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Fall Vehme Holzdorf

Wolfgang Hellmert: Fall Vehme Holzdorf - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
booktitleFall Vehme Holzdorf
authorWolfgang Hellmert
firstpub1927
year1928
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleFall Vehme Holzdorf
pages5-104
created20070919
sendergerd.bouillon@t-online.de
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73 V.

Um halb sieben Uhr kam Herbert nach Hause. Er war übermüdet und bleich. Eine dicke Schmutzschicht bedeckte Gesicht und Kleider. Was soll ich nur machen, überlegte er und blieb unentschlossen. Schließlich begann er sich auszuziehen. Ja, Sommermantel und Anzug waren nun endgültig dahin. Aber das war im Grunde genau so entsetzlich gleichgültig wie alles andere auch. Eine gewisse Freude machte es wohl noch, die Lumpen in eine Ecke zu feuern, aber man merkte nur zu bald, daß diese Freude kindisch war, und daß man sich ihrer eigentlich zu schämen hätte.

Er stand in Unterhosen in dem häßlichen, unaufgeräumten Zimmer. Es war unvernünftig kalt. Er hatte eine Gänsehaut und fror erbärmlich. Das ist ein gesegneter Herbst, dachte er und fror. Seinen zweiten Anzug hatte er gestern, ehe er weggegangen war, über den Tisch gebreitet. Nun war es der einzige, den er überhaupt noch besaß.

Er kroch langsam in die Hosen. Der Blutfleck war noch am Jackett. Herbert sah ihn und lachte nervös.

Irgendwo fand er auch seinen Winterpaletot. Gott, 74 es war ein wenig zu früh, um ihn anzuziehen, aber ein Anrecht auf Eitelkeit durfte er sich wohl kaum noch zugestehen.

Er hatte den Mantel bereits zugeknöpft, hielt schon die Türklinke in der Hand und war bereit, wieder fortzugehen, als ihm einfiel, daß er sich endlich irgendwie entscheiden müsse.

Er spürte es fast körperlich, daß eine Entscheidung zu treffen war, so oder so – nach irgendeiner Richtung. Einmal konnte er abreisen nach dem Süden, wie es der Politiker geraten hatte, und das andremal konnte er – ja, was konnte er denn noch? – Für ihn gab es gar keine andere Möglichkeit als die Reise.

Er überlegte und überlegte. Immer deutlicher wurde ihm bewußt, daß es einen zweiten Weg gab, der besser und würdiger war als die Flucht, aber nichts mehr wollte ihm einfallen.

Zuletzt zerflatterten alle Gedanken. »Wozu sich noch anstrengen?« sagte er höhnisch und stampfte mit dem Fuß auf. »Dann reise ich eben«, schrie er – und merkte erst jetzt, daß er aus lauter Verzweiflung wütend war.

Er öffnete seine beiden Koffer, warf, was hineinging, hinein, schloß sie und eilte aus dem Zimmer. Es war, als hätte ihn eine neue Panik ergriffen. Aber auf der Treppe merkte er doch, daß er sein Gepäck vergessen hatte. Ach, ich hole den Krempel nachher, beschloß er, und stand schon in der kühlen Zugluft des Hausflurs.

75 Dann ging es eine Weile planlos kreuz und quer, bis sich der Hunger meldete. Da trat er in ein kleines Café, das grade am Wege lag, und frühstückte. – Wie er plötzlich darauf verfiel, Erich Borchert noch einmal sehen zu wollen, wurde ihm auch später nie völlig verständlich. Er fühlte sich von einer betäubenden und enervierenden Unruhe ergriffen und verstand schließlich, daß sie aus einer grotesken und fanatischen Sehnsucht herrührte, einer Sehnsucht, die um so verwunderlicher war, als sie nicht aus ihm herausgewachsen zu sein schien, sondern ihn einfach wie von außen her überfallen hatte.

