Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Raabe >

Fabian und Sebastian

Wilhelm Raabe: Fabian und Sebastian - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorRaabe
titleFabian und Sebastian
senderanitagerber@gmx.de
created20050430
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel

»Unser Allerungnädigster begegnete mir ja da eben ganz extraordinär menschenfreundlich und himmlisch milde im Hofe«, sagte Knövenagel, sein unbeweglich Ledergesicht in die Tür schiebend. »Wenn man fragen darf, wer hatte denn diesmal die Schuld? Sie natürlich wieder, Herr Pelzmann?! Großer Gott, was für eine Welt zum vergnügten Leben!«

Der Mensch weckte zum wenigsten durch sein dröhniges Genäsel seinen »angeborenen« Prinzipal aus dem trübseligen Sinnen, in welches derselbe versunken war. Herr Fabian fuhr empor und seufzte mit einem schweifend unbestimmten Blick ins Leere:

»Zur Madame Printemps! Das würde freilich der neue Frühling für mich und eine neue Heimat für das Kind geworden sein, wie ich mir beides nicht ausgemalt hatte! – Du sagtest etwas. Was meintest du, Knövenagel?«

»Daß es hier bei Ihnen ja wohl wieder mal recht vergnügt, brüderlich und ganz, wie’s im Evangelium steht, zum Hüttenbauen anlockend zugegangen sein muß. Jawohl, und daß Knövenagel Ihnen denn auch immer über seinen Anteil an dem ewigen Verdruß, Hickhack, Gift und sonstigen wehmütigen Stillvergnügen zu quittieren hat, das ist er gottlob schon gewohnt. Jedenfalls hat mir da eben neben der Mehlbodenwinde unser geliebtester Herr Bruder sehr gefühlvoll die verehrliche Faust unter die Nase gehalten und mir auf unser Gesamtkonto, Herr Pelzmann, den Titel ›Widerwärtige Holzaffenvisage!‹ zugegeben.«

»Nimm es dir nicht zu Herzen. Leg es wie ich ruhig zu dem übrigen, Knövenagel«, seufzte Herr Fabian melancholisch.

»Ne, durchaus nicht! Im Gegenteil! Holzaffenvisage ist zu gut! Wie oft soll ich es Ihnen denn sagen, Herr Prinzipal, daß Sie es durchaus nicht sind, nach dem sich der Mensch bilden kann. Millionen Jahre hätten Sie alt werden können, ohne dieses ganz richtige Wort gefunden zu haben. Da läuft unsereiner Tag für Tag in der Stadt herum und besinnt sich ewig vergeblich, was er dem dritten Menschen, der ihm begegnet, sagen soll. Holzaffengesicht! Ist das nicht wie eine Eingebung von oben? Jawohl, zum übrigen habe ich es notiert; aber sicherlich nicht als Ladenhüter, sondern zum täglichen Nutzen und Gebrauch. Holzaffenvisage! Doch dieses nur beiläufig; was denn das übrige anbelangt, so sind hier die ersten Exemplare aus der Form von Ihren Karamel-Osterhasen für die diesmalige Saison, und die Herren im Geschäft lassen Ihnen insgeheim ihr ernstgemeintes Kompliment raufsagen und sind der Ansicht, dies sei wirklich eine Novität und müsse ziehen. Selbstverständlich habe ich denn auch mein Wort zu Ihrem Lobe gesprochen, Herr Prinzipal Senior, und habe gesagt: Nicht wahr, meine Herren, da konnten Sie hundert Jahre sitzen und brüten, ehe und bevor so’n Anrecht auf die erste Medaille in Gold von der nächsten Weltindustrieausstellung unter Ihnen lebendig geworden wäre? Sodann nachher, das heißt vorher und um meinen Sack von uns betreffenden Erlebnissen für Sie jetzt ganz auszuschütten, ist mir denn auch in der Hochstraße – Holzaffenvisage ist ganz gut! – mein Gevatter, der ungläubige Schäfer Thomas von Schielau, begegnet und hätte wohl eher die Berechtigung gehabt, mir als zur Firma gehörig gleichfalls die Faust unter die Nase zu halten; hat’s aber nicht getan, sondern läßt Sie bloß höflichst grüßen, Herr Pelzmann, und sein Herr sei gleichfalls zum Markte in der Stadt, und wie er vernommen habe, würde er wohl gegen Mittag bei Ihnen vorsprechen, was uns in Anbetracht, daß er Sie gewöhnlich auf andere und teilweise vernünftigere Gedanken bringt, nur lieb sein kann.«

