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Fabian und Sebastian

Wilhelm Raabe: Fabian und Sebastian - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
authorRaabe
titleFabian und Sebastian
senderanitagerber@gmx.de
created20050430
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Neunzehntes Kapitel

Wenn man aus dem Studium der Weltgeschichte dann und wann nur die Erfahrung heimbringt, daß manches, wofür viele Leute Leib und Seele gaben, am Ende kaum des Sehnens und der Mühen wert war, so tritt uns eine ähnliche Erfahrung noch deutlicher aus den Geschichten des persönlichen Alltagslebens entgegen. Vorzüglich wird dieselbe uns dann zuteil, wenn man so im Zuge der Honoratioren hinter einer ehrenwerten, stadtbekannten Leiche mit einherzieht und sein eigen Gedankenspiel unterbricht, um auf das zu achten, was die Mitwandernden vor, hinter und neben uns über den verschlossenen Mann, der die Prozession führt, zu sagen haben.

Und das Sonderbarste ist, daß das Interesse an dem stillen Zugführer im Verhältnis zu der Höhe der Summen und der Ausdehnung der Besitztümer, die er hinterlassen hat, abnimmt und sich den Erbberechtigten zuwendet! Ich wenigstens bin noch hinter keinem wohlsituierten Leichnam hergetrabt, der nicht in der Unterhaltung des Trauergefolges (natürlich die nächsten Angehörigen ausgenommen) schon gänzlich die Nebensache bei der höchst würdigen Zeremonie gewesen wäre.

Nun war an dem wiederum recht nebelgrauen Morgen, durch welchen der Leichenkondukt Herrn Sebastian Pelzmanns von der Firma Pelzmann und Kompanie mit Fußgängern und Kutschen sich hinbewegte, ganz außergewöhnlich lebhaft von den Erben die Rede: Herr Sebastian mußte also wohl als ein für die örtlichen Verhältnisse sehr wohlhabender Mann das Zeitliche gesegnet haben, um derartig zur Ventilierung der Frage: Wer hat nun was davon? Anlaß zu geben.

»Es ist nur der Attrappenonkel da vorn, soviel ich weiß, noch vorhanden von der Familie.«

»Jawohl der drollige Kauz! Und dann, wenn ich nicht irre, ein Kind – eine Tochter des jüngeren Bruders – Sie erinnern sich – des tollen Menschen, der vor zirka zwanzig Jahren hier eine ziemlich wilde Rolle spielte, den gutmütigen und stets etwas beschränkten ältesten Bruder in große pekuniäre Verluste hineinzog, aus der Gesellschaft verschwand, in der Ferne verduftete und – was weiß ich! – vor kurzem in Indien – englischen oder niederländischen Diensten als militärischer Abenteurer untergegangen ist.«

»Es war der Selige, der damals an die Spitze des Geschäftes trat. Wirklich ein ausgezeichneter Geschäftsmann, ein Mensch von enormer Energie –«

»Bitte, erwähnten Sie nicht eben eines jungen Mädchens? Bei den jetzigen Umständen ist mir das wirklich ungemein interessant.«

»Hm, hm, alter Schäker, in der Tat vielleicht eine recht passable Partie, wenn auch leider nicht mehr für uns, Herr Senator! Ja, die Sache verhält sich so; in diesem Frühjahr hat man die junge Dame sozusagen nackt – wenigstens vollständig mittellos von Singapore herübergeschickt. Erinnern Sie sich doch, wie der Selige einige Male en petit comité (wir haben wirklich recht angenehme Stunden bei ihm und mit ihm verlebt) seinem Herzen in seiner Weise über die Sache Luft machte.«

»Sie haben recht; aber es geht einem selber stets so vieles durch den Kopf, daß man wirklich nicht imstande ist, alle diese Privataffären selbst seiner besten Freunde drin in conto corrente zu halten. Sie haben vollkommen recht; da war ja die höchst amüsante Fahrt unseres trefflichen und wirklich im besten Sinne singulären Attrappenonkels nach Frankreich –«

»Onkel Fabians Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich!« lächelte hinter dem weißen Taschentuche ein literarisch angehauchter Leidtragender. »Nach Marseille, um die Kleine vom Schiff abzuholen und sie wie ein echter, rechter Märchenonkel richtig möglichst hermetisch bei sich in seinem bizarren Hinterhause zu verschließen. Die Geschichte hat jedenfalls jedem andern in der Stadt mehr Spaß gemacht und Sympathie erregt als unserm armen stillen Freunde – da vorne.«

