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Fabian und Sebastian

Wilhelm Raabe: Fabian und Sebastian - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorRaabe
titleFabian und Sebastian
senderanitagerber@gmx.de
created20050430
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Achtes Kapitel

Nun klingen mit einem Male leise Glocken durch die Stille einer Sonntagsfrühe; und die Glocken der Stadt, wie man sie von einem Dutzend Kirchtürmen rund um die Firma Pelzmann und Kompanie dann und wann läuten hört, sind Gott Lob und Dank für diesmal nicht dabei! Gut zwei Stunden glücklicherweise liegt doch wohl Schielau, jene nahrhafte Staatsdomäne, welche das biedere Geschlecht der Rümpler seit drei Generationen weder zu seinem Schaden noch dem des Staates bewirtschaftet, von der Residenz entfernt. Aus einem halben Dutzend näheren oder ferneren Dörfern kommen die melodischen Töne, und frisch gewaschene, weißhemdärmelige Dorfjugend hängt an jedem Glockenseil, nicht versoffenes, unrasiertes Straßenstrolchtum, wie in der Stadt. Über die grünen wogenden Ackerfelder, über die bunten Wiesen der Hochebene klingen die harmonischen Rufe. Hinter dem fernen Wälderkranz des Horizontes und dazu sechshundert Fuß tiefer als Schielau über dem Meer liegt die Stadt, die Firma Pelzmann und Kompanie und der Onkel Sebastian, von welchem allen wir wirklich fürs erste genug hatten und unser Leser vielleicht dito, wie es in den Büchern der großen Zuckerwerkfabrik Seite nach Seite hinunter lautet. – Mejuffrouw Konstanze Pelzmann ist zum ersten Besuch in Schielau bei Mijnheer Peter Rümpler, und die Stadt und Firma liegt in der gegenwärtigen schönen Frühsommer-Morgenstunde hinter dem duftigen Wälderkranze des Horizontes in gradeso weiter Ferne von ihr ab wie ihre tropische Geburtsinsel im Indischen Ozean. Wie ein echt deutsches Mägdelein und Stadtfräulein auf Landbesuch, das ein Tigertier höchstens in der Menagerie brüllen hörte, aber sich nimmer auf einem Spaziergange »recht vor ihm in acht zu nehmen hatte«, sitzt das Kind am Bach, hat sämtliche in seinen Bereich fallenden Vergißmeinnicht in seinen Schoß gerupft, flicht einen Kranz und träumt hinein in das leise Murmeln des kleinen Wassers durch die deutsche Sonntagmorgenstille, das heißt denkt an gar nichts.

Sie, die junge Fremde im Lande, hat aber doch seltsame Wochen durchlebt seit ihrem Einzug in das Haus ihrer europäischen Verwandtschaft. Sie war nach Knövenagels Wort in mancherlei eingeweiht worden, was ihr Spaß gemacht hatte. Einiges hatte ihr zwar, wie wir das schon wissen, grade nicht viel Spaß machen können, aber der schönen und behaglichen Merkwürdigkeiten war doch die größere Zahl gewesen, und der alte Zauberer, der Attrappenonkel, hat wahrlich sein möglichstes getan, ihr die so sehr neuen und fremden Bilder im Lebensguckkasten in der vergnüglichsten Beleuchtung vorbeigleiten zu lassen. Herr Fabian hat ihr vor allen Dingen alle hübschen und kuriosen Mysterien der großen ernsthaften Weihnachtsbude, deren ältester, närrischer Teilhaber er ist, erschlossen, und er hat ihr die Stadt und die Menschen darin gezeigt, wie er sie selber sieht und kennt – in einem Guckkasten –, ohne sich viel anders als durch die Augen mit ihnen in Verbindung zu bringen. Knövenagel hat ihm natürlich dabei geholfen und ihr gleichfalls die Stadt und die Leute darin auf seine Weise gedeutet. Ein Philosoph war der immer, aber die Weisheit, die er jetzo mit erhöhter Verdrossenheit und Unfehlbarkeit von sich gibt, seit er ein gereister Mann geworden und in Marseille gewesen ist und sein hinterindisches Fräulein in alle »hiesigen Niederträchtigkeiten« einzuweihen hat, könnte ihm selber dann und wann unheimlich vorkommen. Glücklicherweise hat sie – seine unergründliche Lebensweisheit und Erfahrung – auch Konstanze Pelzmann wie allen anderen Menschenkindern gegenüber stets etwas an sich, was das Kind nicht weniger als die anderen Leute zum Lachen bringt.

