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Fall Vehme Holzdorf

Wolfgang Hellmert: Fall Vehme Holzdorf - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
booktitleFall Vehme Holzdorf
authorWolfgang Hellmert
firstpub1927
year1928
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleFall Vehme Holzdorf
pages5-104
created20070919
sendergerd.bouillon@t-online.de
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38 III.

Herbert war von der Wohnung des Politikers geradeswegs zum Bahnhof gegangen, um sich nach dem bequemsten Zuge zu erkundigen.

– Nun saß er wieder daheim in dem engen, unwohnlichen Zimmer, das er in der ersten Ratlosigkeit gemietet hatte.

Morgen werde ich abreisen müssen, dachte er traurig und sah hinaus in den Regen, der pausenlos, leise herniederfiel.

Wie man sich doch wandelt. Vor drei Wochen wäre mir das Leben, das mir jetzt bevorsteht, bunt und prachtvoll erschienen und wie ein lockendes Abenteuer; nun habe ich ein Grauen davor.

Er begriff sich nicht mehr recht. Seine Wünsche und Gedanken wuchsen wie etwas Fremdes aus ihm heraus.

Warum habe ich den Heinz nur erschossen, überlegte er mühevoll und bemerkte erstaunt, daß ihn eine Aufwallung alter Zärtlichkeit gezwungen hatte, den Vornamen des Menschen zu gebrauchen, der ihm so schlecht 39 und unwert erschienen war, daß er ihm das Recht abgesprochen hatte zu leben.

Ich bin uneins mit mir geworden, stellte Herbert fest; jetzt habe ich eine Schuld auf mich geladen. Er war glücklich, das Gefühl, das seit seiner Tat in ihm brannte, begründen zu können, denn noch immer sträubte er sich, einzusehen, daß die Tat selbst jene ungeheure Schuld war, die ihn so friedlos machte.

Aber es ist ja fruchtlos, darüber nachzugrübeln, störte er plötzlich die eigenen Gedanken, ich fange an, mich zu verheddern und mir selber im Wege zu sein. Allein er vermochte nicht, sich aus seiner Nachdenklichkeit herauszuzerren.

Solch ein Wahnsinn – ich habe noch so viel zu tun: listig suchte er sich zu überreden. Einige Abschiedsbriefe müssen erledigt werden, die Koffer wollen gepackt sein.

Blindwütig begann er in Schränken und Schubfächern zu hantieren; aber er war so zerstreut, daß er nur alles durcheinander brachte.

So geht das nicht, sah er schließlich ein. Er war namenlos erbittert: Jetzt sitzt der Herr Führer in seiner warmen, blinkenden Wohnung und liest seine Abendzeitung, und ich finde keinen Ausweg aus all diesem Wust hier. – – – Wie gut er heute Nacht schlafen wird, wie friedlich er ein- und ausatmen wird, und ich muß mich auf einem schlechten Bett herumsielen und mit bedrohlichen Schatten ringen.

40 In Herbert erwachte jählings ein tiefer höhnischer Neid.

Wenn ihm jetzt einer gesagt hätte, daß der Politiker hoffnungslos und vernichtet da unten durch die durchnäßten Straßen irrte, er hätte es weder geglaubt noch glauben wollen.

Mit einem Male klingelte es lebhaft und langgezogen.

Herbert schoß eine Blutwelle ins Gesicht. – Das können sie nicht sein, sprach er sich Mut zu, sie wissen ja gar nicht, wo ich wohne; meine Wirtin wird Besuch bekommen. –

Draußen im Gang klangen Schritte auf. Herbert war einer Ohnmacht nahe, als eine kurze Sekunde später jemand eindringlich und doch zaghaft an seine Stubentür pochte.

Er wollte sich Haltung geben, denen nicht zeigen, daß er sich halbtot fürchtete. Er wollte »Herein!« rufen, aber seine Stimme versagte.

Da sprang die Tür schon auf, und in ihrem Rahmen stand blaß und verlegen, dennoch aufrecht, als ob er fröhlich erwartet werde, Erich Borchert.

Herbert blieb vor Überraschung still stehen. Er kniff die Augen zusammen, öffnete sie wieder: es war keine Traumgestalt. Erich war wirklich da.

»Du wunderst dich, daß ich gekommen bin«, fragte der und ließ sachte die Tür hinter sich ins Schloß fallen.

