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Fabian und Sebastian

Wilhelm Raabe: Fabian und Sebastian - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
authorRaabe
titleFabian und Sebastian
senderanitagerber@gmx.de
created20050430
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Elftes Kapitel

Er fing an zu horchen, der melancholische Mann, nicht allein in der schlaffen, müden Untätigkeit seiner Privatwohnung in dem großen, zuletzt so verödeten Familienhause, sondern auch über seiner Arbeit in seinem Kabinett drunten in dem nimmer ganz still stehenden Getriebe seines großen Geschäftes. Hier auf die Gespräche seiner Untergebenen und vor allem auf jede im Flüsterton geführte Unterhaltung, dort zuerst auf einen leichten Fußtritt, den Schritt eines Kindes, der ihm noch nie so nahe kam, daß er ihn hätte vernehmen können, der ihm scheu auswich, letzteres ganz nach seinem mißmutigen Wunsch und Willen.

Das war aber doch nur ein verdrießlich übellauniges Horchen; wäre nur nicht ein schlimmeres dazugekommen – das Horchen auf einen anderen Fuß, von dem er noch dazu ganz gewiß wußte, daß er sich ihm nicht, für jetzt wenigstens, nähern konnte, ein schwankender, schwerer Schritt, den ein leises, schreckliches Geklirr in sein angstvolles Lauschen hineinbegleitete!

So lange Jahre hindurch war doch das schlimme, in der Welt aber doch so notwendige Haus mit den hohen Mauern, den scharf bewachten, stets verriegelten Toren, an welchem neulich Herr Fabian seine Nichte so eilig und angsthaft vorübergezogen hatte, wie gar nicht für ihn, Herrn Sebastian, vorhanden gewesen. Den Weg, der daran vorbeiführte, hatte er ja vermeiden können; mit einem Achselzucken hatte er sich über jede unbequeme innerliche Mahnung daran hinweggeholfen; aber nun zwang ihn mehr als alles andere dieses zum Rückblättern seines Lebensbuches, zum Rechnen und Zählen. Wie jedem anderen, eine längere Zeit durch diesen Erball bewohnenden Menschenkinde kam auch ihm wieder einmal »alles zugleich über den Hals«. Im fieberhaften Hinhorchen, bei Tage und bei Nacht, während der Arbeit und im stillen Brüten der Muße hinter seiner jetzt so häufig verriegelten Tür zählte er – zählte er die Stunden bis zu jener, die das Kind des Schäfers Thomas Erdener in Schielau noch einmal in Freiheit setzte und ihm hexenhaft, grauhaarig, hager und grinsend als gealterte Zuchthäuslerin wieder in den Weg stellte, auf welchem er sie jung, lächelnd, lieblich und leichtsinnig gefunden hatte, als er und sein Bruder Lorenz auch noch junge Leute gewesen waren!

»Wenn ich sie ihm damals gelassen hätte! Wenn er seinen albernen Willen gekriegt hätte und nicht ich den meinigen?« murmelte er zwischen seinem Rechnen und Zählen. Ach, wenn es nur nicht allzu häufig eben die erfüllten Wünsche wären, gegen deren Schlußfolgen späterhin weder Karlsbad noch Kissingen, weder Schwefel noch Schlamm, und das heilige Meer auch nicht, von dem geringsten Nutzen sind, was, beiläufig gesagt, die Herren Hofmedici, die Herren Stadt- und Landphysici recht gut wissen, jedoch dabei nur in den seltensten Fällen die Verpflichtung fühlen, ihre Patienten hierauf aufmerksam zu machen.