Er zahlte hastig und ohne den Gruß des Kellners zu erwidern. Er lief atemlos durch viele Straßen, die melancholisch und zärtlich waren. Dann stand er endlich vor Erichs Fenster.

Dort oben muß es sein, überlegte er. Die Gardinen waren weit zurückgezogen und einer der Flügel stand ein wenig geöffnet. Vielleicht hat er nach mir ausgesehen, dachte Herbert, vielleicht hat er auf mich gewartet. Aber eine unerklärliche Scheu hielt ihn davon ab, hinaufzugehen oder auch nur zu rufen.

Sonderbar, sann Herbert, sonderbar, ich brauchte so wenige Stufen zu steigen, um bei ihm zu sein, aber irgendwo steht eine unüberwindbare Mauer, unförmig und grau, und nun will es nicht gehen. Er brannte, aber er blieb still unter dem Fenster stehen. Und das Fenster war schmal und sehnsüchtig geöffnet. Plötzlich merkte er, 76 daß er jegliches Maß für die Zeit verloren hatte. Wie sehr er sich auch anstrengte, es fiel ihm nicht ein, wie lange er nun schon hier stehen mochte, den Kopf so in die Höhe gereckt und die Brust so voll törichter Unruhe.

Der Hals war ihm steif geworden vom Hinaufstarren, und auch die Füße schmerzten ganz unerträglich. Herbert kam sich namenlos albern vor. Er begann sich zu verhöhnen. »Wie ein Backfisch«, sagte er zu sich. Er versuchte eine sentimentale Weise zu singen. »Man soll seine Gefühlchen übergröhlen«, dozierte er. Aber es wurde nur ärger.

Dann packte ihn sprunghaft und mit einem Male die Bitterkeit. Warum fühlt er denn nicht, daß ich hier unten stehe, dachte er. Alle Ironie war plötzlich beim Teufel. Ich würde es sicherlich merken, wenn einer so glühend an mich dächte.

Er sah noch einmal hinauf. Aber oben das Fenster hatte sich geschlossen. Da wurde er mutlos und ging langsam die Straße hinab. Doch an ihrem Ende kehrte er nochmals um, schlenderte zurück und blieb wieder vor Erichs Hause stehen. In diesem Moment glaubte er ihn zu sehen.

Dort kommt er. Vor Freude wurde er scharf wechselnd blaß und rot. Einen Schlag lang mußte sein Herz aussetzen. Aber als er auf ihn zulaufen wollte, merkte er, daß er gar nicht zu Erich lief, sondern zu einem Fremden. Wohl an die zehnmal vermeinte Herbert im Weiterschreiten Erich Borchert zu sehen. Jedesmal 77 mußte er sich davon überzeugen, daß er sich verschaut hatte.

Und du siehst Helenen in jedem Weibe, spottete er in sich hinein, und rettete sich kopfüber zurück in die zynische Gebärde.

Er ging noch weit, weit umher. Als er schließlich auf eine Uhr sah, stellte er erschrocken fest, daß es schon zwölf Uhr mittags war. Um halb zwei geht mein nächster Zug, fiel ihm ein. Also war es die allerhöchste Zeit. Er winkte einem Auto, fuhr nach seiner Wohnung und jagte die Treppen hinauf. Zu dumm, überlegte er noch, ich hätte den Wagen unten warten lassen sollen. – – – Die Wirtin war nicht zu Hause. Er freute sich kindlich. Das ersparte Fragen und Antworten, kurz überflüssiges Gerede.

Er legte einen Zettel auf den Tisch, der bündig nur die Tatsache seiner Abreise mitteilte, warf eine kleine Summe Geldes hinzu, die er noch zu schulden glaubte, nahm seine Koffer, schmiß die Türen knallend hinter sich ins Schloß und stand, ehe er sich's versah, schon wieder auf der Gasse. Als er nun so dahinschritt – an die Möglichkeit, zum Bahnhof zu fahren, dachte er bereits nicht mehr, weil eine neue Freude am Gehen über ihn gekommen war – wurde er unvermittelt vom Reisefieber erfaßt.

