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Fabian und Sebastian

Wilhelm Raabe: Fabian und Sebastian - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
authorRaabe
titleFabian und Sebastian
senderanitagerber@gmx.de
created20050430
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Achtzehntes Kapitel

»Fabian Pelzmann in Firma Pelzmann und Kompanie.«

Schon um acht Uhr am Morgen hatte der Attrappenonkel diese Unterschrift abzugeben. Er schrieb sonst seinen Namen mit einem feinen, sicheren Schnörkel, doch diesmal brachte er weder den Namen noch den Schnörkel mit dem gewohnten charakteristischen Schwunge zustande, und auch die Hand des ihm gleichaltrigen Buchhalters, der ihm die erste Post des Tages in das Kontor des Bruders brachte, rauschte und knitterte mit den Papieren wenig geschäftsmäßig.

»Also Sie wieder! Herr – Herr! Und wieder definitiv! Ist es denn möglich? – Oh, Herr Fabian – ich bitte gehorsamst um Verzeihung; aber es ist wirklich uns allen noch ein Traum. Unser Herr Fabian Pelzmann in Firma Pelzmann und Kompanie!«

»Es ist leider eine Wahrheit, alter Freund. Geben Sie mir Ihre Hand und helfen Sie mir in der alten Treue, lieber Schulze. Sie müssen nun sehen, wie Sie von neuem wieder mit mir – mit mir allein fertig werden.«

Herr Schulze zog seine Feder mechanisch hinter dem Ohr hervor und zog vor sich einen Strich durch die Luft und wie über eine lange Reihe von Jahreszahlen. Er griff erst nach dem Schreibtisch des in der vergangenen Nacht verstorbenen Herrn Sebastian, dann nach der nächsten Stuhllehne und zuletzt nach dem Türpfosten, als er das Kontor wieder verließ.

War es denn wirklich so? Und kein Protest des Verewigten gegen diesen – Wechsel auf Sicht mehr denkbar?

Nein. – Und während das große Geschäft die große, tragische Neuigkeit nach der Art eines solchen vielköpfigen, vielgegliederten Organismus hin und her bewegte, bekopfschüttelte, beachselzuckte, bephilosophierte kurz sie langsam verdauete, schritt auf dem Wege von Schielau durch den tröpfelnden Wald in den dichtern Nebel, der über der Stadt lag, der Schäfer Erdener aus Schielau hinunter und stand um zehn Uhr vor dem Tore des Zuchthauses.

In seinem Sonntagshabit. Wie um einen Kopf gewachsen. Mit einem Gesicht wie aus Eisen!

Baumsteiger hat ihm einmal ein Covenantergesicht zugeteilt, nun aber finden wir eine andere, bessere oder – schlimmere Ähnlichkeit und vergleichen ihn dem florentinischen Mann, den die guten Bürger, die Frauen mit Kindern auf dem Arm, die jungen Mädchen und die Kinder scheu einander zeigen: »È stato all’ Inferno! Sieh, das ist der Mann, der in der Hölle gewesen ist!«

Wahrlich, obgleich er nur von den nahrhaften Ackerfeldern, den Triften und Wiesen von Schielau kam, in der Hölle wußte auch dieser hagere, unbewegliche, greise Mann Bescheid, und zwar ohne daß er von einem überirdischen Führer durch ihre Schrecknisse geleitet worden war.

Es hatte nunmehr nicht den mindesten Anstand, daß sie ihm seine Tochter zurückgaben. Die größesten, gewaltigsten, schlimmsten und besten Angelegenheiten, Geschäfte und Ereignisse werden ja fast immer so einfach abgemacht oder wickeln so sich ab, daß man kaum darüber sich Rechenschaft zu geben vermag und daß, wer das tun will, nur zu häufig in einem neuen Schauder sich der Gleichgültigkeit des unbewegten Weltenauges gegenüber findet.

