander, die Kutscher schreien ihr warnendes und zorniges Hee! Frauen mit ängstlichen Kindern an der Hand müssen noch im letzten Augenblicke dicht vor den Pferden eines Wagens vorüber, um ja die Gefahr, überfahren zu werden, zu vergrößern ...

Ein Auflauf! ... An der Königgrätzerstraße ist eine Droschke zwischen zwei sich kreuzende Trambahnwagen geraten. Das Pferd ist gestürzt. Man hilft dem zitternden Tiere wieder auf. Ein dichter Kreis Neugieriger ein paar Schutzleute, die Ordnung schaffen, und ein berittener, der sich die Nummer des Kutschers notiert. –

Zwischen den engen Säulen des Thores drängt die heimkehrende ungeduldige Menge hindurch.

Die Wachmannschaft steht hinter dem Eisengitter und läßt die gaffenden Spaziergänger an sich vorüberziehn. Zuweilen giebt es einen Ruck. Der Posten präsentiert, und die Soldaten nehmen Haltung an.

Unter den Linden eine dunstige Staubwolke. Kaum daß man die Hälfte der Straße hinuntersehen kann. Vom Schlosse und dem roten Rathausturm ist nichts zu erkennen.

Und in dieser staubigen lauen Luft, die den Atem hemmt, in dieser Atmosphäre fliegender Sandkörner, die in Mund, Nase und Augen eindringen, ein Taumel von Lebensfreude, ein zittern wie von erwachender Liebe, das erste schauern des herannahenden Frühlings.

Dieses beben der Luft geht in den Körper über, daß das Blut wellenschlagähnlich durch die Adern kreist und sich zum Herzen drängt.

Eine wahre Sehnsucht scheint in der Luft zu schwimmen, ein zerfließender Zukunftstraum, der uns lockt, ohne daß wir ahnen, wohin er uns führen mag. –

Ich lasse mich mit einem Freunde von der Menge treiben. Wir kommen von Charlottenburg her, und jetzt geht es stockend Schritt vor Schritt an der Südseite der Linden hin, vor uns drei hübsche junge Mädchen, die sich lachend untergefaßt haben und sich drängen und stoßen lassen, ohne die verschlungenen Arme zu lösen.

Hinter uns eine zusammengehörende Gesellschaft, paarweise, überlaut lachend, als ob ihnen die Welt gehöre.

Einzelne hastende Menschen überholen uns, die meisten wollen hier noch ein halbes Stündchen spazieren gehen; deshalb ein langsames ruckweises vorwärtsschieben.

Jetzt streifen uns zwei Mädchen. Sie sind sehr hübsch, und die eine wendet sich halb und sieht meinen Begleiter flüchtig an, dann werden wir von einander gedrängt.

– Kennst du die, fragte ich ihn, als wir uns wiedersahen.

– Nein, – ich wüßte wenigstens nicht.

– Na – na! ... Es scheint fast doch so. – Aber lassen wir's gut sein. Seit deiner Verlobung hast du dich geradezu musterhaft aufgeführt. Alle Achtung! –

– Red doch nicht solch dummes Zeug.

– Der Herr möge es dir in der Ehe vergelten!

Er lacht, und wir schieben uns weiter.

An der Ecke der Friedrichstraße, vor dem Eingang zur Passage, ist es nicht möglich, vorwärts zu kommen.

Trotz der augenscheinlichen Gefahr, jeden Augenblick von einem Wagen überfahren zu werden, wagen wir uns auf den Fahrdamm und winden uns zwischen den Rädern durch.

– Laß uns hinüber gehen.

Bon! –

Wir überschreiten den Fahrdamm, den gepflasterten Weg und durch einen Durchgang des Eisengeländers gelangen wir auf die Promenade.

– Das waren ein paar nette Kinder, was?

Er antwortet mir nicht.

– Findest du nicht? Oder ist dir aller Geschmack abhanden gekommen, seit du glücklich verlobt bist? ...

