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Fall Vehme Holzdorf

Wolfgang Hellmert: Fall Vehme Holzdorf - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
booktitleFall Vehme Holzdorf
authorWolfgang Hellmert
firstpub1927
year1928
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleFall Vehme Holzdorf
pages5-104
created20070919
sendergerd.bouillon@t-online.de
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54 IV.

Herbert hatte sich entschlossen, den Weg, den er gekommen war, zurückzugehen. Ein trauriger Rückmarsch war das. Ich will nach Hause gehen und abreisen, dachte er. Aber sein Gefühl rebellierte. Herbert kam sich machtlos und verlassen vor wie nie.

Man hat Wiesels Leiche gefunden, suchte er systematisch zu denken, man wird sie bald rekognosziert haben, – es liegt eine Anzeige gegen mich vor, man wird mich bald aufgestöbert und verhaftet haben. – Ich muß so schnell wie irgend möglich abreisen. – Reisen, reisen, reisen: er ertappte sich dabei, wie er das Wort in der Melodie eines kürzlich gehörten Schlagers in sich hineinsang.

Er wurde ernstlich auf sich böse. Ich bin ein unernster, unreifer Bengel, sagte er sich. Aber auch das änderte seine Situation in keiner Weise.

Wenn ich nur wüßte, wo ich mich eigentlich befinde, überlegte er schließlich wieder; zu dumm, wenn man so blindlings dahinrennt. Ich finde mein Lebtag nicht mehr heim. – – –

55 Die Straße dehnte sich blind und menschenleer vor ihm in die Unendlichkeit. Eine Fahrgelegenheit schien es in diesem Stadtteil nicht zu geben. Weder Schienen noch Leitungsdrähte kündigten an, daß hier eine Trambahn hindurchführe, noch war ein Auto oder auch nur eine wackelige Pferdedroschke zu sehen.

Das ist die Nacht, dachte Herbert, uferlos und ungeheuerlich, wie man sie nur aus Abenteurerromanen kennt.

Er lief immer geradeaus, denn er glaubte auch auf dem Hinweg geradeaus geschritten zu sein.

Aber seine verwunschene Glückseligkeit hatte ihn kreuz und quer herumgeführt.

Schließlich merkte er, daß er sich getäuscht hatte. Die Gegend veränderte mehr und mehr ihr Gesicht. Schon waren die Häuser seltner geworden, schon grenzten Baugelände und wild rauschende Baumgruppen an den Rand der Straße. Schon sah er grau und verschwommen im Regen den Wald auftauchen.

Vor Ratlosigkeit fing er an zu weinen. Wenn doch wenigstens ein Mensch käme, betete er; aber weit und breit war niemand zu sehen.

Es ist das beste, ich kehre um, dachte er schließlich. Aber diesen vernünftigen Gedanken schwemmte eine Welle kindischen Trotzes fort. Jetzt gehe ich meinen Weg zu Ende, sagte er laut in den Regen, jetzt mache ich keine Kompromisse mehr.

56 Die Vernunft wehrte sich noch. Was ist das für ein Weg, den du zu Ende gehen willst, fragte sie schnippisch, warum willst du keine Kompromisse mehr machen? Erkläre mir doch bitte, was das für ein Kompromiß wäre, wenn du umkehrtest, wo du doch selbst siehst, daß du auf diesem Wege niemals nach Hause und in Sicherheit kommst? – »Blödsinn«, schrie Herbert in den Regen und rannte weiter.

Zeiten vergingen, die eine Ewigkeit in sich trugen. Längst hatten Straße und Felder aufgehört, er lief zwischen Bäumen und niederem Gehölz.

Wie ein Amokläufer, dachte er, als er wieder zu denken anfing. Seine Kleider saßen wie angebacken auf seinem Leib. Ich werde mir den Tod holen, dachte er und raste weiter. – Und die Nacht raste hinter ihm. –

Aber irgendwann versagten die überanstrengten Organe. Ganz unerwartet riß es ihn aus der Bewegung zur Erde. Herbert stieß einen winzigen, heimlichen Wehlaut aus. Sein Herz klopfte zum Zerspringen, in den Lungen hämmerte es, Brust und Rücken schmerzten, als seien sie verbrüht.