Es begann damit, daß er, ohne selbst darauf vorbereitet zu sein, ein Marschlied pfiff.

Später erschien ihm das banal. Er unterdrückte die 78 Neigung, weiterzupfeifen, gewaltsam. Das vergrößerte natürlich seine Erregtheit.

Plötzlich stolperte er. Ein Schnürsenkel an seinem Schuh war aufgegangen. Er setzte die Koffer ab, bückte sich und reparierte verlegen den Schaden. Eine solche Unordnung, alles geht in Auflösung über, dachte er beschämt, wenn mich so Erich gesehen hätte. –

Dieses Ereignis nun nahm ihm seine Unruhe, aber auch die gehobene Stimmung, die sie mit sich gebracht hatte. Er fühlte sich vom Schicksal noch einmal – und im Überfluß hämisch – darauf hingewiesen, daß es nicht auf eine Reise ging, sondern auf die Flucht.

Kurze Zeit gewannen Ekel und Lebensüberdruß die Oberhand in ihm, und möglicherweise wäre alles anders geworden, und er hätte ernsthaft Schluß gemacht mit sich, – – – aber ein Plakat an der Litfaßsäule, die schwer, rund und harmlos gerade ihm gegenüber stand, lenkte seine Gedanken ab und zog sie auf eine fast magische Weise zu sich herüber.

Herbert trat unwillkürlich näher heran und mußte es lesen. Polternd fielen die Koffer zu Boden. Er wurde sehr, sehr blaß und tat eine trostlos kleine Geste. – Er las seinen Steckbrief, und er las ihn noch viele Male hintereinander.

Da rief jemand seinen Vornamen. Herbert achtete nicht darauf, aber dann hörte er – schnell und verklingend schon – zweimal »Holzdorf« zu sich herüberschallen.

79 Er drehte sich geschwinde und ängstlich um. Ihm war, alle Leute der Straße müßten sich nach ihm umsehen. Doch oben auf der Plattform einer vorbeifahrenden Straßenbahn stand Erich Borchert und winkte. Ich komme, rief er und stieg auf das Trittbrett, aber das nahm Herbert schon sehr undeutlich wahr.

Alles in ihm war plötzlich flammende Liebe. Sogar den Steckbrief vergaß er einen Atemzug lang. Aber dann riß er sich zusammen. Weg, weg, dachte er. Erich darf mich nicht mehr sehen. Nur weg mit mir, ich bin unrein, befleckt und verkommen. Einen Steckbrief hat man hinter mir hergeschickt, meine Schuhe sind von selbst aufgegangen, und sogar mein Zimmer hat mich nicht mehr gewollt. – –

Nein, Erich durfte ihn unmöglich mehr sehen.

Er winkte einem Auto, das leer in träger Erwartung an der Straßenecke stand. –

Und dann geschah alles in einer sonderbaren, stürzenden, überwirklichen Geschwindigkeit. Ein Polizist, er war in Uniform und hatte ein dickliches, verschwommenes Gesicht mit großem Schnurrbart, trat auf ihn zu.

»Herr Holzdorf?« fragte er. Herbert nickte schwerfällig. Da stiegen sie langsam in das Auto. Der Motor klopfte – dumpf wie ein Menschenherz. »Zum Revier«, sagte der Polizist. Plötzlich liefen ihnen die Häuser entgegen.

Als Erich Borchert keuchend vor der Litfaßsäule anlangte, war der Wagen längst abgefahren. –

*

80 Auf dem Revier verbrachte Herbert nicht länger als zehn Minuten. Er hörte, daß viel telefoniert wurde, aber es war eigentlich so, als beträfe ihn das gar nicht. Erst als man ihm Handschellen anlegte, begann er, die Situation zu begreifen. – Hier handelt es sich scheinbar um mich, überlegte er und fand das sehr wunderbar. Dann griff einer nach ihm und führte ihn hinaus. Herbert saß wieder in einem Wagen. Und es war ihm, als müßte er nun bis in die Unendlichkeit unterwegs sein.