Von den anderen Leuten haben manche ein Interesse an dem jungen Mädchen genommen. Die von der Fabrik voraus, und nach ihnen wirklich nicht zuletzt auch der Fabrik allerbeste Kundin, die die Süßigkeiten der Firma fast zu sehr liebenden Prinzeß Gabriele Angelika, Hofmedikus Baumsteigers magenleidende hohe Patientin und Gönnerin, die sich seit ihrer überfütterten Kindheit in allem, was das Haus Pelzmann und Kompanie angeht, auf dem laufenden erhält und sich fast täglich bei ihrem Leibarzt nach den darin in die Erscheinung tretenden »zuträglichen Nouveautés« erkundigt.

»Peuh! – ah ça – voilà donc la petite drôle!" hat auch Madame Printemps gehaucht, auf einem Spazierwege mit ihrer paarweise aneinandergereihten Elfenschar dem Attrappenonkel mit dem Nichtchen begegnend und sich des Billets erinnernd, in welchem ihre der Onkel Sebastian sein tiefstes Bedauern darüber aussprach, daß sich leider unüberwindliche Hindernisse seinem Wunsche, ihr die junge Dame mit Leib und Seele zu überliefern, entgegengestellt hätten. Was nun den Onkel Sebastian betraf, so war der von seiner Reise nach Berlin und dem Erholungsaufenthalt daselbst natürlich längst zurückgekehrt, und zwar ohne viel von des Lebens Last und Überdruß vom Leibe und von der Seele abgeschüttelt zu haben. Und wenig erfrischt durch sich selbst, ist er auch der Heiterkeit, der Freude, dem Glück, die ihm von anderen her zu Hause zuteil werden konnten, nicht zugänglich geworden. Vergeblich hat ihm Konstanze ihr scheues, kleines, volles Herz in den Weg zu tragen versucht, um ihn mehr durch einen Blick als durch Worte zu bitten; sei gut und freundlich gegen mich, ich möchte so gern, daß auch du mich gern aufgenommen hättest! – Er ist ungemein höflich gegen sie gewesen und so geblieben; und nun läuft sie ihm nicht mehr in den Weg. Sie weiß, daß ihr das doch nichts helfen kann. Sie weiß es jetzt ganz genau, daß es nicht der Onkel Sebastian war, an den ihr sterbender Vater ihretwegen schrieb, wie sie es längst wußte, daß es nicht der Onkel Sebastian war, der sich zu sich rief, nachdem die Kompanie holländischer Infanterie die drei Salven über dem Grabe ihres Vaters abgegeben hatte und sie auf der Welt allein war und nur ganz undeutlich davon wußte, daß es da in weiter, weiter Ferne hinter unendlichen Meeren ein Haus gab mit der Inschrift über der Tür: Pelzmann und Kompanie, das Geburtshaus ihres Vaters.

Was ihr Vater dem Onkel Sebastian zuleide getan hat, weiß sie nicht; aber sie weiß, daß der letztere seinen Groll auf sie überträgt, und daß sie ohne Schutz des Attrappenonkels , des guten Onkels Fabian, tausendmal besser dort aufgehoben gewesen wäre, wo sie doch niemand mehr hatte, der zu ihr gehörte und ihr ein Unterkommen gegeben hätte, ausgenommen vielleicht ein paar gutmütige Soldatenweiber, oder Mevrouw Gesina Waterdonck, die gutherzige aber gar nicht gut berüchtigte Frau des Korporals Waterdonck aus der aus aller Herren Länder zusammengelaufenen Kompanie königlich niederländischen Kriegsvolkes.

Doch still, die leisen Sonntagsglocken klingen immer noch, wenn sie wieder denkt, in ihre Gedanken an den Onkel Fabian hinein, wie sie jetzt da auf der Schielauer Feldmark unter den Weiden und deutschen Feld- und Maienblumen sitzt und den Bach zu ihren Füßen vorbeigleiten sieht. Sie fühlt sich doch geborgen und in lieblichster Sicherheit hinter dem Attrappenonkel. Ja, sie denkt doch, und zwar mit einem Lächeln, an ihn und mit einem anderen Lächeln an seinen Knövenagel. Es ist so süß, wenn man den großen, stürmischen Indischen Ozean, das Rote Meer und das Mittelländische hat durchschiffen müssen, sich hinter dem Onkel Fabian in der dunklen, närrischen, aller Wunder vollen Fadengasse und nun auch bei dem Amtmann Rümpler auf Schielau in Sicherheit zu fühlen!