Er lag keuchend auf der Erde. Weiter, weiter, dachte er. Ich muß noch viel, viel weiter. Mit unendlicher Anstrengung raffte er sich auf. Vor seinen Augen tanzten feurige Farben.

Vielleicht verrecke ich, sann Herbert. Vielleicht – und er schleppte sich vorwärts.

Daß er vielleicht sterben würde, gab ihm etwas von 57 seiner Kraft zurück. Er war bemüht, eine trockenere Stelle am Boden zu finden, wo er sich hinkauern könnte, um den Tod zu erwarten.

Er malte sich das genau aus. Wunderschön würde es werden, er würde weiß und bleich unter einem Baume liegen, er würde sich langsam, langsam hinüberträumen, aber mit einemmal würde eine ungeheuerliche Lichtwelle den Wald überschwemmen, alle Glocken würden läuten, und er würde im Himmel sein.

Das ist das Fieber, empfand er plötzlich.

Da sah er einen matten Schein. »Noch nicht, noch nicht«, schrie er auf. Er hatte eine unermeßliche Angst, daß das Licht hereinbräche, ehe er bereit war.

Plötzlich stand ein Mann vor ihm.

Das ist der Tod, dachte Herbert, nun kommt er, um mich fortzunehmen. Er wurde ganz leicht, dann fiel er kerzengrade hintenüber.

*

– – – Herbert erwachte aus seiner Ohnmacht dadurch, daß jemand inständig und hart seine Schläfen rieb.

Er sah sich verwundert um. Ich bin in einem Wald? staunte er; außerdem scheint es zu regnen. Er fühlte 58 auch, wie seine Kleider naß und schwer an seinem Körper klebten. Und da kehrte ihm das Wissen um die Erlebnisse seiner letzten Stunden in die Erinnerung zurück.

Alle auf einmal fielen sie ihm ein: der Politiker, Erich Borchert und der Kommissar aus dem Vorstadtcafé, sein seliger Gang und sein verzweifelter, furchtbarer Schnellauf in die Leere.

Wie sonderbar solch ein Leben ist, dachte er. Und bemerkte erst jetzt, daß die Erhöhung, auf der weich und warm sein Kopf ruhte, der Schoß eines Menschen war, und daß zwei Hände ihm unablässig über Stirn und Schläfen strichen.

Diese Entdeckung schien ihm von unerhört großer Tragweite zu sein. Dem Anschein nach war ich ohnmächtig, memorierte er, und diese zwei Hände dort, die möglicherweise schon lange Zeit um mich besorgt sind, haben mich aufgeweckt. – Wie sanft und gut es ist, gepflegt zu werden, wie wundervoll und märchenschön solche zwei Hände sind, sagte er sich und beschloß, sich nicht zu rühren, damit ja diese Hände nicht fühlen mochten, daß er ihrer Pflege schon nicht mehr bedürftig sei. – Ach, wenn ich mein Leben lang so liegen dürfte, unter diesen ehrlichen und gleichmäßigen Strichen dieser Hände, ich wollte sogar verschmerzen, daß ich wieder erwacht bin.

Er blieb still liegen. Aber wenn nun das Licht kommt, 59 durchzuckte es ihn jählings, wenn nun das Licht kommt, das mich verrät?

Nein, die Hände, diese himmlischen streichelnden Hände durften nicht spüren, daß er sie betrog. Er richtete sich sehr schnell auf und sagte ganz unvermittelt: »Ich danke Euch, daß Ihr mir geholfen habt, aber es geht jetzt schon wieder und, ich muß heut noch viel, viel weiter.«

Er sprang mit einem Ruck in die Höhe, bereit, von neuem in diese entsetzliche Nacht zu tauchen; da riß es ihn plötzlich herum. Ein schmaler, ärmlicher Schein bespülte ihn, dünn wie dies Licht, das ihm vorhin aus dem Dunkel entgegengeronnen war.

Einige Sekunden mußte er heftig blinzeln. Als seine Augen endlich das Licht ertrugen, gewahrte er einen großen, kräftigen Mann, der bärtig und mit einem weiten und flächigen Gesicht, eingehüllt in phantastische Lumpen, ihm gegenüberstand.

