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Fabian und Sebastian

Wilhelm Raabe: Fabian und Sebastian - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
authorRaabe
titleFabian und Sebastian
senderanitagerber@gmx.de
created20050430
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Zwölftes Kapitel

Es war, als ob mit dem Worte »Krisis« gleichwie mit einem kalten nassen Schwamm dem Attrappenonkel über die ihm eben von seinem nichtswürdigen Knövenagel so unnützerweise heißgemachte Stirn gefahren worden wäre. Kalt blies es ihn von dem Vorderhause her an; er setzte sich wieder und starrte seinen ungemütlichen, wenn auch getreuen Famulus mit einem solchen Ausdruck banger Ratlosigkeit an, daß Konstanze angstvoll und betroffen ihm rasch die Arme um den Hals schlang, sich an ihn schmiegte und rief:

»Lieber Onkel, lieber Onkel, sieh mich an! Oh, was ist dir?«

Herr Fabian Pelzmann drückte seinerseits das Kind an sich und bedeckte vor allem mit seiner hagern breiten Hand den hübschen Lockenkopf, als müsse er den zuerst und vor allen übrigen Dingen in der Welt vor einem Unheil in Sicherheit bringen, fuhr sich dann mit der andern Hand über den eigenen grauen kahlen Schädel und seufzte leise:

»Nichts, nichts, gar nichts!«

Wie konnte er der Kleinen das Gespenst schildern, welches er soeben gesehen hatte? Wie konnte er das von seinem Knövenagel unter all seinen übrigen Dummheiten mehr zufällig und aus Verlegenheit vorgebrachte Wort ihr in seiner wahren Bedeutung für das Haus Pelzmann und Kompanie darlegen? Was der griesgrämliche Bursche, der Knövenagel, dahin gesprochen hatte, wie es ihm auf die schwatzhaft-verdrießliche Zunge geraten war, das kleine Wort Krisis: – wem klang das seit Wochen und Monaten ernster, drohender, unablässiger im Ohr als dem nominellen Mitinhaber der Firma Pelzmann und Kompanie, diesem in das Hinterhaus der großen Zuckerwerkfabrik zurückgewichenen ältern, so närrischen und so weisen Bruder des klugen Mannes im Vorderhause?!

Der jüngere Bruder hatte Wort gehalten, er hatte seit dem auf Fabian und Sebastian folgenden Tage, an welchem er, wie wir wissen, dem Herrn Fabian seinen letzten Besuch abstattete, den Fuß nicht wieder in die Wohnung desselben gesetzt. Sie waren einander nur in den Fabrikräumen und zwei- oder dreimal in den Gassen der Stadt begegnet, und das meiste, was der ältere Bruder von dem Gesundheitszustande des jüngeren wußte, wußte er vom Hörensagen, das heißt aus den direkten Mitteilungen Baumsteigers und seinem eigenen zufälligen Hinhorchen in die Unterhaltung des Lebens rundum. Und er konnte nicht das mindeste tun, der Attrappenonkel, um hier sein sonst so devisenreiches Herz, sein gutes, mitleidiges Herz an den harten Mann zu bringen. Auch auf diesem Felde ließen ihn in dieser Epoche seine tausend Künste gänzlich im Stich.

Was konnte er tun? Wie konnte er helfen? Er wußte es ja, daß es zu nichts führte, wenn er in der stillsten Abendstunde an die Tür des Kranken klopfte oder sie, ohne anzuklopfen, öffnete und sagte: »Da bin ich, Bruder; ich weiß es, du bist krank, und ich ahne es, es ist nichts trostloser als ein eisernes Herz, welches anfängt, sich zu fürchten

Das war es! Herr Fabian wußte es, daß eine große, eine grimmige Angst ihre Krallen in das harte Gemüt Herrn Sebastian Pelzmanns geschlagen hatte und daß das allerschlimmste war, daß er, der in diesem Fall wahrlich nicht bloß nominelle Mitinhaber am Wohl und Wehe der Firma, von seinem eigenen gegenwärtigen großen Glück und kindlichen Behagen, von seiner endlich ihm zuteil gewordenen Lebensfreude nicht das geringste abgeben konnte.

