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Fabian und Sebastian

Wilhelm Raabe: Fabian und Sebastian - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorRaabe
titleFabian und Sebastian
senderanitagerber@gmx.de
created20050430
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Viertes Kapitel

Eine grade so enge und halsbrechende Treppe wie von der Fadengasse aus führte von dem zweiten Fabrikhofe zu der Wohnung des Attrappenonkels empor. Herr Sebastian erstieg sie, indem er beinahe auf jeder Stufe etwas von »verrückter Welt!« murmelte und von seinem Standpunkte aus der Welt gegenüber, die er jetzt widerwillig genug betreten wollte, vollkommen recht hatte.

Wie jeder andere hatte er auf dem dämmerigen Korridor die Glocke zu ziehen und zu warten, bis man ihn einließ, und daß er dabei wenigstens dreimal: »Der ganz verrückte Narr!« sagte, war ihm denn auch nicht zu verdenken von seinem kühlen Standpunkte aus.

»Du – Bruder? – O bitte, komm herein!« sagte Herr Fabian.

Er warf in dem dunkeln Vorplatz hinter der Korridortür die Tür seiner Wohnstube auf, und was die Fadengasse von Sonne über ihre Dächer ließ, schlug dem jüngern Mitinhaber der Firma Pelzmann und Kompanie entgegen und blendete ihn für den ersten Augenblick vollständig.

Er hatte auch in einigen seiner Geschäftsräume die Sonne, wenn sie schien; aber sie diente nur seinen Arbeitern bei der Arbeit, konnte in jedem Augenblick durch Hunderte von Gasflammen ebenso zweckdienlich ersetzt werden und hatte noch nie, und noch dazu an einem Morgen im Januar, irgendwelchen Eindruck auf ihn gemacht. Sie tat da nur, wie alles sonst, nichts weiter als ihre Schuldigkeit; überraschend kam sie ihm unter allen bunten Wundern, die dort entstanden, nie. Hier in der Arbeitsstube seines Bruders geriet er in sie hinein wie in etwas ihm ganz Fremdes, und er hatte die Hand über die Augen zu legen und mit ihr, der Sonne, in Herrn Fabians Stube fertig zu werden, ehe er sich mit dem, was er in seiner verdrossenen Seele bei sich trug, an den Mitinhaber seines Familiennamens wenden konnte.

Mit der Sonne sind aber auch wir noch nicht fertig. Wie leuchtet sie über den großen Arbeitstisch des Attrappenonkels! Wie hatte sie ihre Freude an den Wänden und am Fußboden! Wie gab sie sich Mühe, überall zu sein, um nichts unbesehen zu lassen.

Und das letztere war wohl der Mühe wert. Was da unten in den Arbeitssälen aus den Menschenhänden und den Formen vielgestaltig, phantastisch oder naturgetreu, buntfarbig, glitzernd und schimmernd in unerschöpflicher Fülle hervorging und nachher hinaus in die Welt: hier war es vorher »Idee« gewesen, war im Traum gesehen worden, war aufgelesen in den Gassen und auf den Feldwegen zu jeder Tages- und Jahreszeit, war weggeschnappt aus Bildern, Bilderbüchern und Zeitungen, kurz, war überall da genommen worden, wo der Attrappenonkel, Herr Fabian Pelzmann, es als sein Eigentum erkannt hatte und auf der Stelle mit zwei zupackenden Händen zugesprungen war.

Jawohl, nicht ohne Grund hatte die Sonne, die große Künstlerin, zu jeglicher Jahreszeit lächelnd dem Kollegen zuzusehen und ihm so häufig als möglich ihren Besuch abzustatten. In der ganzen weiten Welt fand sie kaum noch einen zweiten Artifex in Worten, Tönen, Farben, Marmor oder – Zucker, der die alte einzige Künstlermaxime: ›Ich nehme das Meinige, wo ich es finde!‹ so wohl begriffen hatte und so unbefangen glückselig ihr nachlebte wie der Devisen- und Attrappenerfinder der berühmten Schokoladen- und Konfitürenfabrik Pelzmann und Kompanie, der – » ganz verrückte Narr«, Herr Fabian Pelzmann! – Hier konnte man wahrlich nicht sagen, daß der Bewohner dieses Raumes nur deshalb zusammentrug, um zu haben. Nein, was er auflas, das las er zum Gebrauch auf, und so waren alle Tische, Stühle, Bücher-, Fensterbretter, alle Winkel und Schränke seiner Modelle voll, und es fand sich in dem Wirrwarr kaum der notwendige Platz für ihn zum Niedersitzen, für einen Gast gar nicht.