Seit acht Tagen ungefähr wohnte sie bei dem letztern und seiner guten Frau, »in der Sonne draußen, so gut die Gegend sie zu geben hatte«, wie Herr Pelzmann senior gesagt hatte; und sie hat wohl ihre Freude an dieser milden europäischen Sonne und an dem, was dieselbe aus dem alten zertretenen, zerwühlten, seit Jahrtausenden so arg mißhandelten Kulturboden immer noch lachend hervorlockt. Es hätte mehr als ein Gewitter, Hagelschauer und Landregen dazu gehört, um ihr fürs erste den Spaß daran wie eingeborenen Leuten zu verderben. Ein naturhistorisch- klimatologisches Überlegen war gottlob deshalb nicht in ihr, sondern auch in dieser Hinsicht nichts weiter als das Gefühl – das Gefühl des Geborgenseins in der Heimat, zu der sie alle gehörten: der Onkel Fabian, Mijnheer der Amtmann Rümpler und sein Haus, die Fadengasse, die wunderbare Weihnachtsfabrik, das Amthaus zu Schielau, die Sonne, die Felder und Wiesen, die fernen Wälder, der Bach zu ihren Füßen, der weite, leise nickende Roggenacker und das brachliegende Land gegenüber, auf welchem letzteren eben des Meisters Thomas Erdener Schafherde, gefolgt von ihm und seinem Hunde Pilgram, langsam weidend von dem Bachrande weg weiter in das Feld sich zurückzog.

Von ihrem Schoß voll Blumen aufsehend, wendete sich Fräulein Konstanze jetzt an den ältlichen Herrn in kurzer grauer Joppe, weißen Hosen und blankgewichsten Stulpenstiefeln, der mit der Zigarre im Mund behaglich am Stamm des nächsten Weidenknorren lehnte, warf noch einen Blick dem Schäfer und seiner Herde nach und sagte:

»Ich habe noch eine dumme Frage, Mijnheer. Wacht jedes Jahr alles hier so langsam auf und wird so ganz leise immer grüner und immer bunter und immer wärmer, oder ist das nur in diesem jetzigen eine schöne Neuigkeit?«

»Hm«, brummte der Amtmann Rümpler, die Mütze von einem Ohr auf das andere schiebend, »die Vegetation, die Ackerfrüchte und die Witterung meinst du? Für’n eingeborenen Ökonomen wäre dies freilich eine kuriose Frage aus der Landwirtschaft. Na, es kann ja eben doch nicht jeder auf hiesigen Akademien zum rationellen Verständnis für das Mistfahren, und was sonst dazu gehört, gebildet und zu einem gebildeten, übergeschnappten Agronomiker und Hanswurst ausstudiert werden. Und so ist deine Frage mir immer noch lieber als hundert andere, die mehr als einer von meinen jungen Herren Verwalters und Volontärs je an mich getan hat, mein Herz. Solange ich denken kann, ist dies wohl immer so langsam peu à peu vor sich gegangen. Manchmal ’n bißchen früher, manchmal ’n bißchen später wird’s grün und wieder gelb, je nachdem es dem Landwirt nach dem Willen der Vorsehung selber grün und gelb vor Sorgen, Ärger und Verdruß vor den Augen werden soll. Seine Angst von wegen der Kornpreise wird einem in dem besten Jahre nicht gespart, und was die liebliche übrige Natur anbetrifft, na, hübsch grüne ist sie allen noch einfallenden Nachtfrösten zum Trotze bei meinem Lebenszeiten immer noch ganz langsam vom Märzen an geworden.«

»Dann ist das das Schönste von allem bei euch, Mijnheer!« rief das Fräulein, ihre Vergißmeinnichtkranz hochhebend und ihn mit aller Befriedigung beäugelnd. »Es ist so angenehm, die Zeit zu haben, sich auf alles zu besinnen. Da schlägt man die Tage um wie in einem Bilderbuch ein Blatt nach dem anderen.«

