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Fabian und Sebastian

Wilhelm Raabe: Fabian und Sebastian - Kapitel 20
Quellenangabe
typenarrative
authorRaabe
titleFabian und Sebastian
senderanitagerber@gmx.de
created20050430
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Zwanzigstes Kapitel

In keinem andern Jahre, dessen sich die ältesten Leute in der Firma Pelzmann und Kompanie zu erinnern vermochten, hatte die berühmte Süßigkeiten- und Christfestwunderfabrik so brillante Geschäfte gemacht wie in diesem und in dieser jetzt dem Christfest zulaufenden Zeit. Nie hatte es alle deutschen und ausländischen Konkurrenten so leicht und so glorreich durch Originalität und überraschende Neuheit seiner Mustererzeugnisse auf den Märkten geschlagen wie diesmal. Noch nie, solange die eigentlichen Kontoristen, die Buchhalter und Kassierer usw., den Attrappenonkel über die Schulter angesehen hatten, waren ihm in seinem »Departement« die Ideen so unerschöpflich zugeströmt wie im Laufe dieses Novembers, und auch was die übrigen Departements anbetraf, so ging es merkwürdigerweise viel besser mit dem jetzt wirklichen Prinzipal, als man es sich gedacht haben konnte.

Es wurde in den Schreibstuben kaum ein Tropfen Dinte weniger lukrativ als sonst für die Firma verschrieben, und Knövenagel konnte, grinsend in seinem verächtlichen Behagen, knurren:

»Ich will natürlich gar nichts hierüber gesagt haben, denn was hülfe es mir auch in einer solchen miserablen Welt wie dieser, wenn ich zehntausendmal gesagt hätte, was ich gesagt habe? Na übrigens, nun mal mit der Hand auf dem Herzen, wie ist es Ihnen denn nun, meine Herren? Aha, was? Nicht wahr, mein Gevatter Erdener da in Sankt Jürgen und der es als Schafmeister wissen mußte, hatte ganz recht, wenn er bemerkte: ›Wenn’s Grummet von den Wiesen ist, kommt erst das Rindvieh drauf, aber die Schafe nicht eher, als bis es gefroren hat‹? Na, der Himmel segne mir und Ihnen diesen endlichen Frost, meine Herren, behüte uns aber in Gnaden vor allem fernern Umsichgreifen der Drehkrankheit, meine Herren.«

Etwas dunkel wie gewöhnlich war diese Insinuation, jedoch deutlich genug, um den Murrkopf zu bewegen, etwas rascher als sonst die Tür zwischen sich und seinen Hörern zu schließen. Vor der Tür gab er noch einmal seine auf seine Weise unterdrückten Gefühle durch einen kopfschüttelnd an aller Gerechtigkeit für sich verzweifelnden Blick aufwärts kund, und nun bringen auch wir so rasch als möglich wieder eine Wand zwischen uns und ihn.

Wir könnten es aus den Büchern beweisen, daß die Fabrikate von Pelzmann und Kompanie heuer zu einigen tausend Weihnachtsbäumen mehr als sonst gingen; allein wozu? Niemand, das heißt von den Hauptpersonen bei der Feier unter all den lichterbesteckten, in Gold- und Silberschaum flimmernden Tannen, bekümmerte sich im geringsten darum, wo die guten Dinge herkamen, sondern jedermann hielt sich daran, daß sie gottlob dawaren, und wir – wir haben nie die Absicht gehabt, die Kinder mit den Privatschicksalen der Firma Pelzmann und Kompanie zu behelligen.

Wir haben aber leider auch keine Liebesgeschichte für die jüngeren Leute von allen Altern und beiden Geschlechtern hier aufzuschreiben. Wir haben keinen angenehmen, hübschen und liebenswürdigen jungen Menschen bis jetzt für Fräulein Konstanze Pelzmann in petto, obgleich sie in der Stadt seit dem Frühjahr eines der schönsten und liebenswürdigsten jungen Mädchen war und nun auch eines der reichsten in den Kauf geworden ist. Daß sie später einmal einen wirklich guten Mann kriegt, einen, der sie nicht ihres Geldes halber, sondern ihrer selbst und des Attrappenonkels wegen nimmt, können wir augenblicklich nur hoffen. Augenblicklich sitzt sie immer noch als unser Märchen-, Gold- und Sonnenkind in der Fadengasse am Fenster und guckt still und beklommen in den wunderlichen deutschen Novembermorgen und von Zeit zu Zeit nach dem Zifferblatt am Sankt Michelsturm drüben über den Dächern.

Da saß sie, in dem europäischen Bilderbuch, welches ihr das Schicksal in diesem Jahr zugeschoben hatte, mit banger Hand blätternd. Für eine reiche Erbin, wie die Welt sich dieselben vorzustellen pflegt, machte sie augenblicklich noch nicht das richtige Gesichtchen. Wohl hatte sie jetzt alle Wohngemächer in dem Hause oder den Häusern ihrer Verwandtschaft zu ihrer Verfügung, aber es fröstelte sie nur noch mehr, wenn sie an die glänzenden Räume der Hochstraße zu nur dachte. Noch waren daselbst alle Vorhänge der in das bunte Treiben der Stadt sehenden Fenster niedergelassen, und alle die Zimmer, die der arme Onkel Sebastian bewohnt hatte, waren so kalt, als ob er selbst noch kalt drin läge und seine Temperatur der ganzen Umgebung mitteile.

Der Onkel Fabian hatte jetzt fast zu viel zu tun. Er mußte zu oft und zu lange abwesend sein, innerhalb und außerhalb des Geschäftes. Sie hatten es beide schlimm. Der Alte und das Kind, und große Sehnsucht nach ihrem früheren Zusammenhocken unter Knövenagels und der Frau Kettner Oberaufsicht; aber das Kind hatte es im Grunde doch am schlimmsten, denn es kam am Ende alles über ihr zusammen: Schicksale des Hauses, töricht Geschwätz um sie her, Vereinsamung und – nicht zum geringsten Teil das Wetter der Jahreszeit. So war es denn kein Wunder, daß es sich mehr und mehr um ihr alles doch nur zur Hälfte begreifendes, landfremdes Herzchen zusammenzog und sie nur allzu häufig dem Weinen sehr nahe war, des Heimwehs wegen – des Heimwehs nach der Sonne ihrer Geburtsinsel!