»Aber Sie blenden mich ja«, sagte er gereizt. »Machen Sie doch Ihre Lampe aus.« Daß diesem Manne die Hände gehören könnten, die ihm soeben noch ein Märchen verwirklicht hatten, kam ihm gar nicht in den Sinn.

Der Mann knipste wortlos die kleine Taschenlaterne aus.

– – Wie kommt er nur zu solcher Stunde hier in den Wald, dachte Herbert; angespannt wartete er darauf, daß der Unbekannte, den er in dieser 60 wildatmenden Finsternis nur schwach umrissen zu sehen vermochte, das Wort an ihn richten würde.

Der Mann blieb still.

Er hat so lautlos pariert, dachte Herbert, als ich ihm auftrug das Licht zu löschen – möglicherweise fürchtet er sich vor mir. Das wäre denn doch – dieser Riese da sollte Furcht vor ihm empfinden. Ihm fiel ein, daß der Waldmensch ihn mit einer einzigen Bewegung seiner Hand umwerfen konnte.

Er war nicht imstande sich darüber schlüssig zu werden, was er von diesem Manne zu halten hatte, der auf diese verblüffende, beinahe mystisch zu nennende Art in sein Leben getreten war.

Vielleicht hat er nur gehorcht, weil er das Gehorchen gewohnt ist, suchte Herbert sich abzufinden. Er hatte das Richtige getroffen. Gehorchen heißt dienen. – – – – – – Herbert wagte einen Gedankensprung: Dann ist er es gewesen, der mich vorhin aus meiner Ohnmacht zurückrief, dachte er und fühlte Dank und Enttäuschung in einem. Er hätte sehr gern an eine wunderbarere Errettung geglaubt.

Er tastete nach seiner Manteltasche. Die Feuchtigkeit hatte den Stoff zusammengeklebt und schief gezogen. Ihm war beigekommen, daß er noch irgendwo ein paar Zigaretten haben mußte. »Rauchen Sie?« fragte er leise zu dem Manne hinüber. »Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen eine Zigarette anbiete? Wahrscheinlich sind 61 sie alle ein wenig naß geworden, aber es würde mich freuen, wenn Sie sie trotzdem annähmen.«

Der Mann brummte etwas Unverständliches. Er trat einen Schritt näher und faßte nach dem etwas schäbigen Lederetui, das Herbert ihm entgegenstreckte.

Herbert tat seine anfängliche Schroffheit schon leid. Es rührte ihn, daß dieser große mächtige Mann seine kleine lächerliche Gabe nicht verschmähte.

»Wenn es Ihnen angenehm ist,« sagte er schüchtern, »so zünden Sie Ihre Lampe nur wieder an. Sie können sich dann die trockenste heraussuchen.«

Der hilflose Schein flammte wieder auf. Der Mann nun griff offensichtlich beglückt in das Etui hinein, nahm sich eine Zigarette und zog aus einer Tasche, deren Existenz in dem zerlumpten Anzug eigentlich recht verwunderlich war, eine Schachtel Streichhölzer.

»Sie wollen gar nicht brennen«, sagte er nach mehreren vergeblichen Bemühungen, eines zu entzünden, traurig zu Herbert. »Dieser verfluchte Regen!« – –

Aber dann ging es plötzlich doch.

»Nein, nein, geben Sie sich nur zuerst Feuer,« sagte Herbert eifrig, »sonst geht es bloß wieder aus.« – Eine Sekunde lang, ehe Sturm und Regen die Flamme wieder auslöschten, war das Gesicht des Mannes unheimlich beleuchtet. Mein Gott, woher kenne ich dieses Gesicht, dachte Herbert. Er überlegte einige Sekunden. Wenn dieser verwüstete Bart nicht wäre, wenn diese langen 62 filzigen Haare kurz geschoren und geordnet wären – – – Er fühlte, wie sein Herz aussetzte, als ihm plötzlich der Name des Mannes einfiel.