»Was aber bei uns nur die Artigsten von dem Teufelszeug fertigbringen«, brummte der Amtmann. »Die meisten von der Sorte klappen das Ding von hinten auf, und ehe sie bis vorne durch sind, fliegt die ganze Bescherung zur Freude der lieben Eltern in Fetzen in der Stube herum. Bei euch in euerm Affenlande geht ihr natürlich sittsamer und vernünftiger mit dem Vergnügen in der Welt um? Was? Wie?«

Konstanze Pelzmann schien den Amtmann von Schielau in seiner Erinnerung an die Kinderstube seiner eigenen wilden, jetzt auch längst in alle Welt zerstreuten Rangen von Jungen nicht ganz zu verstehen. »Ah!« rief sie; aber der Ausruf galt nicht ihm, sondern dem Aufschnellen einer silbernen Flosse im Bach unter ihr.

»Das nennt man ’nen Schielauer Haifisch; Krokodile kommen in dem Wasserlauf erst ein bißchen weiter unten vor, wo er in der Stadt sich im obern Feuerteich ansammelt. Mit alten Gießkannen, abgelegtem Schuhwerk und Scherben von jedweder Art von Küchenware sind das dorten die Hauptbiester, welche den städtischen Pumpenbeamten das Leben am sauersten machen. Frage nur den Attrappenonkel, wie oft er schon einen Blutegel in seiner Wasserflasche attrappiert hat«, lachte der Amtmann.

Auch sein junger Gast lachte; um so sonderbarer klang es denn aber auch, wie das Kind aus der blauesten, sonnigsten Frühlingssonntagsstimmung heraus noch eine Frage, und zwar die aller bedenklichste, an den behaglichen, alten, neuen Freund stellte.

»Mijnheer, was fehlt dem Baas Thomas?«

Amtmann Rümpler, der eben im Begriff stand, für eine frische Zigarre ein Zündholz in Brand zu setzen, unterließ dies doch. Erst sah er ein wenig betreten auf die Fragende, dann nach dem eben über die Höhe des Brachfeldes ziehenden Hirten hin, und dann stotterte er wie in Verlegenheit:

»Dem Erdener? Meinem Schafmeister? Was sollte dem denn grade fehlen, Kind?«

»Ich weiß es nicht, und ich möchte lieber erst einen anderen fragen, ehe ich ihn selber bitte, daß er es mir sage. Wir haben eben über den Bach herüber miteinander gesprochen. Nur über das schöne Wetter und wie die Dörfer heißen, aus denen sie eben mit den Glocken läuteten. Wir kennen uns schon ganz genau; weshalb sieht er aber mich doch immer so an, als wollte er nicht mit mir reden? Er hat auch nach meinem Vater gefragt, und ich habe ihm gern alles erzählt. Oh, ich muß ihn doch fragen, weshalb er mich dabei so ansieht und mit sich selbst spricht und den Kopf schüttelt! Er hat ein so gutes Gesicht, und ich möchte gar gern gut freund mit dem alten Mann werden.«

»Weißt du, Kind«, sagte der Amtmann mit steigender Verlegenheit, »das ist nun so ’ne Sache. Es sind meistens allesamt kuriose Patrone, diese Kerle, die so von Amts wegen mit dem lieben Vieh allein auf dem Felde sind, und das Schäfervolk voraus. An seiner Visage ist wohl nichts auszusetzen; aber seine Nücken und Tücken hat er doch. Was dem Schielauer Schäfer-Thomas fehlt? Frage ihn doch lieber nicht danach. Hat er sein unhöflich Schauer, so kann er bei der Gelegenheit sackgrob werden –«

»Gegen mich doch nicht!« rief Konstanze Pelzmann, mit ihren großen ernsthaften Augen fast erschreckt zu ihrem neuen und des Attrappenonkels altem Freunde emporsehend. »Das wird er nicht! Mijnheer, er sieht mich ja immer an, als wolle er mir einen Kummer anvertrauen. Weil ich die deutsche Sprache noch nicht recht kenne, muß ich den Menschen hier im Lande immer genauer als wohl andere auf den Mund sehen und auf ihre Augen achten. Es spricht keiner bloß mit seiner Zunge – oh, und Baas Thomas hat auch mir schon abgelesen von meinem Gesicht, als wir gestern drüben auf der Heide beisammen auf dem Stein saßen und gar nichts miteinander redeten, daß ich ihn gern in dem Kummer , den er auf sich liegen hat, trösten möchte! Oh, ich muß ihn doch selber auch mit Worten danach fragen!«

Mit immer größerem Unbehagen sah Peter Rümpler seinen hartnäckigen, holländisch-deutschen jungen Gast sich an. Seine Zigarre hatte er endlich zwar in Brand gesetzt, aber immer kürzere Rauchwolken puffte er jetzt in immer steigender Verlegenheit in den holden Morgen hinein.

