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Fabian und Sebastian

Wilhelm Raabe: Fabian und Sebastian - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorRaabe
titleFabian und Sebastian
senderanitagerber@gmx.de
created20050430
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Zweites Kapitel

Ziemlich im Mittelpunkt der Stadt ist die große Süßigkeitenfabrik der Firma Pelzmann und Kompanie gelegen, ein stattlicher Komplex von Gebäuden, Höfen und Schornsteinen. Von den letzteren ragen die beiden höchsten, die des Kesselhauses, hoch über die Dächer hinaus und qualmen auch in diesem Augenblick noch leise zum klaren Winternachthimmel empor. Nach einer der belebtesten Straßen zu erstreckt sich das alte Wohnhaus der Familie, in dem sich auch die Kontore befinden und dessen Erdgeschoß in seiner halben Länge durch des Onkels Fabian Wunderladen für den städtischen Einzelverkauf eingenommen wird. Die Kontore des Onkels Sebastian liegen dem Hofe zu, nur aus den Fenstern eines sehr eleganten Privatkabinetts sieht man ebenfalls in die Hochstraße hinein. Dabei aber hat er den ganzen oberen Stock des Vorderhauses inne, führt daselbst ein gesellschaftlich ungemein bewegtes und jedenfalls sehr nervöses Leben weiter und gibt dort dann und wann seinen Freunden anerkannt lobwürdige Diners unter Vermittlung einer ganz vorzüglichen Köchin, die ihn seit langen Jahren an einer seiner stärksten Seiten fest zu nehmen weiß und die ihn fast noch mehr tyrannisiert als er das übrige Haus – das Geschäft und die Fabrik eingeschlossen.

Nur selten setzt der Bruder Fabian, der zu allem übrigen auch nicht einmal Whist spielt, sondern höchstens nur dann und wann eine Partie Schach im Café Zusi, den Fuß in diese Räume. Sein Reich, das heißt, was ihm von seinem Teil an dem Reich Pelzmann und Kompanie geblieben ist, liegt ganz nach der entgegengesetzten Seite, nämlich über die eigentliche Fabrik hinaus in den nach einer engen, dunkeln, unbetretenen Gasse gelegenen Hintergebäuden, welche zum Teil auch von den Magazinen des Geschäftes eingenommen werden und außer einem großen Torwege für die Wagen ein merkwürdig verstohlenes und geheimnisvolles Schlupfpförtchen für den Attrappenonkel haben.

»Er hat sich das nach seinem Geschmack so ausgesucht«, sagt der Bruder Sebastian. »Ich setze nur selten einen Fuß dahin; denn eine einzige Geburtstagsgratulation genügt immer, um mir die Lust zum Wiederkommen für ein Jahr gründlich zu vertreiben. Daß an einem Menschen irgend etwas verloren geht; ein Professor, ein Pinsler oder ein Musikante, will ich mir zur Not noch gefallen lassen, denn das kommt alle Tage vor. Aber daß an einem Menschen alles verdorben wird, was die Menschheit zu präsentieren vermag, das ist mir denn doch zu – enorm; und da müssen Sie sich die Wissenschaft bei meinem Herrn Bruder lieber selber mal ansehen. So bloß zu glauben ist das nicht!«

Ja, wenn das nur so leicht gewesen wäre, sich die Wirtschaft des Herrn Fabian Pelzmann mit eigenen Augen anzusehen! Eine ziemliche Reihe von Kammern und sonstigen Gemächern versperrte er durch einen Schlüssel; und die Leute und Besucher, die den Weg zu ihm aus der Fadengasse die enge steile Treppe hinauf zu seiner Haupttür gefunden hatten, waren darum häufig noch lange nicht hinter der letzteren. Sie hatten erst eine ziemliche Zeit zu pochen, ehe ihnen geöffnet wurde, und auch dann war es noch sehr fraglich, ob sie gebeten wurden, näher zu treten, oder ob nicht das Geschäft oder die Höflichkeitsvisite freundlich oder aber etwas kurzab auf dem Vorsaal erledigt wurde. Die anständigsten, respektabelsten Menschen der Stadt hatten leider diese Erfahrung machen müssen und sich mit mehr oder weniger lächelndem Ingrimm auf dem Rückwege treppab selber das Versprechen gegeben: dem »eigentlich doch auch halbverrückten Flegel« nimmer so wiederzukommen, sondern sich zu jedem ferneren notwendigen Verkehr mit ihm stets der Stadtpost zu bedienen. Daß der kuriose Herr dessenungeachtet eine merkwürdig lange Reihe von Bekanntschaften besaß, die er gleich einließ, konnte die Gefühle der Abgewiesenen gegen ihn nicht milder machen. Gott sei Dank, wir haben freien Zutritt zu ihm, dürfen mitbringen, wen wir wollen, und machen ihm jetzt den ersten Besuch, das heißt, wir gehen vielmehr mit ihm nach Hause und erreichen seine Tür so ziemlich um dieselbe Stunde, wo der Bruder Sebastian im Speisezimmer des Hofmedikus anfängt, auf und ab zu laufen.

