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Fabian und Sebastian

Wilhelm Raabe: Fabian und Sebastian - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
authorRaabe
titleFabian und Sebastian
senderanitagerber@gmx.de
created20050430
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Dreizehntes Kapitel

Es kam uns in die Feder, noch eine Null in das vorige Kapitel hineinzuzeichnen, und zwar an das Ende desselben. Wir unterließen es jedoch, denn die erste Null malten wir des Spaßes wegen hin, und nichts hat in dieser ernsten Welt so enge Grenzen wie der Spaß, und nichts wird eher überleidig als ein nichtig leichtsinnig Spiel mit jenen Hieroglyphen des Lebens, unter denen dieses Zeichen, in seiner Leere so furchtbar schwerwiegend, die erste und die letzte Stelle einnimmt.

In der Fadengasse vernahm man die Turmuhr von Sankt Michel deutlicher als in der Hochstraße, wenigstens am Tage, wo ihre sonoren Klänge durch den Lärm des Verkehrs in letzterer oft gänzlich verschlungen wurden. Aber einerlei, der Hochstraße wie der Fadengasse zählte die Uhr ihre Stunden, ohne sich viel dabei zu irren, regelrecht zu. Die Tage rückten vor, dem Herbst entgegen, und es blieb dabei: je mehr dem Attrappenonkel das Geschäftsgewissen schlug, desto weniger richtete er mit seiner auf andere Bahnen geratenen Phantasie für die ihm noch untergebene »Branche« des Geschäfts, seinen besten Vorsätzen und Anläufen zum Trotze, aus. Es half ihm nichts, daß Konstanze wirklich es versuchte, ihm zu helfen; mit den Schnurren, die ihm noch einfielen, fiel er bei den Sachverständigen drunten »in der Unterwelt« total ab. Sie gingen in den betreffenden Fabrikräumen von Hand zu Hand, aber unbegleitet von dem frühern behaglichen Kichern, Schmunzeln und Kopfnicken.

»Es tut es nicht! es tut es wahrhaftig nicht!« seufzten sie im Modelliersaale, und – es tat es wirklich und wahrhaftig nicht; die kunstreiche Ader, die dem Herrn Fabian Pelzmann durch so lange trübselige Jahre so reichlich geflossen war, war versiegt und blieb so in seiner ersten, ersten glücklichen Zeit. Seine besten Freunde aber konnten nur wünschen: der Herr segne ihm die Trocknis fürderhin und erhalte ihn so lange als möglich dabei!

Der Attrappenonkel hatte immer einen guten, kindlichen Schlaf gehabt und sich selten darin durch die Uhr auf dem Michelsturm stören lassen, obgleich er derselben um ein ganzes Häuserquadrat näher war als die Hochstraße. Jetzt wachte er häufiger auf und lag wachend und horchte auf die Uhr; aber wie ein Kind, das einer kommenden Freude wegen den Morgen nicht erwarten kann. Kam ihn dann freilich der Gedanke an seinen Bruder im Vorderhause, so ließ ihn derselbe nicht behaglich auf dem Rücken liegen und die feierlichen Schläge aus der Höhe nachzählen: aufrecht mußte er sich setzen und nach der Hochstraße hinhorchen, als ob von dort her auch ein Ton – ein Laut – vielleicht ein Schrei herüberdringen könnte. Es half ihm dann zu seiner Beruhigung in der »Angst in der Nacht« wenig, wenn er erst die Nachtmütze herabriß, um sich den Schweiß von der Stirn zu trocknen, und sie dann tief über die Ohren zog. Die feste Gewißheit, daß auch der Bruder Sebastian dort wachend auf seinem Bette liege, hielt ihn angstvoll und sehr voll Sorge wach bis zur Morgenröte; und wenn es zufällig eine windige Nacht war, oder der Regen durch die Nacht in den Morgen hineinplätscherte, war’s noch schlimmer. –

Zählen, rechnen – rückwärts blättern – zwischen zwei Nullen Zahl auf Zahl häufen: wehe dem, der damit beschäftigt auf seinem Bette liegen muß durch die lange, endlose Nacht, und dem der wieder dämmernde Tag auch keine andere Beschäftigung bringen wird und bringen kann.