»Hat sich auch später wenig genug um dieses in der Tat ganz hübsche kleine Mädchen aus der Fremde gekümmert; und die Zuneigung zwischen den beiden Brüdern ist grade nicht durch die Affäre gestiegen. Ein angenehmes Verhältnis zwischen ihnen war’s ja nie.«

»Ein Testament hat der Verstorbene nicht hinterlassen?« fragte jemand ein wenig mehr auch »da vorn« im Zuge über die Schulter, und man zuckte, soweit die Frage gehört wurde, die Achseln und gab sie weiter.

»Baumsteiger würde wohl am besten Auskunft darüber geben können«, meinte dann jemand, »aber momentan ist nicht an ihn zu appellieren. Da vorn geht er mit dem alten Fabian. ’s ist merkwürdig, wie den guten Menschen, den jetzigen Pelzmann meine ich, der Todesfall angegriffen zu haben scheint. Manch einer an seiner Stelle würde unbedingt sicherer auftreten und des Hofmedikus Arm nicht so nötig haben.«

»Ich par exemple. Ich gestehe das ganz offen!« dachte freilich manch einer im Zuge, wenngleich er es nicht laut äußerte; unsere Aufgabe aber ist es gottlob nicht, Herrn Sebastian Pelzmann ganz bis nach dem Kirchhofe hinaus zu begleiten und den munteren Experten und Praktiker und den melancholischen »Gescheidtle« bis zu dem so sehr ernsten: Von Erde bist du genommen usw. weiter zu agieren. Es ist auch, wie wir vernommen haben, auf dem Friedhofe nichts Neues passiert, und auch der geistliche wohlmeinende Herr, der von der »Familie«, das heißt dem Hofmedikus Baumsteiger, mit der Leichenrede beauftragt worden war, hat dergleichen nicht vorzubringen gewußt. Unsere Pflicht und Schuldigkeit ist es, mit den Lebenden weiter zu gehen, und da haben wir dem Haupterben der Firma Pelzmann und Kompanie, unserem Herrn Fabian, still auf einem zweiten sehr schweren Gange an diesem Morgen zu folgen.

Von dem Kirchhofe weg hat der Attrappenonkel diesen Gang getan. Er hatte das Trauer- und Ehrengeleit sich zerstreuen und die Kutschen davonfahren lassen und von neuem den Arm des Hofmedikus genommen, jedoch nur bis in die Mitte der Stadt zurück, welche letztere er ziemlich in ihrer ganzen Ausdehnung zu durchkreuzen hatte, um die Sankt-Georgen-Vorstadt zu erreichen.

»Tu mir den Gefallen und sieh bei meinem Kinde vor und sag ihr, daß ich bald zu ihr zurückkommen werde.

Der Hofmedikus, der, ohne daß man es ihm mitgeteilt hatte, wußte, wohin der Freund jetzt noch ging, nickte:

»Gern. Hätte es auch ohne diese Mahnung besorgt. Hast du übrigens deine Adresse jetzt genau?«

»Durch Knövenagel seit längerer Zeit. Er hat nach seiner Art hinterrücks dem Vater, der meine Hülfe nicht angenommen hätte, geholfen, der Unglücklichen ihren jetzigen Zufluchtsort einzurichten.«

»Gut«, sprach Baumsteiger. »Unter allen Umständen erinnere dich, daß ich auch dort mit meinem Motto gern und zu jeder Zeit einzutreten bereit bin.«

»Nicht tot zu kriegen!« seufzte der Attrappenonkel mit einem trüben Blick zum trüben Himmel.

»So ist es!« sagte Baumsteiger, dem Freunde die Hand auf die Schulter legend. »Bei allem, was unter der Erscheinung liegt, es verhält sich so!«

Damit winkte er der nächsten Droschke und fuhr ab. Zuerst nach der Fadengasse, sodann nach Hause zu einem behaglichen Garçon-Dejeuner und sodann in eigener Equipage von neuem auf die Praxis.

Beiläufig: er ließ nie seinen wohlbekannten Doktorwagen in einem Trauerkutschengeleit mitfahren. Eine Kutsche mit ihrem prinzeßlichen Wappen aber hatte Hoheit Gabriele Angelika sehr anständigerweise hinter ihrem abgeschiedenen Hof- und Leiblieferanten drein geschickt.