Um diese Zeit schneite es noch, wenn auch mäßiger denn zuvor; und Herr Fabian kam wie eines seiner eigenen mit Zucker bestreuten Fabrikate vor seiner Schlupftür in der Fadengasse an. Er hatte dazu auch die erste Spur in die weiße, reinliche, weiche Decke des wenig betretenen Durchganges zu stapfen, und als er unter der Tür sich schüttelte und seinen Filzhut kurzweg an den Pfosten schlug, sagte er dazu, in den durch den Lichtschein der Gaslaterne über seinem Haupte flimmernden Flockentanz blinzelnd:

»Sehr nett! – Seht mal, das kann sie ja auch unmöglich schon kennen?! – Guck, da haben wir ja schon wieder etwas, was dem Kinde vielleicht einmal einen Spaß macht! Artet sie nach mir, so hat sie, warm eingewickelt, seinerzeit sogar ihr Vergnügen dran. Warm einwickeln muß man sie freilich, die kleine Malaiin! Ich werde mir das lieber gleich heute abend noch notieren, denn hier kenne ich mich und weiß, zu wie vielen Dummheiten ich im gegebenen Moment fähig bin, gerade – wie ihr seliger Vater, der arme Lorenz. Nun, Knövenagel, wo steckst du denn?«

»Hier, Herr Pelzmann! Sie haben mir doch Vorsichtigkeit anbefohlen, und laufen taten Sie auch nach Ihrer gehorsamsten Art und Weise. Da kommen Sie denn einmal selber mit sich mit, als ob Sie nicht noch dazu mir aufgeladen hätten in fünfzig Läden, als ob nicht bloß Ihnen, sondern auch jedem beliebigen Dromedare und Lasttier, von mir selbstverständlich nicht zu reden, der Odem von unserem Herrgott gratis zugegeben wäre! Na, Gott sei Dank, da sind wir heil und in Sicherheit mit aller Bagage, natürlich bis auf das eine Paket, was Sie der Vorsicht wegen selber tragen wollten, – na, was habe ich denn gesagt?! Na, wer hat denn nun schon wieder einmal recht gehabt?! Sie oder ich?!«

Also schnarrte Knövenagel, der Attrappenonkel aber griff sich hastig erst mit der rechten Hand unter den linken Arm und sodann mit der linken Hand unter den rechten Arm. Und immer hastiger und verzweiflungsvoller griff er an sich herum und in sämtliche Taschen seines etwas schäbigen schokoladefarbigen Oberrocks. Er fuhr sogar, um ein Gepäckstück von nicht geringem Umfang noch an sich selber zu erwischen, in die Taschen seiner schokoladefarbigen Hosen, sah sich sodann ratlos um im Lichtkreis der Laterne vor seiner Tür und endlich – jedoch nur von der Seite – auf Knövenagel, und dazu ächzte er dann sehr verlegen und verdrießlich: »Das weiß doch der liebe Himmel!«

Ob es nun der liebe Himmel wirklich wußte, wissen wir nicht; aber mit einem wahrhaft satanischen Gegrinse und ununterbrochenem teuflisch-schadenfrohen Kopfnicken stand Knövenagel unter seiner glücklichen und sicher heimgebrachten vielartigen Last im hohen Schnee und kostete seinen Triumph bis zum Äußersten durch.

»Und wenn Sie nun auch umkehren wollten und bis morgen früh herumlaufen, so finden wir bei der weißen Emballage und dem Schnee und der Menge unnötiger Umwege doch nichts wieder; also schließen Sie nur ruhig das Haus auf und setzen Sie sich wie gewöhnlich morgen als abhanden gekommen ins Blatt, Herr Pelzmann. Ich sage es ja immer und immer: bei den hunderttausend Devisen, die wir allewig im Kopf haben, kann uns dies ja gar nicht anders attrappieren. Und, bitt’ ich Sie, wozu hatten Sie denn mich als Ihr angeborenes Kamel hinter sich, wenn Sie selber als solches mir vorauflaufen wollten? Nicht wahr, es war ja wohl das Aquarium für die Goldfische und unser Fräulein, was Sie absolut selber tragen wollten?«

»Nur der Zerbrechlichkeit wegen« brummte Herr Fabian kleinlaut.