Dieser graue Himmel hing doch auch zu lange über dieser Stadt, diesem Lande und den Menschen darin. Wie lange war es nun schon, seit jedes Licht für immer am Himmel über den Dächern und über den kahlen Bäumen und frierenden Gesträuchen draußen ausgelöscht zu sein schien? Die Wochen ließen sich beinahe nicht mehr an den zehn armen, kalten Fingerchen abzählen.

Jedesmal, wenn sie den Blick aus des Onkel Fabians warmen, bunten Reiche hinausgeschickt hatte, mußte sie sich dichter zusammenkauern. Am liebsten außerhalb ihres eigenen Stübchens hielt sie sich in Abwesenheit ihres treuen, alten Beschützers in den Fabrikräumen auf und fand daselbst einen gewissen phantastischen Trost in all den bunten Farben und Figuren, die hier nach des Attrappenonkels genialen Erfindungen tausendfach entstanden und in ununterbrochener Folge in jene öde, regennasse, graue europäische Welt hinausging. Für die Leute in den Arbeitssälen aber war es gleichfalls ein Trost, daß sie es jetzt war, die dann und wann so plötzlich hinter ihnen stand und ihnen über die Schulter sah, und nicht mehr der selige Herr Sebastian Pelzmann. Und ganz andere Gespräche wurden hinter ihrem Rücken bei der bunten Arbeit geführt als vordem über den gefürchteten Ersten Prinzipal, wenn auch jüngeren Chef der Firma Pelzmann und Kompanie.

Dann und wann kam ihr jedoch ein Wörtlein davon zu Ohren; aber leider vernahm sie dann nicht nur ihr Lob, sondern auch manches, was ihr bedrücktes Herz nicht leichter machen konnte. Der Name ihres greisen Freundes von der sonnigen Schielauer Heide war dann immer dabei und der ihres Onkels Fabian auch und noch ein anderer, der stets leiser als sonst etwas in der Unterhaltung an den Arbeitstischen geflüstert wurde.

Tag für Tag ging der Attrappenonkel nach Sankt Georgen hinaus und kam stets betrübter und schweigsamer zurück; und wenn dann das Kind sich an ihn schmiegte und ihn fragte, wie es heute dem Baas Thomas und der »armen Kranken« gehe, so konnte Herr Fabian Pelzmann nur den Kopf schütteln und seufzen: »Nicht gut, mein Herz.«

Ganz das Gegenteil freilich behauptete Knövenagel, der auch tagtäglich mehr als einmal den Weg zwischen der Fadengasse und der Vorstadt von Sankt Georg zurückzulegen hatte und jedesmal auch zurückkam, aber bissiger als betrübter, und schweigsamer jedenfalls nicht mehr als sonst.

»Ganz gut geht es, Fräulein. Ich wüßte wahrhaftig nicht, wie es da besser gehen könnte. Ja, unser Herr Fabian, unser Herr Prinzipal! Wenn er ihnen das Gegenteil behauptet, Fräulein, so ist das nur so seine gewohnte Art, sich an den allerbesten Anschlägen, welche die Mutter Natur und die göttliche Vorsehung gegen ihn haben mögen, mit der Nase in den Lüften vorbeizudrücken, gradezu auf das Trübsalsloch im Erdboden zu, in welches er sich partout legen – will! Melancholie, Hindrucksen, Wehmut und der Prophet Jeremias sind nun einmal sein Hauptfach – natürlich und alles nur, um ihn zu seinen Künsten fürs Geschäft besser zu befähigen, wie die Herren drunten im Kontor und im Formensaale meinen. Verlassen Sie sich auf mich, Fräulein Konstanze, ein besseres Ende als wie jetzt kann es gar nicht nehmen in Sankt Jürgen.«

Und dann kam wieder ein Wort, welches das Kind drunten beim Überschreiten eines der Höfe auffing. Zwischen ein paar der älteren Arbeitsfrauen wurde es geflüstert:

»Ja, wissen Sie noch, Base! Damals wollte Sie es keiner von uns glauben, daß es so ausgehen werde. So ein Ding! und man hatte doch auch damals nur seine sechzehn Jahre und konnte sich sehen lassen, ohne die Leute sich graulen zu machen. Es geht zu Ende, die Krauklingen hat’s mir zur Arbeit gebracht, und die wohnt ja nebenan. Da kann man doch nicht genug auf seine Kinder passen. Der Alte soll ganz weg sein; aber unser Herr – ich meine unsern jetzigen wirklichen Herrn, der soll den Bruder für den einen und den Vater für die andere und den holdseligen Engel vom Himmel für beide spielen. Der liebe Gott bewahre einen aber bei Bibel und Gesangbuch, vorzüglich auch mit ’nem halbwachsenen Mädchen zu Hause; so’n Leben und Sterben ist doch zu wohlfeil gegeben für das kurze Pläsier.«

»Stille doch! da geht ja unser Fräulein – Guten Morgen, Fräulein; – ach, Sie sollten doch bei so schlechter Witterung sich lieber nicht in die Nässe und den Schmutz herunterlassen. Was wird da unser lieber Herr Onkel sagen, liebes Fräulein! Der wird doch gewiß schelten, wenn er nach Hause kommt.«

Der Attrappenonkel Herr Fabian schalt über nichts, als er durch den grauen, nebligen Tag wieder nach Hause kam. Er hatte sich dazu ein allzu schweres Gewicht von der Hinterlassenschaft des Herrn Sebastian als sein Erbschaftsteil heimgeholt. Sie hätten ihm heute in seines seligen Bruders Schreibstube mit der Nachricht von dem vollständigen Bankerott der alten berühmten Firma entgegenstürzen können, und es würde wahrscheinlich nur einen sehr mäßigen, wenn nicht gar erleichternden Eindruck auf ihn gemacht haben. Er erreichte aber das große Haus nicht von der Hochstraße her; er schlüpfte wieder von der Fadengasse in es hinein und stieg schwerfälliger, keuchender, müder denn je die dunkle Treppe zu seiner langjährigen Wohnung empor.