Für keines der Häuser in der Stadt, und auch für das schlimme Haus vor dem Tor auf dem Wege gegen Schielau hin nicht, stand die Zeit still. Nicht für Schielau und nicht für den Schäfer in Schielau, Thomas Erdener, dem sie am mildesten noch die Sterne zuzählten, wenn er nächtlicherweile auf freiem Felde inmitten seiner Herde ihren leisen Gang verfolgte und auch so in ganz eigenem Schrecken und Schauder den Tag und die Stunde näher und näher kommen hörte, die ihm noch einmal sein Kind wiedergeben sollten.

In des Attrappenonkels Freude an seinem Kinde fiel der Gedanke an den alten Mann auf der Schielauer Heide und dessen Tochter auch wie ein Stern vom Himmel, dessen Namen wahrlich Wermut hieß! Wahrhaftig, das dritte Teil seines Glückes ward Wermut dadurch; er aber, Herr Fabian Pelzmann, konnte diese so dunkel hinströmenden, so bitter gewordenen Lebensbäche nicht wieder süß machen.

Die Zeit stand keinem still. Leider, leider auch für unsern guten Peter nicht, den braven Amtmann Peter Rümpler auf Schielau in seinen behaglichen Erntehoffnungen und -erfüllungen des laufenden Herbstes. Seit »Generationen« hatte es für ihn nicht ein gleich gedeihliches Jahr gegeben wie das heurige. Er, der es grade so gut wie jeder andere Landbebauer verstand, vor einem, der ihm die Güte der Mutter Natur loben wollte, die Ohren hängen zu lassen und die Schultern in die Höhe zu ziehen und über »verdammt schlechte Zeiten« zu stöhnen – brachte das in diesem laufenden Jahre in seinem innerlichen Behagen nur sehr unvollkommen fertig. Es »ging diesmal und bis jetzt, woll’n mal sagen wirklich an«, das heißt seine Äcker und Triften trieften von Fett, seine Stiere und Gäule stöhnten vor seinen knarrenden Erntewagen, und seine Frau Amtmannin, unsere liebe Gastfreundin Frau Therese, brummte behaglich: »Nun hör endlich einmal auf mit der Komödie, Rümpler, und versündige dich nicht, Alter! Es ist ein Gottessegen von oben und unten, wie ich ihn in meiner Lebenszeit und hier auf Schielau noch nicht erlebt habe! Laß uns doch dem lieben Gott zum danke dafür keine Faxen machen, Rümpler.« Auch als so eine dumme Faxe zur unrechten zeit erschien ihr der Schnupfen, den sie sich um Bartholomä, als sie grade alle Hände am vollsten hatte, holte. Er schlug ihr auf die Brust, und vierzehn schlimme Tage und Nächte wehrte sie sich tapfer gegen die Lungenentzündung, die daraus wurde. Dann hatten sie viele Mühe, ihren armen braven Peter davon zu überzeugen, daß es nicht anders sei – daß es das allgemeine Schicksal sei – daß er mit Gottes Hülfe sich drein finden müsse, wenn Schielau mit einem Male ein anderer Ort für ihn geworden sei – daß er sich dabei als Mann zeigen müsse und so weiter. Der Attrappenonkel konnte nichts weiter tun, als den alten geschlagenen Freund mit derlei Redensarten zu verschonen, als er auf die böse Trauerbotschaft noch in der Nacht herauskam, diesmal mit ganz leeren Taschen. Er, der Attrappenonkel, hatte auch am Begräbnistage kein Zuckerwerk und keine Zuckerwerksredensarten zu verteilen, obgleich es richtig war, daß, wenn etwas seiner Erfindungsgabe noch hätte aufhelfen können, es zuerst dieser unvermutete Todesfall mit all seinen Folgen auch für sein Behagen in der Welt hätte sein müssen. Jeder Tag, an welchem der Freund Peter von nun an mit seinem schwarzen Florband um den Hut in die Stadt hinunterkam, hätte dazu mithelfen können. Konstanze Pelzmann weinte sehr, sowohl auf die erste Nachricht vom so plötzlichen Tode ihrer ältesten, besten Freundin im deutschen Vaterlande, sowie auch am Begräbnistage, an welchem der Onkel Fabian sie nicht mit hinausnahm nach Schielau, weil er es ihrer jungen Jahre wegen nicht wußte, was sie unter diesen Umständen dort machen sollte. Wir aber können dieses alles nur so beiläufig erzählen, wie auch uns ähnliches nur so beiläufig während unseres eigenen Aufenthaltes und Vorübergehens auf der Erde an unseren Freunden, Nachbarn und sonstigen Zeitgenossen passiert. Speziell in diesem Kapitel haben wir gar nichts auf dem kleinen Dorfkirchhof von Bocksdorf, wo die Frau Amtmann Rümpler begraben wurde, zu schaffen, dagegen aber wohl etwas auf dem großen Blumen- und Gemüsemarkt der Stadt, und zwar an einem Tage gegen die Mitte des Septembers, einem Markttage, an welchem auch wieder, seiner Geschäfte wegen, der gute Peter in den ihm jetzt so überleidigen Lärm hineingemußt und seinen Schafmeister nunmehr fast wie zu seinem Troste mitgebracht hatte. Ach, wir gäben viel darum, wenn unser jetziges Zusammentreffen mit dem Schäfer Thomas von Schielau wiederum auf der stillen Heide, auf dem Brachfelde am Schielauer Wiesenbache stattfinden könnte und nicht mitten in dem Gewühl, dem Gezänk und Gekläff des Handels und Wandels aller Welt rund um die Firma Pelzmann und Kompanie! –