Rüpel! Sagte der Attrappenonkel nicht, auch nicht Holzaffe! Er zog nur rasch den Ellbogen von der Tischplatte und hob die schwere, sorgenvolle Stirn von der Hand, die sie bis jetzt wieder gestützt hatte. »Gott sei Dank!« rief er, »hab’ ich mich nach einem Menschen jetzt gesehnt, so ist es dieser! Oh, der kommt mir recht, und nun komme ich doch noch zu einem freien Atemzuge an diesem Tage! Und er ist immer so gut wie sein Wort; – wahrhaftig, da ist er wirklich schon auf der Treppe.«

» Den soll man wohl drei Häuser weit vernehmen, wenn er irgendwo in einem die Treppe hinaufsteigt«, brummte Knövenagel. »Na, ich für mein Teil habe an dem Schritt und Tritt nichts auszusetzen, solange er mir nicht den Buckel hinaufsteigen will; aber dies sage ich: unserem allergnädigsten Herrn Bruder muß bei jedweder Begegnung mit dieser Schielauer Gesellschaft netto so zumute werden wie unserem netten jungen spanischen Menschen in seinen Trikots in der Musikoper, kurz bevor ihn der Deubel ganz holt; uh, eine ewige Gerechtigkeit gibt es doch noch in der Welt, und ich meine den –«

»Ich meine jetzt wirklich und ernstlich, daß du den Mund hältst!« rief Herr Fabian Pelzmann hastig und mit einem Blicke, der keine Widerrede mehr duldete. »Wie oft habe ich dich ersucht, daß du wenigstens hierin deine böse Zunge im Zaume halten mögest? Übrigens habe ich dich jetzt hier oben in keiner Weise nötig, tu mir also die Liebe an, packe dich und sieh zu, ob du dich nicht unten in der Fabrik irgendwie nützlich machen kannst. Den Herren im Modelliersaal sprich fürs erste meinen besten Dank aus, und ich würde im Laufe des Tages noch persönlich kommen. Guten Morgen – guten Morgen, Rümpler; oh, wie willkommen du mir bist!«

Der neue Besucher hatte mit dem Stockknauf einen Schlag gegen die Tür getan, dieselbige dann sofort aufgerissen, und da stand er auf der Schwelle, den Wolfspelz weit zurückgeschlagen, die Fuchspelzmütze weit rückwärts auf dem Hinterkopf, und brachte eine erkleckliche Kälte, aber auch Leben, Behagen und einen gar nicht mißzuverstehenden Hauch von der Insel Madeira mit sich. Nicht das mindeste hat er dagegen einzuwenden, wenn wir ihn unseren Lesern vorstellen als den Amtmann Rümpler auf Schielau. Es ist ihm vieles in der Welt »ganz egal« oder »tuttlamähmschoose«, und auch diese gehört dazu, so wenig schmeichelhaft es für ihn auch sein mag.

»Natürlich bin ich willkommen. Wie die Sonne in der Ernte, wie der Hundsstern zwischen dem vierundzwanzigsten Juli und achtundzwanzigsten August!« lachte der Amtmann von Schielau. »Alter Rattenkönig! alter Mauspriester! – Da sitzt er und piept. Was macht er denn aber mal wieder für ein Gesichte, dieser Schokoladenzauberkerl? Mir ist es jedesmal, als würde ich wieder sieben Jahre alt, sobald ich nur einen Blick in sein Knecht-Ruprechts- uns Sankt-Nikolaus-Reich hineintue, und hockt da mit beiden Händen auf dem Bauche und einer Physiognomie wie: Hülfe und Barmherzigkeit, gleich geht es schlimm!«