»Zum Blitz, Mädchen, hast du es denn absolut drauf angelegt, dir und mir die gute Stunde zu verderben?« fuhr er endlich heraus. »Das ist ja ein wahres Glück, daß du mir nicht gar noch eine Viertelstunde vor der Schielauer Tischglocke mit diesen alten, nichtsnutzigen Familiengeschichten auf den Leib rückst. Kummer und Sorgen! Wer hat nicht sein Teil davon zu tragen in diesem elenden Jammertal? Natürlich hat auch der alte schnurrige Patron, mein Leibschafmeister, der Herr Baas, wie du ihn verholländerst, sein Bündel aufgehuckt gekriegt. Allerhand hat er in seinen siebenzig Lebensjahren auszufressen gekriegt und, na gottlob, einen guten Löffel geführt. Der härteste Bissen, an dem er jetzt noch würgt – na, kurz und gut –, ein Kind hat er, welches sein Elend ist – drunten in der Stadt –, eine Tochter, die ihm unser Herrgott, um ihn zu prüfen, angehängt hat. Brauchst bloß noch ein bißchen länger bei uns zu bleiben – so im Umkreise der Hochstraße und der Fadengasse, um das Genauere von guten Leuten – der Teufel hole sie alle! – darüber zu erfahren. Pelzmann und Kompanie! – Der Attrappenonkel weiß das ganz Genaue. Und nun gib dich zufrieden, du änderst nichts daran, mein Herz. Zu verderben ist schon längst nichts mehr daran als – dann und wann so ein netter, idyllischer Morgen auf dem Lande, wie ihr Stadtleute sagt. Zum Exempel wie anjetzt. Und nun komm mit deinem Vergißmeinnichtkranze, du allerliebster Krauskopf und Steifnacken; unsere Alte hat wahrscheinlich schon seit Stunden Haus und Garten nach dir abgesucht. Weißt du, Kind, je mehr ich dich ansehe, desto deutlicher wird’s mir, daß du doch eine große Ähnlichkeit mit deinem seligen Vater hast, und – vielleicht ist es auch deshalb, daß der Schielauer Schäfer dich dann und wann so genau betrachtet.«

»Weshalb hat er seine Tochter in der Stadt?« fragte Konstanze mit unerschütterlich ernsthaftem Nachdruck. Sie beklagen sich dort schon über die Sonne und die große Wärme, die wunderlichen Menschen; aber es ist in ihr doch nur bei uns – beim Onkel Fabian, hell und warm. Weshalb holt der Schäfer Erdener seine Tochter nicht heraus aus der kalten, dunkeln Stadt und hat sie hier bei sich in der Sonne und im Grünen und läßt sie bei sich wohnen in seinem kleinen Hause?«

Des Attrappenonkels bester Freund tat einen langen Pfiff.