Als ihm das Kind wie gewöhnlich mit offenen Armen entgegeneilte, erschrak es heftig und rief:

»Oh, Onkel, lieber Onkel, was ist geschehen?«

Er zog seine Nichte an sich, aber er küßte sie nicht, sondern hielt sie nur fest in seinem Arm, während er an seinem Arbeitstische gebrochen sich niedersetzte. Er sprach zu ihr und doch auch wieder wie ins Weite, Leere hinein:

»Sie sagen alle, es sei ein Glück, daß es so gekommen sei. Der eigene Vater sagt das! – Es mag ja sein. Es ist ja wohl so – Ach, Herz, das waren schlimme Tage! böse Tage und Nächte! – Wie hübsch still das hier ist! – Auch dort ist es nun still geworden – Gott sei Dank! Sie sagen dies ja alle, auch Baumsteiger sagte es; und nun, mein Kind, sind wir denn wohl allein mit uns in dem Hause Pelzmann und Kompanie, und dies Singen und Summen hier in meinem Gehirn wird sich ja auch wohl wieder allmählich geben.«

»Oh, hätte ich mich doch nicht so sehr vor dem Wege in der Nacht durch diese weite Stadt gefürchtet!« schluchzte Konstanze Pelzmann. »Wäre es dir gewiß nicht recht gewesen, wenn ich auch dorthin zu dir in dieser letzten Nacht gekommen wäre?«

»Zu mir! Mir zu Hülfe!« murmelte Herr Fabian. »Aber in – jener Nacht hörtest du noch einen andern Ruf und gingest ihm nach. In dieser Nacht hat dich niemand in deiner Seele gerufen?!«

Ich weiß ja von nichts. Ich habe nur wieder wach auf meinem Bette gesessen und großes Mitleid mit dem Baas Erdener gehabt.«

»Er hat auch nach dir gefragt«, sagte der Attrappenonkel so beizu, sich wiederum tiefer in eigener Rechnung in das Nachkosten der letzten bitteren Stunden Marianne Erdeners seit Mitternacht verlierend. –

Grau und immer grauer! Und dazu wieder allein! Hofmedikus Baumsteiger war vorgestern und gestern dagewesen, hatte in seiner gewohnten Weise seinem »exotischen Liebchen«, seinem »indischen Mamsellchen«, seiner »deutsch-holländischen Lotosblume« den Puls gefühlt und gemeint:

»Ich halte es wirklich besser, Mejuffer, daß du dich bei der gegenwärtigen ortsgemäßen, schändlichen meteorologischen Niedertracht wie bisher ruhig im Neste hältst und wenigstens bis zum nächsten Witterungsumschlag, wenn auch ins noch Scheußlichere, dein Bedürfnis an Europiens Kulturluft auf ein Minimum beschränkst. Der Dreck vor Weihnachten ist ja sowieso vor der Tür. Gegen den ersten Schnee und, noch besser, einen ordentlichen, klaren, steifen Winterfrost habe ich viel weniger für dich einzuwenden, mon coeur. Also, bitte freundlichst, halte mir zuliebe dein tropisch Näschen hübsch drinnen. Verlierst wahrhaftig nichts bei den Geschäften, die wir – andern momentan da draußen noch vor der Hand haben. Siehst du, der Attrappenonkel macht auch ganz das zu meinem väterlichen Rat für meine Tochter passende Gesicht – halb Schokolade, halb Wurmkuchen. Na, Knövenagel, alles ordentlich besorgt?«

»Nicht tot zu kriegen, der Pumpfünäber, Herr Hofmedikus«, sprach der feucht aus den Gassen kommende Famulus des Herrn Fabian. »Für jedwede Bestellung stets auf dem Ki-wiwe und für jeden Auftrag herzlich gern gefällig, Herr Prinzipal, Herr Pelzmann. Nichts tot zu kriegen, auch mein Gevatter nicht. Er will auch das alleine besorgen und dankt für jede sonstige Beihülfe. Wirklich, alles schon hübsch ordentlich und einfach in Ordnung, meine Herren.«

Grauer und immer grauer das Gewölk über der Stadt und dabei, wie gesagt, wieder allein gelassen und auf den Blick über die schwarzen, verrauchten, nassen Dächer der Fadengasse und die Unterhaltung der Frau Kettner beschränkt!«

»Geduld, mein Kind«, hatte um neun Uhr an diesem Morgen der Onkel Fabian, wiederum seinen Hut mit dem Trauerflor für den Onkel Sebastian ergreifend, gesagt. »Nun mag es ja wohl doch einmal wieder still um uns werden; und dann wollen wir beide gewiß nichts tun, um das Echo dieser lärmvollen Welt von neuem um uns aufzuwecken. Nur noch ein paar Stunden Geduld, mein Herz; wir bleiben dann wieder zusammen – wie früher.«

Der Attrappenonkel sprach das letzte Wort ein wenig zögernd und nicht ohne seine Gründe. Auch das, was er über das Beieinanderbleiben gesagt hatte, kam ihm, als er die Treppe hinunterstieg, als eine höchst unvorsichtige, mißliche, verwegen das Schicksal herausfordernde »Beschreiung« zukünftigen, noch möglichen Behagens vor, und fast wäre er umgekehrt, um noch einmal den Kopf in das Stübchen seiner Nichte zu stecken und ein Absit omen in germanischer Fassung hineinzuflüstern. Daß er es dann doch unterließ, hatte viel weniger seinen Grund in dem Vertrauen auf den nicht zwinkernden Blick der Götter wie in seiner geistigen Abspannung und körperlichen Müdigkeit. Er war eben schon zu weit die steile Treppe hinunter, und so nahm er auf dem nächsten Halteplatz eine Droschke und fuhr seufzend und fröstelnd nach Sankt Georgen. – –

Mit der Unterhaltungsgabe der Frau Kettner hatte es nicht viel auf sich; und Knövenagel, das Konversationsgenie, hatte bereits mit Tagesanbruch das Haus verlassen, um »nolens volens für den alten querköpfigen Schielauer Unglücksmenschen draußen bei der Hand zu sein, wie sich’s konvenierte«. Grau und trübe und augenblicklich wirklich fast zu still für das Kind draußen und drinnen! Freilich, daß die gute Madam Kettner bald durch ihre Haushaltsgeschäfte abgerufen wurde, war trotz allem doch eine Erleichterung.