Dessenungeachtet aber sagte er jetzt aufs freundlichste:

»Setze dich doch, lieber Bruder; es ist wirklich –«

»Die Frage wo? In den Napf mit nassem Gips, auf die Wachspuppen da, in den Kleistertopf, den Leimtiegel oder in die Farbentöpfe?« brummte der Junior des Geschäftes, sich umsehend. »Wie du dich in dieser Wirtschaft – halb Bosselwerkstatt, halb Rumpelkammer und ganz Kinderstube – wohlfühlen kannst, ist und bleibt mir unbegreiflich. Aber was hilft es, mit dir noch darüber zu reden! – Ich danke dir, Fabian.«

Herr Fabian Pelzmann hatte in eilfertigster, sozusagen furchtsamer Beflissenheit von dem nächsten Stuhl einen Turm von Glaskästen, die eine nicht ganz wohlkonservierte und vor einigen Tagen in einer Auktion erkaufte Käfersammlung enthielten, weggeräumt und ihn dem Bruder zugeschoben.

»Du erinnerst dich wohl noch unseres Schulgenossen Otto Rost, Sebastian?« sagte er beruhigend. »Der arme Kerl! Diese Kästen stammen allesamt aus der Zeit, wo er als Schulamtskandidat am hiesigen Gymnasium noch ganz wohl auf den Füßen war. Du weißt, ich lief mit ihm – sieh mal, diesen Cerambyx habe ich selber ihm ziemlich hoch von einem Eichenstamm herabgeholt! Nun ist er mittellos im vorigen Monat als Oberlehrer an der Schwindsucht gestorben, und ich habe die Sammlung wohl etwas teuer bezahlt, aber – ich hatte wirklich gerade einen Riesenbock, Cerambyx heros, für den Modelleur drunten nötig. Sehr häufig ist die Spezies nicht und auch nicht leicht zu erhaschen. Es war doch eine gute Zeit, als wir noch selber in die Bäume stiegen! Ganz vergeblich habe ich im vergangenen Sommer die jetzige Jugend nach diesem Langfühler abgesucht, und jetzt mitten im Winter – «

»Entschuldige, Fabian«, unterbrach ihn der jüngere Bruder, »erzähle mir dieses ein andermal. Ich habe augenblicklich wirklich keine Zeit für dergleichen Allotria dranzugeben. Willst du so gütig sein, mit dir einen kürzesten Moment über das uns Nächstliegende reden zu lassen, ohne sofort dabei in das Fernste abzuschweifen?«

Es war ein eigentümlicher Blick und eine gewissermaßen vornehme Handbewegung, mit denen der Attrappenonkel noch einmal einlud, sich zu setzen und zu reden.

»Man hat mir gesagt, daß du so ziemlich mit deinen Vorbereitungen zum Empfang unserer Nichte fertig seist. Ich habe es, um mich nicht auch noch über Nebensachen zu ärgern, bis jetzt vermieden, mich genauer danach zu erkundigen, worin diese Vorbereitungen bestehen. Was darüber mir zu Ohren gekommen ist, entspricht natürlich allen meinen Vorraussetzungen. Du siehst in diesem unbekannten jungen Mädchen, das uns beiden Junggesellen so unvermutet über den Hals geschickt wird, ein neues Spielzeug und nichts weiter. Ob wir aber wirklich imstande sind, unsere Rolle in dem Leben der jungen Dame durchzuführen, wie es jeder verständige Mensch erwarten müßte, davon ist bis jetzt nicht die Rede gewesen. Wir führten bis jetzt jeder für sich einen Haushalt, der auf irgendwelche vernunftgemäße Kindererziehung wahrhaftig nicht eingerichtet war. Daß wir dem Fräulein ein Dach zu bieten haben, ist klar. Aber was sonst noch? Du weißt, du bist deine Wege gegangen, ich die meinigen. Hältst du es nun für möglich, daß uns dies, wie gesagt, bis jetzt uns noch völlig unbekannte junge Geschöpf mit unseren Lebensanschauungen, Lebensstellungen, Grillen, Liebhabereien, kurz allem, was es an Verschiedenheiten zwischen uns gibt, plötzlich an ein und demselben Tische zusammenbringen und mit notdürftigster Behaglichkeit daran festhalten wird? Ich bezweifle das sehr.«