»Dies verhält sich auch so, Herr Amtmann«, sprach Knövenagel, der trotz dem Wunsche seines Herrn ruhig oben geblieben war, in der unerschütterlichen Gewißheit, daß er sich drunten sicherlich nicht nützlicher machen könne als hier hinter der Stuhllehne seines »Spezialprinzipals«. »Sie konnten uns gar zu keiner andern Zeit angenehmer die Ehre geben, Herr Amtmann, als jetzt in diesem augenblicklichen Momente. Wir befinden uns Ihnen vor einer Krisis, Herr Amtmann. Rattenkönig ist nett; Mausepriester ist auch nicht übel, bin ich soeben mit einer Holzaffenvisage begabet worden, so haben wir in unserem Verdruß und Kummer gewiß nichts gegen alle sonstigen geistreichen Devisen und auf uns passende Betitelungen einzuwenden.«

Er hatte dem Besuch den Stuhl, von welchen Herr Sebastian Pelzmann in seinem Grimme aufgesprungen war, zugeschoben. Der Gast ließ sich schwerfällig nieder, warf die Pelzkappe auf den Arbeitstisch des Herrn Fabian, legte beide Hände auf den Stockknauf und fragte, von einem der Bewohner des Hintergebäudes der Firma Pelzmann und Kompanie auf den anderen glotzend:

»Nun, Kinder, was ist denn vorgefallen, daß ihr mich anstiert und an den Ketten zieht, als ob eben der Tierarzt in den Stall gekommen sei? Wo ist der Kakao mißraten? Die Prinzessin aus dem Mohrenlande ist doch nicht etwa gar bereits angekommen in dieser Nacht und bei hellem Morgen selbst für euren Geschmack ein bißchen zu schwärzlich ausgefallen?«

»Mein Bruder war eben hier und hat mit mir über das Kind gesprochen. O Rümpler!«

Der Amtmann ließ einen langen Pfiff hören:

»Er will seinen Teil davon, und du willst es ganz behalten. Ihr habt da selbstverständlich die alte Komödie unter dem alten süßen Firmaschild Pelzmann und Kompanie agiert? Ihr gönnt die arme Kreatur selbstverständlich einander nicht – nun, da kenne ich euch hinten und vorn, das heißt im Vorder- und im Hinterhause!«

»Er will das Kind nicht im Hause haben! Er will es auch mir nehmen! er will es zur Madame Printemps wegschaffen!« rief Herr Fabian. »Es ist ihm außer der Gewohnheit! es stört ihm seine Behaglichkeit! er sieht tausend Widerwärtigkeiten aus dem Aufenthalte des Kindes seines Bruders unter diesem Dache entstehen! Er ist im bitteren Zorn von mir gegangen –«

»Und Sie, Knövenagel, gehen Sie jetzt mal hin, das heißt, gehen Sie mal ’nunter in die Likörkammer, bestellen Sie einen Gruß von mir, und der Amtmann Rümpler aus Schielau bäte höflichst um eine Probe aus der Quelle, die er selber in die Fabrik neulich rekommandiert habe.«

»Sehr wohl, Herr Amtmann«, sprach Knövenagel, der einem verständigen Wunsche immer nachkam und nur unberechtigte stets überhörte. Er stapfte ab, weniger wie aus Zucker als wie aus Holz gearbeitet, und sein fast allzu gutmütiger Herr fand sich allein mit dem gutmütigen Freunde, Peter Rümpler aus Schielau. – In hastiger sich überstürzender Redeweise erzählte nun Herr Fabian von seiner letzten Unterhaltung mit dem Bruder, während der andere gelassen, dem Anschein nach mit wenig Interesse an der Erzählung, sich seines Pelzes entledigte und sich als ein zwar untersetzter und breitschulteriger, aber durchaus nicht ungeschlachter Herr von fünfzig und einigen Jahren entpuppte. Als aber der Senior des Hauses Pelzmann geendet hatte, war es plötzlich wie ein Phänomen anzusehen, wie mit einem Ruck der Sonnenschein sowohl aus der Stube des Attrappenonkels wie von dem behaglichen Gesicht des wackeren Landbebauers verschwand. Die leuchtende Kugel verschwand hinter einem Schornstein und vorspringenden Dachgiebel, die Jovialität Peter Rümplers in einem Donner- das heißt Faustschlag, der wie aus heiterem Himmel auf den Arbeitstisch des Freundes niederkrachte. Daß der Himmel über den schneebedeckten Dächern der Fadengasse blau blieb, erschien nun fast wie ein Hohn auf die Stimmung der beiden Herren im Hintergebäude der Firma Pelzmann und Kompanie.

