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Fabian und Sebastian

Wilhelm Raabe: Fabian und Sebastian - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorRaabe
titleFabian und Sebastian
senderanitagerber@gmx.de
created20050430
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Sechstes Kapitel

»Nach Marseille! Das Universum träumt das also nicht bloß, sondern es ist ein wirklich wahrhaftig Faktum!« rief der Hofmedikus Baumsteiger. »Man hat eines Morgens seine Tür verschlossen und einen Zettel daran geklebt gefunden mit der stupifizierenden Benachrichtigung: Verreist! – Hinein ins rachgierige Frankreich! Nach Marseille mit einem Diktionär unter dem einen Arme, seinen Regenschirme unter dem anderen und seinem Knövenagel mit einem Reisesack auf den Hacken! Er, der bis dato nie eine Meile über das Weichbild dieser Stadt sich hinausgewagt hatte! Das ist einfach großartig, und – Pelzmann, beinahe ebenso merkwürdig ist, daß die ganze Stadt, soweit sie in Betracht kommt, mit demselbigen Interesse dem alten originalen Burschen nachguckt wie ich. Ad exemplum mein altes altjüngferliches, allergnädigstes allerdurchlauchtigstes Leckermaul, Ihre Königliche Hoheit meine Prinzeß Gabriele Angelika, die sich wenigstens alle vierzehn Tage einmal den Magen an euerm Geschäft verdirbt und mich aus dem Schlummer schellen läßt, erkundigte sich täglich bei mir nach dem Attrappenonkel. Ich versichere dich, cher ami, war der schnurrige Kerl bis jetzt eine bekannte Persönlichkeit, so ist er nunmehr zu einer berühmten geworden und macht Reklame für die Firma, wie sie nicht riesenhafter gedacht werden kann. Und für die Nichte mit! Wo ich hinkomme und noch ehe ich mir die Zungen sonst habe zeigen lassen, erkundigen sie sich nach euerm kleinen Mädchen aus der Fremde und fragen nach, ob sie immer noch nicht in der großen Sodbrennerei und Magendruckfabrik zwischen der Hochstraße und der Fadengasse angelangt sei.«

Der Doktorwagen des beliebten Arztes hielt vor der Haustür des Hauses Pelzmann in der breiten volks- und geschäftsreichen Hochstraße, und der Doktor selbst saß in dem Privatkabinett des Juniors der Firma diesem gegenüber und – konnte, seinem behaglichen Schmunzeln nach zu urteilen, nicht die mindeste Ahnung von dem Mißbehagen haben, welches auch er dem verdrießlichen Manne durch seine Unterhaltung bereitete.

»Ich bitte dich um alles in der Welt, verschone du mich wenigstens mit dem Geschwätz der Stadt!« rief Herr Sebastian, als er es zuletzt nicht mehr aushielt. »Ob mein Bruder verreist ist, weiß ich nicht. Wohin er gereist ist, weiß ich nicht. Abschied hat er jedenfalls nicht von mir genommen. Daß er wisse, was er zu tun habe, behauptet er wenigstens. Ich für meinen Teil desgleichen.«

»Hm«, brummte der Hofmedikus, die goldene Dose zwischen den weißen, fleischigen Händen auf dem behaglichen Bäuchlein drehend, während der Fabrikant, um der unbehaglichen Unterhaltung ein Ende zu machen, aufstand und zum Fenster schritt.

»Märzstaub, Baumsteiger«, sagte er. »Ein kalter, trockner Ostwind. Viele Kranke in der Stadt, lieber Freund?«

»Danke, es geht!« brummte der liebe Freund und harmlose therapeutische Mephistopheles mit einem viel weniger diabolischen als wehleidigen Blick auf den Rücken des Herrn Sebastian. »Die besten, zähesten Naturen können nicht umhin, sich durch gegenwärtige Witterung hier und da – sagen wir mal, an ihre Jugendsünden erinnern zu lassen. He, was gibt’s denn da?«

Der letzte fragende Ausruf galt einem raschen Zurückfahren des Fabrikanten vom Fenster, infolgedessen auch Hofmedikus Baumsteiger mit möglichster Raschheit die goldene Brille zurechtrückte und, auf den Zehen stehend, mit fast komischer Neugier dem Whist-, Tafel- und Klubgenossen über die Schulter weg auf die Hochstraße hinaussah.

