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Fabian und Sebastian

Wilhelm Raabe: Fabian und Sebastian - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
authorRaabe
titleFabian und Sebastian
senderanitagerber@gmx.de
created20050430
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Sechzehntes Kapitel

»Lieb Mädchen, wenn ich dir nur einen bessern und passenderen Umgang verschafft hätte in der Stadt!« seufzte der Onkel Fabian. »Nun sitzest du da verlassen und einsam auf dem Stänglein wie ein armer kleiner Vogel im Bauer, und kein Menschenkind guckt nach dir, und selbst der alte Sünder, der dich für seine Freude eingefangen, hat jetzt keine Zeit dazu.«

»Oh, ich springe auch wohl lustig hin und her und verlange nach niemand, und nach einem weiteren Reiche gar nicht!« rief Konstanze Pelzmann; aber Herr Fabian schüttelte kläglich den Kopf: »Nein, nein, nein! Zu deinesgleichen gehörst du doch; aber der alte Egoist dachte natürlich nur an sich und wollte dich ganz allein für sich selber behalten. Er gönnte dich nicht der Jugend, und – der Sonne womöglich immer nur in seiner verdrießlichen melancholischen Gesellschaft. Die Gewissensbisse wenigstens kommen mir ganz verdient jetzt zu allem übrigen über den Hals. Wen hast du denn zum Umgang außer der Madam Kettner und –«

»Knövenagel!« lachte das Kind und fügte noch schalkhafter hinzu: »Und dann schickst du mir ja auch alle Augenblicke den Herrn Hofmedikus, daß er mir den Puls fühle und sich sonst nach meinem Befinden erkundige; aber er ist gottlob viel zu lustig dazu, um mir nach deinem Wunsch jeden Tag ein ander Rezept zu verschreiben.«

»Ohne Knövenagel würde die Geschichte freilich ein bißchen sehr triste sein, da haben Sie vollkommen recht, Herr Prinzipal; aber auch das Fräulein hat recht: solange es sich in Knövenagels Gesellschaft befindet, kann von Langeweile und Tristität gewiß nicht die Rede sein«, sprach – Knövenagel.

»Ja, du bist mir der Rechte!« ächzte der Attrappenonkel, küßte zärtlich das Kind und schlich kopfschüttelnd und trübselig wieder hinüber in das Vorderhaus.

»Juchhe, nun tanzen die Mäuse wieder auf dem Tische!« grinste der Famulus. »Aber es war recht lieb von Ihnen, liebstes, liebstes Fräulein, daß Sie mich wirklich mit unter Ihren täglichen Vergnügen mitgezählt haben.«

»Und es ist ganz gewiß meine feste, feste Meinung, Baas Knövenagel«, lächelte das junge Mädchen im Hinterhause der Firma Pelzmann und Kompanie. »Ich weiß auch gar nicht, was die Leute gegen Sie haben und weshalb auch der Onkel immer so ärgerlich mit Ihnen spricht. Oder sprechen Sie wirklich so sehr viel anders mit mir als wie mit dem guten Onkel und den anderen Herren und Leuten drunten?«

Die »Holzaffenvisage« des Alten war wieder einmal nicht zu beschreiben; aber er seufzte zum erstenmal in dieser Geschichte und sprach ganz merkwürdig mit dem Ausdruck, Ton und Gestus des Attrappenonkels:

»O Kind, entschuldigen Sie nur, daß auch gute Beispiele die Höflichkeit verderben und ich mir herausnehme, Sie auch unser Kind zu nennen wie mein einziger Herr und Prinzipal, unser Herr Fabian. Fräulein Pelzmann, wären Sie wie ich hier von den ersten Hosen an in der Firma aufgewachsen und immer eingeklemmt zwischen Ihre ehrliche Pflicht und Liebe und Zuneigung und Wut und Gift, ewiges Ärgernis und was Sie sich sonst nur in Ihrem Menschengemüte zusammengerührt denken können, so würden Sie mich noch viel richtiger und liebender taxieren, als Sie’s schon tun. Was Ihnen unser Herrgott gewiß auch demnächst einmal nicht bloß wie jetzo durch einen allerbesten Onkel, sondern auch durch einen ebenso guten und umgänglichen Mann vergelten wird! Sehen Sie, da steigt eben unser Fabrikkater übers Dach vom Zuckermagazin! Sie kennen ihn, denn er hat Ihnen auch allbereits seine Aufwartung gemacht wie wir andern alle aus dem Geschäfte. Sie wissen, was für eine gutmütige Kreatur es ist; aber das können Sie sich doch nur schwach vorstellen, was sein Charakter wäre, wenn man ihn von seinen ersten Sprüngen durch die Firma an so wie mich zwischen dem Hinter- und dem Vorderhaus gegen den Strich gekämmt hätte. Was unser Herr Fabian ohne mich angefangen hätte, weiß ich nicht, aber das weiß ich, daß ich Sie nicht bloß allein für ihn mit abgeholt habe mitten aus dem Franzosenlande heraus und von seinem äußersten Rande, wo es schon zu Wasser wird, weg. So wahr ich hier vor Ihnen stehe, er hat nicht allein, bis Sie kamen, hier in der Schokolade und im Überdruß an sich selber und dem Universum gesessen und gekaut. Und jetzt, was kann ich Ihnen heute zu Gefallen tun? Soll ich mich auf den Kopf stellen oder soll ich unsere angenehme Frau Kettner drauf stellen? Da soll es doch keine Erfindung unseres Herrn Onkels geben, die wir, soweit sie die Menschheit betrifft, Ihnen nicht in Fleisch und Blut zu Ihrem Amüsemang prästieren; ich auf Ihr bloßes Wort und unsere Haushaltsmadam auf mein höfliches Zureden.«

»Duizendmaal dank!« ruft Mejuffrouw Konstantia Pelzmann in kindlich glücklichster Heiterkeit und bleibt Knövenageln, obgleich sie in einer fremden Zunge redete, durchaus verständlich.

Sie hatten freilich alle immer etwas an ihm auszusetzen, mochte er reden oder mochte er den Mund halten, und er meinte es doch so gut mit ihnen allen, der arme, liebe Kerl. Da war keiner in der Fabrik, sowohl in den Kontoren wie in den Arbeitssälen, dem er nicht das Beste und ihm Dienlichste von ganzem Herzen gönnte. Unter dem Dienlichen hatte er leider nur zu häufig eine gründliche »Ablederung«, sei es durch die irdische oder durch die himmlische Gerechtigkeit, zu verstehen. Ein desto wirklicheres Wunder war es deshalb, daß das Kind ihm so gern zuhörte und seine Unterhaltung der aller übrigen, den Onkel Fabian ausgenommen, ganz offen vorzog.

Da kommt der Regen eines der ersten Oktobertage leise herunter und wickelt die Residenz und mit ihr die Firma Pelzmann und Kompanie in einen feuchtkalten Schleier. Konstanze sitzt mit ihrer Arbeit an einem der Fenster des Reiches des Attrappenonkels, die nicht in die Fadengasse, sondern in die Hofräume der Fabrik hinuntersehen. Sie wartet auf den Onkel, der nun bald, wenn nicht wieder etwas dazwischen kommt, zu Tische kommen muß, während das Arbeitervolk von seiner kurzen Freistunde eben zurückkehrt, in dichten Gruppen und Scharen, von der Fadengasse her, durch den Geschäftstorweg und sich, naß und wahrscheinlich auch fröstelnd, über den Hof drängt. Sie weiß es auch von ihrem sonnigen Geburtslande her, aus den Faktoreien und Plantagen, die ihr seliger Vater mit seinen Soldaten gegen die wilden Menschen aus den Bergen beschützen mußte, aber – kalt war es doch dort nicht und nicht so grau. Und sie hat ein inniges Mitleid mit diesen Arbeitsleuten ihrer europäischen Verwandten, und vorzüglich mit ihresgleichen darunter – obgleich die ganz lustig sind –, und mit den ältern Frauen, von denen nur wenige, wenige ein vergnügtes Gesicht machen oder gar in das laute Lachen und Kreischen der Jüngeren einstimmen.