Aber Herbert nahm es jetzt beinahe schon wie etwas 41 Selbstverständliches. Er bemerkte erstaunt, daß er nicht mehr ein Quentchen verwundert war. »Ja, woher weißt du denn meine Adresse«, fragte er schließlich zurück, wohl nur, um überhaupt irgend etwas zu sagen. Er fand es selbst absonderlich, daß ihm an der Beantwortung dieser Frage, die ihm unendlich wichtig zu sein hatte, gar nichts lag.

»Ich habe dich gestern zufällig in dies Haus hier hineingehen sehn«, entgegnete Erich schnell. »Herrgott, ich bin so glücklich, daß ich dich gefunden habe.« Er stockte und senkte seinen schmalen, brennenden Kopf. »Ich muß dir etwas mitteilen Herbert. Ich, ich habe eine Vorladung von der Polizei erhalten.«

Herbert trat einen kleinen Schritt zurück. Sein Gesicht, das sich wieder ein wenig gerötet hatte, blaßte jäh ab, und auf seiner Stirne stand feucht und schimmernd ein spärlicher kalter Schweiß. Aber das dauerte nur eine Minute. Er fand sich wieder. Nicht zeigen, daß ich mich fürchte, dachte er und bemühte sich zu lachen. Und es gelang. Er stieß ein böses, verächtliches Lachen aus sich heraus.

Erich wurde rot. Das traf ihn tief, dieses Lachen, so tief, daß er alles vergaß, was er sagen wollte. »Ich weiß gut, daß ich die Schuld trage, Herbert,« sagte er leise, »ich habe dich ja verraten, aber du darfst nicht so lachen. Ich – ich bin doch nun zu dir gekommen. Ich will dich ja um Verzeihung bitten.«

Herbert hatte sich abgewandt. »Mich bittet jemand 42 um etwas«, wiederholte er sich. Er versuchte, dieses Gefühl »um etwas gebeten zu werden« mit jedem Nerv zu erschmecken. Unglaublich beseeligend war es und kaum mehr zu fassen: er, armselig und verfolgt wie er war, sollte noch etwas zu vergeben haben. Mählich kam er sich reich und kostbar vor. Ich kann noch schenken, dachte er, ich kann noch helfen. Es machte ihn einfach größenwahnsinnig. Langsam und in der Bewegung wieder gesichert, drehte er sich zu Erich hin. »Es ist billig, hernach auch noch um Vergebung zu betteln«, sagte er beinahe starr. Viel zu spät erst machte er mit der rechten Hand dies winzige leere Zeichen, das seine scharfen Worte wieder einfangen und zurückleiten sollte. Aber Erich war völlig erblaßt.

Einen Atemzug lang spürte Herbert die schmerzlichste Reue. Das Bild jenes Morgens, des Morgens nach seiner Tat stand vor ihm: das Treppenhaus, das Zimmer von damals – – Nichtswürdiger Unsinn, dachte er, nun wird man noch sentimental. Er sah feindselig zu Erich hinüber. Jetzt forcierte er seine Enttäuschung bereits und seinen Haß, der so töricht erlogen war. »Ich finde, man sollte sich vorher überlegen, was man tut«, sagte er unversöhnbar. »Man würde sich selbst und allen anderen viele Peinlichkeiten ersparen.«

Erich war an das Fenster getreten. Er hatte den blassen Kopf gegen das Glas gelehnt. Das sah schön und traurig aus.

Jetzt tat Herbert seine Schärfe doch leid. Eine 43 unbestimmte und leise Scham begann sich in ihm zu regen. Man hat mich gebeten, dachte er, ich hätte mehr Großmut beweisen müssen. Er machte den letzten Versuch, seine Härte vor sich selbst zu verteidigen. »Sieh dir bitte nur an, was du angerichtet hast«, sagte er. »Sieh es dir bitte an.« Er machte mit der Hand eine weit ausladende Gebärde. »All die Unordnung, all der Schmutz da ist dein Werk. Und morgen muß ich in die Fremde gehen, einer Ungewißheit entgegen und einer schwankenden Zeit.«

Es hatte eigentlich pathetisch geklungen und nicht ganz echt, was Herbert da geredet hatte, aber Erich mußte stottern, so hatte es ihn ergriffen.