Nur ein alter Mann in bäuerlicher Tracht, der einen rauhzottigen Hund an einem Stricke mit sich führte, langsam, ohne aufzusehen, auf dem Bürgersteige der entgegengesetzten Seite der sehr belebten Gasse vorbeiging, und höflich eben einem ihm entgegenkommenden Schwarm junger Damen auswich, – im nächsten Augenblick schon durch die paarweise einherziehende Pension der Madame Printemps den Blicken der zwei Herren im Hause Pelzmann entzogen! – Der Hofmedikus brummte diesmal nicht einmal hm hm, und der Fabrikant sagte auch nichts. Letzterer jedoch sah verkniffener und gelblicher denn je aus und fiel schwer in den Sessel zurück. Der bäuerliche Mann auf der anderen Seite der Straße war der Schäfer Thomas aus Schielau gewesen, der seinen Märzbesuch in der Stadt abgestattet hatte und auf dem Rückwege, anscheinend aus Holz wie Knövenagel, jeden Monat einmal die Hochstraße passierte, obgleich er deshalb einen Umweg machen mußte, um wieder zu seinem Tor und auf seine Landstraße nach Schielau zu gelangen.

Als der Hofmedikus wieder in seinem Wagen saß, summte er zuerst eine geraume Weile Heinrichs des Vierten Liebeslied mit wenig wonnigem Ausdruck vor sich hin:

»Reizende Gabriele!
Ob wund von Liebespfeilen,
Folg’ ich des Mars Befehle,
Zur Kriegesfahn’ zu eilen.«

Sodann aber entschädigte er sich fernerhin durch ein längeres Selbstgespräch für den Zwang, den er seinem Unterhaltungsbedürfnis soeben hatte antun müssen.

»Der liebe Mann!« brummte er. »Dieser gute Sebastian! Schade um ihn! Versteht es doch sonst so wohl, sich nichts aus den Gefühlen, dem Verdruß und Ärger anderer zu machen, und ist mir doch in meiner Praxis kaum ein anderer vorgekommen, der sein Lebensbehagen mit so viel nervösen und moralischen Aufregungen nach der unangenehmen Seite hin zu bezahlen hat. Auch so ein tröstlich Beispiel dafür, daß der Mensch nicht so leicht totzukriegen ist, wie er selber es sich dann und wann bei deterioriertem Gangliensystem einbildet. Könnte es so leicht haben, dem ewigen Verdruß um alberne, längst verstunkene und von jedermann vergessene Allotria durch ein angenehm einschläfernd, in sein eigen Fabrikat gewickelt Mittelchen ein Ende zu machen, und – gibt allewege seine trefflichen Diners und Soupers weiter! Wie nett war zum Exempel das gestrige! – Jaja, es war richtig unser tragischer, melodramatischer Schafmeister von Schielau, der ihm da wieder mal durch die Hochstraße stieg und ihn auf Wochen hinaus für jede L’hombrepartie unerträglich machte! – Und drolligerweise in demselben Moment unsere liebenswürdige geistige Engelmacherin Lady Pinchbeck mit ihrer allerliebsten, für den Heiratsmarkt auf den Faden gezogenen Hühnchenkette, wegen welcher er, wie er uns mitteilte, für alle Zeit mit dem Attrappenonkel endgültig gebrochen hat! – Was hatte der Attrappenonkel auch einzuwenden gegen Mylady Pichbeck, Madame Printemps? – Der Attrappenonkel auf der Jagd nach seinem surinamschen, sumatraschen oder javanschen Paradiesvogel – unser braver Fabian mit seinem Knövenagel auf der Fahrt durch das revanchebrütende Franzosenland. Sämtliche Taschen nach gewohnter Weise voll Zuckerplätzchen und sonstiger eigener Fabrikate, wie auf einem Spaziergange durch und um hiesige Stadt! Ich bin unbedingt dabei, wenn er wieder nach Hause kommt, und Knövenageln lade ich mir an dem ersten nächstfolgenden stillen Sonntagmorgen ganz privatim zum Frühstück ein, um mir von ihm seine Abenteuer erzählen zu lassen. Nichts tot zu kriegen in der Welt! auch der Spaß an ihr nicht!« Was das Wort von der Lady Pinchbeck anbetrifft, so beweist es nur, daß der Hofmedikus Dr. Baumsteiger auch den Don Juan des Lord Byron, wo es heißt:

›Consulting the Society for Vic-
Suppression, Lady Pinchbeck was his choice‹,

nämlich für die «Zähmung der kleinen, wilden Asiatin" – mit Nutzen für den täglichen Gebrauch gelesen hatte. Was aber das Wort von dem Nichttotkriegen des Spaßes in dieser Welt angeht, so gibt es Gott sei Dank immer noch Leute, die gar nicht lesen können und doch nur selten um eine Belegstelle dafür in Verlegenheit geraten und in Melancholie verfallen.