Wie gesagt, gegen die Mitte des Septembers war’s und zwar an einem sonnigen Tage, dem schon eine ganze Reihe gleicher vorangegangen war. Aber längst bereits meinten die Leute, wenn sie vom Sommer des Jahres sprachen:

»Den haben wir gehabt, und daß die Tage abnehmen, fängt man wirklich auch allmählich schon an zu merken.«

Es war Mittwoch und ein Markttag, und der Amtmann Peter kam wieder aus dem Café Zusi, wohl noch um ein weniges mehr angerötet wie sonst, aber wahrlich nicht mehr mit so jovialem Gesumm und Gebrumm wie sonst, in der Fadengasse die Treppe herauf.

»Der arme Kerl! Die Geschichte mit seiner Alten hat ihn doch arg verschnupft! Na, es war auch eine nette, ordentliche Frau, die ihn zunehmen wußte. Nun, es wird sich wohl wieder zuziehen!« hatte man in der fidelen Gesellschaft der fidelen sonstigen Ökonomen in der Stammfrühstücksstube hinter seinem Rücken gesagt, sowie er denselben ihr gewendet hatte.

Für jetzt hatte sich in dieser Hinsicht noch nichts »zugezogen«. Für Peter Rümpler von Schielau war für lange Zeit noch die einzig wirklich ihm zusagende Gesellschaft in der Stadt Herr Fabian Pelzmann, und das war freilich rührend zu beobachten, wie der mit dem betrübten Witwer umzugehen wußte.

Da saß er denn wieder auch an diesem Tage in dem Wunderarbeitsmuseum des Attrappenonkels, der jetzt keine Wunder mehr darin zuwege brachte, sondern nur solche an seinem Kinde erlebte, aber vielleicht nur desto mehr mit seinem freundlichen, teilnahmevollen Herzen für jeden, der ihm mit seinem Verdruß, Kummer und Elend kam, zu Trost und womöglich auch zur Hülfe bereit saß.

In seinem Kummer, trotz des obenerwähnten kühlern Wehens der Jahreszeit schwitzend. Saß der alte Freund vom Lande da, trocknete sich die jetzt so kläglich gerunzelte Stirn, sprach von seiner Seligen und seufzte:

»Das ist eine Welt! Nicht eine blasse Ahnung habe ich davon gehabt, was für eine Welt dies ist! Du magst es mir glauben oder nicht, wie eine Katze, der man ihre Jungen ertränkt hat, komme ich mir Tag für Tag mehr vor, Fabian. Daß ich nicht miauze auf der Suche nach ihr – meiner Alten meine ich – ist noch ein Mirakel. Und dazu hat man solch ’n alter grauer Kater werden müssen, um das zu erleben! Immerfort höre ich sie – da klappert sie in der Nebenstube mit den Tassen; oder ich höre von der Küche aus ihre Stimme, und eben, wenn ich sie mit ihrem Namen rufen will: Pussel!, mit dem ich sie von unserm Verlobungstage an gerufen habe, und eben, wenn ich brummen will: Na, na, ruhig Blut, Pussel! – ach, Herrgott, da weiß ich denn ja wieder ganz genau, was die Glocke geschlagen hat, und daß sie sich nimmer und nimmermehr, wenn wir eine feine Gesellschaft, zum Exempel die Herren Kammerräte aus der Domänenkammer, zu Tische bei uns haben, den Namen von mir verbitten wird! Ach, Pelzmann, und wie hatte sie sich doch im Laufe der lieben langen Jahre an diesen selbigen Appell gewöhnt, und ich glaube, wenn sie mich jetzt noch in Schielau umschwebt und es ihr gestattet ist, mich auch in meiner Sehnsucht nach ihrer alten Stimme in meinem Seufzer zu hören, so ist ihr der Ruf jetzt doch am liebsten trotz aller Sphärenmusik. Ach, Fabian, und wenn wir, was der Himmel meinetwegen morgen geben mag, mal wieder da droben – in der ewigen Seligkeit zusammenkommen und ich nenne sie dann, vielleicht ein bißchen schüchtern wegen der fremden Umgebung, mit ihrem wirklichen Taufnamen Therese, so glaube ich fest, sie sagt: ›Na, was fällt dir denn ein, Alter?‹«

»Hier oben braucht sich keiner vor der Oberlandesökonomiekommission zu schenieren bei Tische«, gab Knövenagel selbstverständlich seine Weisheit und sein Wort ab.

»Halt den Mund, Menschenskind!« rief der Onkel Fabian ärgerlich, doch der Amtmann seufzte kopfschüttelnd und den Boden zu seinen Füßen betrachtend:

»Laß ihn nur. Er hat ganz recht. Er hat sie ja auch gekannt! Nicht wahr, Ihr habt sie auch gekannt, Knövenagel?«

»Jawohl, Herr Amtmann! zu meinem bitteren Leide – Mitleiden meine ich! und gewiß und wahrhaftig, ich wünsche mir keine zweite von ihrer Art kennenzulernen, Herr Amtmann.«

Der Attrappenonkel erhob fast in hellem Grimm seine Faust gegen den getreuen Biedermann; doch der Amtmann legte ihm seine Hand auf den Arm und zog ihn wieder auf den Stuhl herab:

»Nur ruhig, lieber Alter! Ist es denn nicht so? Hat er denn nicht auch hierin recht, der alte Bär? Ich weiß schon, was er meint, und er trifft damit ganz richtig ins Schwarze in meinem Gemüte: auch ich wünsche mir ganz gewiß keine andere von ihrer Art, und wenn sie eine mit dreidoppeltem Gewicht von ihren Vorzügen brächten. Ach, Fabian, wer für so was ein Herz hat, der weiß es auch zu taxieren und daß es eben nur einmal für ihn in der Welt da sein kann zum Präsent. Gewiß möchte ich keine zweite von ihrer Art kennen lernen, wie Knövenagel ganz recht sagt. Wo gibt es da einen Ersatz? Du, alter Fabian, der du deine ganzen Lebtage so solus hier gesessen hast bei deinen Erfindungen fürs Geschäft, kannst dich freilich nicht so ganz in solche Wohltat hineinfinden.«

»O doch, Peter!« rief der Attrappenonkel, »Ich kannte sie ja auch! Mit wem habe ich – bis das Kind kam, wohl mehr und intimer gelebt als mit ihr und mit dir?«

Der Amtmann drückte dem Freunde die Hand und erkundigte sich jetzt nach dem »Kinde«.