»Ich weiß ja, daß ich unrecht getan habe«, sagte er demütig. »Ich bin ja auch hier, um dir Abbitte zu leisten. Hör' mich doch an, Herbert, ich hab' das doch nicht getan, um dir zu schaden. Ich hab' dich ja lieb. Versuch' doch, mich zu verstehen: mir war das Geheimnis, das du mir anvertraut hast, zu groß. Zwei Tage lang habe ich gekämpft und gekämpft, aber ich war zu schwach, um allein damit fertig zu werden. Ich habe es erzählen müssen, Herbert, zwei gleichgültigen dummen Burschen, die ich gerade traf, und die ich kaum dem Namen nach kenne; ich wäre wahnsinnig geworden sonst.«

Schweigsam und ungeschickt stand Herbert im Zimmer. Wie gut ich das verstehen kann, dachte er, und jeder Groll schien ihm nun unwahr gefärbt. Er hat es erzählen müssen, ich selbst habe es ja nicht bei mir 44 behalten können. Wie töricht, daß ich nicht von allein darauf kam. Wie albern, darüber zu grollen.

Er wollte Erich die Hand hinstrecken, da fiel ihm der Rat des Politikers ein.

»Weißt du,« sagte er gezwungen und bemühte sich, pfiffig und dummjungenhaft dreinzusehen, »ich hab' nämlich überhaupt keinen Mord begangen. Ich hab' nur geprahlt.«

Erich warf erschreckt den Kopf in die Höhe. »Nein,« sagte er dann, »das ist gelogen, Herbert, das kann ja nicht wahr sein. Du bist nicht der Mensch, der mit einer solchen Tat spielt oder gar renommiert.« Er sah sich hilflos im Zimmer um. Es schien ihm, als sei er verraten worden. Das war beinahe absurd. Er hatte Herbert verraten, und nun verriet der ihn, aber anders, grausamer, schimpflicher. Seine Gedanken verwirrten sich. »Sag' doch endlich, daß du's getan hast«, schrie er Herbert an. Aber der schüttelte stumm seinen Kopf.

Da erblickte Erich die im Zimmer verstreut liegenden Bücher und Kleidungsstücke. – »Warum willst du denn fliehen,« fragte er, »wenn du kein Mörder bist?«

Herbert stockte. Auf eine Frage war er keineswegs vorbereitet gewesen. Aber Gott sei Dank kam ihm ein rettender Einfall. »Ja,« sagte er unglaubhaft, »der Wiesel ist seit einiger Zeit verschwunden. Ich darf dir natürlich nichts Näheres darüber mitteilen. Er soll in Parteiauftrag ins Ausland gefahren sein. Der Führer will 45 nicht, daß sie ihm nachforschen. Das würde notwendigerweise geschehen, wenn ich verhaftet würde.«

Erich hatte die Lüge herausgehört. »Ich verdiene dein Vertrauen nicht mehr«, sagte er. Ein paar Tränen kullerten ihm die Backen herunter. »Da hast du ganz recht. Ich werde auch sofort gehen. Ich muß dir nur noch mitteilen, daß ich schon vernommen worden bin – in der Angelegenheit. Du hast mich vorhin unterbrochen. Es ist vor vier Tagen gewesen. Sie wußten nicht, was sie von der Sache zu halten hatten. Sie haben die Leiche bisher noch nicht finden können. Ich habe ausgesagt, daß alles ein Schwindel wäre, und daß du mir nie und mit keinem Wort von Wiesel oder gar von einer Mordtat gesprochen hast.

Leb' wohl, Herbert.«

Und ehe der noch ein Wort erwidern konnte, war Erich schon aus dem Zimmer.

Jetzt ist der Letzte gegangen, dachte Herbert. Der Einzige, antwortete eine Stimme aus ihm.

Langsam trat er zurück ans Fenster. Es hatte sich eingeregnet. Unaufhörlich rauschte das Wasser vom Himmel. Nun erst sah er, daß es schon finster war.

Nur nicht länger allein bleiben, nur jetzt nicht diese stummen, durcheinandergewirbelten Gegenstände ordnen müssen.

Er sah seinen Mantel, der zerknüllt und feucht noch über der Stuhllehne hing. Hastig zog er ihn an und begann, erregt und planlos nach seinem Hute zu suchen. 46 Endlich fand er ihn versteckt unter einem riesigen Haufen schmutziger Wäsche. Er atmete erleichtert auf und stolperte zur Tür, aber als er sie hinter sich zuwerfen wollte, meldete sich plötzlich jäh und gebieterisch die Vernunft.