Gott sei Dank, der Spaß ist nicht tot zu kriegen in dieser so sehr mürrischen Welt, und einen Spaß, ein Vergnügen ersten Ranges geben für jeden mit dem nötigen Verständnis dafür Begabten die Umstände ab, unter denen auch hier aus der Erwartung die Gewißheit hervorging und der »asiatische Bachfisch« endlich als im Lande eingetroffen gebucht werden konnte. Ein überwundener Standpunkt wird auch aus der gespanntesten Erwartung, und so auch in diesem Falle. Es kam ein letztes lustiges winterliches Schneegestöber, dem ein längerer Regen folgte. Hinter letzterm trocknete der Ostwind rasch wie gewöhnlich in diesem Monat auf, und der Märzenstaub gewann von neuem die Herrschaft in den Gassen; aber aus der Umgebung der Stadt brachten die Leute von ihren Spaziergängen alles das mit, was gleichfalls in den März hinein sich schickt und dazu gehört: Weidenkätzchen und Haselnußschäfchen, Seidelbastblüten, Leberblumen, Anemonen, Veilchen und auch dann und wann einen heftigen Schnupfen. Und an dem schönsten, sonnigsten, aber auch windigsten Vorfrühlingsmorgen ging es wie ein elektrischer Schlag durch sämtliche Fabrikräume und sonstigen Geschäftslokale der Firma Pelzmann und Kompanie:

»O du meine Güte – Knövenagel! – Ist denn das Knövenagel? – Herrgott, da ist ja Knövenagel!«

Einer erblickte ihn natürlich zuerst, hatte aber nicht nötig, seinen Nachbar am Tagewerk auf die Merkwürdigkeit aufmerksam zu machen. Von Hof zu Hof, von Arbeitssaal zu Arbeitssaal, von Stuhl zu Stuhl, von Bank zu Bank, von Tisch zu Tisch ging die Nachricht:

»Knövenagel ist wieder da aus Frankreich! Eben geht er durch den Klappersaal! Unser Herr Fabian ist zurück!«

Während einer geraumen Zeit stockte jegliche Handarbeit vollständig, und es war als ein Wunder zu nehmen, daß die Maschinen ihre Tätigkeit nicht auch unterbrachen, daß, was durch Rad und Hebel in Bewegung gesetzt wurde, weiter haspelte, gleichgültig dagegen, ob Knövenagel wieder im Lande war oder nicht!

Es blieb aber kein Zweifel möglich. Da stieg er hin durch das große Geschäft, als ob er niemals draus weg gewesen sei – des Herrn Sebastian Pelzmann widerwärtigster Holzaffe, des Herrn Fabian Pelzmann linke Hand! Dasselbe langweilig-dumm-diabolisch-schlaue Ledergesicht, derselbe Rock, dieselben Beine, dieselben Arme und an letzteren die unmenschlichen, unglaublichen, schlaff aus den Ärmeln hängenden Tatzen. Knövenagel, wie er leibte und lebte.

»Vorausgesetzt, daß er es in Leib und Leben ist!« sagte einer. »Vorausgesetzt, daß sie ihn nicht richtig in Frankreich als allgemeinen Deutschen und wegen seiner persönlichen, besondern Liebenswürdigkeit um sein Leben gebracht und eingeschlachtet haben und er uns nur als Gespenst kommt. Sie, Pommer, Sie standen in der Division Kummer und stehen feste, rühren Sie ihn doch mal der Gewißheit wegen an. Ich tue es nicht für ’ne Million, ich graule mir zu scheußlich vor ihm!«

»Äh!« sagte Knövenagel, der, je mehr die Bewegung um ihn her zunahm, desto steifer sich hindurchschob. Einige, deren Beschäftigung es zuließ, liefen auch nach dem Hinterhofe, um nach den Fenstern des Attrappenonkels emporzustarren; aber die meisten drängten sich doch des Onkels Famulus in den Weg und wagten es endlich auch wohl, ihn »anzurühren«, um sich dadurch von seinem Vorhandensein im Fleisch zu vergewissern.