Er saß tief eingelehnt in die Polster und spann sich in Träume. Langsam drängten die Bilder heran, schmeichelnde Winde aus Erinnerung. – – – Wie war das doch alles? Aber da stand man plötzlich im Walde. Die Winde hatten sich gesammelt, und es ging nun ein Sturm, ein Tornado von Bildern.

Herbert rückte sich schwerfällig in die Höhe. Er stieß einen verschreckten kleinen Laut aus und strich sich mit der Hand über die Augen. Jetzt einen Vertrauten haben, betete er und wußte nicht zu wem, jetzt einmal jemand haben, zu dem man emporsehen darf, ohne Schaden und für die Ewigkeit.

Dann dachte er sehr vieles mit einem Male. Da schwebt man in einem Auto dahin, dachte er. Da sitzt jemand neben einem greifbar nah, und man kennt ihn gar nicht. Man ist so einsam, daß man nicht einmal den kennt, der neben einem sitzt. Unendlich einsam ist man, dachte er, schwebend einsam. »Wenn man sich doch eine Nähe erzwingen könnte«, sagte er unvermittelt laut. 81 Und dann: »Fahren wir jetzt zum Richter?« Einen so großen Drang hatte er da schon zu dieser letzten entscheidenden Instanz, der er sich jetzt noch anvertrauen und vor der er sich beugen konnte.

Der Wachtmann, der ihn begleitete, lächelte flüchtig, aber er antwortete nichts. Zum Richter, dachte Herbert inbrünstig, nun wird einer sein, der meine Schuld zu sich nimmt, nun werde ich Ruhe haben und Frieden. Dann lächelte er auch.

Sie fuhren nicht zum Richter. Der Wagen hielt vor dem Polizeipräsidium. Der Kommissar, der die Mordsache Wiesel bearbeitete, marschierte schon neugierig rund durch sein Arbeitszimmer. Ein interessanter Fall, flüsterte er manchmal, aber das flüsterte er immer, wenn er aus den Aktenstücken nicht recht klug werden konnte. Von Zeit zu Zeit schlich er sogar zur Tür, um zu sehen, ob der Angeschuldigte noch nicht käme. Aber jedesmal wandte er sich enttäuscht wieder um.

Dann klopfte es draußen, gerade als er es am wenigsten erwartete. »Herein!« rief der Kommissar. Seine Stimme mußte würdig und sonor geklungen haben. Ganz kurz noch sah er auf einen Spiegel. Er riß seine Stirne hoch. Jetzt wollte er nur noch Auge sein.

Herbert war zögernd über die Schwelle getreten. »Warum hat man mich nicht vor einen Richter geführt?« fragte er und sah sich unwillig und beinahe beleidigt in dem Zimmer um.

Der Kommissar betrachtete ihn einigermaßen 82 verblüfft. »Gott,« sagte er dann amüsiert (wohl auch spöttisch), »Sie scheinen es aber verflucht eilig zu haben. Zuerst werden Sie natürlich von mir vernommen. Sie heißen also Holzdorf?«

»Ja,« sagte Herbert, »ich heiße Holzdorf, aber ich kann Ihnen keine weiteren Auskünfte geben. Können Sie mich nicht zu einem Richter bringen?«

Obzwar er es nicht wollte, mußte der Kommissar lachen. – Was sich dieser Junge da so vorstellen mochte, wie seltsam überhaupt sein Auftreten war, ein verwunderliches Gemisch aus Frechheit und einer kaum glaublichen Ahnungslosigkeit. – »Wenn Sie durchaus vor ein Gericht gestellt werden wollen,« sagte er immer noch heiter, »so bedenken Sie bitte, daß ich gewissermaßen die Vorstufe dazu bin.«