Durch Knövenagel hatte Herr Fabian Pelzmann die jetzige Adresse des Schäfers Erdener aus Schielau in Erfahrung gebracht; aber in dem Teile der Stadt, wo derselbe nunmehr ein Unterkommen für sich und seine Tochter gefunden hatte, wußte der Attrappenonkel schon seit langer Zeit recht gut Bescheid. Es war der ungemütlichste der ganzen Residenz, und er, der alte Tausendkünstler in Zuckerwerk und Schokoladenwundern, hier, im Lächerlichen sowohl wie im Tragischen, auf mehr denn eine seiner besten Ideen fürs Geschäft gekommen. Damit hing selbstverständlich aufs innigste zusammen, daß er auch hier »seiner Studien wegen« stets mit den Taschen voll Süßigkeiten aus diesem Geschäft als lebendiger Weihnachtsmann aufgetreten war; aber heute brachte er nichts von dergleichen mit (wie er glaubte), sondern nur sein volles gutes Herz, eine große Angst vor dem alten Thomas und ein ganz und gar überflüssiges Gefühl von Schuldbewußtsein, wie es stets von neuem den Unschuldigsten in dieser Welt auferlegt wird, um ihnen den Schlaf und den Appetit zu verderben und sie daran zu hindern, zu – übermütig auf dieser fröhlichen Erde zu werden.

Der Alte von der freien Heide, der Schäfer des Schielauer Amtmanns, hatte das städtische Unterkommen für seine Tochter in wahrhaft raffinierter Weise sich ausgesucht. Obgleich eine Vorstadt der Residenz, gehörte Sankt Georgen nicht zu den jüngsten Teilen derselben. Es war das eigentliche Quartier der Fabriken und hohen Schornsteine und jedenfalls das der schwärzesten, feurigsten, qualmendsten und lärmvollsten Menschenarbeit. Aber in dem Lärm und Gewirr gab es stets einige tote Punkte, nämlich da, wo irgendein großes Etablissement zu Schaden gekommen war und eine Firma nicht nur ihre Tätigkeit, sondern auch ihre Zahlungen hatte einstellen müssen. Zu einem solchen, momentan erloschenen, wüste, still und öde liegenden Fabrikkrater führte der schwere Weg des Onkels Fabian und endete zuerst auf einem dunkeln schwarzen Hofe, wo schwarzes Gras kümmerlich sich zwischen den Pflastersteinen durchdrängte. Mit allerhand Schmiedearbeit mußte dieses bankrotte Wesen zu tun gehabt haben, als es noch lebendig war. Aber die Herdfeuer in den Werkstätten rund um den Hof waren schon seit einigen Jahren erloschen. Nur einige rostige Eisenstangen lehnten noch an einer Wand, und einige ebenso verrostete Zahnräder lagen in einer Ecke, überwuchert von den Nesseln und dem gespenstischen Grase.

Aber auf der türlosen Schwelle einer der leeren, dunkeln Schmieden saß der Hund Pilgram aus Schielau mit trübselig gesenktem Kopfe wie jemand, der auch nicht hierher gehörte; und an ihm vorbei und durch die wüste Werkstätte, eine geschwärzte Treppe hinauf, führte der Weg zu seinem Herrn, dem Schäfer Thomas Erdener aus Schielau.

Trotzdem daß das Tier den Attrappenonkel ganz gut kannte, knurrte es ihn doch träge-mürrisch an und gab ihm erst auf eine wiederholte freundliche Anrede Raum zum Passieren. Herr Fabian Pelzmann hielt sich nicht so lange, wie er es unter anderen Umständen wohl getan hätte, auf bei dem treuen, wie sein Herr nur an die Freiheit, die Sonne, den reinen Nebel, den Wind der Heide und Feldtrift gewöhnten Gesellen. Er trat in die verlassene Werkstatt und fand im Hintergrunde die Treppe, die sonst wahrscheinlich in die Wohnung eines der Werkmeister geführt hatte und jetzt zu dem Versteck des ungläubigen Thomas und seiner verlorenen Tochter hinaufleitete. In der Finsternis des engen Vorplatzes stand er einen Augenblick still, mehr um sich zu fassen, als um sich zu orientieren; denn aus seiner eigenen Geschäftsherrschaft und seinem guten milden Herzen heraus wußte er ganz genau, wo die Türen zu dem Volke, das mit seinen Händen zum Fortbestand der Welt hilft, zu suchen sind nach Überwindung solcher Treppen.