Es hatte kaum eine nennenswerte Zeremonie stattgefunden. Alles war in Ordnung – zwanzig Jahre hingegangen vor dem, vor welchem Jahrtausende wie ein Augenblick sind; – Gerechtigkeit war gehandhabt, Buße getan und Marianne Erdener frei. Dabei hat man denn wohl überall einen Provinzialausdruck für jenes Wetter zwischen Nebel und Regen, welches in dem Menschen stets jenes Frösteln zuwege bringt, das ihn bei weitem unangenehmer drücken mag als der bitterste Frost: der Vater und die Tochter standen darin vor dem wieder hinter ihnen zugefallenen schwarzen Tor, unter den blätterlosen Bäumen der Landstraße, und Marianne Erdener schielte empor und sah sich um in ihrer Freiheit – zum erstenmal.

Kurzverschnittenes greises Haar unter einer grauen Haube – ein zu schnellem Atemholen geöffneter lippenloser Mund – Augen gleich denen eines durch die Peitsche gebändigten wilden Tieres und – ein Lächeln um den zahnlosen Mund und in den scheuen Augen – ein Lachen des Hasses, des Triumphes und der Angst.

»So? – Also so sieht die Welt heute morgen aus! – Kalt, kalt und dreckig. Was soll’s nun werden, Alter? – Sie haben mich verwöhnt da drinnen, und ich spüre keine Lust, eine Ewigkeit hier zu stehen in der Nässe und in den niederträchtigen grauen Sack da über uns hineinzustarren.«

Das Weib sprach das mit einer rauhen, heisern Stimme; aber noch viel heiserer klang die Antwort des Vaters:

»Komm. Du weißt es, daß ich ein Dach und einen warmen Ofen für dich habe.«

Sie lachte wieder; aber er ging fort, ihr voran, und sie folgte ihm wie ein böser Hund, blieb aber noch einmal stehen und fragte:

»Was will der Köter? Gehört er zu dir, daß er mich so anschnuppert? So zutunlich täte er mir wohl nicht, wenn es deiner wäre?!«

»Es ist meiner. Pilgram heißt er. Komm nur fort.«

Er ging weiter mit gesenktem Kopfe, sie aber mit zurückgeworfenem. Sie summte höhnisch im Gehen vor sich hin. Aber von Zeit zu Zeit warf sie einen Blick auf den Hund ihr zur Seite, und als derselbe ihr wieder die niederhängende Hand mit der feuchten Nase anstieß, tätschelte sie ihm einen Augenblick den Kopf, sich niederbeugend, fuhr aber sofort wieder grimmig in die Höhe, als der Vater sich grade jetzt nach ihr umsah.

Der Schäfer Thomas tat das dann nicht eher wieder als am Anfang der ersten wirklichen Straße der Stadt, wo er zu seinem Schrecken merkte, daß sie weit hinter ihm zurückgeblieben war. Vor der ersten Anschlagsäule stand sie, auf die mannigfachen weißen und bunten Zettel und Plakate mit den Ankündigungen, Aufrufen und Vergnügungen des Tageslebens starrend. Er aber war wieder an ihrer Seite, legte ihr mit einem eisernen Griff die Hand auf die Schulter und riß sie herum:

»Was soll das? – Einen Spiegel habe ich dir auch in deine Stube gekauft. Aber komm nur; wir treffen auch wohl schon unterwegs auf einen in einem Ladenfenster.«

Sie griff auf ihrem Haupte wie nach einem Kopfputz, faßte aber nur das kurzgeschnittene Haar unter der grauen Haube. Da stöhnte sie leise und folgte willenlos und nun auch mit niedergeschlagenen Augen, bis jetzt der Vater stehenblieb und über die Straße deutete.

»He?« fragte sie.