»Gorrmann,« sagte er ganz blaß, »ich denke, Sie sind in Amerika, Gorrmann. Um Gottes willen, was tun Sie denn noch hier in Berlin?«

Gorrmann zuckte zusammen. »Ja wer – wer sind Sie denn«, stammelte er. Er hielt sich reglos wie ein Käfer. Er war ganz betäubt vor Schreck. »Woher kennen Sie mich denn?«

»Ich heiße Holzdorf,« sagte Herbert, »Herbert Holzdorf. Wir haben uns bei Wiesel kennen gelernt. Es wurde von einem Attentatsplan gesprochen, wenn Sie sich erinnern.«

Gorrmann rührte sich wieder. Er atmete laut und erleichtert aus. »Sie werden mich ja nicht verraten«, sagte er und hatte nur noch wenig Mißtrauen in der Stimme. »Ich hätte Sie ja erschießen müssen, wenn Sie nicht einer von den unsern gewesen wären.«

Herbert konnte darauf nichts erwidern, weil er sehr unvermittelt von einem langen, krampfartigen Gelächter übermannt wurde. »Nein nein,« gurgelte er nach einer Weile, »wäre das komisch gewesen. Erst retten Sie mich, dann wollen Sie mich um die Ecke bringen. Sie sind schon ein etwas absonderlicher Herr.« Abermals verlor sich seine Sprache in heiserem und heftigem Lachen. »Ja und wissen Sie auch, daß ich Ihre 63 Hände vorhin für die Hände einer guten Fee, eines Schutzengels oder irgendsonstsowas gehalten habe?«

Gorrmann sah etwas verwundert auf Herbert herab. »Aber« – – sagte er, doch er brach schnell wieder ab, weil er wirklich nicht mehr zu sagen wußte.

Herbert war wieder ernst geworden. Daß ich gerade ihn treffen mußte, dachte er, aber sicherlich ist es zum Guten, wenn uns das Schicksal zusammengeworfen hat. Wir beide haben uns gegen das Leben vergangen, da mag's denn wohl sein, daß wir zusammengehören.

Er sah nun noch einmal aufmerksam zu Gorrmann hinüber, da peinigte es ihn, daß der so dumpf, so hemmungslos überrascht vor sich hinstierte. Dem war er denn doch unendlich überlegen. Er kam sich sehr gescheit und vornehm vor. »Gemütlich ist's ja hier nicht,« sagte er großartig, »aber ich meine, daß wir beide uns in diesem Zustande und unter diesen Verhältnissen nicht besonders gut sehen lassen können. Ich würde mich gern noch ein wenig mit Ihnen unterhalten. Setzen wir uns vielleicht auf diesen Baumstumpf dort.«

Gorrmann war's zufrieden. »Wenn Sie noch eine Zigarette hätten«, bat er.

»Aber bitte nehmen Sie nur«, sagte Herbert und diesmal reichte er sein Etui mit der Geste eines Grandseigneurs hinüber.

Dann saßen sie schweigsam rauchend einige Minuten nebeneinander.

64 »Ja nun erzählen Sie aber, wo Sie herkommen, wo Sie hinwollen, was Sie machen, Gorrmann«, sagte Herbert. »Ich habe Ihren Steckbrief gelesen.« Gorrmann zuckte zusammen. »Sie brauchen keine Scheu vor mir zu haben, wir sind sozusagen – Kollegen.«

Gorrmann verstand fürs erste nur, daß Herbert seinen Steckbrief gelesen hatte. »Sowas,« sagte er gerührt, »Sie sind ein echter Kamerad, Herr Holzdorf.«

»Kollegen sind wir, Gorrmann,« sagte Herbert und wiederholte, um seine aufsteigende Scham zu unterdrücken, dieses zynische Wort; »das bindet weit mehr aneinander als so ein simples bißchen Kameradschaft.«

Und Gorrmann begriff wieder nicht. »Ich verstehe nicht, was Sie meinen«, beteuerte er ratlos. Er kam sich ungemein dumm vor. »Sie müssen einfacher mit mir reden.«

»Na, Sie können ja schließlich nicht ahnen, daß ich den Wiesel erschossen habe.« Herberts Ton wurde schroff und zurechtweisend.

»Was Sie sagen«, meinte Gorrmann entsetzt. »Der Herr Wiesel lebt nicht mehr.«

Herbert nickte mit dem Kopfe.