Währenddem schnurrt, rasselt und klappert zwischen der Hochstraße und der Fadengasse, zwischen den zwei so scharf voneinander abgegrenzten Privatbereichen der beiden Brüder in gewohnter Weise die große Fabrik in allen ihren Tätigkeitszweigen weiter, und Maschinen wie Menschenhände sind in rastloser Bewegung, um alle die bunten, süßen, glitzernden, lustigen und tragischen Produkte, von denen jetzt schon so häufig die Rede gewesen ist, hervorzuzaubern, hinzuschütten und sie in fast unzählbaren Kisten und Kasten – in Glanzpapier, in Buntdruckpapier, in Gold- und Silberschachteln dem Weltverkehr und Konsum zu überliefern. E n o r m, um das widerwärtige Reklamewort auch einmal und noch dazu gesperrt anzuwenden, war die Nachfrage. In Blüte stand das Geschäft mehr denn je, und daß die gegenwärtige Verstimmung des jüngeren Chefs einen hindernden Einfluß auf seine persönliche Teilnahme und Tätigkeit dabei und daran gehabt hätte, hat noch keiner bemerkt. Sie sehen allesamt ihn da bis jetzt noch entscheiden und handeln – kommen, gehen und stehen, wie sie es von ihm gewohnt sind, das heißt durchaus nicht zu ihrem Behagen. Wenn sie ihrerseits mit einiger Angst auf einen Schritt horchen, so ist das immer noch der des jüngeren Teilhabers der Firma, Herrn Sebastian Pelzmanns; immer noch läßt sich niemand gern von ihm unvermutet über die Schulter blicken, immer noch fällt jedermann ein Stein vom Herzen, wenn er zusammenschreckend findet, daß es nur der Attrappenonkel war, der ihm die Hand auf die Schulter legte.

Aber der, der Herr Fabian, wurde grade in dieser Zeit am meisten vermißt in den Fabrikräumen. Ein gutes Wort, einen guten Rat, ein freundlich Nicken und einen nicht immer wohl angebrachten Lobspruch hatte er zwar noch immer für jedermann, aber ein bedauerliches Nachlassen seines Interesses und seiner Tätigkeit für das Geschäft ließ sich nicht wegleugnen. Wenn man sich nach dem Befinden Herrn Sebastians mehr in den gesellschaftlichen Kreisen der Stadt erkundigte, so ist es merkwürdigerweise grade die Fabrik, deren eigentlich nur noch nomineller Mitinhaber er ist, die sich Sorge um den Herrn Fabian macht, und zwar ganz unnötige.

Es war nämlich so. Mitten im Sommer fing sonst der Attrappenonkel am liebsten an, »auf Weihnachten vorzuarbeiten«, will sagen, pflegte seine Phantasie und Erfindungsgabe die grünsten Schossen zu treiben und es zu üppigster, närrischster Blüte zu bringen. Da wuchsen ihm auf jedem Schritte, den er von Trinitatis bis zu Mariä Geburt tat, die absonderlichsten, die drolligsten und für die Firma lukrativsten »Ideen« nicht nur im Kopfe, sondern auch zwischen den seltsam geschickten Fingern. Wie ein Poet, der den Winter am besten in den Hundstagen und des Lukullus Festmahle am delikatesten bei Wasser und Brot beschreibt, fand der Attrappenonkel das, was das Geschäft am nötigsten hatte, um an der Spitze der Affären für den Christmarkt aller Welt zu bleiben, bei aufgeknöpfter Weste, mit dem Hute in der Hand, blasend und keuchend in den schwülen Gassen und auf den heißen Märkten der Stadt, nach Luft schnappend am offenen Fenster der Fadengasse und vor allem im sonnigen Grün und Sommermondschein auf breitem Wege und engem Pfade um die Residenz – seine Residenz, in welcher dann freilich nicht mehr der gegenwärtige, durchs Reichsadreßbuch beglaubigte Landesvater nüchtern die oberste Hand hatte, sondern in der Wahrlich Harun al Raschid der Beharrscher der Gläubigen hieß Abu Giaffar, der Barmekide, Minister des Inneren war. Nun aber war es in diesem laufenden Sommer ganz anders. Der Attrappenonkel fand nichts, suchte nichts, tat nichts; und wenn sie sonst im Modelliersaale dann und wann sogar abzuwehren hatten, sahen die Herren heuer sehr betroffen ins Kahle und fanden sich in bedenklichster Weise auf ihre eigene Erfindungsgabe angewiesen. Jawohl, ’ne Eule hatte da mal gesessen, und ohne alle Gewissensbisse ließ der Onkel Fabian den leeren Ast durch das kopfschüttelnde Geschäft betrachten. Er hatte eben die Befriedigung, die er sonst in seiner Kunst oder vielmehr seinen Künsten gesucht und gefunden, in seinem Hinterhause auf viel schönere und lebendigere Weise zu Handen und zu Herzen. Jawohl, Gewissensbisse! Noch nimmer war ein so ganz außergewöhnliches Talent mit innigerem Seelenbehagen von seinem Besitzer vernachlässigt und also zum Schaden der Welt brach liegen geblieben wie das des Attrappenonkels in diesem glückseligen Sommer.

»Ist es erlaubt, ein Wort zu reden, Herr Prinzipal?« fragte Knövenagel.