Die Hände über dem Knie zusammengelegt, saß das Fräulein am Fenster und sah nach den schweren Wolken, die sich über die Dächer wälzten, und nach den schwarzen Vögeln, die den Sankt-Michels-Turm umflatterten und dann und wann herniederschossen und auf einem höhern Dachfirste in langer Reihe nebeneinander saßen. Es waren gar gute Bekannte des Attrappenonkels, diese Krähen von Sankt Michel. Er hatte sie in seinen Künsten sehr häufig drollig genug verwendet und auch sehr bald seine Nichte in ihre gesellschaftlichen und individuellen Gewohnheiten und Gepflogenheiten eingeweiht, und wäre er jetzt zugegen gewesen, so würde er sicherlich bemerkt haben:

»Kind, guck nur mal! da muß heute morgen etwas außergewöhnlich Interessantes in der Luft sein. Ich bitte dich, guck nur mal hin! Wenn sie so miteinander diskurrieren und derartig den Kopf auf die Schulter legen, ist unbedingt was los, und die Konsuln sind sicherlich aufgefordert worden, ja recht hübsch aufzupassen, auf daß der Republik kein Schaden geschehe.«

Letztere antik-politische Redensart hätte dann jedenfalls noch aus seinem Umgange mit seinem weiland philologischen, naturforschenden Jugendfreunde, Oberlehrer Doktor Rost, hergestammt. –

Nun aber trat etwas ein, was immer noch wie von oben herkommt, wenn einem jungen Kinde mit seinen Schmerzen, seinem Verdruß oder seinem Kummer ein Blick ins Freie und Weite der Natur, und wenn auch nur aus einem Dachfenster über die Dächer und auf einen aufgeregten Krähenschwarm, offen gelassen wurde: Die lustigen schwarzen Vögel lösten der jungen Dame mehr und mehr den Sinn ab von der drückenden Schwere der gegenwärtigen Stunde.

Sie erhob sich und stand am Fenster und begleitete in ihren Gedanken zwar immer noch den Onkel Fabian nach Sankt Georgen, allein es mischte sich doch auch etwas anderes ein, was sie freier atmen ließ und das Zucken um ihren Mund verwischte. Es waren ja schon gute Bekannte aus dem Frühjahr und von den Schielauer Feldern und Wiesen her, die Krähen von Sankt Michel nämlich! Fräulein Kostanze Pelzmann hatte schon damals genauere Nachrichten über sie bei dem Schäfer Thomas Erdener eingeholt; und nach den Wiesen und Feldern von Schielau führte auch jetzt der muntere Schwarm das Kind zurück. Es atmete plötzlich wieder eine Luft, die nicht mehr die der Fadengasse war, sondern weit, weit her, über Meer und Berge und Dorfkirchtürme, nickende Saaten und roten Mohn, über gelbe Butterblumen, Thymian und – wie der alte, gute Freund, der Herr Amtmann Peter Rümpler von Schielau, gesagt haben würde – einen gottgesegneten, ungezählten Reichtum von andern verblümten Futterkräutern herfloß. Und in diesem Einatmen der süßen Luft der freien Landschaft fühlte das Kind es zum zweiten Mal, daß es, ungerufen von den verständigen Leuten um sich her, doch zu ihnen gehen müsse in ihrer Not. – –

Es geschah fast ganz wie in jener Sterbenacht des Onkels Sebastian. Daß es am Tage war und gegen Mittag ging, kam gar nicht in Betracht.

»Ich weiß nicht, was ich ihm sagen werde, aber schelten wird er mich doch nicht«, flüsterte sie. »Ich werde mich auch recht warm anziehen, des Herrn Hofmedikus wegen, und den Weg werde ich auch finden.«

Schon hatte sie, wieder auf den Zehen, ihr Pelzwerk und ihre Sammetkapuze zusammengesucht. Auf den Zehen entschlüpfte sie dem Bereich und dem Nachrufen der Frau Kettner, glitt die Treppe hinab und – nun stand sie draußen unter dem trübwolkigen Himmel der Fadengasse; und wie sie fröstelnd und zusammenschreckend in jener Nacht in dem Korridor, der aus dem Hinterhaus zu dem Vorderhaus führt, einen Augenblick gezaudert hatte, den Fuß weiterzusetzen, so tat sie’s unwillkürlich auch diesmal im ersten Anhauch der nordischen feuchtkalten Novemberluft. Aber nur einen Augenblick.

Es war unbedingt etwas los in der Luft, und jetzt hatte ebenso sicher der vergnügte schwarze, krächzende, kreischende, im Kreis sich schwingende Schwarm ihrer geflügelten Freunde von Sankt Michel heraus, was da sich begeben sollte. Wieder erhob sich die lustige Schar von den Dächern, stieg hoch auf, überschlug und drehte sich nochmals im Kreise und fuhr dann davon durch die Lüfte, so unvermutet, daß die plötzlich eintretende Stille wie eine gut vorbereitete Überraschung wirkte und der Attrappenonkel nimmer die Sache besser gemacht hätte mit seinem Talent, die Leute zu überraschen.

Fräulein Konstanze zog die Hand aus dem Pelzmuff und hob sie rasch, wie wenn man einen zu eiligen Freund für ein letztes Wort zurückhalten will.

»Oh! – Ich wollte, sie flögen nun nach Schielau!« sagte sie weinerlich, um dann, durch kein Bedenken und Nachdenken mehr aufgehalten, in eigener Mission weiterzutrippeln.

Wer war der ältliche, breitschultrige Herr mit dem dickwolligen, umfangreichen Winterüberzieher, dem dicken Schal um den Hals, dem blaurötlich angehauchten Gesicht und den etwas feuchtflimmernden Äuglein, der sie dann zehn Minuten später auf dem jetzt so kahlen und verödeten Blumenmarkt stehend und im grenzenlosesten Staunen gen Himmel schauend fand?

