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Fabian und Sebastian

Wilhelm Raabe: Fabian und Sebastian - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
authorRaabe
titleFabian und Sebastian
senderanitagerber@gmx.de
created20050430
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Fünfzehntes Kapitel

Wie im Hinauflaufen des Wassers, so bildet sich im Hinstürzen menschlicher Schicksale dann und wann eine Stelle, wo das Leben dem Wasser gleich nach dem äußersten Tumult, Aufruhr, Gewirbel und Geschäume still wird und sich glättet über einer Tiefe oder, wie das Volk sich ausdrückt, einer Untiefe. Da scheint der Lauf der Ereignisse stillezustehen; scheinbar ist dann nur ein leises Ziehen im Kreise, ein kaum bemerkbar Drehen um sich selber an einem Feststehenden vorhanden. Das ist aber nur eine Täuschung.

Es kommt wohl für jeden von uns oder ist wohl schon einmal oder vielmal für jeden von uns eine Zeit gekommen, wo er alles über sich, seine Pläne, Ansichten, Meinungen und Überzeugungen ergehen lassen muß; doch still steht die Weltgeschichte nicht darum. Die Geschäfte des Ganzen werden nur desto besser darum betrieben, wenn über den einzelnen zur Tagesordnung übergegangen wird. Es fließt eben weiter; es ist ein fließend Element, und nichts überflüssiger, als wenn ein sich als versinkend empfindendes Individuum sich mit der letzten Kraft der Stimme, mit dem letzten Blick des Auges angstvoll danach fragt, was nun aus der Geschichte werden solle, und die Anwesenden seltsamerweise in die Frage einstimmen.

Die ist im großen so wie im kleinen; in dem vorliegenden Falle aber reden wir von der Krankheit Herrn Sebastian Pelzmanns und dem Eindruck, den dieselbe wenigstens im ersten Anfang auf seine Umgebung machte. Vollständig willenlos mußte er alles über sich ergehen lassen – er, der jeder fremden Meinung, jedem noch so bescheidenen Widerspruch stets so scharf sein Besserwissen und seinen Willen entgegengesetzt hatte. Lange, lange Wochen hindurch wußte er nicht, was man mit ihm vornahm, welche Hände über ihm walteten, ob harte oder weiche, Mietlingshände oder befreundete, welche Blicke über ihn hin gewechselt wurden, welche Worte man über ihn neben seinem Bette sprach, und vor allem nicht, wie die berühmte Firma Pelzmann und Kompanie es möglich machte, ohne ihn fertig zu werden.

Still lag er nicht auf seinem Bette, während das Reich zum erstenmal wieder dem Attrappenonkel zugefallen war und sogar ungeteilter denn je zuvor.

Er sprach viel und manchmal ganz zusammenhängend in seinem Fieber, und der Hofmedikus, der doch schon manche Leute im Fieber hatte reden hören, erklärte ihn für den eigentümlichsten Räsonneur von allen, die ihm jemals in seiner Praxis vorgekommen seien.

»Er ist sich merkwürdig klar«, murmelte Freund Baumsteiger schier enthusiastisch. »Merkwürdig viel Methode liegt in seiner Unterhaltung mit sich selber, Fabian! Und wie nett er das alles sagt, was ihn drückt und was er so verständig bis dato bei sich behalten hatte. Was für ein Exempel sich da meine Hoheit an ihm nehmen könnte, die bei dem geringsten Druck auf ihrer Seele sofort losschreit, und zwar – nach mir! – Hm, hm, da haben wir das unschuldige Wurm Knövenagel wieder in der Konversation, dem Selbstgespräch! – Wie menschlich berechtigt das ist, sich selbst bei vollkommener Unzurechnungsfähigkeit immer den unrechten Mann für die eigenen Peccadillen herauszulangen! – Natürlich, hätte Knövenagel ihm nicht des Gevattern allerliebst Töchterlein mit allen seinen Naturtalenten von der Schielauer Heide in den Dekorateusensaal verpflanzt und wäre unser seliger Bruder Lorenz nicht dazu gekommen, so wären selbstverständlich sämtliche Konsequenzen geblieben, wo sie waren – auf dem Schoße der Mütter, harmlos in der angenehmen Gesellschaft sämtlicher übrigen platonischen Ideen! – Ach ja, jawohl, liebster Attrappenonkel, – platonischer Ideen! Diesmal waren sie leider tot zu kriegen, die Konsequenzen davon, und zwar unter Ausschluß aller mildernden Umstände. Joseph, Joseph, auf entfernte Meilen – höre ihn einer nur, wie genau er den Verhandlungen beigewohnt hat und wie er die Daten weiß! Zum Tode verurteilt – begnadigt zu zwanzig Jahren Zuchthaus, die – im – nächsten Monat laufenden Jahres auch vorbeigegangen sein werden gleich allem übrigen zugleich Notwendigen und Überflüssigen.«