»Aber daß gerade Sie ihn erschossen haben,« sagte Gorrmann, »gerade Sie.«

Herbert fuhr in die Höhe. »Persönliche Bindungen haben hinter dem Wohl der Partei zurückzutreten«, sagte er scharf und automatenhaft.

Gorrmann wollte etwas bemerken.

65 »Lassen Sie nur,« sagte Herbert, »ich habe ganz gut gemerkt, worauf Sie anspielen wollen. Wiesel war ein Spitzel. Er hat aus dem Wege müssen. Ihm ist nicht mehr als recht geschehen.«

»So arbeitet die Vehme«, flüsterte Gorrmann, und in seinen Augen stand plötzlich ein Grauen.

– – – Der Regen hatte allmählich nachgelassen, aber der Sturmwind tobte weiter. Er gröhlte in den Baumkronen, schleuderte sie tapsig hin und her. Sekundenlang war der offene Gewitterhimmel zu sehen. Unablässig jagten Wolken vorüber. Gespenstisch und riesenhaft schossen sie dahin.

Wie Menschengesichter, dachte Gorrmann. Wie Menschengesichter im Todeskampf.

Herbert hatte nicht in die Höhe geschaut. Er war ganz an das große Rauschen gegeben, das den zerwühlten, farblosen Wald tönen ließ. In solcher Nacht, dachte er, sitze ich hier – ausgeliefert an solch gewaltsame Luft, an solch gewaltsamen und einfältigen Mann, der zehn Leben gemordet hat. Er wurde zage und wehmütig. Er hätte jetzt eine Mutter haben mögen.

»Gorrmann,« sagte er leise, »sprechen Sie doch bitte was. Es ist so grauenhaft. Ich habe so viel Furcht, Gorrmann.«

»Durch ganz Deutschland haben sie mich getrieben, wie verzerrte Menschengesichter sehen die Wolken aus«, sagte Gorrmann. »Der letzte, der starb, war zum Beispiel noch ganz jung. Wissen Sie, er hat die Augen nicht 66 zugemacht. Also: die Augen waren vollkommen aus den Höhlen getreten.«

Er sprang aus und zeigte in die Luft: »Sehen Sie, da fliegt er vorbei, Holzdorf, immer fliegt er vorbei, wenn Wolken sind.« Gorrmann fing plötzlich kindisch an zu schluchzen.

»Wie bitte?« fragt Herbert und ist schon mit hineingerissen in Gorrmanns Zusammenbruch. Sein Gesicht verzerrt sich unsäglich, und seine Arme, die irrsinnig in die Luft schnellen, scheinen die Worte suchen zu wollen, die ihn seine Verwirrung nicht finden läßt. »Wie bitte?« fragt er noch einmal. Die Arme sinken schlaff herunter, aber die Entstellung in seinem Antlitz dauert fort. Und dann stürzen die Worte aus ihm heraus. Seine Sprechweise ist lallend und erinnert an die eines Betrunkenen. Er verwendet fast ausschließlich die gleichen Vokabeln, nicht etwa, weil es ihm schwer erscheint, seine Gedanken richtig einzukleiden, sondern aus der unbewußten Sucht, seinen Vortrag bedeutsam und eindringlich zu gestalten. Bei der Fülle der ihn bedrängenden Dinge, der auf ihn eindringenden Gesichte ist es kaum verwunderlich, daß alles dennoch ungeordnet aus ihm herausbricht. Er widerspricht sich häufig, macht die bizarrsten Gedankensprünge, ist im äußersten Ausmaße unlogisch, und doch ist seine Rede von einer fast magischen Gewalt. Gorrmanns Schluchzen wird leiser, ja er schluchzt zuletzt beinahe sinnlos, da er im Anhören Herberts den Grund seines Aufweinens 67 vergessen hat. Oft macht er empfindsame kleine Gesten mit den Fingern, namentlich bei Sätzen, die er ohne weiteres versteht, und die ihn persönlich besonders stark anzugehen scheinen. Man sieht es seinem Gesicht an, daß er eine Menge Fragen zu stellen hat. Aber weder wagt noch wünscht er, Herbert zu unterbrechen.