Und mit dem Messerkorb des Haushaltes der Fadengasse unterm Arme ist natürlich Knövenagel als Statistiker, Menschenkenner und Philosoph der Firma Pelzmann und Kompanie neben ihr vorhanden, sieht ihr über die Schulter gleichfalls in den Hof hinunter und redet wie ein Buddhist oder wie Buddha selber hinein in das Vorübergleiten der Erscheinung.

Es war merkwürdig, wie genau er Bescheid wußte unter den Leuten da unten und vorzüglich den jungen Mädchen. Kannte er sie mit Namen, so wußte er auch fast von einer jeglichen ihre Geschichte, und wenn dieses nicht, so doch eine Geschichte, die er freilich immer erst ganz väterlich und verständig sehr genau darauf ansah, ehe er sie seiner jungen Herrin in ihrer gegenwärtigen Einsamkeit zur Unterhaltung zum besten gab. Es hatte niemand im Geschäft, und selbst der Onkel Fabian nicht, eine Ahnung davon, was in dieser Hinsicht in seiner untersten Tiefe lag und wie er es mit unbewegter Miene vermochte, das Kind bald zum hellen Lachen und bald dem Weinen so nahe als möglich zu bringen und alle Augenblicke zum Ausruf:

»O Knövenagel!«

Und recht nett war er auch jetzt wieder am Werke und brummte sinnig:

»Was für ein Gesichtchen machen wir denn nun wieder in die heutige unangenehme Witterung herein, Fräulein? Die ist nun mal nicht anders bei uns zu Lande und kommt im nächsten Monat noch viel besser: aber wenn Sie vielleicht meinen, anderwärts in Europia hätten Sie’s immer blau über dem Kopfe wie vielleicht bei Ihnen zu Hause, da irren Sie sich Gott sei Dank ungeheuer. Zum Exempel, was tut es zu Paris? Es goß ihnen auf die nichtsnutzigen Köpfe, was das Zeug halten wollte, als wir, ich und der Herr Prinzipal, uns auf der Fahrt zu Ihnen dort aufhielten und uns gottlob in aller unserer Erwartung von dem Nest getäuscht fanden. Und erinnern Sie sich nur: Was tat es in Paris, als wir mit Ihnen wieder zurückkamen und es Ihnen auch in seiner Gloria zeigen wollten? Es regnete wiederum wie des Himmels Strafgericht unsern lieben Franzosen auf die Frisur, und was das Trockensitzen anging, so hatten sie mit ihrer neuen freien Republik, die wir ihnen verschafft hatten, gar nichts voraus vor uns mit unseren lieben Landesvätern und neuem Reich, zu welchem sie uns mitgeholfen haben.«

»O Knövenagel«, lächelte das Fräulein, »wie kommen Sie nun darauf? Wer denkt denn jetzt hieran? Mich fröstelt eben nur mit den Armen da drunten, und es sind noch so junge Mädchen dabei, in ihren nassen Kleidern.«

»Hm«, brummte des Onkel Fabians Famulus, »daß ich als zukünftiger Seelenwanderer mal in so ’ne Existenz hineinfahren möchte, kann ich grade nicht behaupten; aber ihr Vergnügen haben die naseweisen, impertinenten, schnattermäuligen, albernen Trinen vielleicht mehr an sich als ich an mir in meinem heutigen Zustande. Sehen Sie mal, Kind, ehe der Mensch stirbt, muß der Mensch eben leben, und nun hören Sie gefälligst mal das Gekicher und Gekreisch da im Hofe – klingt das, als ob sie es gar nicht mehr aushalten könnten in dieser miserablen Welt? Wissen Sie, schon ganz ohne alle Seelenwanderung sitze ich in jeder von ihnen und weiß ihre Freuden und ihre Leiden zu taxieren. Ihr Wohlbehagen zum Exempel, daß sie jetzt unsern – nun, ich will nicht sagen wen – da im Vorderhause so in Sicherheit fest liegen haben –«

»O Knövenagel!« rief Konstanze Pelzmann vorwurfsvoll; doch Knövenagel sprach würdig:

»Die Wahrheit immer zuerst, Fräulein, und nachher die feinern Gefühle und das übrige! Ihr Juchhe darüber, daß ihnen augenblicklich ein gewisser Jemand fürs erste nicht in ihre Insolenz, Faulheit und Naschhaftigkeit hineinfahren kann, will ich zwar nicht billigen, aber mitgenießen kann ich es schon nolens volens. Und so wie dieses legt ihnen jeder Tag für ihre Lästermäuler, Schadenfreude und Lust am Schabernack ein anderes Bosheitsei unter, was sie jedesmal ganz richtig ausbrüten und begackern und Hunger und Durst und jedwede Witterung darüber vergessen. Und dazu rechnen Sie denn auch, Fräulein Konstanze, bitt’ ich Sie, die hübsche reinliche Arbeit, die sie hier bei uns haben – so ein Tagewerk aus nichts als Gold- und Silberpapier und Wohlgeruch und Kakao, Zucker und Schokolade, wovon sie freilich wenig mehr haben als den Geruch, welchen letztern aber grade bei manch einem andern Geschäfte der Satan holen soll. Arme, geplagte Geschöpfe und nichtsnutzige Kreaturen sind es; aber so ganz schlimm haben sie es nicht, wie sie es meistens verdienen; und, Fräulein, wie oft, wie oft habe ich hier im Hinterhause einen andern Jemand, den ich auch nicht nennen will, grade da, wo sie jetzo sitzen, ebenfalls sitzen sehen und auf ihr Lachen und Singen horchen hören, und zwar mit einem Seufzer, der viel weniger Mitgefühl mit ihnen als mit sich selber war! Und wie oft hat er, wenn er sich dann selber darüber attrappierte, seine Melancholie an mir ausgelassen, und wenn er auch nur aufguckte und sagte: ›Nun, was gibt es nun wieder, – lieber Knövenagel?‹«

»Kerl, was stehst du jetzt wieder so dumm und stierst und gaffst?« lautete eigentlich die letzte Redensart; aber das ist einerlei, Konstanze Pelzmann stützte den Ellenbogen auf die Fensterbank wie der Onkel, sah hinein in den grauen Regentag und sagte leise:

»Er meint es sehr gut mit uns allen. Es ist wohl nur ein Mensch wie er in der ganzen weiten Welt! Wir sind schon zu einigen hingegangen, wenn sie krank waren; auch hinter Ihrem Rücken, Knövenagel. Ach, ich weiß es nur zu gut, daß viele von ihnen, die hier lachen, zu Hause bitterlich weinen – vorzüglich, wenn sie aus großen Familien kommen, aber auch wieder, wenn sie ganz allein auf der Erde sind. Am liebsten holte er sie wohl alle dann wie mich hierher zu sich herauf.«

»Das würde freilich einen netten Haushalt hier im Hinterhause geben. Herr du mein Heiland, Fräulein, was haben Sie für merkwürdige Ideen aus Indien und von Ihrer Meerkatzeninsel mitgebracht. Lieber doch die ganze Bande schwarz färben und sie zu jedem Preise nach dorthin losschlagen! Um Gottes willen, reden Sie nur nicht so was hier am Platze, und noch dazu bei dem Geruche, in welchem so schon unser Herr Prinzipal Fabian in hiesiger Stadt steht, und nach dem Haar, was wir vor Jahren schon stadtkundig hier in der Firma in dieser Suppe gefunden haben. Bin ich nicht noch erst vorgestern darüber angeschnauzt, bloß weil ich Ihnen einen Namen genannt habe, der doch wahrlich und zwar seit Wochen mehr denn je auf der Lippe schwebt, in und außerhalb dem Geschäft, wenn die Rede auf meine und unsere Herzensgüte kommt.«

»Marianne Erdener!« murmelte Konstanze, und nun war es in der Tat überraschend und zum wirklichen Erschrecken, wie nun plötzlich alles herausbrach, was in dem alten kuriosen Menschenfresser über den Fall gesteckt hatte, wie nichts von dem, was in ihm kochte, brodelte und misanthropische Blasen warf, sich länger zurückdrängen ließ, wie der Topf überlief, wie Knövenagel sich Luft machen mußte und zwar in einem Geheul, das zuletzt fast in ein Schluchzen überging.