»Machst du ihn wirklich nicht unruhiger durch dein Akkompagnement zu seinen trostlosen Reden?« fragte Herr Fabian; doch der Hofmedikus schüttelte melancholisch den Kopf und sagte:

»Beruhige dich, Alter; wir beiden sind hier augenblicklich ganz und gar unter uns und der da mit sich allein. Achte übrigens nicht auf mein Geschwätz, wenn es dich intrigiert; mir ist es in der Tat momentan ein Bedürfnis. Du hast freilich keine Ahnung davon, was so’ n beliebter Doktor an Notizen in sich hereinzufressen hat an seinen Krankenbetten. Da ist es denn ein wahres Labsal, sich endlich einmal, ohne Schaden in seiner Praxis und in der guten Meinung seiner Klienten zu nehmen, so recht nach Herzenslust gehenlassen zu dürfen, zumal wenn man in den Vorgeschichten der obwaltenden Krisis so zu Hause ist wie ich hier im Hause Pelzmann und Kompanie. Sieh mal, Bester, da hat der weimarsche Superintendent Herder einmal ein ganz vernünftiges Wort gesprochen, nämlich: ans Theater des bürgerlichen Lebens sei gewöhnlich ein Spital gebaut, in welches sich nach und nach die meisten der Schauspieler verlören. So ist es wahrhaftig; aber wem die Misere der am letztern Orte so nach und nach anlangenden Herrschaften aus den besten Kreisen unserer nächsten Bekanntschaft auf den Buckel fällt, das sind doch nur wir, wir Hof-, Leib-, Magen- und Seelenbeichtiger der angenehmen societas peccatorum. Auf Ehre, alter, guter Attrappenmensch, wir sitzen viel weniger im Theater und zanken uns um Wagner herum oder gucken nach den Wattons des Corps de Ballet, als daß wir im besagten Spital hocken und auf die vom théâtre de la vie abtretenden Helden und Heldinnen, Statisten und Statistinnen mit unserer – Kritik passen. Den feinen Komödianten hier habe ich schon seit lange fest in der Klinik. Tot zu kriegen ist er nicht in der Welt, aber ob ich ihn durch gegenwärtiges Nervenfieber bringen werde, das ist freilich eine andere Frage, lieber Fabian. Und ob ihm nachher, wenn es uns gelänge, viel daran gelegen wäre, das ist noch eine andere Frage. Er ist ziemlich satt vom Tische aufgestanden; er war mir trotz allem stets ungemein sympathisch, und ich bin auch lange genug sein Tischgenosse gewesen, um als Mensch und als wissenschaftlicher Mensch einige bescheidene Zweifel in jener Beziehung hegen zu dürfen.«

Man bilde sich nicht etwa ein, daß Hofmedikus Baumsteiger seiner Prinzeß Hoheit gegenüber einen anderen Ton anschlug wie diesen, in welchem wir ihn soeben reden hörten. Er wußte es ganz genau, daß nicht nur sie, Prinzeß Gabriele Angelika, sondern auch manche andern Damen aus den besten Kreisen der Gesellschaft ihm grade dieses Tones wegen ihr Vertrauen mit Vorliebe zuwendeten; aber dem Attrappenonkel hätte er ihn, besagten Ton, im gegenwärtigen Augenblick wohl schenken dürfen. Er paßte durchaus nicht für ihn und an ihn und wurde von ihm mitgenommen wie so manche andere sauer-bittere Zutat zum Dasein, welcher er sich gleichfalls nicht zu entziehen vermocht hatte.