»Das und sie hatten sich auch zu gerne«, seufzte er. »Es, ich meine das Kind, hatte sich gleich an ihr forsches, frisches Wesen gewöhnt und es ’raus, aus was für einem Teige sie gewälzt war und aus was für einem guten stillen Herzen der Wind uns dann und wann in Schielau um die Ohren pustete. Weißt du wohl noch, wie sie, unser Konstänzchen meine ich, zuerst unter der Haustür nach deinem Rockschoß griff, als du sie uns zum ersten Mal herausbrachtest, grade als ob ihr eben eines von ihren indianischen Biestern auf den Hals springen wollte?! Aber die Alte brauchte es, das liebe Kind, bloß ein oder zwei Mal beim Kopf genommen und es abgeküßt zu haben, um mit ihm auf den richtigen Wendepunkt anzukommen. Nun habe ich nichts mehr in Schielau als meine beiden dummen Jungen, den Inspektor und den Leutnant, die, wie sie sagen, mir zum Troste in jetziger Zeit nach Hause gekommen sind, um mich aufzurichten, und selber mir da herum zu liegen, mir ewig in ihren modernen Ansichten und Naseweisheiten vor die Beine laufen und sich und mich gottsträflich zu langweilen. Du lieber Himmel, Pelzmann, manchmal attrappiere ich mich drauf, daß ich mir Vorwürfe mache, daß die Langeweile jetzo auf Schielau so nahe an das Elend und den Schmerz und das Verlangen nach der Seligen grenzt! Wo steckt es denn, das Kind meine ich, mit seinem guten mitleidigen Gesichte? Nur dessentwegen bin ich ja auch heute mal wieder in die Stadt gekommen, denn freilich wäre jetzt für das liebe Wurm kein Pläsier bei einer Einladung aufs Land, in das leere Haus und in den Blätterfall.«

»Zu Markte ist sie mit unserer Madam Kettnern, Herr Amtmann«, mischte sich natürlich Knövenagel, ehe der Onkel Fabian den Mund offen brachte, ins Gespräch, »und da nehmen die Herren es wohl nicht übel, wenn ich beiläufig ihnen, und vor allem Ihnen, Herr Pelzmann, mit einer Persönlichkeit komme. Nämlich Ihnen, Herr Prinzipal, und dem Kinde, unserm Fräulein, meinetwegen zu jeder Stunde auf jeden Wink auf allen Vieren als Packesel oder Kamel oder Dromedar; aber – der Alten zuliebe mit dem Marktkorbe hinterher oder beizu – niemals! – Dies fehlte uns grade noch zu allen übrigen Verächtlichkeiten hier unter der Firma, daß sich das alte Erbstück von Weiblichkeit zuletzt auch mir noch so auf die Nase setzte, wie sie Ihnen, Herr Prinzipal, schon lange drauf sitzt.«

»Auf mein Wort, wie nun auch dieses jetzt hierher gehört, ist mir völlig unklar«, stöhnte der Attrappenonkel, trotzdem aber in seinen erweiterten Haushaltssorgen sich doch ein wenig die Stirn reibend. Der Amtmann von Schielau lachte trotz seines schwarzen Florbandes und Herzenskummers und sagte:

»Hättest du heute deiner eben so schändlich verketzerten heimlichen Liebe den Korb nachgetragen, Knövenagel, so würdest du wahrscheinlich das Vergnügen gehabt haben, deinem Gevatter unterwegs zu begegnen. Ich habe nämlich meinen ungläubigen Thomas auch wieder mit in der Stadt, Pelzmann. Er will wieder seinen Besuch machen – du weißt wo; und dazu hat er jetzt so seine eigenen Gänge; und mir schwant wohl, was er vorhat; aber ich halte es fürs erste für das beste, mich gar nicht dreinzumengen, sondern ihm ganz seine freie Hand zu lassen. Zu seiner Zeit wird man ja wohl eingreifen können, ohne ein neues Unheil anzurichten. Was aber diese trübseligen Besuche – wo, weißt du – anbetrifft, so ist dies nunmehr einer von den letzten; und unser Herrgott gebe nur, daß das nachher nicht schlimmer wird als alles andere!«

Herr Fabian Pelzmann war auf seinem Stuhle herumgefahren, als ob plötzlich ein gespenstiges Etwas hinter ihm stehe; er faßte sich nur mühsam und stammelte:

»Das gebe der liebe Gott!«

Nachher können wir glücklicherweise ihn und den guten Peter über einer Flasche Bordeaux lassen, die Knövenagel, ohne sich dessen aus irgendwelchen Rücksichten auf sein Ehrgefühl oder sonst seine Gefühle zu weigern, ihnen aus dem Keller heraufgeholt hat. Wir suchen uns das »Kind« der Firma Pelzmann und Kompanie auf dem Blumen- und Gemüsemarkt, selbst auf die Gefahr hin, mit einer viel schwereren Last als dem Marktkorbe der braven, aber »arroganten« Madam Kettner, der Frau Aja des Attrappenonkels und der kleinen Konstanze, beladen von diesem Morgengange heimzukommen.

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