Herbert wandte sich um. Morgen früh sieben Uhr zwanzig geht dein Zug, dachte er, du wirst nie und nimmer fertig, wenn du jetzt davonläufst. Aber der Trieb, zu flüchten, heraus aus dieser schrecklichen Enge, aus diesem Tohuwabohu toter Dinge, die sich in keine Ordnung mehr spannen ließen, die hinterhältig und schamlos gegen ihn revoltierten, behielt die Oberhand.

Die Tür flog krachend ins Schloß. – – – –

 

»Wie herrlich«, jubelte Herbert, als er auf der Straße stand. Er ging beschwingt und fröhlich wie einst durch den Regen. Ein unendliches Lebensgefühl war mit einem Mal in ihm. Er hätte sich niederknien mögen, um den nassen Boden zu küssen.

»Liebe, liebe Erde,« murmelte er selig, »liebes, liebes, erhabenes Dasein.«

Er riß sich den Hut vom Kopfe und schleuderte ihn weit fort. Glück und Gebet, sie beide verlangen, daß man das Haupt entblößt.

Dann schritt er eine lange Zeit dahin, ganz überantwortet seinem glühenden Gefühl. Ganz anheimgegeben diesem tiefen und holden Wunder, schreiten zu können.

47 Als er zum erstenmal den Blick wieder aus sich erhob, war er schon zwischen den sanften, kleinen Häusern der Vorstadt.

»Wie das gießt«, lachte er und versuchte die Nässe aus Haar und Mantel zu schütteln. Lachend gab er es auf. Da klangen aus einer Helligkeit am Ende der Straße Töne von Musik und Wärme zu ihm herüber.

Herbert rannte auf einmal. Die Aussicht auf ein heißes Getränk, auf Behaglichkeit und schön erleuchtete Räume verwandelte seine Freude in Übermut. Vor dem Café machte er schnaufend halt, zog sich die Kleider zurecht, wühlte mit seinen Fingern in der verdorbenen Frisur und trat dann, die Füße fast stutzerhaft voreinander setzend, mit strahlenden Augen in den Vorraum.

Trotz des heftigen Unwetters waren nur wenige Gäste in der kleinen Konditorei.

Zwei Liebesleute, die unaufhaltsam flüsterten, hatten sich in eine verschwiegenere Ecke gedrückt. Einige Männer, die Skat spielten und unter Gelächter oder Gefluch ihre Karten klatschend auf den Tisch schmissen, schienen zur Stammkundschaft zu gehören. Blieb noch ein etwa sechzigjähriger Herr, der so interessiert in einer Zeitung las, daß er die Neuigkeiten, die er jeweilig zürnend oder mit einem Schmunzeln in sich aufnahm, leise nachsprach.

Herbert wählte sorgsam seinen Platz, nicht zu nah der Kapelle, nicht zu weit von den anspruchsvoll verhangenen Straßenfenstern, und nur durch zwei Tische 48 von dem ruhigen, Zeitung lesenden Herrn getrennt. Er winkte dem bejahrten dicklichen Kellner, ließ sich eine Speisekarte herbeischaffen und machte umständlich und wichtig seine Bestellungen: starken, recht heißen Kaffee, Apfelkuchen und Schlagsahne.

Als dann alles bequem und appetitlich duftend vor ihm stand, kam er sich so recht wie ein verzauberter Prinz vor. Es schien ihm über die Maßen köstlich zu sein, so allein und geruhsam in einem Kaffeehause zu sitzen, genug Geld sein eigen zu nennen, um sich bescheidenste Wünsche zu erfüllen, und nichts weiter vorzuhaben, als eine prickelnde, leichte, entspannende Musik zu erwarten. – –

Schnell klangen die ersehnten Takte auf.

In diesem Moment wurde er zu seinem gewaltigen Ärger von dem alten Herrn angesprochen, der sichtlich aufgebracht über seine Zeitung hinweg zu ihm hinsah.

»Wie bitte?« fragte Herbert unfreundlich. Er hatte so sehr der Kapelle gelauscht, daß er überhaupt keine Worte mehr zu verstehen meinte.