– Durchaus nicht, aber –

– Nun was: aber? –

– Siehst du, zuweilen wird es mir verdammt schwer. Ich bin das nicht gewöhnt ... und so ein Brautstand beruhigt die Nerven auch gerade nicht .. kurzum – es ist manchmal kaum zum aushalten. – Aber man will doch auch keine Dummheiten machen – ich wüßte nicht, wie ich meiner Gusta gegenüberstehen sollte ... na, du wirst mich ja schon verstehen. –

– Vollkommen, alter Junge. Ich verstehe dein Zartgefühl und billige es vollkommen. Du mußt eben mal ein bischen leiden und dulden. Das wird dir ganz gut sein, denn du hast deine Freiheit gründlich ausgenutzt. Nun trage also deine Fesseln mit Würde und Anstand ...

Wir wandern jetzt in der Mitte der Allee dem Opernhause zu, und kehren beim alten Fritz um.

In der Höhe des Hotel de Rome treffen wir wieder auf die beiden Mädchen. Die eine lächelt sehr vertraut.

Ich habe es mir doch gedacht, daß er sie kannte, und schon sind wir mit ihnen im Gespräch.

Zwei hübsche muntere Dinger, die nicht wissen, was sie mit dem Sonntag Abend anfangen sollen.

In ein Theater schlägt mein Begleiter vor, oder zum Wintergarten.

Frailty, thy name is woman! raune ich ihm zu.

Er hat wahrhaftig alles vergessen. –

Die Damen möchten zu Abend essen.

Gewiß, très-bien, gehn wir zu Uhl.

Ein Augenblick der Überlegung, und wir steigen die breiten Treppen zum Restaurant hinauf und finden eines der kleinen Hinterzimmer frei.

Der Abend ist sehr lustig – ausnehmend lustig. Die Fenster sind geöffnet, und eine warme Nachtluft hebt zuweilen den Leinenvorhang.

So trinken wir Mitternacht heran ...

Es ist eine so herrliche Nacht, Wir wollen gehen. An der Luisenstraße trennen wir uns. Ich bringe meine Begleiterin zur Invalidenstraße. Erst am Neuen Thor fällt mir ein, sie zu fragen, wo ihre Freundin wohnt. Ganz oben in Norden ... und er ist mit ihr zum Tiergarten gegangen ...

Ich bringe das Mädchen bis vor seine Thür, und in einer Art moralischer Anwandlung, vielleicht auch ein ganz klein wenig unter dem Einfluß Madame Cliquot's, jage ich in einer Nachtdroschke der von der Heydtstraße zu, dem Freunde nach.

Aber schon an der Siegesallee verlasse ich, besserer Ueberlegung folgend, meinen darob sehr erstaunten Kutscher ... und bummele nun langsam durch die verlassenen Wege des einsamen Tiergartens.

Es ist berauschend still ringsum. Die Zweige der Bäume sind noch schwarz und kahl. Nur an einzelnen niederen Büschen kleine mattgrüne Blätterknospen, die aber jetzt in dem schwachen Lichte des zwischen dem Astwerk der Eichen und Buchen hängenden Halbmondes fast grau aussehen.

Ich bin etwas müde und setze mich auf eine Bank am Goldfischteiche, über dessen rechteckiges Becken es wie Silber ausgegossen liegt.

Zwischen den Baumstämmen durch scheinen die gelben Tupfen der fernen Öllaternen der Hauptwege.

Und eine weiche, schmeichlerische Luft, die zum träumen einladet, die Brust weit macht und eine Sehnsucht erweckt, so verschwimmend, so haltlos wie zerfließender Nebel, etwas ungewisses, das uns beunruhigt und uns Bilder und Gestalten vorgaukelt, die uns verführen.

Eine so lässige Süßigkeit liegt in der Luft, als ob zwei weiche Frauenarme sich um unsern Hals legten, und ein eigenartiger Duft zittert durch die Nacht, wie von faulendem Laube so scharf, wie der warme Hauch eines tanzenden jungen Weibes.