Er deutete noch einmal, und nun verstand sie, was er meinte. Sie rannte, stürzte über den Weg und tat einen gierigen Blick in das Glas im hohen Goldrahmen hinter dem Schaufenster – seit zwanzig Jahren den ersten Blick auf ihr Spiegelbild, und stieß einen gellenden Schrei aus, der jeden in der Nähe zum erschreckten Auf- und umsehen brachte. Sie sank in sich zusammen, ein häßliches, krankes, gebrochenes, irrsinnig stierendes Weibsbild – so faßte sie nach dem Rockschoß des alten Vaters und hielt sich an ihm und sah nicht mehr auf und sich um auf ihrem fernern Wege durch die Stadt.

Sie verschwinden uns in dem Nebelgrau und Menschengetriebe der inneren Stadt, und wir wenden uns zurück gegen das »Trauerhaus«, das heißt zu der Firma Pelzmann und Kompanie. Da war das Getriebe im Gange, als ob nichts geschehen sei. Dem Anschein nach ging das bunte Handwerk auch ohne den Herrn Sebastian ohne Stockung seien Weg. Die Räder rasselten, die Dämpfe schnoben, alle Transmissionen taten ihre Schuldigkeit, die Formen gingen von Hand zu Hand, von Maschine zu Maschine. Ganz wie gestern nahm jedwedes Produkt Gestalt, Farbe und Geschmack an zum Genuß oder Vergnügen der Welt. Das einzige, was aufhielt an dem arbeitsvollen Geschäftstage, waren die vielen Besuche, die dem stillen Mann im Vorderhause galten, von Herrn Fabian empfangen werden mußten und keine Geschäftsbesuche waren. Eine ziemliche Stütze hatte er dabei an dem Hofmedikus, der mehr als einen seiner »Amateurpatienten« und vor allen anderen zuerst Ihro Hoheit Prinzeß Gabriele Angelika »auf morgen verschob«, um sich soviel als möglich dem Attrappenonkel zu widmen und ihm glücklich und mit möglichst intakter Zurechnungsfähigkeit in den »stillen Abend, das nach solchem Trubel und Embrouillement in der Tat ganz gemütliche Hinterhaus und in den Schlafrock und die Pantoffeln« hineinzuhelfen.

Es war trotz Hofmedikus Baumsteiger eine große Erlösung für den Onkel Fabian, als dieser stille Abend endlich gekommen war und er ohne den medizinischen Hausfreund nach einem letzten Blick in das Sterbezimmer und einem letzten Wort an den von dem Hofmedikus in dasselbe gesetzten Wächter durch die nunmehr auch schweigenden Fabrikräume und Höfe sich wieder in sein eigen Reich im »Hinterhause« zurückziehen durfte.

Nun waren sie unter sich und blieben dicht zusammen, und selbst Knövenagel ging an diesem Abend nur auf den Zehen um den Prinzipal und das Fräulein herum, und wenn er ein Wort in ihr leises Gespräch einwarf, so war das mehr als sonst wirklich zum Zweck. Im Innersten der Seele aber gab es an diesem trübsalsvollen, wirren Tage keinen vergnügteren Menschen unter dem Dache von Pelzmann und Kompanie als eben diesen Knövenagel. Ihm war es wahrlich keine Kunst, milde und sanft zu sein, aber eine so sehr große, sich zu mäßigen in seinem Behagen und nicht alle fünf Minuten in ein jubilierendes Triumphgeheul auszubrechen. Daß er sich alle Augenblicke mehr oder weniger verstohlen die Hände rieb, war auch nicht recht schicklich, aber doch bei weitem jeder lauten Äußerung seiner Gefühle durch Wort und Ausruf vorzuziehen:

»Aha, ahm – i, siehst du! Na, na – puh, – na nur stille, Knövenagel! Anhalten, Knövenagel!; Holzaffe! – Uh ja, dieses heiße ich doch endlich mal einen Trauerfall, wie er von Rechts wegen eigentlich immer sein sollte! – Lederaffenvisage! – Also wirklich? Mäßigung, Knövenagel, in ei-nem – Trau-er-hau-se! I bitte, sehen Sie jetzt gefälligst doch einmal, Herr Sebastian Pelzmann! Also doch ’n bißchen beizugesetzt?! Ja, ja, ja rrrrrm!« – –