Herr Fabian Pelzmann nickte an dieser Stelle beistimmender als an irgendeiner anderen dieser sehr vernünftigen Ansprache; Herr Sebastian aber fuhr fort:

»Was würde also das Resultat sein? Im behaglichsten Falle ein ewiges Ärgernis, Auge um Auge, Teller gegen Teller, von der Suppe bis zum Käse. Und wir sind zu alt dazu, Bruder; und was mich betrifft, so habe ich’s mir mein Leben durch in unserem Geschäft zu sauer werden lassen, um nicht den Wunsch zu hegen, mir wenigstens den Rest meiner Verdauungskraft im passabeln Zustande zu erhalten.«

»Dazu bist du vollkommen berechtigt«, sagte Herr Fabian leise.

»Ich freue mich, daß du mir das ohne die gewöhnlichen Redensarten zugibst, und hoffe also auch, daß du dich in die unabweislichen Konsequenzen zu finden wissen wirst und, kurz und gut, jetzt, wo das Ding noch möglich ist, Vernunft annimmst, das heißt, die doch nun mal gegebenen Verhältnisse mitsprechen läßt. Ändern kann ich sie doch ja sowenig wie du selber.«

»Vollkommen richtig!« bestätigte Herr Fabian das letzte Wort.

»Gott sei Dank, daß du das einsiehst, und so läßt sich wohl alles auch jetzt noch zum besten und behaglichsten wenden. Auch andere vernünftige Leute denken ganz wie ich. Da habe ich gestern abend noch die Sache mit unserm Hausfreunde Baumsteiger durchgesprochen« – hier mußte der Attrappenonkel trotz allem ein wenig lächeln! – » und auch er, der Hofmedikus, war ganz meiner Meinung. Lieber Bruder, was wissen wir denn im Grunde von diesem Kinde, das man uns da so plötzlich auf den Hals ladet? Nichts weiter, als daß es höchstens vierzehn oder fünfzehn Jahre alt und, wenn nicht total verzogen, so doch sicherlich für unsere Verhältnisse nicht erzogen ist. Für die Vollendung seiner Erziehung zu sorgen würde also unbedingt unsere erste Aufgabe sein; wir beide aber sind sicherlich nicht die richtigen Pädagogen, um hier alle Verantwortlichkeit auf uns nehmen zu dürfen. Also kurz, mein guter Fabian, was sagst du zu dem trefflichen Institut der Madame Printemps? Ich habe mich genau danach erkundigt und nur das Beste darüber gehört. Die Pension ist zwar etwas teuer, allein das kommt gewiß nicht in Betracht. Lieber Bruder, was meinst du, wenn wir das Kind unseres Bruders – fürs erste wenigstens, sagen wir auf einige Jahre – dieser vortrefflichen Madame Printemps überweisen würden?! – Fürs erste, lieber Bruder! Guck, hier habe ich dir auch den Prospekt der Dame mitgebracht. Sieh ihn durch und gestehe selber, daß unsere Nichte nirgends besser aufgehoben sein kann als unter einer Obhut, die, wie ich als gewiß annehmen darf, alles hält, was sie hier verspricht.«

Wie die Sonne lachte über das kuriose Arbeitsmaterial des Attrappenonkels! Wie sie ihre Lust an ihm selber hatte! wie sie ihm einen vergnüglichen Schein über den grauen, etwas ungekämmten Schädel warf, wie sie ihm den kakaofarbenen Rücken ganz zärtlich streichelte!

Bei ihren Besuchen in der Fadengasse hatte sie diesen Herrn Fabian schon in allerlei Stimmungen beobachtet und kannte sein Gesicht ziemlich genau, aber hier war es doch noch einmal in einer anderen Fasson, und keine Attrappe, die je dem Geschäft Pelzmann und Kompanie Ehre erworben, Geld eingebracht und nachher der Welt Vergnügen gemacht hatte, kam ihm gleich, sowohl der Form wie dem Inhalt nach, und es war nur schade, daß der Attrappenonkel sich nicht selber sehen und bei seiner nächsten Erfindung als Modell benutzen konnte in Zucker, Schokolade und Papiermaché.