Der Amtmann Peter aus Schielau war’s, der wieder mal im Café Zusi in seiner gewohnten Ecke und im Kreise seiner städtischen oder auch vom Lande heute reingekommenen guten Bekanntschaft seinen »Ewigen Verlust und häuslichen Kummerstand« glücklicherweise nicht ohne Erfolg auf ’nen Moment unterzupflügen getrachtet hatte und einen merkwürdigen Duftkreis von Tabaksdampf, Portweindünsten nebst einem ausgesprochenen Fisch-Seegeruch, nämlich von Lachs und Austern, ins Freie mit sich brachte.

»Weiß Gott, das Mädchen!« rief er. »Und was hat es? Was guckt es, das Mädchen? – Sieh dich noch mal um auf Erden, Kind; noch sind wir ja wohl auch noch da. Was passiert denn eigentlich da oben bei dir zu Hause so Merkwürdiges?«

»Oh!« rief Konstanze Pelzmann. »Ach Gott, Sie sind es, Onkel Rümpler! – Oh, sehen Sie doch nur! Sehen Sie! Was ist das? was ist das?«

Sie hatte, nachdem sie sich von dem ersten Zusammenfahren ob des unvermuteten Anrufs erholt hatte, den Arm des alten Herrn gefaßt und deutete staunend, ein wenig ängstlich, aber doch voll Lust an dem unerklärlichen Mirakel aufwärts und öffnete halb scheu, halb vorwitzig die ausgestreckte Hand, um ein Teilchen von dem weißen, flatternden, tanzenden, zierlichen Luftspiel aufzufangen.

»O sieh – oh, was ist’s? Oh, wie ist das wunderbar!«

»Ja, was denn? – I richtig! Da ist er wirklich und zwar ganz zu seiner Zeit. Na, und soweit ich von hier aus das Gewölke taxieren kann, kommt es ihm diesmal zum guten Anfang möglicherweise auf ein paar Sack voll mehr nicht an. Na, meinetwegen!«

»Oh!« rief Fräulein Konstanze Pelzmann, jetzt mit beiden Händen den Arme des Amtmanns umklammernd; und Peter Rümpler von Schielau, jetzt zuerst genauer in das aufgeregte Gesichtchen seiner kleinen Freundin sehend, hätte nunmehr beinahe, in der vollen Erkenntnis der Sachlage, seine breiten Tatzen auf die Knie geschlagen, um in der einzig dem Fall angemessenen Positur seinen Gefühlen Lust zu machen.

»Ach Herrje, es ist ja richtig, richtig! Sie kennt ihn ja noch gar nicht! – Ja, wahrhaftig, woher sollte sie denn? – Schnee ist es, Kind! Frau Holle ist’s, welche die Betten schüttelt! Hat dir denn keiner wenigstens davon erzählt bei dir zu Hause? Deutscher Schnee! Der erste deutsche Winterschnee! – Herz, Herzchen, es ist nichts weiter als der erste Schnee, aber – ach, dies wäre auch wieder was für sie gewesen! Ach, wenn ein Mensch hierbei hätte zugegen sein müssen, so wäre das deine arme selige Tante Therese gewesen! Jaja, mein Herz; der erste Schnee ist es und freilich von uns hierzulande ein recht guter alter Bekannter.«

»Oh, wie merkwürdig und wunderlich und wundervoll!« rief das Kind aus dem Sonnenlande, und dann fügte es als seine unerschütterliche fernere, dem Ereignis entfließende Überzeugung bei:

»Wo mein Onkel Fabian jetzt ist, denkt er an mich.«

Dazu war der Attrappenonkel in der Tat imstande. Wir dürfen ihn dreist im Verdachte haben und haben es auch wohl schon leise erwähnt, daß er sich schon den ganzen Sommer durch darauf gespitzt hatte, persönlich diesen Schnee seiner Nichte vorzustellen.

Es wurde dem Amtmann nicht leicht, eine weitere Erkundigung nach dem Attrappenonkel in das fortdauernde, ja noch immer steigende Erstaunen der jungen Dame einzuschieben. Aus dem anfänglichen Niederflirren vereinzelter Flocken wurde ja allgemach ein vollständig lustig Gestöber, und es war wirklich fürs erste nicht von dem Kinde zu verlangen, daß es alle seine Gedanken in logischer Folge beieinander behalte. Nur bruchstückweise bekam der Alte das Nötige heraus.

»Also wir gehen desselbigen Weges? – Jawohl, es schneit fidel für den ersten Anfang! – Freilich, gar kein übel Wetter für einen Begräbnistag! – Natürlich in Sankt Jürgen steckt er seit dem Morgenkaffee. Und dich hatten sie ganz verständigerweise bei dem Trübsal nicht zugegen haben wollen? – Sieh es dir nur genau an, – lauter Sterne und Blumen sind es unter dem Vergrößerungsglase, und wirklich ganz niedlich. Möchte selber das Mirakel heute morgen zum erstenmal kennenlernen! – Nach Sankt Jürgen wollte ich eben auch hinaus, um mit den Leuten Vernunft zu reden. – Halten kannst du’s heute noch nicht, Kind; – das schmilzt und wird zu Wasser, wie es dir auf den Ärmel oder die Nase fällt! – Jaja, so ist auch dies Elend vor der Hand abgetan, und so geht alles vorbei auf dieser Erde, Pflügen und Düngen, Säen und Ernten, Regen, Sonnenschein, dieser jetzige Schnee und wir Menschen auch. Es ist kein Aufhören dabei, und denke ich nur noch ein bißchen länger daran, wird mir sicher grade so schwindlig wie dir, wenn du nur noch ein paar Minuten länger in das Gewirbel und Gewimmel aufwärts guckst. Also komm nur, mein Schäfchen, das Pläsier und himmlische Zauberkunststück geht mit uns, und dieser Gemüsemarkt hier hat kein Abonnement allein drauf genommen.«

Wirklich schon halb betäubt durch die fremde, kalte Luft und schwindelnd unter dem Eindruck des großen unbekannten Naturwunders, hing sich das junge Mädchen an den Arm des standfesten, gutmütigen, kindlichen Freundes und ließ sich gern und willig durch die Stadt und den ersten Schneefall des Winters weiterführen. Wir aber, wir haben schon vor mehr als einem Vierteljahrhundert, als wir unsere erste Geschichte den Leuten in die Hand gaben, es ihnen und uns beschrieben, welch ein ander Gesicht diese nordische Welt annimmt, wenn der erste Schnee herunterkommt. Nun sind wir aber diesmal nicht am Anfange einer Geschichte, sondern am Schluß einer solchen und können wahrlich ein ander Gesicht der Welt in diesem Falle noch viel besser brauchen als im andern, und sie macht es uns – dem Himmel sei Dank!