»Nein,« antwortete Herbert, »verstehen Sie mich doch recht, ich kann es ja nicht mehr länger ertragen. Ich kann keine Umwege mehr machen. Vielleicht meinen Sie es gut mit mir, aber ich weiß, daß es nur eine Instanz gibt, die meine Schuld zu sich nehmen kann: Das Gericht.«

Allmählich wurde der Kommissar nervös. Ich war so freundlich mit ihm, dachte er ärgerlich. Das hat man nun davon. Er biß sich, so redete er sich in einen Zorn hinein, wie ein Kind auf den Lippen herum. – – – Oder ob er vielleicht nur Wahnsinn simulieren will, fiel ihm dann plötzlich ein. Er sah auf Herbert, der 83 stumm vor ihm stand. »Also wollen Sie endlich aussagen?« schrie er ihn an.

»Nein«, sagte Herbert. Er wurde listig und unverschämt. »Ich sage Ihnen kein Wort. Vor einem Richter würde ich ein volles Geständnis ablegen.« – – –

Affenkomödie, dachte der Kommissar. Er drehte Herbert brüsk den Rücken und machte einige Schritte auf seinen Schreibtisch zu.

»Sie wissen doch, weswegen Sie vor mir stehen?« fragte er dann.

Es kam keine Antwort.

»Also, Sie wollen mir nicht erklären, weshalb Sie den Wiesel erschossen haben?« meinte er noch einmal, harmlos wie es jetzt schien und uninteressiert.

– – – Herbert blieb schweigsam. Der Kommissar wartete noch eine Weile, aber schließlich entschloß er sich, den Fall endgültig aufzugeben. Ich habe keine Lust, mir an dem Bengel den Schädel einzurennen, tröstete er sich. Er trat ans Telephon. »Ja,« sagte er, »das hat denn wohl keinen Zweck mehr. Ich werde das Verhör abbrechen. Im übrigen will ich Ihnen Ihren Wunsch, vor einem Richter aussagen zu können, gern erfüllen. Die Voruntersuchung ist ohnedies bereits gegen Sie eingeleitet.« – –

Untersuchungsrichter Frager war noch auf seinem Bureau.

»Ach,« sagte er, »Sie haben den Mörder verhaftet. Holzdorf, ja, weiß schon, siebzehnjähriger Junge. Hat 84 Aussage verweigert? Hm. Und Sie glauben also an seine politischen Motive? – Gott, ich will nicht widersprechen, aber ich weiß nicht recht. Na, man wird ja sehen. Ja, Herr Kommissar, ich bin bereit, den Angeschuldigten noch heute zu vernehmen. Schicken Sie ihn nur gleich hierher. Jawohl, und bitte vergessen Sie nicht, was Sie noch an Aktenstücken vorrätig haben, mitzusenden. Guten Tag.«

Der Kommissar legte den Hörer auf die Gabel.

Zehn Minuten später fuhr Herbert nach Moabit. –

Einige Zeit nahmen die Einlieferungs-Formalitäten in Anspruch. Es war äußerst lästig, andauernd mit fremden Menschen reden zu müssen, noch lästiger, ihre Blicke zu ertragen, die mit einer gewissermaßen unpersönlichen und gleichgültigen Neugier an ihm hingen.

Aber nun, da man allein endlich in einer schmalen, dürftigen Zelle saß, war das nur noch wie ein böser Traum, aus dem man schon erwacht war, und der einen nicht mehr bedrückte.

Es war wundersam und über alle Maßen schön, allein sein zu können. Nie, nie hatte Herbert gewußt, daß Einsamkeit etwas Heiliges sein kann. Er verstand jetzt gar nicht, daß er jemals unter ihr hatte leiden können. Zu wundersam ist das Leben, dachte er, zu dumm.