Aber auch sein Gehör hätte ihm diesmal schnell geholfen, die Richtung nicht zu verfehlen. Eine heisere Weiberstimme sang, und dem Gesang war nicht gut lange zu horchen. Mit ängstlichem Finger klopfte Fabian, das Lied brach ab, und einen Moment später stand er, ein Trostbringer, der nichts weiter als sich selber bringen konnte und auch diesmal nur auf die Gefahr hin, kalt-grimmig zurückgewiesen zu werden, inmitten dieses schlimmen Haushaltes, der hier unter so trostlosen Verhältnissen eingerichtet worden war.

Der Vater hob sich von dem kleinen Kochherde, neben welchem er gesessen und Kartoffeln geschält hatte, empor, in der Tat, wie um einem ungeladenen Eindringling entgegenzutreten. Marianne blieb lässig auf dem Bettrande sitzen, bis sie den Eintretenden erkannt hatte, worauf sich etwas begab, was im Grunde sehr schrecklich war, obwohl es auf jeden nicht Eingeweihten nicht diesen Eindruck gemacht haben würde.

Vor allen Dingen – sie erkannte Herrn Fabian Pelzmann! Nach zwanzigjähriger Einsperrung im Zuchthause, und nachdem sie beide um soviel älter geworden waren und manches Jahr von diesen zwanzigen in der schweren Lebensspinnarbeit auch für Herrn Fabian doppelt gezählt werden mochte, erkannte sie ihn sofort wieder!

Sie stieß einen Schrei aus. Nicht wie ein Weib, das erschrickt, Angst hat oder sich freut, sondern wie ein albern Frauenzimmer, das bei der Toilette überrascht wurde und sich ziert. Dann sprang sie von ihrem Sitze und tat dem Besuch zwei Schritte entgegen, machte ihm eine Verbeugung, die man sich nur von einem Schleppenrauschen umgeben vorstellen konnte, und riß sich wie ein zorniges, widerspenstiges Kind von der Hand ihres Vaters los, der ihren Arm gefaßt hatte, um sie auf ihren Sitz zurückzuziehen – zurückzuschleudern.

»Endlich, Herr Pelzmann! Haben wir endlich das Vergnügen? – Aber weshalb ist – der – andere nicht gleich gekommen zur Visite? – Hat er wieder Furcht vor mir? Hat er sie geschickt, Herr Fabian? – Oh, wie hab’ ich auf ihn gewartet und mich nach ihm gesehnt! – Ah, nun glaube ich endlich, endlich daran, daß ich wirklich meine Freiheit wieder habe! Er hat Furcht vor mir gehabt, als ich mich nicht rühren konnte, als ich in der Gefangenschaft saß; aber nun weiß er’s und ich auch, daß ich frei bin! Frei! frei! ledig! – Und da er aus Furcht nicht selber gekommen ist, will ich jetzt gleich mit Ihnen zu ihm gehen, Herr Fabian. Sie sind immer besser gegen mich gewesen als sonst irgendein Mensch. Oh, und ich schäme mich gar nicht, mit Ihnen über die Straße zu gehen. Er wird mich nun zu sich nehmen, wie es sich gehört, und wenn er sich sperrt, schicke ich ihm allnächtlich unser Kind. Ich habe es durch alle Mauern zwanzig Jahre lang als meinen Trost gewußt, daß er Furcht hat vor seinem Kinde, seinem Kinde, und Sie wissen das auch, lieber, bester Herr Pelzmann, und haben ihm deshalb diesen ersten Weg zu mir in Ihrer alten närrischen Herzensgüte abgenommen – und einen Wagen haben Sie gewiß vor der Tür, denn anständig, anständig müssen wir jetzt sein, und ich will gewiß, gewiß nichts tun, was den Anstand verletzt. Ich habe darüber nachgedacht und mich gebessert zwanzig Jahre lang, und zwanzig Jahre am Spinnstuhl machen einen wohl fein, fein und ergeben; nicht wahr, mein lieber, lieber Herr Fabian?! Fein und geschickt zum Umgang mit den feinsten und geschicktesten Leuten! Eine Kutsche haben Sie mir gewiß, ganz gewiß mitgebracht, Sie guter, überkluger, närrischer Herr Fabian, nicht wahr?! Oh, ich will auch ganz gewiß nicht wieder so dumm über Sie lachen wie früher – wissen Sie wohl noch?«

»Großer Gott, weiß sie denn noch nichts, Erdener?« murmelte der Attrappenonkel, schaudernd über die Art, wie sie scheu und leise, während sie das übrige hastig und gell hervorsprudelte, dem toten Bruder mit dem toten Kinde drohte.