»Wie mir deucht, ist es sogar Jahreszeit – so um Epiphanias herum, als sie sich vor zwanzig Jahren zuletzt in die Haare gerieten und auf ewig die brüderliche Zuneigung kündigten, der wilde Hans und der sanfte Heinrich – Gebrüder Lorenz und Sebastian Pelzmann meine ich!« brummte der Amtmann von Schielau. »Wie das nun wieder zu einem vergnügten Frühstück an diesem Morgen zusammentrifft! Mein alter Thomas stattet eben auch seiner Tochter seine Visite – du weißt wohl wo! ab, und so sind wir ja einmal wieder vollzählig hier in der Stadt bis auf den Leutnant, der auf Sumatra in einem Sumpf versunken liegt, aber dafür jetzt sein Kind schickt, daß es sich auch sein Teil von dem alten widerwärtigen Elend hole. Zwanzig Jahre – während welcher die Zucker- und Schokolade-Weihnachtsbude mit ungeschwächten Fonds und immer brillanterem Resultat, wenigstens für den Herrn Chef junior, weiter gearbeitet hat! Als ich vorhin drüben durch die Straße ging, stand es voll von Kindern vor dem unbändigen Mirakelladen. Wie das an den Scheiben leckte und eure Herrlichkeiten mit den Augen und der Einbildungskraft verschlang und gar keine Ahnung davon hatte, was so ein Philisterdach an ganz und gar nicht süßen Teufelsgeschichten in oder unter sich hat! Seit einer netten Reihe von Jahren ist das Schielauer Schäfermädchen nun glücklich im Zuchthause untergebracht und kommt erst in diesem Herbst wieder los, natürlich unter fernerer polizeilicher Aufsicht. Was hat es geholfen, daß sich vor zwanzig Jahren der schöne Lorenz zu ihrem Champignon aufwarf? Wer an einem Giftpilz zugrunde gehen soll, dem kommt derselbige auch in der feinsten Trüffelpastete zwischen die Zähne. Es war freilich ein hübsches, frisches, quickes Ding, und der Zuckerpascha, unser beider Monsieur Sebastian, hat in der Beziehung allewege einen feinen Geschmack präsentiert. Dich nennen sie bloß den Attrappenonkel; aber der hat es von jeher noch ganz anders wie du verstanden, seine Erfindungsgabe zu einem Vergnügen und zum Pläsier der Unschuld nützlich zu gebrauchen. Der verstand es, sich der Welt Nichtsnutzigkeit in Zucker einzumachen – der mit seiner Feder hinterm Ohr und von seinem Schreibpult aus! O Fabian, alter Fabian, welch eine kuriose Weihnachtsfirma seid ihr doch auf diesem sappermentschen Erdball, von dem wir Ökonomen immer noch am ersten und genauesten die Erfahrung machen, daß er nicht aus Zucker und Schokolade gewälzt ist! Dich nennen sie in der Stadt einen Narren und den Attrappenonkel, ich habe heute morgen meinen Thomas auf dem Schlittenbock mit hineingebracht, weil er seinem Kinde seinen Monatsbesuch abstatten will, und der Mann mit der Feder hinter dem Ohr will seines Bruders Kind nicht unter seinem Dach leiden, weil es ihm die Behaglichkeit seiner solideren Lebensjahre stören könnte. O alter, lieber Kerl, du bist doch der Beste; und der einzige richtige Attrappenonkel ist einzig und allein unser Herrgott, weil er immer noch solche komischen Burschen wie dich und auch immer mit einer Devise im Bauche in seinem Allerweltsladen und großen Schaufenster zum Handel aufstellt. Also du hast ihm, unseren edlen Junior meine ich, höflichst die Tür aufgemacht und ihm den Weg nach seinem Kontor zurückgewiesen? Fabian, ich hoffe zu Gott, daß du deine Natur wenigstens diesmal gänzlich verleugnet und so heimtückisch und grob als möglich dich bewiesen hast!«