»Recht schön! Na, denn laden Sie es ja nur recht vorsichtig ab, und wenn wir endlich oben sind, auf daß es mir ja nicht noch zuletzt zu Schaden kommt und es Ihnen damit geht wie mit dem netten Toilettespiegel neulich, wo Sie für ihn keinen weichern Platz wußten als das Sofa, und natürlich fünf Minuten nachher für sich selber auch nicht. Da saßen wir denn darauf und können noch vom Glück sagen, daß der liebe Gott gnädig über die Splittern waltete; aber unser zukünftiges gnädiges Fräulein besieht ganz gewiß nicht mehr ihr hübsches Gesichte in ihnen. Schade aber, daß Sie nicht wieder einmal Ihr eigen Gesicht betrachten konnten, sondern sich bei der Affäre wie immer auf meines verlassen mußten.«

Auf diese boshafte Erinnerung hin suchte der Attrappenonkel nicht weiter nach einer Rechtfertigung im leichten Schneegestöber der Fadengasse. Er schloß jetzt möglichst rasch die Tür auf und seufzte:

»Halt den Mund, Alter, ich sage mir alles selber! Stehe still, bis ich Licht gemacht habe. Vorsichtig jetzt auf der Treppe und für mich mit, Knövenagel!«

»Wem sagen Sie das, Herr Prinzipal?« fragte Herrn Fabians biederes Faktotum gröblich und stand auf dem engen Flur, ohne sich zu rühren, bis sein gutmütiger Herr das Haus wieder geschlossen und einen kleinen Handleuchter ertastet und angezündet hatte.

Sie erreichten beide glücklich ohne weiteren Verlust das Wohnzimmer des Herrn Fabian, der auch hier die Lampe anzündete, während Knövenagel »krummbuckelig«, ohne sich zu rühren, stand und endlich nur bemerkte:

»Nun, denn laden Sie mich ab; und wenn Sie unten im Modelliersaal mal wieder ein neu Modell für’n Schiff der Wüste brauchen, dann schicken Sie mich nur dreiste runter. Es ist doch die Menschenmöglichkeit, was wir alles wieder zusammengeschleppt haben, und alles doch so bloß auf den blauen Dunst hin.«

»Auf den blauen Dunst?«

»Auf unser gnädiges Fräulein meine ich; denn da kommt es doch wohl einzig und allein darauf an, ob es unseren Ordnungssinn hier im Hintergebäude oder den von unserm Herrn Bruder da vorn mit sich bringt von seiner Affen- und Meerkatzeninsel. Setzen Sie nur mal den Fall, es wird so, wie es das Unglück will, nämlich unsere Nichte artet gar nicht nach uns hier im Hinterhaus, sondern hält uns sofort, nachdem sie aus der Droschke gestiegen ist, für ganz dasselbige, als was man uns da vorne taxiert – na, was denn?! Herr Pelzmann, ich habe Sie schon manchmal wie Moses auf den Ruinen von Jerusalem sitzen sehen und meistens nicht so viel Mitleiden mit Ihnen gehabt, als es sich wohl schickte; aber käme dies hier so heraus, wie es wohl kommen kann, und wir hätten unsere ganze Freude an dem Kinde einzig und allein schon bei allen diesen unnötigen Einkäufen für es vorweggenommen, so – könnten Sie mir wirklich leid tun.«

»Ich mir auch!« sagte der Onkel Fabian leise, und da er sich in diesem Augenblicke über den Tisch und ein außergewöhnlich sicher umwickeltes Paket vorbeugte, fällt der Lampenschein voll auf sein Gesicht und zeigt es uns in seiner ganzen ängstlichen Freude an seiner Welt, seinem Mißtrauen gegen sich selber und der ganzen passiven Hartnäckigkeit bei der Verfolgung und im Festhalten dessen – was er sich einmal vorgenommen oder zusammengeträumt hatte.