Selbst wenn Erich jetzt zu mir käme, dachte er, ich würde ihn wegschicken. Und er hätte ihn wirklich 85 fortgeschickt. Keiner war ihm so nahe gewesen, keiner so entfernt, daß er ihm jetzt hätte zur Seite stehen können.

Aber, dachte Herbert, es ist wohl immer so, die letzten Wege geht man sehr klar und allein.

Daß der Weg zum Richter sein letzter Weg sei, das glaubte er glühend und auf das bestimmteste.

Seit seiner Verhaftung hatte sich seiner eine Verwirrung bemächtigt, die nicht mehr von ihm gewichen war.

Er vermochte nicht mehr recht klar zu denken. Er war von so vielen und verschiedentlichen Gefühlen und Empfindungen durchwühlt, daß er keine Zeit mehr fand zu Umschau und Konzentration.

Noch war vielleicht die Kraft zu staunen in ihm, sich zu wundern über das Leben, das ihn in einen so tollen Wirbel gerissen, jetzt noch die Dinge zu sehen, wie sie sich vollzogen, ehern und notwendig, war ihm nicht mehr gegeben.

Er war redlich bemüht, wieder Einsicht in sich zu gewinnen, aber kein Vorstoß gelang, der die eigene Dunkelheit hätte erhellen können.

Im Walde, dachte er, habe ich meine Schuld erkannt. Im Walde ist mir etwas aufgegangen von der großen und gewaltigen Heiligkeit des Menschenlebens. – – »Aber die Partei, aber der Führer? Aber die Idee!« schrie er plötzlich laut. Dahin, dahin. Nicht einmal ein Katzenjammer war geblieben. – – Aber warum bin 86 ich nicht geflohen? Warum habe ich meine Tat nicht mit mir in die Fremde getragen, stark und bereit, sie zu sühnen?

Hier fand er keine Antwort mehr. Hier wurde es dunkel. Unlösbar verwirrte sich alles.

Was will ich denn plötzlich von dem Richter, den ich nicht kenne, dachte er, und warum klammere ich mich so an dieses Wörtlein Gericht, daß ernsthafte Menschen über mich lachen?

Hier ging es in Not und in Nebel. Hier fand er kein rettendes Licht mehr und keinen Weg.

– Als der Wärter eintrat, um ihn zum Untersuchungsrichter zu führen, saß Herbert auf der schmalen niedrigen Bank an der Seite und sang ein Lied still vor sich hin. Es war ein rührsames dummes Wandervogel-Lied. Er dachte an gar nichts mehr.

Der Untersuchungsrichter war ein Mann von etwa fünfzig Jahren. Er sah ernst aus und nicht unsympathisch, war von einfachem Gebaren; man konnte wohl Vertrauen zu ihm haben.

Herbert betrachtete ihn ziemlich genau, allerdings mit etwas leerem Blick. Dann, als er seine Feststellungen gemacht hatte, versuchte er, sich rasch noch ein wenig in dem neuen Raum zu orientieren.

Er machte ein paar ganz kleine Schritte und schaute sich vorsichtig um. Daß er es vorsichtig tat, merkte er sofort und von selbst. – Ach, dachte er, soviel neue 87 Gesichter, so viele neue Räume – da ist's schon verständlich, wenn man vorsichtig wird und besorgt.

Aber dann glaubte er, daß es nur eine Feigheit wäre. Nicht zeigen, daß ich mich fürchte, dachte er wieder. Er drehte sich geschwinde ganz um sich selbst herum. Und er sah, daß er in einer kahlen nüchternen Beamtenstube stand. Tausend Bureaus sehen ebenso aus, dachte er enttäuscht.

Aber er begriff sofort, daß dieser Vergleich doch nicht ganz stimmte.

Hier nämlich schien noch etwas anderes da zu sein. Etwas Unwägbares, das in keiner Beamtenstube war, wie er sie gemeint hatte. Etwas Fremdes, Kühles, Abwartendes.