Herbert fühlt, daß eine große Macht von ihm ausgeht. Er entzündet sich an diesem Gefühl vollends. Schließlich geht er an den Anfangspunkt seiner Rede zurück und wiederholt beinahe alles, was er gesagt hat, aber geordneter und übersichtlicher.

»Es ist wohl«, sagte er, »eine besondere Eigenschaft Ermordeter, daß sie die Augen nicht schließen. Ja ich bin überzeugt, daß nicht einmal eine nachträgliche Abbitte oder gar nur ein gütliches Zureden sie dazu veranlassen könnte. Ich habe den Wiesel sogar mit meinen Füßen getreten, aber auch dies fiel nicht weiter ins Gewicht. Im Gegenteil, wenn ich es recht bedenke, ist dieses Argument nicht allein ein Versager gewesen, es ist auch gegen mich ausgefallen. Denn ich sah, daß der Tritt so wehrlos und stumpf hingenommen wurde, daß ich erzitterte.

Merkwürdig, von da an fühle ich mich schuldig. Bitte sagen Sie doch selbst: ein Spitzel ist ein Spitzel. Es hat gar nichts damit zu tun, daß ich ihn geliebt habe, auch steht es in keinerlei Zusammenhang damit, daß durch diese Tatsache, daß Wiesel ein Spitzel war, meine Liebe beleidigt wurde. Ein Spitzel ist ein Spitzel und muß 68 erschossen werden. Ich war da im Recht, als ich geschossen habe. Dann hat er auf dem Boden gelegen. Ich habe nämlich verdammt gut getroffen. Rundes Loch grade über der Herzmuskulatur. Ja, denke ich, da liegt der nun, den du vor einer Woche noch glühend geliebt hast, der dir Vater und Mutter und deine ganze hochlöbliche Familie ersetzen sollte. Mir wurde einfach schlecht vor Kummer, und dann kam noch die Angst hinzu: Ein Unberufener könne vorüberkommen. Ich zögere, warte noch. Die Sonne geht unter. – Überhaupt die Sonne: das war ganz großartig, sage ich Ihnen. Der Wald war völlig überschwemmt von Licht. – – Also, das Licht fließt ab, bleibt eine knappe Lache, in der der Tote liegt. Ich warte noch, schließlich verrinselt auch sie. Ich trete hin zu dem Toten, – und er hat die Augen weit offen.

Da stoße ich mit meinen Füßen nach ihm – ich bin auch heute noch der Ansicht, daß er aus Bosheit die Augen offenhielt, – und er nimmt meinen Tritt ohne jede Gefühlsregung hin.

Von da an fühle ich mich in irgendeiner Beziehung schuldig. Nicht wahr, das ist kurios. Aber es ist auch wiederum berechtigt, denn ich meine, daß selbst ein Spitzel das einfache Recht hat, sich gegen Fußtritte zu wehren. Ich halte nämlich Fußtritte für etwas besonders Erniedrigendes. Also das Schuldgefühl ist berechtigt, ich, ich habe ihn unfähig gemacht, einen Widerstand zu leisten.

69 Auch fällt mir ein, daß ich einmal in meinem Leben ein ganz großes Glück erlebt habe. Es kann noch gar nicht allzu lange her sein. Ein sonderbarer Tag war das: meine Kleider, meine Bücher, meine Koffer, alles, was ich besitze, hatte sich gegen mich verschworen. Der einzige Mensch, der mich noch liebte, und den ich vielleicht auch geliebt habe, war auf Nimmerwiedersehen von mir gegangen.

Da rannte ich auf die regnerische, naßkalte Straße hinaus und war ganz plötzlich unendlich selig.

Der Wiesel ist ein Spitzel gewesen. Ich betone das immer wieder, weil es von großer Bedeutung ist, und weil er darum aus der Welt verschwinden mußte. Aber sehen Sie, er hat doch das Recht gehabt, auch glücklich zu sein. Und nun frage ich Sie, kann er noch so selig über eine regennaße Straße gehen? Nein, nein, er kann es nicht, das ist ausgeschlossen. Ich bin schuldig.«

Und jetzt sagte Herbert etwas, was er das erste Mal in der größeren Verwirrung nicht gesagt hatte.