Das wäre freilich das allerärgste gewesen, wenn er jetzt noch einmal das Kind an die Hand genommen hätte, um es im Vorderhause die breite, kühle Treppe hinaufzuführen, oder wenn er es gar allein hingeschickt hätte zu dem sein Lebensbuch rückwärts durchblätternden, finstren Mann, daß es, wenn auch ohne ein Wort zu reden, ihm sagte:

»Oh, schicke mich nicht wieder weg! Laß mich jetzt bei dir sitzen und dir Gesellschaft leisten! Ich fürchte mich gewiß nicht; – laß mich dir helfen! Ich bin ja deshalb hergekommen und geschickt aus einer fernen Welt, in der ich niemand hatte, in der ich ganz allein gelassen worden war. Fürchte du dich nun nicht vor mir!« – – –

»Was sollte mir sein, Kindchen? Was sollte mir fehlen? Freilich sehe ich dich an zu meinem Troste und den Narren von Knövenagel, der wieder mal nicht recht bei Troste war, gleichfalls!« rief der Onkel Fabian und log freilich ein wenig in betreff des wolkenlosen Behagens der eben vorbeigeflossenen Minute. Es war ein böser, schlimmer mitternächtiger Traum an diesem hellen lichten Sommersonnentage, aus dem er durch die bittende Kinderstimme erweckt wurde, und er hatte wohl Grund, einen Seufzer der Erlösung aus der Tiefe seiner ehrlichen Brust heraufzuholen, als er sich wirklich noch inmitten des drolligen Wirrwarrs seiner Arbeitsstube in der Fadengasse sitzend fand, und zwar mit der Tochter des Bruders Lorenz auf dem Knie und Knövenagel dem Braven, bocksteif und tiefgekränkt durch »unverdientes Angeschnauze«, gegenüber am bunt- und hochbepackten Museumstische.

»Aber helfen wirst du mir freilich wohl müssen, mein Töchterchen!« rief der Attrappenonkel. »Beim Wundersuchen für den diesjährigen Weihnachtsmann meine ich. Ganz närrisch müßte es doch zugehen, wenn wir beide nicht grade diesmal hier in der Fadengasse das Richtige zu Haufen und in Säcken fänden!«

»Ach Gott, wenn du mir nur erlaubst, dir über die Schulter zuzusehen!« rief Konstanze Pelzmann, glückselig in die Hände klatschend. »Ich weiß das ja nur aus Büchern und Bildern, wie schön und lieb das bei euch hier ist, wenn die Welt ganz weiß geworden und nicht grün geblieben ist wie bei uns, wo nur die komischen Chinesen ihre bunten Lampen hergeben müssen, daß wir sie in die Büsche und Bäume hängen.«

»Mir haben Sie also wohl nichts weiter zum Bestellen in die Unterwelt da unten mit hinzugeben, Herr Pelzmann?« fragte Knövenagel. »Schön, ich werde es ausrichten«, brummte er und marschierte ab.

Fest hielt er den Deckel auf der in seinem biedern Gemüte überkochenden Welterfahrung und Menschenkenntnis, und von seinem innerlichsten Behagen ließ er die große Fabrik auch nicht das geringste merken, als er jetzt über ihre Höfe und durch ihre Gänge und Säle stapelte.