Er seufzte nur tief und schwer, der Herr Fabian Pelzmann, und murmelte:

»Und das Kind! das Kind! Daß das Kind es sein mußte, auf dessen arm unschuldig Köpfchen das ganze, erste, volle Gewicht jenes entsetzlichen Ausbruches fiel! Wie du sie mir beide zuführtest – «

»Nicht wahr?« fiel der Hofmedikus eifrig ein. »Ein Arrangement durch Mr. Zufall, Miß Fatum, Mrs. Möre – kurz das, was ich allerhöchste Regie zu nennen pflege, wie’s nicht drastischer, nicht melodramatischer gedacht werden kann! Ich im richtigen Moment von Monplaisir her zur Stelle, und dazu der Alte von Schielau, der mir an der Straßenkreuzung mit seinem schottischen Covenantergesicht in die Karrete guckt und als Augenblicksbild meine psychologischen Erfahrnisse um ein erkleckliches bereichert! – Horch, da redet auch er wieder davon. Jaja, er hat uns seine Spazierwege nach jener Richtung hin lange recht geschickt zu verbergen gewußt; aber jetzt hängt einer der mysteriösen Fäden, an denen wir drolligen Hampelmänner hier sub divo gezogen werden, deutlich genug heraus. Was hat er denn aber immer wieder mit der jungen Dame – unserm kleinen Fräulein? Hm, ist es nicht, als verwechsele er es mit einem andern Kinde, das ihm freilich nur höchst gespenstisch an jener Stelle entgegentreten konnte? Das ist wirklich eigentümlich interessant! Laß uns doch noch ein wenig genauer horchen, Fabian.«

Sie taten das; aber der Kranke tat dem Hofmedikus nicht den Gefallen, seine psychologischen Erfahrungen durch das wirre Fiebergerede zu erweitern, und dem Attrappenonkel war es eine wirkliche Erlösung, als sich noch eine Stimme, und zwar die Knövenagels, vom Nebenzimmer aus in die Unterhaltung mischte:

»Sorgen Sie sich nur nicht auch noch gar um unser Kind, Herr Prinzipal. Wir sind ganz ruhig und gefaßt in unserm Nest da hinten, und ich sehe auch gar nicht ein, was uns eigentlich die ganze Geschichte viel angehen sollte. Ne, hierdurch sind wir wirklich fürs erste noch nicht tot zu kriegen, wie der Herr Hofmedikus sich stets so passend auszudrücken belieben. Wir sitzen am Fenster in der Fadengasse mit unserer Stickarbeit und gucken wohl ein bißchen melancholisch in das Stück blauen Himmel, was uns die Jahreszeit und unser lieber Herr Onkel Sebastian da noch gelassen haben, aber mit freundlicher Konversation kommen wir doch ganz passabel und konfortemang in der Zeit weiter und über die jetzige ganz gerecht gesendete Ungemütlichkeit hinweg.«

»Ich bitte dich, hier wenigstens und jetzt deine Philosophien bei dir zu behalten und vor allen Dingen meine Nichte mit allen unnötigen Erörterungen zu verschonen!« rief Herr Fabian, trotz des Trostes, den ihm sein Famulus aus dem Hinterhause herüberbrachte, mit nicht geringem Verdruß und nicht ganz ungerechtfertigtem Mißtrauen in die Zweckdienlichkeit der Unterhaltungen, welche Knövenagel mit der Tochter seines Bruders Lorenz und der Nichte seines Bruders Sebastian aus »der besten Meinung heraus« zu führen imstande war.

Der Hofmedikus nahm nur eine wohlwollende Prise, nickte zustimmend, das heißt Knövenageln zustimmend, und meinte:

»Laß ihn nur, den Alten, Fabian. Es hat noch niemand die gute Bekanntschaft dadurch, daß er dem einzelnen drunter das Maul verbot, gehindert, ihre Ansichten, Meinungen oder vor allem ihre Weisheit und ihr Wissen an Mann, Weib oder Fräulein zu bringen. Mir ist es immer sogar lieb, wenn von allen Seiten auf mich eingeschwatzt wird; ein mittleres Maß richtigen Verständnisses kommt einem doch dabei zuwege; und auch dir, mein Bester, möchte ich raten, für den vorliegenden Fall dein kleines, wirklich allerliebstes und verständiges Mädchen nicht zu hermetisch gegen die Äußerungen und Mitteilungen der Welt abzusperren. Ich habe mich mit dem Kindsköpfchen so von weitem dann und wann ziemlich genau beschäftigt, und es ist meine Meinung, daß es die Dinge und Zustände mindestens ebenso klar übersehen wird wie ein gewisser sehr respektabler, aber wegen seiner Lebensführung nur zu stadtbekannter Charakter, den ich schon deshalb dir nicht zu nennen brauche, weil er sich im Grunde viel besser selber kennt als ich ihn oder gar das mobile vulgus rund um ihn her.«

Der Attrappenonkel, die letzte schmeichelhafte Bemerkung des Hofmedikus ganz außer acht lassend, griff mit beiden Händen nach der fleischigen, wohlgepflegten Rechten Baumsteigers und rief:

»Sieh, hier nimmst du mir wirklich einen Stein durch deine Worte vom Herzen, und ich danke dir innigst dafür! Ja, ich glaube das auch, was du da eben von meinem armen Kinde bemerkt hast, und ich bin nie im Leben für einen andern freudigen Glauben im stillen so dankbar gewesen wie für diesen. Sie ist ein sehr kluges Mädchen für ihr Alter und hat auch schon so viel darin erlebt und mit ihren ernsthaften, guten Augen mit angesehen, daß man ihr wohl in dieser schlimmen Erdenwirrnis mehr vertrauen und anvertrauen kann als manchen, die mit ihr nur wie mit einer Puppe spielen und sprechen würden, wenn ich sie dazu kommen ließe. Ach, Baumsteiger, gehe du nur auch recht freundlich mit ihr um. Sie erschrickt doch recht leicht, und dann denkt sie auch zu lange über Worte nach, bei denen der, welcher so laut zu ihr sprach, sich wohl nichts gedacht hatte. Und so macht sie sich Sorgen, als ob sie auch schon sechzig Jahre lang in der Welt sei und aus bitterer Erfahrung ganz genau wisse, wie übel oft die Menschen das bloße Dasein eines andern in eben dieser Welt aufnehmen und wie sie ihr eigen Leben so häufig an dem der andern rächen möchten.«

»Dummes Zeug«, brummte der Hofmedikus ärgerlich. »Da haben wir mal wieder ein sauberes Exempel davon, wie impertinent so ein naiver, alter Hexenmeister aus der Fadengasse bei Gelegenheit werden kann. Eine Ahnung davon hat er natürlich durchaus nicht. Also – erstens: Unfreundlich gehe ich mit niemand um, sondern werde nur da grob, wo die Praxis es erfordert; Leibarzt Ihrer Hoheit der Prinzeß Gabriele Angelika bin ich nur meiner eigenen Seelendiät wegen. Zweitens: Laute Worte mach ich nur da, wo es mir in der Wüste zu einem Bedürfnis wird, eine vernünftige Stimme zu vernehmen. Drittens: denke ich mir stets etwas bei dem, was ich sage, und habe jedenfalls immer meine Devise im Bauche, nicht nur Mère la Chaise, sondern auch dem Attrappenonkel, Monsieur Fabian Pelzmann, gegenüber. Viertens hast du unverschämter, alter Eckenhocker vollkommen recht: wenn einem unglückseligen Menschenkind das pure Atemschnappen in dieser miserablen Lebensjahrmarktsbude zum Verbrechen angerechnet wird, bin ich’s, und wenn eine harmlose Lammskreatur durch Ärger tot zu kriegen wäre, so wäre ich’s auch. Übrigens ist die gegenwärtige Konsultation vollständig zu Ende. Guten Morgen, lieber Knövenagel, und – also – immer hübsch Eis auf den Kopf.«

»Besten guten Morgen, Herr Hofmedikus. Verlassen Sie sich ganz auf mich, Herr Hofmedikus!« erwiderte Knövenagel mit einem so innigen, so herzlich sich anschmiegenden Ausdruck in Stimme, Ton und Gebärde, daß jedermann hätte denken sollen: da sieht man’s, auch er braucht nur einen ihm sympathischen Menschen zu begegnen, um das Organ für den Umgang mit demselben in sich zu finden. Daß dieser »jedermann« sich wie gewöhnlich darin ein wenig täuschte, ist auch im vorliegenden Falle mehr denn verzeihlich.