»So viele du willst; nur die Betitelung könntest du doch endlich dir und mir ersparen. Du weißt, wie wenig Anspruch ich –«

»Ich weiß alles!« schnarrte Knövenagel. »Und was im speziellen die Betitelung anbetrifft, so wissen Sie zu Ihrem Troste, daß ich es darin um keinen Grad besser habe als Sie, Herr – P – elzmann. Jetzt rufen sie mich seit Wochen nur noch ›Parisieng!‹ da unten! Natürlich auch noch unserer französischen Reise zu Gefallen. Machen Sie es also wie ich, Herr Prinzipal, und hören Sie auf nichts, als was Sie hören wollen, und sagen Sie höchstens ruhig und stillschweigend in Ihrem Gemüte: Jammerpack. Übrigens das Lange und Kurze von dem, was ich jetzo vorzubringen habe, ist, daß sie mich wieder mal schicken und zwar mit der Devise: ›Sie, feiner Pariser, sagen Sie es noch mal da oben bei Ihnen so höflich als möglich, daß dieses wirklich nicht länger so angeht, wenn es gut gehen soll auf die Länge.‹«

»Etwas weniger rätselhaft wäre mir lieber, Knövenagel«, meinte der Attrappenonkel lächelnd.

»Richtig! Grade dasselbe Wort, dessen sich die nette Menschheit da unten gegen uns bedient! Rätselhaft hat es wahrscheinlich einer in der Gesellschaft zuerst genannt, und nun ist es grade so, als ob das Wort in meines Gevatters Thomas Schafstall in Schielau gefallen sei und jegliches es in seiner Tonart weitergeben müsse, die ganze Herde durch. Daß dieses mir nun ganz gleichgültig bliebe, wenn es nicht auch meine eigene Meinung wäre, nämlich nicht das Rätselhafte, sondern daß dieses wirklich so nicht länger angehen kann, das werden Sie mir wohl auf meinen Eid hin auch ohne Eid glauben, Herr Prinzipal – senior. Herr Pelzmann, so tut es da unten wahrlich nicht viel länger gut, und im letzten Grunde haben die Leute im Parterre recht: es geht wirklich so nicht länger, wenn uns nicht jede Konkurrenz in der Faxenmacherei ganz demnächst über den Kopf wachsen soll. Daß ich dieses einer gewissen Beletage da vorn heraus wohl gönnen könnte von meinswegen – «

»Aber meinetwegen bitte ich dich, bei der Sache zu bleiben«, seufzte der Onkel Fabian und erreichte wenigstens, daß der bevollmächtigte Botschafter der Geschäftsräume der Firma Pelzmann und Kompanie nochmals im tiefsten Brusttone verächtlich hervorstieß: »Rätselhaft?!« und sodann mit vollster Überzeugung hinzusetzte: »Dummheit! denn daß Sie endlich auch einmal ein Vermögen in der Welt haben und Ihre beste Zeit damit vertrödeln, verdenke ich Ihnen gewiß nicht. Daß Sie alles um unser Fräulein, unser liebes Kind hintansetzen, ist ja ganz natürlich, und ich tue es gleichfalls. Ja, da sitzen Sie nun und reiben die Hände zwischen den Knieen und glucksen inwendig; aber der noch größern Schadenfreude wegen sollten sie doch wirklich dito selber darnach fragen, ich meine die Herren da unten – was daraus werden wird, wenn Sie es so forttreiben und Sie uns heuer gänzlich für das heilige Christfest, das heißt das Weihnachtsgeschäft, mankieren werden! Ich für meinen Teil wünsche mir gar nichts weiter geschenkt als dieses. So manches liebe, lange Jahr hat man sich immer ruhig auf uns verlassen, und zur richtigen Stunde war die Fadengasse mit ihren Devisen und Attrappen für Zucker und Kakao da. Juchhe und o weh, nun haben wir unser Fräulein und sie drunten die Verlegenheit! Vivat die Blamage, Herr Prinzipal senior; und nun laß mal unsern Allerwertesten – ich meine den Herrn Bruder im Vorderhause, sich selbst auch in diesem Departemang aufs Nest setzen und die Novitäten für die diesjährige Geburt unseres Erlösers ausbrüten. Eine schöne Bescherung wird das abgeben. Ja, ja, eine Konsequenz nennt man dies; nämlich wenn einer so alten Firma auf diese Art wie uns der Saft wieder in die Bäume schießt. Da datiert man seine Taufnamen wahrhaftig mal nicht bloß aus Zufall vom Tage Fabian und Sebastian.«