Es war in dieser Beziehung gut, daß der Amtmann und das Fräulein auf dem leeren Blumenmarkt zusammengetroffen waren: nichts in den Gassen der Stadt hatte in dem weißen, wirbelnden Schleiertanz sein früher Aussehen behalten, und nimmer würde Konstanze Pelzmann ohne ihren jetzigen Begleiter den Weg nach Sankt Georgen gefunden haben. Häuser und Türme, Bäume und Brunnen – alle Merkmale und Wahrzeichen, woran man sonst wohl sich zurechtfinden konnte, waren, wie von einer Zauberrute berührt, etwas anders geworden. Und nun gar die Menschen, die man vielleicht um ihren Rat und Beistand in dem sinnverwirrenden Ringen mit der großen, großen Verzauberung hätte angehen können! Nicht ein einziger von ihnen sah aus, als ob er dazu imstande sei, jetzt den Weg zu wissen, und Madame Printemps, die’s gewesen wäre, wenn Sankt Jürgen nicht all zu tief unter ihr gelegen hätte, befand sich leider nicht in den Gassen, sondern bemerkte eben in ihrer Klasse:

»Mesdemoiselles, ich bitte dringend, sich nicht durch das Phénomène vor den Fenstern zerstreuen zu lassen. Im nächsten Semester werden wir in der Physique zu ihm gelangen und uns diese Naturerscheinung wissenschaftlich klarzumachen versuchen.«

Wissenschaftlich dem indischen Kinde den ersten deutschen Winterschnee zu erklären, war Mijnheer Peter Rümpler von Schielau nicht imstande; aber den Weg nach Sankt Georgen kannte er, und wie der lustige meteorologische Spuk für das Kind unter den dort obwaltenden betrübten Verhältnissen ferner auf diesem Wege zu verwenden war, wußte er in seinem guten Herzen auch, obgleich er das Begräbnis der armen Marianne Erdener in seinem eigenen Privatkummer richtig bei Zusi vergessen hatte.

Ohne Gefährde brachte er sein halbberauscht Fräulein durch die fortspielenden weißen Wirbel nach Sankt Jürgen, und grade weil dies von allen übrigen Stadtteilen der schwärzeste, schmutzigste, verwahrloseste war, erschien er nun um so phantastischer, vergnüglicher, heiterer. Da war zum zweiten Male der verlassene düstere Schmiedehof und in der türlosen Pforte, die wir bereits kennen, auch Pilgram wieder; aber beide – der Hof wie der Hund – als ein vollständig ander Ding und Wesen. In Sprüngen mit fröhlichem Gebell kam der getreue Wächter im Unglück dem Amtmann und seiner jungen Begleiterin entgegen durch das Gestöber, zum erstenmal seit seinem erzwungenen Einzuge in die Stadt als ein vergnügter armer Teufel von einem Hunde. Freudewinselnd umtanzte er die beiden guten Bekannten aus der Schielauer Feldmark.

»Alter Strick!« brummte der Amtmann kopfschüttelnd.

»Goeden morgen, Pilgram« seufzte Konstanze Pelzmann, nun doch wieder scheu und voll schmerzlicher Angst in die schwarze, leere Werkstatt sehend, zu welcher hin das Tier schwanzwedelnd den Weg weiter andeutete.

Aus der Tiefe des verlassenen Arbeitsraumes blickte das Kind noch einmal über die Schulter ins Freie zurück, wie um sich zu vergewissern, daß der fröhliche Flockentanz dort noch fortdauere. Dann aber faßte sie rasch und fest nach dem Arm ihres Führers und folgte ihm auf der dunkeln, gebrechlichen Treppe und kam zu dem Schäfer Thomas Erdener grade so zur richtigen Zeit wie – neulich zu dem Onkel Sebastian.

Drei vollkommen ratlose Männer, drei, jeder auf seine Art, in vielem und ernstem Nachdenken über die Welt alt gewordene Männer, die augenblicklich nicht aus noch ein wußten, traf sie beisammen an dem letzten Erdenaufenthaltsort Marianne Erdeners, und der Amtmann von Schielau, der mit ihr jetzt auch noch dazukam, konnte dreist als der vierte gezählt werden, wenn er’s auch mit der »Philosophie und sonstigen Tiftelei« wohl ein wenig leichter genommen haben mochte.

Die arme Marianne fand das Kind nicht mehr vor in Sankt Georgen. Der Vater und der Attrappenonkel waren eben von ihrer allerletzten Ruhestelle auf dieser Erde heimgekommen, und Hofmedikus Baumsteiger war, wie gewöhnlich, unterwegs ihnen in den Weg gelaufen. Eine notdürftige Ordnung war in dem Gemache wiederhergestellt, aber es war bitterkalt darin, und der Hofmedikus in seinem Pelze und der Onkel Fabian in dem seinigen empfanden das bis in das Mark der Knochen. Unempfindlich dagegen schien nur der Schäfer von Schielau zu sein.

In seinem langen, blauen, ländlichen Sonntagsrocke saß der neben dem Tische, mit dem dreieckigen Bauernhut in der Faust auf dem Knie, und starrte bewegungslos zu Boden und auf die nassen Stiefelspuren der Träger, die, selbstverständlich unter Knövenagels »Oberdirektion«, ihm sein Kind jetzt auf Nimmerwiederkehr aus dem Hause geführt hatten. Und es war wie eine Mauer um ihn her, und der Arzt und der jetzige Inhaber der Firma Pelzmann und Kompanie standen vor dieser Mauer und wußten nicht, auf welche Weise sie dem großen still-grimmigen Leid dahinter beikommen sollten. Guten rat hatten sie nicht, und mit Gelde war gar nichts auszurichten. So unschlüssig hatte sich der Hofmedikus noch nie im Leben und so unglücklich der Attrappenonkel nur selten sich in dem seinige gefühlt.