Dafür aber betrachtete ihn sich sein Bruder Sebastian, immer noch mit dem eleganten Prospekt des ersten Erziehungsinstitutes der Stadt für junge Damen aus den besten Ständen in der Hand, auf das genaueste, scheiterte vollständig mit seinem »vernünftigen Vorschlage« an dieser etwas herunterhängenden Unterlippe, dieser beinahe zu gutmütigen Nase und den etwas kurzsichtigen Augen, zerknitterte ingrimmig das zierliche Meisterstück der Druckerkunst und Lithographie, warf es zu den Devisen des »nominellen« Mitinhabers seiner Firma und schnarrte:

»Du bist nicht meiner Meinung?«

»Nein!« seufzte Herr Fabian Pelzmann. »Das ist mir unmöglich, und ich kann nicht einmal sagen ›leider‹!«

»Überlege es dir. Ich habe dir eben einen letzten, wohlmeinenden Vorschlag gemacht. Lehnst du ihn wiederum ab, um einer sentimentale Grille wegen meine und deine gewohnte Ruhe und meine wahrhaftig nicht leicht erkaufte Behaglichkeit zu opfern, so sage ich dir kurzweg, daß ich dir von diesem Augenblicke an auch in dieser Beziehung alle meine Verantwortlichkeit für alles Fernere allein überlasse.«

»Die heimatlose Tochter unseres Bruders muß unter diesem Dache ein Unterkommen finden«, sagte Herr Fabian sanft. »Ich weiß nicht, was du unter meiner Ruhe und Behaglichkeit verstehst; aber – Bruder, Bruder, wenn du es wirklich so willst, brauchen wir dich ja gar nicht in der deinigen zu stören! – Ich bitte dich, überlege es dir selber noch einmal! Du machst wahrhaftig keine Ansprüche auf das Kind?«

»Nein!« rief der jüngere Chef des großen Süßigkeitshauses. »Nein und abermals nein!«

»Du bist immer ein guter Rechner gewesen, ein viel besserer als ich; aber solltest du nicht in dem Verhältnis zwischen unserem armen Bruder und dir vielleicht ein zu guter gewesen sein? Oh, überlege es, Sebastian! So weit und hart und scharf trägst du die – die – Mißstimmung, die leider Gottes von frühester Jugend an zwischen euch herrschte, in den heutigen Tag und in die vollständig veränderten Verhältnisse hinein?«

»Ich bin zu alt, um anderer Leute Kinder zu erziehen, und – da wir denn einmal wieder auf dem Standpunkt der gegenseitigen Offenherzigkeit angelangt sind – halte auch dich für absolut unfähig dazu.«

Herr Fabian Pelzmann erwiderte darauf nichts. Er stützte seitwärts den Arm auf seinen wunderlichen Arbeitstisch und legte die Stirn in die Hand.

Ob er bei sich überlegte, was er auf das böse Wort antworten könnte; ob er sich fragte, ob der kluge Bruder wirklich recht mit seiner so wenig schmeichelhaften Bemerkung habe; ob er ihm in der Tiefe seiner Seele wirklich recht geben mußte –, wissen wir nicht. Aber das wissen wir, daß, als er wieder auf und dem Herrn Sebastian voll aus seinen kurzsichtigen, aber glänzenden runden Augen ins Gesicht sah, diesem letzteren nichts weiter übrig blieb, als möglichst schnell Abschied zu nehmen, um sich nicht auch noch körperlich, wenn auch nicht an dem Attrappenonkel, so doch an irgendeinem Gegenstande aus der Umgebung desselben zu vergreifen.

Er stieß den Stuhl, von welchem Herr Fabian seinetwegen die Käfersammlung des verstorbenen Schulgenossen so freundlich-eilfertig weggeräumt hatte, mit dem Fuße zurück, und es war ein Wunder, daß der Türgriff nicht in seiner Hand blieb, als er sich jetzt für alle Zeit zum letzten Mal in dieser Tür zurückwendete und rief:

»So bleibt es denn dabei! Du tust, was du willst, aber fragst mich nicht demnächst doch außer in geschäftlichen Angelegenheiten um meine Meinung oder verläßt dich gar irgendwie auf meine Beihülfe und meinen Rat. Du hast dir wieder einmal auf dein eigen Konto ein neues Spielzeug verschrieben, und ich wünsche dir viel Pläsier dazu, oder wie die Redensart sonst heißt. Guten Morgen!«

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