»Es hat richtig seine Richtigkeit mit ihm! Er ist es noch, gerade als ob ihn sein Herr, unser Herr Fabian, eben erst neu erfunden hätte! Juchhe, wir haben ihn wieder auf der Nase! – Um Gottes willen, Knövenagel, seit wie lange sind Sie denn wieder im Lande, ohne daß eine Menschenseele eine Ahnung davon gehabt hat?«

»Öh!«

»Na, alter Holzbock, wie war es denn in Frankreich? Was sagten denn die lieben Franzosen zu Ihnen? Was? So was haben sie wohl selbst Anno siebenzig, als sie sich die ganze Musterkarte haben kommen lassen, nicht zur Auswahl mitgekriegt? So erzählen Sie doch, Knövenagel!«

»Ah – öh!« ächzte Knövenagel, mit beiden Ellenbogen wie im gesteigerten Ekel vor der Zärtlichkeit und Zudringlichkeit der Menschheit sich Raum schaffend.

»Ist denn der Herr auch wieder da? und hat er das Fräulein – unser Fräulein glücklich mitgebracht? – Dies ist ja zu graulig! So tun Sie doch einmal die Zähne voneinander, Sie –«

»Holzaffenvisage«, schnarrte Knövenagel.

»Das sagt gewiß keiner als Sie selber, alter Fetisch; aber im vollen Ernste, wissen wollten wir jetzt, wie lange Sie schon da oben in Ihrer verzauberten Burg stecken, ohne daß hier unten einer das geringste davon gemerkt hat?«

»Liegt Ihnen wirklich daran, es ganz genau zu wissen, Herr Buchhalter?«

»Nun höre einer! das Ungeheuer fragt noch?«

Na, denn ohne alle weiteren Injurien, was das Frankreich anbetrifft, so ist das gar nichts, und was die Franzosen angeht, so sage ich allabonnör sowohl in unserer Branche als auch überhaupt als umgängliche und höfliche Leute, zumal und nach dem zu beurteilen, was in diesem Moment hier um mich herum drängelt und Maulaffen feil hält, wobei ich Sie, Herr Buchhalter, aus geschäftlichem Respekt wenigstens ausnehme. Was unsere glückliche Wiederankunft im lieben Vaterlande anbetrifft, so – sagen wir meinetwegen zirka vorige Woche. Für die genaueren Umstände habe ich erstens keine Zeit und zweitens keine Ordre, sowohl von meinem Herrn als auch von meinem Fräulein, und drittens – zum Donnerwetter, haben wir für die gegenwärtige angenehme Empfangsfestivität doch nun wohl lange genug faul hingestanden und unser Pläsier aufs Konto der Firma aneinander gehabt. Meinen Sie nicht auch, Herr Lagerinspektor?«

»Zirka seit voriger Woche! dies wäre doch zu großartig!« seufzt der eine, dem langsam sich weiterschiebenden Knövenagel ungläubig nachsehend.

»Möglich ist es schon bei dem Charakter!« meinte kopfschüttelnd der »Lagerist« der Firma Pelzmann und Kompanie. Sodann besprachen sie in jedem Arbeitssaal und an jedem Schreibpulte die wunderbare Neuigkeit weiter, und so gelangte, kaum eine halbe Viertelstunde, nachdem der Famulus des Herrn Fabian von neuem an dem Horizonte des großen Geschäftes aufgegangen war, die Nachricht davon leise und schüchtern in das Privatkabinett des Herrn Sebastian.

»Und was das Merkwürdigste ist«, setzte der letzte Berichterstatter in der Stellung des letzten Pfahls einer Telegraphenleitung hinzu, »vor acht Tagen bereits sollen die Herrschaften drüben von ihrer Reise angekommen sein.«

Herr Sebastian blickte auf und den Herrn aus dem Nebenkontor an, als ob er ihm etwas zu erwidern habe, sagte jedoch nichts, und nachdem der Berichterstatter mehrere Augenblicke vergeblich auf ein wenn auch nicht freudiges, so doch verwundertes Wort gewartet hatte, zog er sich bescheiden zurück und sah – seinen Herrn Prinzipal weiterschreiben. Sowie sich aber die Tür hinter dem Herrn aus dem Geschäfte geschlossen hatte, warf der jüngere und Hauptteilhaber des Hauses Pelzmann die Feder hin und rief: »Was geht’s mich an?«

Was in diesem Falle nur heißen konnte:

»Da habe ich es denn! – Es ist unglaublich, aber ganz und gar in sein Charakter!«

Mit dem letztern Ausruf stand er seinem älteren Bruder gegenüber nur auf dem Standpunkte des letzten seiner Arbeiter und doch auf einem sehr beträchtlich davon entfernten und verschiedenen.

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