»Meine Marianne, mein Patenkind, an der ich mir auf der Schielauer Heide einen Narren gefressen hatte, gegen den selbst ihr eigener Vater nicht aufkommen konnte, grade wie Ihr seliger Papa heute, wenn er noch lebte, gegen unsern Herrn Onkel Fabian! Mein Mariannchen, das ich mir zu meinem Vergnügen und ihrem Elend und Verderben hierher in die Stadt und nachher ins Zuchthaus heruntergeholt habe! – Sehen Sie, Fräulein Konstanze, und ich hatte doch meinesteils zuerst auf das scheue, flinke Ding bei seinen Sprüngen über die Wiesen und Gekicher hinterm Ofen im Hirtenhause kaum achtgegeben, denn daß ich damals gerade ein Kinderfreund gewesen wäre, das soll mir heute noch keiner vorwerfen. Ach, damals nannten sie ihn noch nicht den Attrappenonkel, unsern Herrn Prinzipal meine ich; sie sagten nur: an dem ist vielleicht doch ein Künstler, Maler oder Steinbildner verlorengegangen, und es ist eigentlich schade, daß er alles, was er so findet, nur in Zucker und Schokolade in sein Schaufenster stellt! O Kind, wie viele bittere, reuevolle Stunden hat ihm das ohne seine Schuld zubereitet, daß er auch damals auf Schielau solch ein Auge für das Hübsche und Merkwürdige hatte; oh, und verdammt sei der Tag, an dem ich es ihm an der Hand brachte und unsere selige Frau Amtmann als junge Frau lachend ihm – meines Gevattern jungem Dinge – ein kurz rosenrot Röckchen anzog, ihm einen Maskeradenschäferhut mit Rosen und Bändern aufsetzte und sagte: ›Jetzt zeigen Sie Ihre Kunst, Herr Pelzmann!‹ Wie heute weiß ich es. Ich stand in der Tür vom Eßzimmer und hörte, wie er sagte: ›Entschuldigen Sie, Therese, da kommen Sie mir auch, als kämen wir eben von einem Kasinoballe. Halte doch noch ’nen Augenblick still, Mädchen! Ich habe sie zwar schon in meinem Zeichenbuch, wie sie von Peters Wiese kommt, Frau Amtmann; aber besser ist besser.‹ Und nun ist es fast ein Vierteljahrhundert her, seit die Leute sich in der Hochstraße vor unserm Fenster drängten, das Wunderkunststück und das Schielauer Schäfermädchen anzugaffen, und mich der Satan verblendete, daß ich mit dem armen Geschöpf, der lebendige Kreatur, im Haufen stand und ihr anzuhören gab, was die dummen Mäuler da über ihr Bild in Zucker schwatzten und an ihm priesen! – Barmherziger Gott, das war eine Attrappe zur Weihnachtszeit, wie sie der Verderber wohl selten so fein hingestellt hat, um einen ganzen Haufen armseliger Menschenkinder in einem Netz zu fangen; mich, das Kind, den Gevatter Thomas, den seligen Herrn Papa, den Onkel Fabian und – den Onkel Sebastian. Sechzehn Jahre war die unglückselige Gans alt, als ich ihr das Stadtleben zum erstenmal zu schmecken gab und in meinem damaligen Stolz auf die Firma ihr mit Pelzmann und Kompanie und ihrem süßen, bunten Geschäfte als dem Höchsten auf Erden vorrenommierte. Sie hob schon so ihre hübsche naseweise Nase über das Schielauer Volk empor, und eine feine geschickte Hand für unsere Künste hatte sie, das muß man ihr lassen. Da machte sie eines Tages heimlich ein Bündel aus ihren Siebensachen, ohne daß mein Gevatter eine Ahnung davon hat, und unser Herr Prinzipal, unser Onkel Fabian, hat in großem Verdruß und schon damals gleich großer Beängstigung hinausfahren müssen, um dem Thomas anzuzeigen, wo sie geblieben war. Du lieber Himmel, wo hätte sie, da das nun einmal so sein sollte, wohl besser aufgehoben sein können als unter unseres Herrn Fabian und meiner scharfen Obhut und Aufsicht? Unser seliger Herr Leutnant, der Herr Papa, meine ich, hatte seinen fröhlichen, lachenden