Eine Art Auferstehungsschauer, der mit fortreißt, ob man will oder nicht; und der um so mächtiger wirkt, weil ringsum nichts lebt, als der schlafende Wald. –

Pah – Frühlingsdusel! – Nichts weiter ... und etwas zu viel Sekt ... mehr als dem alten Hirne zuträglich, obgleich die Geister des Weins verflogen sind.

Ich stand auf und ging langsam heim.

Diese verfluchte Frühlingsluft. – – –

* * *

Zehn Tage später klopft es bei mir, und der Freund steht da.

Er sieht ein bischen blaß aus.

– Na, alter Sünder? … Deine Tugend scheint auf ein bischen wackeligen Beinen gestanden zu haben, was? – Neulich Abend, diese Frühlingsnacht ... oder sollte ich mich in dir irren? ...

Er läßt sich in einen Stuhl nieder und sagt:

– Weißt du, das war eine gräßliche Dummheit von uns, mit den Mädchen anzubandeln.

– Von uns? ... Es war doch 'ne alte Liebe von dir! ... Und dann erlaube: weshalb denn gleich gräßlich? ...

– Ja doch ... denn ...

– Na, was denn? ...

– Ich hätte das Mädchen nicht mitnehmen sollen.

– Ja, lieber Gott! – Warum denn nicht.

– Das sagst du so. – Ich – ich ...

– He? –

– Ich ... Nun ja, dies Mädchen siehst du ... Es ist nun mal geschehn ...

– Aber Mensch! ... Was sind das für Sachen!.. Zum Teufel! ...

– Das hab' ich auch gesagt. – Dies verfluchte Weib ... Wer denkt denn aber auch gleich immer an so was ...

– Ä! ... ä! – Na, es wird doch nicht gleich so schlimm sein! – –

* * *

Acht Tage später traf ich ihn wieder. Er sah sehr schlecht aus. Die Haut grau, die Züge eingefallen, daß die Nase spitz schien, und die Augen tief eingesunken.

– Gieb mir lieber nicht die Hand, sagte er mit einem Tone, so resigniert, daß ich nahe daran war, grob zu werden.

* * *

Und wieder vergingen ein paar Wochen. –

Eines Tages erfuhr ich, daß seine Verlobung rückgängig gemacht sei, ohne daß ich heraus bekam, ob er das Verhältnis gelöst hatte oder dazu veranlaßt war, weil sie von seiner Untreue und deren Folgen erfahren. –

Er wußte sich so zu verstecken, daß es unmöglich war, genaueres in Erfahrung zu bringen, zumal er die Stadt verlassen hatte.

Einmal sah ich seine Braut. Das arme Mädchen war nicht wieder zu erkennen; und ich fragte mich, ob sie wohl alles wisse, ob sie wußte, was daran Schuld, und ahnen konnte, wie das alles gekommen war? –

* * *

Und eines Morgens kam eine Schreckensbotschaft.

Er hatte sich erschossen! –

Was mochte es gewesen sein: Reue, Verzweiflung über sein elendes Leben, die Liebe zu seiner Braut, die Gewißheit, seine volle Gesundheit kaum wieder erlangen zu können, alles mußte auf ihn eingestürmt sein.

Und wodurch das alles? –

Weil wir an einem Frühlingsabend einen Spaziergang gemacht und ein Mädchen getroffen hatten, das ihm nichts war, rein gar nichts! Und zu dem ihn doch alles trieb: diese aus der Winterstarrheit erwachte Natur, die weiche, verführerische Luft, dieses ganze niederträchtig heuchlerische Gethue und Gekose des nahenden Frühlings.

Ein paar Glas Wein, eine übermütige Laune und ein Paar vergiftete Küsse hatten ihn in den Tod getrieben. –

Armer Junge! ...

O, diese verfluchte Frühlingsluft! – – –

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