»Wie ich Ihnen schon bemerkt habe, meine Herren, so ist es«, sprach er dann an betreffender Stelle. »Für diesmal wird Ihnen wohl nichts übrig bleiben, als daß Sie sich mal ganz allein auf Ihr eigenes Ingenium ponieren; oder aber, wenn Sie dem lieber nicht zu viel trauen, sich an unsere Produkte von früheren Säsongs halten und aufs Stehlen bei der verehrlichen Konkurrenz legen. Ja, stehen Sie nur mit Ihren leeren Eimern, meine Herren; diesmal bleiben wir gefälligst aus wie’s Röhrwasser. Unser Herr im Hinterhaus! Nicht wahr, das war recht häufig hier unten bei Ihnen so ’ne mitleidige, erbarmenswürdige Redensart, wenn von uns die Rede war? – He, he, he, diesmal haben Sie recht mit dem Mitleid, meine Herren: er ist kaputt, unser Herr vom Hinterhaus – fertig ist er – alle! Rücken Sie mir nicht so auf den Leib, das hilft Ihnen zu gar nichts, sondern ist höchstens unangenehm bei der übrigen heutigen Hitze. Nicht wahr, jetzo werden wir erkennen, was es heißt, ein Schenie im Hause gehabt und wie immer das für ganz selbstverständlich und natürlich genommen zu haben? Jaja, meine Herren, dieses haben wir – dem Himmel sei Dank – nunmehro total ausgegeben, und was wir vielleicht davon noch in den Winkeln zusammenkratzen, das behalten wir von jetzt für uns allein; so nehmen wir zum erstenmal heuer unser erstes eigenes Weihnachtspläsier hin, und zwar mitten im Sommer. Wie gesagt, ein netter amüsanter Spitzname war’s, der Attrappenonkel; aber was die geschäftliche Seite desselben anbelangt, so machen Sie gefälligst vom heutigen Datum an einen Strich dadurch: mein Herr Prinzipal, der Herr Attrappenonkel, Herr Fabian Pelzmann im – Hin-ter-hau-se, werden von nun an ihre Zeit und Muße sicherlich besser anzuwenden wissen als für den Profit von – ich will nicht sagen wem, meine lieben Herren vom Geschäft – hier unten.«

Er stand wieder einmal hinter ihnen, ohne daß sie, trotz all ihrer Vorsicht, sein Kommen bemerkt hatten.

»Wovon ist hier die Rede?« fragte er, Herr Sebastian Pelzmann, mit seiner klanglosen, seiner mehr denn je klangslosen Stimme, und der Kreis, der sich allgemach immer dichter um den Famulus des Herrn Fabian zusammengezogen hatte, fuhr vor dieser Stimme auseinander wie ein Hühnerhof, wenn der Weih drein stößt; und verschiedene aus der gemischten Gesellschaft, die bei Mars-la-Tour und anderswo in Frankreich unter dem französischen Kanonenfeuer ganz gemütlich stehengeblieben waren, hätten hier sofort Fersengeld auf dem Wege zum nächsten Mauseloch gegeben, wenn ein scharfes »Ich bitte!« des wirklichen Prinzipals sie nicht an Ort und Stelle zurückgehalten hätte.

»Holzaffenvisage!« sagte Herr Sebastian diesmal nicht, dem allein unbewegt stehengebliebenen, mürrischen Diener und Freunde seines Bruders in das unerschütterliche Ledergesicht blickend. Achselzuckend wendete er sich an den nächsten eine Feder hinterm Ohr tragenden Bediensteten des Geschäfts: »Nun, Herr? Verlohnt es sich der Mühe, noch länger auf gefällige Auskunft zu warten? Wurde nicht auch mein Name in der angenehmen Morgenkonversation genannt?«

»Oh, gewiß nicht, Herr Pelzmann!« stotterte der Angeredete. »Knövenagel brachte uns nur – in seiner Weise – die sonderbare Nachricht in die Fabrik hinunter, daß unser Herr Fabian – der Herr Bruder –«

»So! von dem war also die Rede. Nun, was befielt denn mein Bruder – unser Herr Fabian, wie Sie sich ausdrücken?«

»Oh, gar nichts – nichts weiter als eine von den gewöhnlichen Dummheiten Knövenagels!« fuhr der junge kaufmännische Inquisit heraus, unter dem scharfen, harten Blick des wirklichen Prinzipals der Firma Pelzmann und Kompanie seine Feder hinter dem Ohr hervorreißend und sie in ein imaginäres Tintenfaß tauchend, wie um seine Beichte auch sogleich schriftlich abzugeben. «Nur um eine mögliche Stockung im Geschäftsgange, dem – Weihnachtsgeschäft zu, handelt’s sich; wenn er – Knövenagel da – nicht wieder einmal pur seine gewöhnliche gute Laune hier unten in der Fabrik zu Markte bringen will. Wir haben mehrfach seit Wochen, weil uns die Zeit anfängt zu drängen, um die Muster für die nächste Saison hinaufgeschickt nach unserm – in das Hinterhaus, und nun kommt eben durch Knövenagel hier auf wiederholte, dringende Anfrage die sonderbare und wahrscheinlich hoffentlich wie gewöhnlich von ihm gelogene Nachricht, daß es dergleichen für das laufende Jahr von seinem Herrn nicht geben werde, daß dieselben – in der Fadengasse für diesmal gänzlich paßten und für die Firma und das Geschäft nicht ein Minimum von Zeit zur Verfügung hätten. Und dazu verlangt er noch, daß wir uns und ihm und verschiedenen anderen obendrein von ganzem Herzen gratulieren möchten!«