Der Schielauer Schäfer zuckte nur grimmig die Schultern und sagte:

»Was sollt’s nützen, ihr es zu erzählen oder ihr das Anzeigeblatt unter die Augen zu halten? Mit meinem Willen tut sie keinen Schritt mehr unter die Menschen da draußen, und im Notfall zwinge ich sie wohl noch und binde sie mit Stricken an die Bettlade da fest.«

»Erdener?!« murmelte Herr Fabian.

»Was soll’s Herr? – Sie sehen ja, daß sie noch vollständig die alte ist, daß zwanzig Jahre der besten Zucht auf Erden gewesen sind, wie wenn der Wind über den Sumpf fährt. Es duckt sich das Kraut und Rohr, solange er bläst, und es richtet sich auf, so er wieder still wird. So ist’s am besten, wir haben mit niemandem mehr zu schaffen und bleiben unter uns, ich und sie, als ob ich jetzt mit ihr in ihrer Zelle eingesperrt wäre. Übrigens, Herr, ich hab’s, wie gesagt, nicht der Mühe wert gehalten, aber wenn Sie meinen, daß es ihr gut tun kann, so sagen Sie’s ihr selber, daß Sebastian Pelzmann keine Furcht mehr vor ihr und – nein, nur vor ihr zu haben braucht.«

Seine Tochter blickte mit großen, irren, fragenden Augen von dem einen der beiden Männer auf den andern. Der Vater zuckte von neuem die Achseln; aber Herr Fabian suchte ihre Hand zu fassen, die sie aber wegzog und auf dem Rücken verbarg, wiederum mit der Miene und der Gebärde eines unartigen, trotzenden Kindes.

»Ich komme vom Kirchhofe, Marianne«, sagte der Attrappenonkel leise. »Sei ein gutes Mädchen! – Sieh, sie hätten es dir doch mitteilen sollen! Heute morgen habe ich meinen Bruder begraben. Mein armes Kind, er hat nach einem schwerbelasteten Leben einen sanften Tod gehabt; oh, nun sei auch du milde und fasse dich in Geduld. Wir wollen alles –«

»Es ist eine Lüge! eine neue Finte!« schrie das Weib wild heraus; aber dann stieß es ein gellendes Lachen hervor, warf sich auf das Bett, und die beiden Männer hörten mit schütterndem Herzen es in halberstickten Tönen weiter in die Kissen hineinlachen.

»Sie sehen, wie es ist, Herr Pelzmann«, sagte dann Thomas Erdener. »Haben Sie uns sonst noch etwas zu bringen?«

»Nichts, nichts!« stöhnte Herr Fabian, »aber du bist auch schlecht, alter Mann, denn du weißt es, daß ich nicht gekommen bin, dir etwas zu bringen, sondern nur, um mir mein Teil von der Hinterlassenschaft meines Bruders zu holen!« –

Nach einer Weile stotterte der Schäfer von Schielau:

»Nehmen Sie es nur nicht übel, Herr Pelzmann. Es ist wohl die ungewohnte Stadtluft und die Luft hier im Hofe, die mir vor den Augen flirrt und macht, daß ich mich so schwer zurecht finde.« –

Einige Tage später sagte Baumsteiger zu dem Attrappenonkel: »Ich bin auf deinen Wunsch drüben in Sankt Jürgen gewesen. Wie ich jetzt bei genauerer Erkundigung vernehme, hat man die arme Person ziemlich kurzweg aus der Krankenabteilung an die freie Luft gesetzt. Ich werde doch einmal den Kollegen da draußen vor dem Tor – fragen, ob denn das eine so grausame Eile hatte. Auf ein paar Tage mehr im Warmen kam es in diesem Falle doch wirklich nicht an. Ich muß dir offen bekennen, liebster Freund, daß mir das alte Mädchen gar nicht recht gefällt.«

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