Er sagte es laut und entzündend: »Man darf nicht töten!«

Einen Moment lang war er selbst fassungslos darüber. Er wollte diesen Satz überlegen, da schrie Gorrmann ihn schon zurück: »Man darf nicht töten, man darf nicht töten, man darf nicht töten!«

Herbert kroch auf allen Vieren zu Gorrmann. Er 70 legte seinen Kopf in dessen Schoß und mußte jämmerlich weinen.

Aber auch Gorrmann ist nicht imstande. den eigenen Aufschrei zu begreifen. Wie, denkt er, man darf nicht töten? Aber was habe ich denn im Kriege getan? Er entsinnt sich einer jungen polnischen Bäuerin, die er erschießen mußte, weil sie den Russen Lichtsignale gegeben hat. Das ist doch recht so gewesen, sagt er sich, das hat doch so sein müssen. Plötzlich werden seine Gedanken zu Worten. »Bitte,« sagt er und ahnt nicht einmal, daß er fast brüllt, »bitte, ich habe auch jetzt wieder auf Kommando meiner Vorgesetzten getötet. Das war in der Ordnung. Das ist Brauch so. Man hat mir gesagt: ›Schieß, da ist ein schlechter Soldat!‹ Ich habe geschossen. Man hat mir gesagt: ›Schieß, da ist ein Verräter!‹ Ich habe geschossen. Ich habe einige Male Geld dafür genommen. Aber das ist doch gleichgültig, unwichtig. Albern wäre es, mir daraus Vorwürfe zu machen. Ich habe geschossen und Geld genommen. Hätte ich nicht geschossen, hätte ich den Tod nehmen müssen. Dabei fällt mir ein, daß Geld vielleicht das Leben selbst ist. Nun, ich habe das Leben genommen und nicht den Tod. Wer will mir daraus einen Vorwurf machen – – ha ha.« Er beginnt zu lachen. Herbert wird von diesem Gelächter getroffen wie von einem scharf knallenden Schlag. Er versucht, sich aus Gorrmanns Schoß zu wälzen, aber er ist zu schwach dazu. Er krümmt sich und sein Weinen schwillt an.

71 Gorrmann unterbricht sein Lachen. Er tastet mit der Hand nach Herberts Kopf. Doch seine Finger zittern mit einem Male so, daß er ihn nicht streicheln kann. Er gibt sich einen Ruck. Noch will er sich ablenken, aber sein Gesicht stürzt ganz zusammen.

»Ja,« sagt er und wird hilflos und leise, »es ist da noch etwas anderes da. Die Wolken zum Beispiel. Die Wolken – – –« Er schweigt sinnlos und sieht zum Himmel hinauf. Dann bricht er nieder. »Man darf nicht töten,« murmelt er, »man darf nicht töten. Ich bin schuldig.« – – – –

Langsam wurde es hell. Nebel stiegen vom Boden auf und hauchten den Himmel an mit falbem, trostlosem Grau.

Wortlos saßen die beiden beisammen.

»Wir müssen gehen«, fordert mit einem Male Herbert. »Wir müssen uns trennen.«

Gorrmann erwidert nichts.

»Nehmen Sie das mit«, bittet Herbert. Er zieht sein verfärbtes gänzlich deformiertes Etui wieder hervor und steckt es zärtlich in Gorrmanns Tasche. »Es hat zwar in dieser Nacht den letzten Rest bekommen,« sagt er dann noch, »aber es soll ja doch nur ein Andenken sein.«

Da erinnert er sich, daß er noch viel Geld bei sich trägt. Er faßt nach einer Banknote. »Da«, sagt er und sieht gar nicht hin, wieviel er gibt. »Versuchen Sie damit fortzukommen.«

72 Gorrmann hat sich aufgerichtet. Er ordnet seine zerweichten, phantastischen Lumpen, teilnahmslos läßt er sich die Geschenke zustecken, er sagt nicht danke – er geht.

– – Nun ist er im Nebel nur noch ein schwächlicher unsinniger Schein, denkt Herbert. Nun geht er – wer weiß wohin – in die Freiheit oder in die Entsühnung.

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