Ein leises Frösteln stieg ihm über den Rücken. Ich habe mir das Gericht anders vorgestellt, dachte er, heller, durchsichtiger, wärmer. Ein bißchen Sonne sollte vielleicht ins Zimmer scheinen.

Sonne – er erschrak so heftig über das Wort, daß er nicht weiter zu denken vermochte.

Da erblickte er über dem Kopfe des Richters einen Öldruck. Er hatte geglaubt, daß kein Bild im Zimmer sei. Und er verwunderte sich, daß er es nicht gleich gesehen hatte. Aufmerksam blickte er es an. –

Dann fiel es sehr schwarz und wie Nacht über seine Augen; nur noch das Bild stand im Raum, dieses schreckliche feurige Bild.

Denn hingemalt war dort eine große aufgehende 88 Sonne. Und in roten, ihm schienen es flammende Buchstaben zu sein, war zu lesen:

Die Sonne bringt es an den Tag.

»Ach die Sonne«, lallte Herbert nach einer Weile. »Das ist eine alte Bekannte von mir. Eine alte Bekannte.«

In diesem Momente hörte er eine klare nüchterne Stimme sagen: »Sie sind angeschuldigt, vor ungefähr zwei bis drei Wochen den Zeitfreiwilligen Heinz Wiesel, vorgeblich Leutnant, ermordet zu haben. Wollen Sie sich nun endlich zu dieser Beschuldigung äußern?«

»Eine Stimme«, überlegte Herbert. »Jemand hat etwas zu mir gesagt.« Er hatte zwar nicht verstanden, was gesagt worden war, aber er konnte nun schon wieder sehen, und las die Frage aus den Zügen des Richters.

»Ja,« sagte er, »ich will alles sagen. Ich habe am dreißigsten August den Spitzel Wiesel im Grunewald erschossen. Es war auf der Strecke zwischen Teltow und Wannsee. Die Sonne ging unter. Der ganze Wald war überschwemmt von Licht. Das ist wichtig. Denn die Sonne – die Sonne hat in der Angelegenheit gegen mich gezeugt. Mit Recht. Ich habe eingesehen, daß man nicht töten darf. Ich bin schuldig, Herr Richter. Und nun bitte ich Sie, mich zum Tode zu verurteilen.«

»Mir steht ein Urteil über Sie nicht zu«, sagte Herr Frager höflich. »Ich habe nur die Untersuchung zu leiten. Bis zum Urteil ist es ein weiter Weg.«

89 – – – »Wie,« fragte Herbert fassungslos, »bis zum Urteil ist noch ein weiter Weg?«

»Der Weg zum Urteil ist so weit wie der Weg zur Tat«, antwortete Herr Frager. »Wollen Sie mir nun nicht etwas über diesen Weg sagen, und wie Sie zu Ihrer Tat gekommen sind?«

Ein schönes Gleichnis hat er da ausgesprochen, dachte Herbert ergriffen. Es schien ihm auch sofort plausibel, daß man so schnell nicht verurteilt werden konnte.

Hätte mir der Kommissar nur ein Wort davon gesagt, dachte er.

Bei dem Gedanken an den Kommissar mußte er noch ein bißchen lachen. Das wäre der Rechte gewesen für eine Unterhaltung, wie er sie jetzt zu führen hatte, für eine Unterhaltung um Seele und Seligkeit.

Dann begann er sehr langsam zu überlegen, ob der Weg zu seiner Tat wirklich so weit gewesen war.

Da wurde mit einem Male sehr vieles klarer in ihm. »Ja, Herr Richter,« sagte er, »ich bin einen weiten, weiten Weg gegangen.«

Frager nickte freundlich und hoheitsvoll. »Sehen Sie,« meinte er, »nun fangen Sie an, es selbst zu verstehen. Wollen Sie mir nicht ein wenig davon erzählen?«

Aber Herbert erzählte schon. – – –

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