Spaß an der Geschichte und zog meinen Herrn Fabian häufig nur zu arg damit auf; aber unserem Herrn Sebastian war die Sache im Anfang recht widerwärtig, denn er hat nie sich viel aus dem Verkehr mit Schielau gemacht, weil er stets lieber sein Vergnügen und seinen Umgang unter den Herrschaften hier in der Stadt suchte. So wahr ich lebe, er ist es gewesen, der den tausendfältigen Verdruß, der aus dieser Affäre entstehen sollte, am schärfsten vorausgesagt hat. Vor zwanzig Jahren! Vor mehr als zwanzig Jahren! O Fräulein, wie muß sich der Mensch nach Ablauf so langer Zeit besinnen, ehe er sich nur notdürftig in seinen eigenen Schicksalen wiedererkennt! Wie muß der Mensch sich quälen, ehe er klein beigibt und sich drein findet, daß er in dem Verlauf der Dinge drin steckt heute wie vordem und heute ebensowenig herauskann wie vor einem Vierteljahrhundert! Tagtäglich haben sie sich da unten über den Hof geschoben bei Regen und bei Sonnenschein, und eine Generation ist der andern gefolgt wie beim Bäcker die Semmeln, und keiner hat viel darauf geachtet, außer bei der wöchentlichen Ablohnung: wer konnte es nun ahnen, daß der Teufel jetzt uns eine drunter eingeschmuggelt hatte, die unser Herr Fabian auch sein ›Wunderkind‹ nannte und der Onkel Sebastian auch leider Gottes! – Vor fünfundzwanzig Jahren! O Fräulein, was würde das Ihnen heute für eine Freude sein, Ihren Herrn Papa in seiner jungen, ehrlichen Pracht und Tollheit gekannt zu haben! Es gab gottlob keinen zweiten wie ihn in der Stadt, sowohl was die Noblesse wie was das Kümmre-mich-nicht-drum! betrifft. Und dazu wie ein Sohn zum Vater gegen unsern ersten, einzigen, wirklichen und wahrhaftigen Prinzipal, unsern Onkel Fabian! Wenn uns einer von dem Unglücke hätte erlösen können, so wäre das unser lieber Herr Lorenz gewesen; aber, wie gesagt, unter einem Netz hatte uns der böse Feind allesamt, und so ist es doch wohl so am besten gewesen, daß Sie nicht damals bereits in der Welt vorhanden waren, um das mitzuerleben, Fräulein Konstänzchen. Oh, es ist doch eben das schönste Wunder, daß wir Sie hier jetzt so sitzen haben, wie aus dem Blau über uns heruntergekommen in all unsere graue Trübsal, und daß ich hier so wie im Traum und Dusel auf Sie hereinreden kann. Aber auch daran ist ja im letzten Grunde die Schielauer Hexe schuld gewesen; denn sie allein war es doch zuletzt, die unsern Herrn Lorenz auf den Weg in den holländischen Dienst und uns hier in das Hinterhaus beförderte und unsern Herrn im Vorderhause für sich nahm und ein, zwei tolle Jahre durch die Firma Pelzmann und Kompanie, das gute ehrenhafte Haus, in der Leute Mäulern vertrat, wie es nie vorher gewesen ist und nimmer hoffentlich wieder sein wird. Es war unser Herr Sebastian, der ihr Unterricht hatte geben lassen in allem, was dazugehört, um ein schönes Mädchen zur Dame zu machen. Es war unser Herr im Vorderhause, der sie mit sich nahm nach Italien, von wo er dann allein zurückkam nach Hause und sie erst ein paar Monate später und den Konkurs unseres bürgerlichen guten Rufes einleitete, aus dem der Herr Papa erst in Batavia wieder aufgetaucht ist als ein nobler, ritterhafter, vermögensloser Kriegsmann und unser Herr Fabian hier in der Fadengasse als der Spott und das Vergnügen der Lumpen und Narren – der Attrappenonkel; und wiederum als das Vergnügen, aber auch die Rührung und Hochachtung aller wirklichen Menschen und Leute – Herr Fabian Pelzmann, der Attrappenonkel! . . .«

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