»Mein armer Bruder«, seufzte währenddessen der jetzige einzige und wieder wirkliche Chef des Hauses. »Nun bist du, mein Herz, von Rechts wegen unser aller Herrin. Er hat dich als sein Kind gerufen und somit als seine Erbin eingesetzt, wenn auch nicht mit Worten und schriftlich und vor anderen Zeugen als uns beiden und Knövenagel im Nebenzimmer –«

»Ich will nichts, als daß du mich bei dir behältst, wie du mich bei dir aufgenommen hast, du lieber Onkel Fabian!« schluchzte das Kind. »Oh, und er hat mich ja auch doch nur für eine andere gehalten!«

»Für eine andere!« murmelte der Attrappenonkel schaudernd und zog das junge Mädchen fester an sich. Mehr zu sich als zu Konstanze sprach er dann: »Da hatte Baumsteiger recht. Ein großes, mildes Wunder war dies, und ein so feines, daß kein Menschenwitz darauf kommen konnte, sondern nur das Menschenschicksal selbst. Kind, dereinst wirst du es besser fassen als heute, wie freundlich gegen deinen armen Onkel Sebastian sein Schicksal durch deine Hülfe gewesen ist. So weit übers Meer bist du dazu hergeführt, und er kannte dich nicht; und sieh, es war nicht das Rechte, daß ich einmal gemeint habe, nur meinetwegen – zu meinem Glücke allein seist du zu uns gekommen – zurückgekommen zu deines Vaters Hause. Was half es ihm, daß er sich gegen dich wehrte? Was half es mir und dem Doktor Baumsteiger, daß wir dir verboten, zu uns in das Vorderhaus zu kommen? Durch die kalte, dunkle, stürmische Nacht mit deinem Lämpchen in der Hand mußtest du deine Sendung vollenden, dem Onkel Sebastian einen sanften Tod zu geben. Du bist wahrhaftig die einzige Erbin der Firma Pelzmann und Kompanie!«

Wie ein Besessener nickte Knövenagel hinter dem Paar sein absolutes Einverständnis mit den Worten des Attrappenonkels.

»Stimmt ausnehmend!« brummte er. »Und dann suche man mir mal einen, der es besser in Worten, in Schokolade und Zucker ausdrücken könnte als unser Herr Prinzipal! Welch ein Attrappenesel von Zucker und Schokolade und was für ein Vomitivus wärest du, Knövenagel, wenn du ihn jetzo in diesem Moment an die andere niederträchtige Erlösung aus der Knechtschaft auf diesem Attrappenerdball erinnertest – nämlich an unsere Mamsell Erdener!«

Der Tropf hatte leider nur das letzte Wort zu laut von sich gegeben. Er konnte wirklich nichts dafür; aber Herr Fabian Pelzmann ließ das Kind frei aus seinen Armen, fuhr herum und blickte wie erstarrt auf den Schwätzer.

»Großer Gott – das ist das Datum!« stammelte er dann. »Gütiger Gott, und ich habe das ganz vergessen!«

Der getreue Knecht, da er sich leider die Zunge nicht vor der Katastase dieses Kapitels abgebissen hatte, gebrauchte sie jetzt in seiner Weise weiter:

»Holzaffe!« schnarrte er wütend. »Zum Henker, der Selige hatte recht mit jeder Betitelung, die er mir im Verlaufe seiner Existenz aufgelegt hat und meinetwegen noch fünfzig Jahre länger für mich in seinem Komplimentierbuch aufschlagen möchte. Uh, ich Stallesel, ich Devisenrindvieh! Jaja, Herr Pelzmann, weil ich denn einmal solch eine elende Jammerfratze gewesen bin: heute morgen hat sie der Alte abgeholt aus ihrer Zurückgezogenheit, und ich bin ihnen in der Stadt begegnet, als mich der Herr Hofmedikus nach dem Pumpfünäber schickte!«

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