Es war kein Brot mehr in dem Schranke des Greises, und keiner wagte ihm doch sein eigen Mittagessen anzubieten. Es war kein Öl mehr in der Flasche, und die Lampe war schon in der Todesnacht Mariannes, eine Stunde nach ihrem letzten Atemzuge, erloschen, und keiner von den zwei Herren hatte den Mut, dem Alten den Vorschlag zu machen, mit ihm zu gehen und am Abend in seinem häuslichen Lichtkreis mit ihm niederzusitzen. Was das Geld anbetraf, so hatte der Schäfer von Schielau sein letztes Ersparnis an diesem Morgen ausgegeben; aber – wir wissen es ja schon, er wollte niemand zu dem Aufwand für sein Leben in der Stadt und noch weniger zu den Kosten der letztvergangenen Tage beisteuern lassen.

Was sollten diese wohlmeinenden, bis ins Tiefste bewegten Männer sagen, was sollten sie tun diesem Greise gegenüber, dem sie selber im Innersten ihrer Seele recht geben mußten in seiner Auffassung der Lage und für den alle Schätze der Erde leichter wogen als eine der Flocken, die da eben vor dem trüben, schlechtverwahrten Fenster herniedertanzten?!

Der Schäfer Thomas rührte sich nicht bei dem Gebell seines Hundes im Hofe, auch nicht bei dem Klang der Stimme und dem schweren Tritt seines Dienstherrn auf der Treppe, aber der Attrappenonkel tat’s –

»Da ist er ja doch noch – der Amtmann!« sagte er, »Erdener, es kommt noch ein Freund, der es gut mit Ihnen meint – o – was ist – ?«

Das Wort versagte ihm natürlich –

»Das Kind!« murmelte er. »Zum zweitenmal das Kind! – Erdener, Erdener – wieder das Kind – wie in der Nacht, wo – Und ich hatte wieder es nicht haben wollen!«

Da war sie und glitt selbst in ihrer Aufregung und eigenen Angst anmutig und lieblich in das trostlose Gemach – in ihren Locken, auf ihrem Hütchen und ihren Schultern ihren ersten Anteil an den weißen Sternen und Blumen ihres ersten nordischen Winters.

»Nun seh einer!« brummte Hofmedikus Baumsteiger. »Hat man richtig wieder mal seinen Kopf gegen die verständigen Leute aufsetzen müssen? Durch solch ein Sündenwetter! Na, Fräulein Tropenpflanze, wer in des – Himmels Namen bringt dich jetzt hierher?«

»Meine Wenigkeit, mit deiner Erlaubnis, Vetter«, sprach Peter Rümpler von Schielau. »Freilich wohl ein bißchen per Zufall, aber doch als der einzig Richtige diesmal; denn ein beinahe ausgewachsenes Frauenzimmer aus dem Mohrenlande, das noch keinen Schnee hat fallen sehen, hat wirklich einen sachverständigen Landeingeborenen nötig unterwegs, um nicht alles, was herunterfällt, für Zucker zu halten, selbst wenn es selber aus einer Zuckerfabrik herstammt.«

»Ich mich selber! O doch! ich mich selber ganz allein habe mich hierher gebracht!« rief Konstanze Pelzmann, die geschmolzenen lustigen Flocken und bittern Tränen mit zitternder Hand wegstreichend. »O bitte, sei nicht böse, Onkel Fabian! sei keiner böse – ich konnte ja nicht anders! Ich konnte nicht allein zu Hause bleiben mit der Frau Kettner!«

»Nicht tot zu kriegen!« rief der Hofmedikus. »Es wird mir am Ende noch allzu langweilig, euch das stets von neuem zu wiederholen.«

Die junge Dame achtete nicht im mindesten auf ihn.

»Oh, guten Tag, Baas Erdener. Oh, und ich habe solch ein groß wundervoll Wunder unterwegs erlebt! Dadurch hin bin ich zu Ihnen hergekommen, Baas Erdener, und ich kann mich noch immer nicht recht wieder besinnen. Ich hatte es mir wohl ein bißchen ausgedacht, was ich zu dem Onkel und zu Ihnen sagen wollte und was ich Sie bitten wollte; aber nun ist dies alles in mir durch dieses weiße, stille Wehen und Wesen wie unter einer Decke, und wenn Sie wollen, Baas Erdener, so müssen Sie mir helfen, daß ich von neuem darüber nachdenken kann, was Ihnen Schlimmeres als der Tod durch unsere Schuld begegnet ist!«

Es hätte wohl kein zweites Wort in der Welt gesprochen werden können, was den Greis mit stärkerer Gewalt aus seiner öden Versteinerung unter die Lebendigen zurückgerufen haben würde als dies tränenvolle, ängstlich fragende, sanft bittende Wort aus diesem schuldlosen Kindermunde:

Durch unsere Schuld!

Wer von den Gegenwärtigen hatte an dieser Schuld so schwer mitzutragen, daß er in diesem kalten, leeren, verwüsteten Zimmer das Gesicht nicht gradeaus erheben durfte? An wen konnte sich der Greis mit vollem, unwiderlegbarem Rechte fernerhin halten in seinem zornigen Herzen nach dieser Rückkehr vom Friedhofe? Wem von den Anwesenden gegenüber konnte er dadurch Trost, Erleichterung, Frieden finden, daß er ihm mit einem Vorwurfe, einem Fluche eine Hand voll Erde von dem frischen Grabe auf diesem Kirchhofe bei Sankt Jürgen ins Gesicht schleuderte?!

Ein Schauder schüttelte ihn leise; er faßte nach der kleinen Hand, die auf seiner Schulter lag. Zuerst, als wollte er sie doch wegstoßen; aber er tat es nicht. Er hielt sie nicht fest, aber er hielt sie doch, als er stöhnte:

»Kind, was willst du? Du meinst es gut; aber auch du kannst uns nicht helfen, und – so komme – auch du mir nicht zu nahe!«

»O doch! – Onkel Fabian, sag du ihm, daß ich ihm nahe kommen darf. Bitte du ihn, daß er es mir erlaube. Auch der Onkel Sebastian hat es mir erlaubt in seiner letzten Stunde. Wenn der liebe Gott es erlaubt und ich länger lebe als du, lieber Baas Erdener, will ich auch zu dir kommen, wenn dir der Herr Hofmedikus nicht mehr helfen kann, und will auch für dein Kind gelten in deiner letzten Stunde!«

Der Schäfer Thomas von Schielau stieß einen rauhen Laut aus, der ebensogut aus der Kehle seines Hundes hätte kommen können; aber der Herr Hofmedikus Baumsteiger hatte sich erst einige Minuten später wieder so weit gefaßt, daß er sein ewiges Wort doch noch einmal wiederholte, jetzt freilich zum letztenmal in dieser süßbittern Geschichte vom Hause Pelzmann und Kompanie.