Überrascht lächelnd hob der Attrappenonkel das Gesicht zu seinem kuriosen Famulus empor: »Wie ist das mit dem Saft in den Bäumen, Knövenagel?«

»Na wo? Von den Bäumen ist gar nicht die Rede. Höchstens von einem alten, vertrockneten, mißhandelten, gekappten Strunk, den der vertrauensvollste Stukenförster schon längst, mit Erlaubnis zu sagen, ins Brennholz gerechnet hätte. Gott sei Dank, von uns allein ist diesmal die Rede. Wir haben von frischem ausgeschlagen, und da unten im Unterreich sitzen sie nun und wissen sich nicht in das Mirakel zu finden, und der Heidenspaß ist ja grade, daß das Geschäft so enorm darunter leidet, und nichts wüßte ich, was mir lieber wäre, als mich täglich von ihnen mit Tränen in den Augen schicken zu lassen und immer wieder anzufragen: ob es denn um Gottes willen noch immer nichts geworden wäre mit den diesjährigen Dummheiten für die diesmalige Geschäftssäsong; von Tage zu Tage würde es mehr Zeit dazu – O Fräulein!«

»O Knövenagel!« rief auch Fräulein Konstanze Pelzmann, ihr Kindergesicht zwischen Ärger und Glückseligkeit ganz drollig verziehend und zwar in dem Sonnenstrahl, den sie aus ihrem Nebenzimmerchen in des Attrappenonkels Museum mitbrachte. Und sie legte dem alten, jetzt so freudenreichen Nichtstuer den Arm um die Schulter, küßte ihn und rief:

»Er denkt immer noch nicht daran, daß ich jetzt immer hinter dem Türvorhang sitze und all meine Schande höre, der närrische Mijnheer Knövenagel! Ach, und ich glaube, er hat recht, der brummige Baas Knövenagel: du vertrödelst wirklich und wahrhaftig zu viel Zeit mit mir, Onkel Fabian. O, es sollte mir eigentlich so sehr leid tun!«

»Mein Herz!« rief Herr Fabian Pelzmann. »Was sollte dir eigentlich so sehr leid tun? Etwa, daß du noch ganz im letzten Augenblicke noch so ganz zur rechten Zeit zu uns gekommen bist? Mein Herzenskind, was dem alten trübseligen Hause noch an Glück zuteil werden konnte, hast du ihm ja mitgebracht und bringst es ihm noch täglich und stündlich zu. Aus so weiter Ferne, von deinem Wunderlande her bist du mir gegeben zu meiner Freude, und wer weiß, was dir alles hier in deiner Väter Hause noch aufgehoben ist, was ich dir ersparen möchte! Laß du die Herren da unten und den Esel, den Knövenagel, hier oben nur schwatzen; deine liebliche Mission ist noch lange nicht vollendet, mein Wunderkind. Denke nur daran, welch ein Wunder es ist, daß wir beide das Weihnachtsfest diesmal zusammen begehen werden hier in der alten dunklen Fadengasse, wo ich so manches trübe, einsame Jahr mit den Possen zugebracht habe für andere Leute und anderer Leute Kinder und um mir den närrischen Titel zu erwerben, bei dem sie mich hinter meinem Rücken rufen. Ja, mein eigenes liebes Kind, du bist’s, das seine Tage mit dem kindischen, unnützen Graukopf, dem Attrappenonkel, vertrödeln muß!«

Er war aufgestanden und ging mit großen Schritten in der wunderlichen Arbeitsstube auf und ab; und um so überraschender erschien es, als er plötzlich ganz unversehens vor dem wohlmeinenden Biedermann, seinem guten Knövenagel, anhielt, die Hände auf den Rücken legte und, so fest und weitbeinig wie nie in seinem Leben stehend, rief:

»Jawohl, du greisgrämlicher Hanswurst! Du verregnete Klatschrosenfeldphysiognomie! – Kurz, du niederträchtiges, heimtückisches, verfilztes drahtstieliges Kaminkehrerzwetschenkerl-In-di-vi-duum du!«

Der Effekt dieses so unvermuteten Ausbruchs konnte nicht drolliger sein. Dem Kinde verjagte der Attrappenonkel das halbe Erschrecken auf der Stelle, indem er es in seinen Armen fing; aber seinem Knövenagel küßte er wahrlich nicht die Verblüffung von den weit offenen Lippen ab. Es bedurfte einer geraumen Zeit, ehe der Wackere – Knövenagel nämlich – das beredte Maul schloß, um es tief gekränkt von neuem öffnen zu können.

