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Fabian und Sebastian

Wilhelm Raabe: Fabian und Sebastian - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorRaabe
titleFabian und Sebastian
senderanitagerber@gmx.de
created20050430
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Zehntes Kapitel

Wenn Ihre gastronomische Hoheit, Prinzeß Gabriele Angelika, ihrem Leib- und Hofmedikus, dem Dr. Baumsteiger, fast alltäglich und, was noch viel imbezill-heimtückischer war, dann und wann nächtlicherweise den gewohnten Ärger durch ihr so höchst ehrenvolles Vertrauen auf seine Kunst, wissenschaftliche Bedeutung und intime Bekanntschaft mit ihrem erlauchten Organismus bereitete, so machte ihm sein langjähriger epikuräischer Tisch- und Lebensgenosse, der jüngere Chef des Hauses Pelzmann und Kompanie, seit einiger Zeit wirkliche Sorge. Er, Herr Sebastian Pelzmann, der sich »von allen aus unserem Jahrgange« am besten gehalten hatte, war seit Beginn des Frühjahres, wenigstens zeitweise, für seine besten Freunde »ungenießbar« geworden; und dem vielbeschäftigten Arzte, der sich in seiner weiten Praxis seinen Patienten gegenüber in Wohl und Wehe stets die gehörige Gleichmütigkeit und notwendige Objektivität zu erhalten wußte, ging dieser spezielle Fall unaufhaltsamer Deterioration, das heißt Abnutzung oder Verfalls, wie er sich kopfschüttelnd ausdrückte, »verstimmend persönlich an die Nieren«.

»Lächerlich!« brummte zwar natürlich der Herr des Vorderhauses der Firma Pelzmann und Kompanie, wenn nicht nur der joviale Hausarzt und Freund ihn sich kopfschüttelnd betrachtete, sondern auch fernerstehende Leute sich außergewöhnlich teilnehmend nach seinem Befinden erkundigten. Es war aber eben doch mit ihm die alte Kindergeschichte von dem Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand steckt, um unliebsamen Zudringlichkeiten sich zu entziehen.

Herr Sebastian richtete sich dann zwar nur grader an seinem Schreibpulte empor, legte sich behaglicher beim Diner oder am Spieltische in seinem Sessel zurück, aber es war und blieb doch die uralte närrische Kindergeschichte, die als eine »wirklich wahre« sicherlich in dem Leben des Menschen auf der Erde viel häufiger sich ereignet als in dem jenes äußerst verständigen Wüstenvogels, der unbedingt nicht so dumm ist, wie ihn das Geschlecht homo sapiens seiner Flügel- und Schwanzfedern wegen gern haben möchte.

Ist denn nicht unser ganzes Dasein meistens ein Kopf-weg-Stecken vor dem Unvermeidlichen, vor dem armseligen Verdruß der nächsten Viertelstunde wie vor dem furchtbaren Jäger, dem Tode, der, gleichfalls in eine Staubwolke gehüllt, am Horizont der Wüste erscheint und hinter und über uns ist, während wir noch einen Spaß über ihn machen oder ihn in das Netz eines Dogmas oder eines philosophischen Systems verwickelt haben? Und es ist der Attrappenonkel, der, ohne im geringsten dabei an seinen Herrn Bruder zu denken, behauptet, daß es noch etwas Schlimmeres und Dummeres gäbe. Nämlich den Kopf in den flimmernden, glitzernden, buntfarbigen Sand dieser Welt zu stecken, wenn die Sonne aufgehe, ihn drinzuhalten und nur die Posteriora zu zeigen, während sie ihren Weg hell, glorreich und freundlich hingehe, und ihn erst dann hervorziehe, wenn die Dämmerung gekommen und die Nacht da sei.

Das war nur eine von den vielen ganz allgemeinen philosophischen Anmerkungen des Mannes aus dem Hinterhause; aber, wie gesagt, nur zu gut paßte sie auf den Bruder im Vorderhause, der vor allen anderen freilich jetzt noch dem Attrappenonkel mit ihr die Tür gewiesen haben würde, wenn er ihm so weise und naseweis gekommen wäre. Was ging die Welt im allgemeinen und die Fadengasse im besonderen die abgeschmackte Stimmung an, die augenblicklich über einen gekommen war? – Eine Dosis Salz, und alles war wieder in Ordnung; – Unsinn! Lächerlich!

Auf die »abgeschmackte Stimmung« schob es Herr Sebastian, wenn er seit einiger Zeit weniger häufig als sonst in seinen behaglichen Wohnräumen die behaglichste Gesellschaft der Stadt um sich versammelte und andererseits den angenehmsten Einladungen unter dem Vorwande außergewöhnlicher Geschäftsüberbürdung auswich. Daß er viel rechnete, war in der Tat ein Faktum, aber ebenso, daß ihm der gewohnte Lärm der Hochstraße auf einmal recht beschwerlich fiel, daß ihm die schöne Sonne des gegenwärtigen Sommers viel zu hell durch die hohen Fenster und geschlossenen Vorhänge fiel.