Wir wissen uns nicht anders zu helfen: –

0

Hierin – an diese Stelle und in diesem Moment hatten wir Knövenagels Gesicht hinzumalen, aber der Pinsel entsank uns grade so machtlos wie unzähligen Kollegen, wenn sie sich mit ihm und unserm allmählich ziemlich bekannten Farbentopf der Schönheit oder der Scheußlichkeit, der Tugend oder dem Laster, der Unschuld oder ihrem Gegenteil gegenüber fanden. Es blieb uns nichts übrig, als eine möglichst dicke und tintenhaltige Null hinzukratzen. Der Onkel Sebastian streifte diesen wüsten Punkt im Weltall nur noch einmal flüchtig, doch genügend mit dem Auge und wendete sich sodann von neuem an den Herrn mit der Feder, demselben aber jetzt den Ellenbogen mit harter Hand fassend.

»Was soll das heißen, junger Mensch! Wer hat in diesem Hause keine Zeit übrig für das, was notwendig ist? Wem soll man in dem Hause Pelzmann und Kompanie – grade jetzt dazu Glück wünschen?«

Der Ausdruck ratloser Verlegenheit auf dem hübschen, unbedeutenden Gesicht des jungen Kommis hätte jeden andern als den Onkel Sebastian zum innigsten Mitleiden bewegt. Einen Blick der Verzweiflung warf er auf Knövenagel, sah wiederum, daß den »die ganze Geschichte gar nichts anging«, und stotterte, Verzicht leistend auf jedwede Gehaltserhöhung, Weihnachtsgratifikation und mit der bittersten Gewißheit sofortiger Kündigung:

»Knövenagel sagt es – unserm geehrten Herrn Bruder – Herr Pelzmann! – Knövenagel sagt, es sei das Fräulein; es sei so viel Vergnügen und neue Beschäftigung mit – unserem – dem gnädigen Fräulein ins Geschäft gekommen, daß unser Herr Fabian –«

Es war nicht nötig, daß er Knövenagels Ansicht von der Sache noch ausführlicher darlegte, um sich selbst so sehr als möglich dahinter in Sicherheit zu bringen. Er hatte genug gesagt; Herr Sebastian ließ seinen Arm los und wendete sich, ohne noch weiter auf ihn oder einen anderen aus der ängstlichen Gruppe zu »reflektieren«.

Sie sahen ihm alle scheu nach, wie er über den Hof zurückschritt und bis er in einer der Türen, die in das Vorderhaus führten, verschwand.

»Nun guck einer diesen leibhaftigen Satan, wie er jetzt sein Pläsier hat!« brummten sie, dem Famulus des Attrappenonkels sämtlich die Fäuste unter die Nase haltend. »Einen Bittern sollte man nach jedem Blick auf den Kerl nehmen. Nun seh’ einer die grinsende Wermutsfratze! Jawohl, Sie sind eine richtige Akquisition für jede Zucker- und Kakaofirma, Sie französischer Reiseonkel für Beelzebub und Kompanie, Sie!«

Damit gingen sie alle wieder an ihre Geschäfte, um für die Firma Pelzmann und Kompanie möglichst einzuholen, was sie soeben ihrerseits an Zeit vertrödelt hatten. Herr Sebastian Pelzmann aber stieg währenddem die breite Treppe zu seiner Privatwohnung hinauf, sank von neuem in seine verdüsterte Ecke und murmelte:

»Das alte Kind! – Wie ein Spielwerk hat er sein Teil von unserer gemeinschaftlichen Arbeit angesehen. Wie ein Kind fast hat ihn die allgemeine Meinung unter meine Kuratel gestellt. Das Resultat kennt jedermann in der Stadt; – ich konnte nur die Achseln zucken, und die anderen haben gelacht über die Null, die er unter sein Konto schrieb –«

Er sprang auf und sprach einen bösen Fluch leise aus und dann noch leiser vor sich hin:

»Das wäre freilich ein sonderbares Ende, wenn mich jetzt der Neid überkäme!«

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