»Ach,« sagte der Herr laut, »es ist schon schrecklich anzusehen, wie rapide die Unsicherheit in den Großstädten zunimmt. Innerhalb eines Monats der dritte Mord.«

Herbert blickte den Herrn befremdet an. Jede Erinnerung an die eigene Tat war ausgelöscht in ihm von der Musik, von seiner wunderbaren, rührenden, schwierigen Glückseligkeit. Was gehen mich irgendwelche 49 Morde und die Unsicherheit der Großstädte an, dachte er achselzuckend.

Da fuhr der andere schon fort: »Man hat die Leiche eines jungen Menschen im Grunewald gefunden. Brustschuß. Vollkommen ausgeraubt. Nun bitte ich Sie.«

Herbert flimmerte es plötzlich vor den Augen. Er hatte die unabweisliche, tiefgründige Gewißheit, daß der Tote, den man da aufgefunden hatte, niemand anders sein konnte als Heinz Wiesel. In seiner Verwirrung trank er seinen Kaffee in einem Zuge aus und verbrannte sich dabei gehörig den Gaumen. Doch das hatte sein Gutes. Der Schmerz brachte ihn wieder zu sich. Vielleicht ist der Alte ein Spion, vielleicht will er mich zu einem Geständnis verlocken. Er überlegte eine Sekunde, ob er nicht unter einem beliebigen Vorwande die Flucht ergreifen sollte. Er könnte zum Beispiel sagen, daß er austreten müsse. Zuletzt aber siegte die Neugier. Er beschloß, dazubleiben. Er mußte jetzt wissen, ob er das Richtige vermutete, ob der Tote im Walde denn wirklich Heinz Wiesel war.

»Ja, ja,« sagte er eifrig – er versuchte auch seiner Stimme einen aufgebrachten und pikierten Tonfall zu verleihen – »es ist geradezu schrecklich, man wähnt sich direkt in den wilden Westen versetzt, wenn man heutzutage die lokalen Berichte in den Zeitungen liest.«

Der Herr nickte darauf ungemein befriedigt. Das mit dem wilden Westen hatte ihm außerordentlich gefallen. Wie klug diese jungen Leute heutzutage daherreden, 50 stellte er wohlwollend fest. Unversehens wurde er geschwätzig. »Sehen Sie,« erklärte er nun schon freundschaftlich, »ich bin ein alter Kriminalist. Selbstredend längst pensioniert«, fügte er schnell und lächelnd hinzu, als er sah, daß Herbert erschrockene Augen machte. »Aber ich habe immer noch eine große Vorliebe für meinen ehemaligen Beruf. Und da verfolge ich denn alle Verbrechen, die sich ereignen, mit einem Eifer, den Sie nicht ganz verstehen werden, und der Sie eben ein wenig düpiert hat.«

»Soso«, meinte Herbert höflich. »Jetzt begreife ich es natürlich.« Er hatte mit einem Male die ganze, ungeheuerliche Komik seiner Situation erfaßt. So überlegen fühlte er sich nun, spürte eine solch phantastische Leichtigkeit in allen Gliedern, daß er beinahe lachen mußte. »Soso«, sagte er. Seine Stimme und Gebärde waren sicher und ausgeklügelt wie die eines Schauspielers. »Das neue Kapitalverbrechen ist also im Grunewald geschehen, sagen Sie?«

»Ja,« antwortete der Alte, »aber wenn es Interesse für Sie hat, lesen Sie den Bericht vielleicht einmal selbst nach.« Er reichte Herbert die Zeitung hinüber.

Diesmal beherrschte Herbert sich nicht mehr. Er riß dem Manne das Blatt fast aus der Hand.

Der hatte soviel Anteilnahme nicht vorausgesetzt. Aber er war nur um so angenehmer davon berührt. »Sie sind wohl gar ein angehender Jurist?« fragte er 51 schmunzelnd und empfand eine steigende Sympathie für den jungen Herrn.

»Freilich«, entgegnete Herbert und suchte fiebernd nach dem Artikel. Er verstand nicht einmal, daß seiner Erregung, die ihn beinahe verraten hatte, eine unverfängliche, ja, wenn man wollte, sogar honorable Erklärung gegeben war.