Jawohl, vorwurfsvoll und tiefgekränkt gebrauchte nach mühsam wiedergewonnener Fassung Knövenagel die Gabe der Rede, und wenn jetzt der Attrappenonkel nicht wenigstens noch einmal eines seiner schönsten Motive, die Holzaffenvisage des Mannes nämlich, aufgriff und für den nächsten Weihnachtsmarkt rasch verwertete, dann war in dieser Hinsicht freilich alles verloren. So grotesk tragisch-komisch konnte sie ihm nicht wieder kommen.

»Nun höre einer!« sprach Knövenagel mit einer Stimme, mit der er jeden Augenblick als Spuk umgehen konnte, und zwar mit dem Ellbogengestus eines Gemordeten, der eben im Begriff ist, den Grabesdeckel aufzuheben. »Wenn man so was anhören muß, sollte man da nicht wirklich seufzen wie der Herr Hofmedikus: Nicht tot zu kriegen!? Denn wenn ich tot zu kriegen wäre, so wäre das durch solche Redensarten, solche Worte wie von Ihnen, Herr Pelzmann! – Bin ich es denn, der was gesagt hat? Da ist es doch wahrhaftig, als ob auf einmal alles miteinander in Konfusion in der Welt und in der Firma Pelzmann und Kompanie geraten sollte! Meinswegen möchte doch der Satan den ganzen Kram und Krimskrams holen, und wenn auch nur, daß das ewige Geschicke von unten nach oben und von oben nach unten für mich aufhörte.«

»Das scheußliche Fluchen verbitte ich mir auch!« rief Herr Fabian, doch Knövenagel, die Hände zusammenschlagend, stöhnte:

»Wer flucht denn? O Herzenskind, Herzenskind! liebes, liebstes Fräulein, stehen Sie doch um Gottes willen nicht so da, sondern geben Sie doch auch Ihr Wort dazu und sagen Sie es ihm, daß ich mir eher den Kopf abreißen würde, als mein Teil von unserm Pläsier an Ihnen in dieser scheußlichen Welt und heimtückischen Zuckerpuppenfabrikation aufgeben. Zeit vertrödeln? Wer hat Ihnen denn anders als ich das schöne liebe Wort auf den vorliegenden Fall beigebracht, Herzensfräulein? Natürlich vertrödeln wir Gott sei Dank unsere kostbarste Zeit mit Ihnen; denn wer weiß, wieviel davon wir noch in unserm Guthaben haben?! O Herzenskind, Herzenskind, hat er es denn nicht selber gesagt, daß es schon lange Zeit war, daß wir endlich auch einmal dazu kämen, auch für uns in all dem Überdruß rundum mit Wonne und Vergnügen Atem zu schöpfen? Und nun in dem nämlichen Moment, wo ich mich eben grade hinstelle und mit ihm als ein Herz und eine Seele in ein Horn blase, springt er auf und gegen mich an wie gegen einen Fremden, schnauzt mich an, als ob wir nicht etwa an die dreißig schlimme Lebensjahre miteinander hausgehalten hätten, sondern wie das allergemeinste, tagtäglichste Lumpenpack auf die allergewöhnlichste achttägige Kündigung einander gegenüberständen und – gibt mir die Schuld, wenn – die alte ehrbare Firma Pelzmann und Kompanie vor dem steht, was man – wissenschaftlich – eine Krisis benennt und – was gottlob mit dem heiligen Christfeste und unsern Devisen und Attrappen dazu gar nichts zu schaffen hat! Nicht tot zu kriegen! Als ich vor fünf Jahren am Nervenfieber lag und Sie, Herr Pelzmann und Prinzipal, mich wie einen Bruder und Standesgenossen besorgten, habe ich das Wort vom Herrn Hofmedikus millionenmal in mein Elend hinein gehört; und nun, wenn Sie es wissen, weshalb es mir jetzt seit Wochen, wenn Sie mich schicken oder wenn ich aus der Unterwelt da unten zu Ihnen in Geschäftsangelegenheiten geschickt werde, immer von neuem ins Ohr brummt, so sagen Sie es dreiste; ich bin stille!«

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