»Ja«, sagte der Attrappenonkel, »ich habe ihm meinen festen Willen ausgedrückt, meinesteils den Versuch zu machen, der Tochter unseres verstorbenen Bruders eine Heimat unter diesem Dache zu bereiten; – ich –«

»Sagen Sie ganz dreiste wir, Herr Pelzmann«, sprach Knövenagel, der mit einer in exotisches Stroh- oder Rohrgeflecht gewickelten, rundbäuchigen Flasche und einigen Spitzgläsern auf einem Teller von seiner Sendung in die Fabrik zurückkehrte, das letzte Wort aufschnappte und natürlich sofort eines aus seinem eigenen unermeßlichen Vorrat dranhing.

»Daß ich nun und nimmer das Kind, vorausgesetzt, daß es selber es nicht so will, seinen Weg allein und unbeschützt durch die schlimme Welt gehen lassen werde«, fuhr Herr Fabian fort, »und –«

»Daß wir mit unserer häuslichen Einrichtung zum Empfang für das Fräulein grade heute morgen so weit fertig geworden sind, daß wir uns nicht gar zu sträflich damit blamieren«, schloß Knövenagel. »Sehen Sie sich vor allen Dingen nur erst mal das Nest an, was wir, ich und der Herr Prinzipal, unserer gnädigen jungen Dame ausgefedert haben, Herr Amtmann. Es ist wirklich der Mühe wert.«

Da war die Sonne wieder! Nicht in dem kuriosen Arbeitszimmer des Attrappenonkels; aber gottlob mit verdoppeltem Glanze auf seinem Gesichte! Mit freudestrahlenden Augen, einem bis an beide Ohren selig verzogenen Munde und die Hände im behaglichen Gekitzel eines vorgeschmeckten Lobes zwischen den Knieen reibend, rief er:

»Ja, da hat Knövenagel recht, lieber Peter, und es würde mir in der Tat angenehm sein, auch deine Ansicht über unsere kleinen Einrichtungen zu vernehmen!«

»Nimm an, ich sei eigens hierzu, und nicht um dir eben die dumme, lange, überflüssige Rede zu halten, in die Stadt gekommen!« rief der Amtmann Rümpler von Schielau; und Herr Fabian, glückselig aus seinem Sessel emporschnellend, rieb doch dabei unwillkürlich ein wenig die Schulter, auf welche der Amtmann zärtlich seine Hand hatte niederfallen lassen.

»Sage mir aber aufrichtig deine Meinung, Peter!« rief der Attrappenonkel, den sachverständigen Freund vom Lande am Arm mit sich ziehend. Knövenagel, dem äußeren Anschein nach unbewegter denn je, innerlich aber mehr denn je als »eigentlich der wahre Mann«, stieg steifbeinig mit seinem Präsentierteller, seiner exotischen Schnapsflasche und seinen drei Spitzgläsern den beiden Herren nach und trat ihnen fast die Hacken ab in dem unerschütterlichen Bewußtsein, daß auch an dieser Stelle sein Spezialprinzipal für gar nichts das richtige Wort zu finden wissen werde.

Auch aus den Gemächern, die der Onkel für seine unbekannte tropische Nichte zubereitet hatte, war die Sonne der Fadengasse weggeschlüpft um diese Stunde wie aus seinem eigenen Zimmer. Es war in Anbetracht der gegenüberliegenden hohen Häuser und der engen Straße auch hier trotz dem hellen Mittag ziemlich dämmrig.