Der Alte schwelgte nun geradezu in Entzücken. »Hm,« hüstelte er beschwerlich und selbstgefällig, »wenn man einmal bei der preußischen Kriminalpolizei war, dann weiß man stets gleich – sozusagen – auf den ersten Blick, mit wem man es zu tun hat.«

Aber Herbert hörte nichts mehr. Er hatte gefunden, was er so brennend suchte, eine knappe, kurze Notiz von wenigen Zeilen:

»Gestern abend fanden Spaziergänger, die ihren Weg abkürzen wollten, im Grunewald, in einer Schonung an der Straße zwischen Teltow und Wannsee, die schon leicht in Verwesung übergegangene Leiche eines etwa fünfundzwanzigjährigen, gut angezogenen Mannes. Die Leiche muß bereits längere Zeit an Ort und Stelle gelegen haben. Es dürfte sich unserem Vernehmen nach um einen Raubmord handeln, da dem Toten alle Papiere und Wertgegenstände entwendet waren. Auch wurde eine Waffe, mit der ein Selbstmord hätte verübt werden können, nicht aufgefunden.«

Herbert blieb starr sitzen. Er ist es, mein Gott, er ist 52 es, dachte er. Zwischen Teltow und Wannsee – – das kann ja niemand anders sein. Er versuchte krampfhaft an andere Dinge zu denken . . . an das Wetter zum Beispiel, an den Kommissar, dem man um Himmels willen nicht auffällig werden durfte. Hinter der Zeitung verborgen, mühte er sich, sein Gesicht zu ordnen. Er glaubte, es müsse jetzt eine Falte darin sein, eine kurze, gefährliche, die keiner erkennen dürfe. Dann wagte er plötzlich, den Alten wieder anzusehen. – Der Alte blickte ihm kurzsichtig und wohlwollend entgegen. »Ja ja, Herr Kommissar«, sagte Herbert, wie um seine Stimme auszuprobieren. Sie war trocken und saß noch nicht fest. »Tatsächlich,« meinte er dann zwischen armem, armem Hohn und innerer Auflehnung, »das ist ja fürchterlich, schon wieder ein Raubmord.«

Der Kommissar war's zufrieden. Aber daß ihn ein Unbekannter instinktiv mit dem ihm gebührenden Titel ansprach, machte ihn überschwenglich und stolz. Er setzte ein ernstes und belehrendes Gesicht auf. »Das haben wir nur diesen neuen Methoden zu verdanken, daß die Verbrechen sich so rasend mehren«, sagte er gewichtig. »Jedem beliebigen Schurken gesteht man heute Minderwertigkeit zu. Ja ja, früher ist man strenger verfahren, und früher hat's auch geklappt.« Dann wurde er sentimental und feierlich. »Wenn Sie einmal Richter werden sollten, junger Freund,« – hier versuchte er, Haltung und Tonfall ein Warnend-Prophetisches 53 beizumischen – »eines müssen Sie mir versprechen, kämpfen Sie an gegen die zu häufigen Begnadigungen.«

Herbert nickte matt mit dem Kopf. Er hatte nicht zugehört. Auch hatte er plötzlich ein Gefühl, als ob Kalk ständig und langsam an seinen Schläfen herunterriesele. Eine maßlose Erschlaffung bemächtigte sich seiner. Er sah auf die Uhr und markierte ein Erschrecken. »Ach, es ist schon halb zwölf«, sagte er, und schien es nicht für möglich zu halten. »Nun muß ich aber nach Hause gehn.« Er winkte dem Kellner, zahlte und verabschiedete sich so eilig, als sei er mit einem Male gejagt.

Der Kommissar suchte ihn noch zu halten. Er bedauerte nachdrücklichst, daß Herbert schon gehen wolle. »Es hat mich sehr gefreut«, sagte er ehrlich. »Man trifft selten so nette, kluge, nachdenkliche, junge Leute.«

– – – Als Herbert vor dem Lokal stand, fiel ihm ein, daß er überhaupt nicht wußte, wo er eigentlich war.

Er ging bis zur nächsten Ecke, sah nach dem Straßenschild: Linden-Allee. Die gibt es in jedem Stadtteil zweimal, dachte er zaghaft. Zurückzugehen und zu fragen, erschien ihm unmöglich. Er hatte keine Ahnung, wohin er sich wenden sollte.

»O dieser entsetzliche Regen«, murmelte er vor sich hin. Fröstelnd hüllte er sich in seinen Mantel.

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