»Nicht tot zu kriegen!« sprach er, und da er einmal im Zuge war, redete er auch weiter:

»Du bist und bleibst mein Herzensmädel und bringst mir richtig auch diesen armen Teufel zu guter Letzt noch ins richtige Geleis. Selbstverständlich wirst du mir achtzig Jahre alt und ein gedeihlich Großmütterlein, das einst alle diese dummen, es gar nichts angehenden Tagesmiserien dahin geschoben haben wird, wohin sie für es dann, im nächsten Jahrhundert, gehören. Wirst schon mal deine eigenen Geschäfte, die du natürlich dann für ganz neue hältst, abzuspinnen bekommen, und selbst der – Onkel, dein guter seliger Onkel Baumsteiger, wird dir dann zu einem schönen beiläufigen Abendthema am warmen Ofen im Kreise deiner Enkel geworden sein. Na, fürs erste bringst du es mir jetzt auch noch fertig, daß sich der alte Charakterspieler da vom Amtmann hier sofort aufpacken und nach Schielau zurückliefern läßt. Daß der arme Kerl mit dem Attrappenonkel gehe und das Vorderhaus von Pelzmann und Kompanie beziehe, kann keiner von ihm verlangen. Hier in der Stadt hat er endlich, endlich, und Gott sei gelobt, nicht das geringste mehr zu suchen. Nicht wahr, Fabian?«

»Augenblicklich nicht!« seufzte Herr Fabian Pelzmann; doch er hatte wie der Hofmedikus, aber aus viel vollerer Seele, beizufügen: »Gottlob!«

»Oh, seht doch, wie das weiße Wunder vom Himmel alles zudeckt!« rief Konstanze. »Ja, Frau Holle ist’s, die Frau Holle! Ich kannte sie bei mir zu Hause in der Sonne nur aus den Bildern und aus der Beschreibung in den Büchern, die aus euerm Lande die Schiffe mitbrachten. Und ich habe mir auch davon erzählen lassen von meinem Papa, und wer es sonst aus eigener Erfahrung kannte; aber ich habe nicht geglaubt, daß es so eine ganz andere Welt machen könnte. Lieber Baas Thomas, und ich habe schon mit dem Onkel Rümpler darüber gesprochen, als wir durch diesen Schnee hierher kamen. Heute bleibt es noch nicht so; es muß erst noch viel kälter werden, und dann kommt er wieder, der rechte Schnee. Dann erst wird es ganz still! Ich denke es mir sehr gut, daß dann auch alle Gräber mit allem andern Dunkeln unter der weißen Decke wie eines liegen. Und ich denke es mir dann so gut in Schielau! Der Bach friert dann auch und schwatzt nicht mehr durch das Grün, und du sitzest dann am Fenster in dem kleinen Hause hinter dem Amtshause und guckst in das stille, weiße Land hinaus. Lebte die gute Frau Amtmann noch, so wäre es wohl noch besser für dich, Baas Thomas, aber es ist auch gut, daß du an sie mit den andern, die von uns jetzt weggegangen sind, denken kannst in der Stille unter dem weißen Schnee. Lieber Baas Thomas, nicht wahr, du tust mir den Gefallen und gehst heute noch mit dem Herrn Amtmann wieder nach Schielau, wieder nach Hause? O bitte, weine nicht!«

Das Kind erschrak heftig über die Wirkung, die ihr schockend tränenvoll Zureden hervorbrachte; aber die andern sagten aufatmend wiederum »Gottlob!« und mit vollem Rechte.

Konstanze Pelzmann ging zu dem Attrappenonkel hin und verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. Der Attrappenonkel hat weiter nichts gesagt und Hofmedikus Baumsteiger auch nicht; nur Peter Rümpler aus Schielau hat sich geäußert:

»Das müßt Ihr doch selber sagen, Schafmeister, daß dies unerfahrene Geschöpf, was von gar nichts weiß in der Welt und sogar, weiß der Himmel, heute zuerst seinen ersten Schnee fallen sah, unser aller Meinung ganz genau getroffen hat. Und das mit – meiner Alten und – den – übrigen in ihrer Ruhe konnte gar keiner richtiger ausdrücken. Sollte da nicht ein jeder jetzt das Gelüste verspüren, sich des Kindes und der Frau Holle Deckbett mit den andern über die Nase zu ziehen und stille drunter aufs Weitere zu warten und aufs nächste Frühjahr? Wenn der Kerl, der Knövenagel, vorhanden wäre, könnten wir ihn gleich nach dem Preußischen Hof schicken, wo unser Fuhrwerk steht – nicht wahr, Erdener?«

Der Kerl, der Knövenagel, war vorhanden. Er saß vor der offenstehenden Tür auf der obersten Treppenstufe, mit dem Hunde seines Gevatters zwischen den Knien, hatte alles angehört und sich zum erstenmal in seinem Leben nicht mit in die Unterhaltung gemischt, obgleich sie diesmal ausnahmsweise Angelegenheiten betraf, in die er persönlich ziemlich tief, und zwar von Anfang an, mit verwickelt war.

»Herr, ich wollte es schneite bergehoch! Hund, jetzt keinen Muck mehr!« murmelte er, mit der zitternden Faust fester in das Lederhalsband seines vollständig lautlosen Gesellschafters auf der Treppe greifend. Er fraß dabei wirklich auch so was wie eine Träne herunter, aber zweifelhaft bleibt es, wen er eigentlich mit seinem letzten Worte in diesem Buche meinte, – sich oder seinen Treppengefährten. Auch das geht wohl in Einem hin.

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