»Es kann aber nicht sein! Sie ist ja Lorenz’ Kind!« rief er plötzlich hell und in der fröhlichsten Gewißheit. »Ärgere mich also nicht länger mit deinen gewöhnlichen dummen, melancholischen und mir dann und wann doch verdrießlichen Anmerkungen. Behalte gefälligst deine menschenfeindliche Weisheit für dich oder komme mir damit lieber morgen oder übermorgen. Und jetzt nimm die Lampe und leuchte mir; ich meine, allgemach macht das Nest doch schon einen ganz netten Eindruck, und das Kind wird sich gewiß ganz behaglich darin finden.«

Die letzten Worte wurden bereits nicht mehr in dem Wohnzimmer des Attrappenonkels gesprochen, sondern in dem Gemache, welches er zum Wohnort für das unbekannte Nichtchen nach langem Überlegen auserkoren und zu dessen weicher Ausstattung er nunmehr seit Wochen bereits selber als ein närrischer alter Vogel Federn und Flaumen zusammengetragen hatte und zwar so gut es ihm – seine pekuniären Mittel erlaubten und manchmal sogar etwas über dieselbigen hinaus. Und man mußte es ihm lassen: er hatte in der Tat jetzt schon die Berechtigung gewonnen, sich selber zu loben. Keine Mutter, die für ein lange abwesendes Lieblingskind eine Heimstätte ausschmückte, hätte ihre Sache besser machen können; und wenn Herr Fabian Pelzmann bei dem kommenden verwandten jungen Gast nur halbwegs die Anerkennung fand, die er verdiente, so durfte er dreist seinen Herrn Bruder reden und seinen Knövenagel brummen lassen: er hatte dann wahrhaftig wieder einmal etwas, was manchem lächerlich vorkommen mochte, zu seinem innersten Behagen durchgesetzt.

»Hm, hm, hm!« brummte Knövenagel, die Lampe auf einem zierlichen Schreibtische niedersetzend, während sein Herr sofort anfing, die Ausstattung des Zimmerchens durch die eben nach Hause gebrachten Einkäufe zu vervollständigen; »ich sage es immer, daß die Leute unten im Geschäft, im Kesselhause, im Klappersaale und in den Magazinen ganz recht in ihrer Unverschämtheit haben, wenn sie uns nennen, wie sie Sie betitulieren, Herr Prinzipal. Der Attrappenonkel sind wir und bleiben wir, darauf richten Sie sich gefälligst nur immerhin ruhig ein: diese Devise werden wir bis an unser selig Ende nicht wieder los, und zwar mit Recht! Wozu wir sonst noch es gebracht haben –«

»Hm«, sagte auch Herr Fabian, durchaus nicht symbolisch einen Nagel in die Wand schlagend, »ich hoffe wahrhaftig eben, daß sie endlich einmal ein neues Sobriquet für mich ausfindig gemacht hätten. Laß sie reden und reich mir lieber mal die Kneifzange her, Knövenagel. Um einen guten Zoll zu weit links!«

»Nach rechts, wie mir von meinem Standpunkte aus scheint, Herr Pelzmann.«

Der Attrappenonkel sah über die Schulter zurück auf sein Faktotum und zwar mit einem ganz besonderen Blick.

»Ja, wenn du das meinst«, sagte er, »so laß die Zange nur. Ich werde dann doch den Nagel wahrscheinlich wieder einmal an der richtigen Stelle auf den Kopf getroffen haben.«

Da kam plötzlich sowohl in dem Blick wie in dem Tone eine so freundliche aber unerschütterliche Lebensüberlegenheit zum Vorschein, daß es jedem, der den Mann bisher nur von seinen komischen Seiten gekannt hatte, wie eine Offenbarung aufgehen mußte, daß dann und wann die allerschärfsten und allerverständigsten Leute, zum Beispiel der liebe Bruder, Herr Sebastian Pelzmann, und der Herr Hofmedikus Baumsteiger nicht das geringste gegen den »Attrappenonkel« auszurichten vermochten, sondern ihn einfach seine Wege gehen lassen mußten.

»Entschuldigen Sie, Herr Prinzipal«, sagte Knövenagel ganz geduckt; wir aber schließen mit diesem Worte dies Kapitel. Es wird draußen nahe an neun Grad Kälte, und bis jetzt hat Herr Fabian in dem Nestchen, welches er dem »armen kleinen Mädchen« oder, wie Knövenagel sich ausdrückt, »unserem zukünftigen Fräulein von der Affen- und Meerkatzeninsel« zurichtet, den Ofen daraufhin noch nicht studiert, ob er zieht oder vielleicht heimtückischerweise sogar raucht. Man kann eben nicht gleich an alles denken. Zu bemerken wäre wohl noch, daß Herr Fabian der ältere von den zwei Brüdern war, aber seit Jahren nicht mehr der erste Chef des Hauses Pelzmann und Kompanie.

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