»Donnerwetter, wie kühl!« rief der Amtmann, als Herr Fabian die erste Tür öffnete und die Portiere zurückschlug. »Alle Hagel, wie schön!« rief er, mit unbegrenztem Erstaunen umherstarrend. »Wunderbar!« schrie er endlich, »jawohl, die Lokalitäten hattest du, alter schnurriger Tausendkünstler, eine Wand einzuschlagen verstehst du auch, und was den sonstigen Geschmack in den Händen und dem Hirnkasten anbetrifft – alabonnör! Die Auslagen wirft das Geschäft gottlob auch noch ab, und die Küche besorgt Knövenagel. Für ’n paar schwarze Sklaven, Sklavinnen und sonstige Kulis findet sich beizu auch noch das nötige Unterkommen. Bringt sie einen Elefanten mit, so brauche ich dir nicht anzuraten, dem möglichst im Warmen in einem Stall neben dem Kesselhause die Krippe hinzustellen. Fabian, du hast deine Sache ausgezeichnet gemacht und wirklich das Recht, dich auf das Gesicht, was die Kleine machen wird, riesig zu freuen. Jaja, eine gewisse Unbequemlichkeit in den gewohnten Verhältnissen macht die Geschichte freilich, und daß unser guter Bruder Sebastian jetzt schon ein Gesicht dazu schneidet, das – wollen wir ihm lassen, das ist sein Vergnügen, und sein Vergnügen will doch jedermann in dieser Welt haben.«

Für die schönere Jahreszeit rechnen wir ganz bestimmt auch auf Schielau« sagte der Attrappenonkel, von dem letzten, recht unvergnüglichen Thema die Unterhaltung rasch wieder ablenkend. »Den deutschen Frühling und Sommer zeigen wir dem Kinde in Schielau. Ihr nehmt uns doch auf, wenn ich mit ihm komme, Peter?«

»Na, meine Alte!« schrie Peter Rümpler, einen entzückten Faustschlag, dem der Attrappenonkel diesmal glücklich auswich, in die Luft tuend. »Hurra, du bist und bleibst ein Hauptkerl, Fabian, von den ersten neun gesunden Kräutern am grünen Donnerstag an bis zum letzten Feldfeuer in der Kartoffelernte. Ein Untier bist du.«

»Da haben Sie ganz recht, Herr Amtmann«, sprach Knövenagel, immer noch mit seinem Präsentierteller zwischen den Fäusten. »Das ist er; aber erwarten Sie auch mich mal erst in meiner ganzen richtigen Glorie hier in unserer Domäne als Haushofmeister, Kammerjunker und dergleichen. Passen Sie auf, dem Vordergebäude werden wir im Laufe der Zeiten andeuten, was wir hier von hinten der muffigen Menschheit – ohne nähere Bezeichnung, Herr Pelzmann – zu zeigen haben.«

»Am ersten März reise ich nach Marseille«, sagte Herr Fabian.

»Hallo?!« stammelte der Schielauer Amtmann im höchsten Zweifel, den Senior der Firma Pelzmann und Kompanie von oben bis unten anstierend. »Menschenskind?! – du

»Einer muß doch das Kind vom Schiff abholen«, erwiderte der Attrappenonkel, und Peter Rümpler griff nach der exotischen Flasche auf dem Teller, den ihm Knövenagel vorhielt, goß alle drei Kristallgläser voll, goß das erste in sich hinein, ließ ihm das zweite folgen und ächzte mit dem dritten in der Hand: »Da hört denn doch alles auf!«

»Da haben – Sie – wieder – recht – Herr Amtmann!« stotterte Knövenagel, zum ersten Mal in dieser Geschichte vollständig aus der Fassung gebracht. Mit geöffnetem Munde blickte er von den drei so phänomenartig geleerten Gläsern auf seinem Präsentierteller zuerst auf den landbebauenden Freund seines Herrn und sodann mit dem ganzen horror vacui in dem Blick auf seinen Herrn und stöhnte:

»Jawohl, am ersten Märzen fahren wir ab nach Marsellje! – Unten im Geschäft werden sie das eine Naturbegebenheit nennen; aber es freut mich, daß es Sie doch auch also ein bißchen wundert, Herr Amtmann!«

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.