»Mein Schatz, da haben leider Gottes vorher erst mehrere mit dreinzusprechen!« seufzte er dann kläglich. »Zum Herbst läßt es sich vielleicht einrichten, und wer weiß, ob das nicht schlimmer ist als alles andere. Jawohl, jetzo stehen sie nun rundum in allen Dorfschaften, woher sie vorhin läuteten, in Bocksdorf, in Langensalm, in Klein- und Groß-Kirschheim Etceteribus auf ihren Kanzeln und sind meistens allesamt gute Bekannte auf Schielau und meistens recht gern bei uns zu Tische und abends zum Whist; und wenn wir nicht heute zu Mittage den Attrappenonkel erwarteten, so würde meine Alte wohl auch in dieser Stunde mit dir in Bocksdorf im Amtskirchenstuhl sich zu allem Gutem ermahnen lassen, was, beiläufig gesagt, ihr und keinem schaden kann, und ich gebe dir mein heiliges Wort darauf, Konstänzchen, es ist keiner von den Herren, den ich nicht in Punkto dieses um seinen geistlichen Rat angegangen bin. Aber denen komme man mal mit dem Schäfer Thomas von Schielau! Sie haben alle eine Pike auf ihn; unser Herrgott weiß es allein ganz genau, weshalb! Darein habe ich mich als Amtmann hier auf der Domäne nicht zu mischen und tue es auch nicht. Sie haben da in der Stadt allerlei schöne Vereine zur Besserung der Menschheit, und ich bin auch Mitglied von den meisten, wo es denn freilich am einfachsten war, daß sie mich darauf hin verwiesen und mir auch noch ein Extraexemplar der Statuten auf den Hof schickten. Und nun, mein Herz, wollen wir den Sack aber wirklich zubinden; heute mittag kommt der Attrappenonkel, um dich heute abend leider Gottes wieder mit nach Hause zu nehmen. Wenn nun ein Mensch in der Welt ist, der dir über diese Angelegenheiten eine Auskunft geben kann, wie sie sich für dich schickt, so ist’s dein Onkel Fabian. Den frag einmal in einem passenden behaglichen Momente nach dem Schielauer Schäfer und seiner Tochter und weshalb der Alte dann und wann in den hellsten Sonnenschein ein Gesicht wie die Tage Regenwetter hineinschneidet. Und jetzo, mein Fräulein, Ihren Arm und marsch zum Frühstück! Drei Tage Regenwetter? Puh, lerne du erst mal deine Tante Pussel bei bedecktem Himmel kennen! Deinen Kranz da brauchst du ihr wahrhaftig nicht aufzusetzen, um die alte brave Kratzbürste als ewiges Vergißmeinnicht im Gedächtnis zu behalten.«

Mejuffrouw Konstanze nahm lachend den Arm des gleichfalls jetzt wieder ganz behaglich lachenden braven Gastfreundes, und so gingen sie heim zu einem der nahrhaftesten Frühstückstische im Deutschen Reiche: erst über die Wiese und dann durch den Amtsgarten, umflattert von Schmetterlingen, umsummt von Bienen, in aller schönen Freiheit der Erde und mit recht gutem Appetit beide.

Auf der welligen Heide, auf dem höchsten Hügel derselben stand jetzt, auf seine Schippe gelehnt, der alte Hirt inmitten seiner weithin sich zerstreuenden Herde wie ein unbeweglich Bild. Wer ihn so gesehen hätte, ohne von dem Kreuz zu wissen, das er trug, der hätte wohl meinen dürfen, daß der Friede Gottes an diesem holden Morgen grade so in ihm sei wie in der weiten Natur ringsum, wo selbst die lieblichen Glockentürme jetzt still geworden waren. Dem war aber nicht so; - Konstanze Pelzmann hatte ganz recht gesehen. Mit einem schweren Seufzer sagte der Alte:

»Ein hübsch, sanft, gut Kind hat ihnen der wilde Herr Lorenz herübergeschickt; – ein lieb, schön Mädchen hülflos hereingeschickt in die schlechte, gottlose Welt! Pack an, Satan!«

Der letzte wilde Ruf galt seinem Hunde, und ein Steinwurf aus der Schäferschaufel begleitete den die Herde von einem bestellten Acker zurücktreibenden zottigen Gehülfen.

Dann sah der Alte nach der Gegend hin, wo die Stadt und in ihr die berühmte Zuckerwerkfabrik dem Auge verborgen im Tale lag; und hier und da in einer der Dorfkirchen auf der grünen, sonnigen, fruchtbaren Hochebene rundum wurde gerade vielleicht auch über das Wort gepredigt: »Die Liebe decket auch der Sünden Menge.«

»Grad als ob es noch nicht genug an ihren Glocken und Orgelspiel in der Frühe, der Wärme, dem Licht und der weiten Welt gewesen wäre!« murmelte der Schäfer von Schielau und dachte wahrlich nicht an den trostvollen Text auf den Kanzeln durch die weite Welt, sondern nur an seinen Sonntagmorgengruß über den kleinen namenlosen Bach der Schielauer Feldflur an diesem wolkenlosen, lichtblauen, grünen Frühlingssonnenmorgen.

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