Trotzdem daß man, wie wir eben gehört haben, ein so außerordentliches Zutrauen in die Verständigkeit und Vernünftigkeit Konstanzes hatte, ließ man sie doch natürlich nicht in das Krankenzimmer, sondern hielt sie sogar aus der Nähe desselben, und nicht bloß der Ansteckungsgefahr wegen, fern. Nicht alles, was der arme Onkel Sebastian in seinen Fieberphantasien, und zwar häufig nur allzu laut, vorbrachte, hätte wohl für das unschuldige Ohr der Kleinen gepaßt. Es war für das Kind eine Zeit, in der sie mehr als in einer andern seit ihrer Heimkehr ins alte Vaterland allein und auf sich selber angewiesen war. Der Onkel Fabian konnte sie jetzt nur im Vorübergehen küssen und streicheln und sein liebes Herz nennen. Der kranke Mann drüben im Vorderhause rief in seinen Phantasien wunderlicherweise sehr häufig nach dem Bruder, redete viel von ihm, ließ ihn antworten, Einsprache tun, nannte ihn einen Tropf und Narren über den andern, um ihn dann wieder, mit krampfigen Händen nach ihm oder seiner Decke zugreifend, nur mit seinem Namen anzuschreien, oder ihn in abgebrochenen, stöhnenden Sätzen einzuladen, bei ihm zu bleiben und ihn nicht zu verlassen.

Wann aber hätte der Attrappenonkel je einen Menschen verlassen, der ihn darum bat, es nicht zu tun, und wenn er auch im Augenblick vorher von eben diesem Hülfsbedürftigen ein Schwachkopf und Pinsel, ein unzurechnungsfähiger Unmündiger genannt worden war?!

Und von noch einer Merkwürdigkeit haben wir an dieser Stelle zu berichten, nämlich von der Stellung des Attrappenonkels als alleinigen Trägers der berühmten Firma Pelzmann und Kompanie. Die Sache machte sich viel besser, als irgend jemand in dem Geschäft für möglich gehalten hatte.

Wie er dazu kam, wußte wohl keiner sich selber ganz deutlich zu machen; aber das Faktum stand fest, jeder tat sein möglichstes für – den Onkel Fabian, und sie setzten alle eine Ehre drein, unter seinem sanften Szepter den alten Ruf der Firma nicht in die Brüche gehen zu lassen.

Durchaus nicht merkwürdig aber war es, daß man in einem ganz bestimmten Departement der fröhlich weiter rasselnden und klappernden Maschinerie anfing, einander die Ellenbogen in die Seite zu stoßen, mit vergnügtem Lächeln die Köpfe auf die Seite zu legen und einander zuzuraunen:

»Na, weiß der Teufel, nun werden sie sich doch noch zu wundern haben, die Herren Konkurrenten!«

Jawohl! Neben dem Lager des kranken Bruders oder im Nebengemach bei der niedergeschrobenen Lampe, wo der reine süße Atem und die Locken des Kindes an seiner dürren Wange und auf seiner Schulter nicht mehr unter dem Vorgeben, ihm helfen zu wollen, ihm jedwede objektive gedeihliche Betätigung seines erfinderischen Ingeniums unmöglich machen durften, saß der Attrappenonkel Nacht für Nacht, und die Attrappen für die diesmalige Saison gelangen ihm nunmehr schnurriger, fideler, drolliger und der Weihnachtsjubelstimmung der Konsumenten angemessener und fesselnder denn je für eine frühere. Ein Novitätenmodell nach dem andern trug Knövenagel schmunzelnd und in seinem Hohn und seiner Verachtung gegen die »Unterwelt« immer steifer hinab in den Modelliersaal. Es war eine traurige Wahrheit: Herr Fabian Pelzmann fühlte sich nach kurzem Aufatmen von neuem sehr gequält in seinem Gemüte, bedurfte dringend einer Ableitung, und so – hat alles in der Welt seinen Grund; in diesem Falle war sogar mehr denn ein zureichender vorhanden.

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