Ja, er rechnete und hatte dabei ein unabweislich Verlangen nach Dämmerung und Stille. Es war, als ob ihn eine schwere Hand in die Stille und Dämmerung hineinzwinge. Er fühlte sie auf seinem Haupte, und wie er sich auch gegen sie wehren mochte, sie drückte ihn immer von neuem auf das wirkliche, ernste Hauptbuch des Lebens mit der Stirn nieder, und Eine Stimme gab es dabei, der gegenüber er nicht entgegnete: »Unsinn! Lächerlich!«, sondern vor der er stumm, müde und melancholisch sich in die Kissen seines Diwans drückte und sie, die Augen starr auf eine der bunten Blumen des Teppichs zu seinen Füßen gerichtet, reden ließ.

»Es scheint mir eben Zeit geworden zu sein, die Bilanz zu ziehen«, sagte diese Stimme. »Meinst du nicht auch, Sebastian Pelzmann, daß es sich allgemach für uns nicht mehr allein um die Süßigkeiten unserer Existenz handelt? Auch wir werden älter, alter Freund; die Gegenwart ist ziemlich langweilig, die Zukunft wenigstens ehrlich, denn sie verspricht nicht viel von neuen Genüssen. Wie wäre es nun, wenn wir anfingen, die Blätter rückwärts zu wenden und nachzuzählen, ob du dich auch nicht verzählt habest, Sebastian? Verlaß dich darauf, ich helfe dir treulich. Rechnen wir zusammen, so wirst du dich nicht mehr verzählen, weder zu deinem Schaden noch zu deinem Vorteil. Ich habe tausend Namen – Ehrlichkeit, Reue, Gewissen, Überdruß –; was weiß ich, wie du mich nennen willst?! Daß ich dabin, das ist die Hauptsache. Sitze, liege, stehe oder gehe: am heitern Festmahl, in der schlaflosen Nacht, hinter dem Kontortische, auf der Eisenbahn und im Komödienhause bleibe ich bei dir und helfe dir rechnen, rechnen, rechnen! Oh, wir wollen schon ins klare kommen, und wenn wir das Fazit gezogen haben werden, sollst du genau wissen, woran du bist!«

Um zu erfahren, woran er eigentlich mit seinem Freunde Pelzmann sei, versuchte es Hofmedikus Dr. Baumsteiger selbstverständlich mit Karlsbad; sprach traulich beruhigend von Magen, Milz und Leber, wahrscheinlichen Blutstockungen im Unterleibe, Defäkation, Alkaleszenz des Blutes, schwefel- und kohlensaurem Natron, Chlornatrium, Eisenoxydul, Manganoxydul, Vorbeugungskuren, von Goethes früherm Aufenthalt, Labitzkys gegenwärtigen Konzerten, und was sonst dazu gehört. Wir können nicht anders sagen, als daß die Blutstockungen dem kränkelnden Mann wirklich einleuchteten. Für eine Zeit hob Herr Sebastian wieder den Kopf höher, sah klarer aus den Augen und sprach lauter. Mit nicht geringem Vertrauen und einem ausführlichen Begleitschreiben Baumsteigers an einen dortigen berühmten Kollegen ging er hin nach Karlsbad und – kam wieder. Sämtliche neun Quellen des Weltbades, vom Sprudel bis zum Kaiserbrunnen, hatten sich als machtlos erwiesen gegen die Schatten, die sich über diesem Patienten zusammenzogen. Rechnend und zählend kam er heim und saß von neuem in seiner Sofaecke und horchte wieder matt und nervös in den Lärm der Hochstraße hinein, unmächtig, ihn wie den Sonnenschein aus seinen Gemächern aussperren zu können.

Nun wußte er aber bereits ziemlich genau sich die Stunde anzugeben, in welcher er zuerst den dunkeln, drohend aufgehobenen Finger sich gegenüber gesehen hatte, diesen Schattenfinger, aus dem die schwer niederdrückende Geisterhand wurde, welche er nun allstündlich auf seinem grauen Schädel lasten fühlte. Der alberne, halbkindische ältere Bruder aus dem Hinterhause hatte ihm in jener Stunde jenen Brief gebracht, der den Tod des jüngsten Bruders der Firma in der fernen niederländischen Kolonie beglaubigte und von Konsulats wegen sich trocken erkundigte, wie es mit der Hinterlassenschaft Mijnheer de luitenant Pelzmanns zu halten sei, das heißt, wer in der deutschen Heimat möglicherweise sich bereit erklären werde, einige ausstehende Schulden zu bezahlen und sich einer eben den Kinderjahren entwachsenden Tochter anzunehmen. Was uns anbetrifft, so wissen wir es bereits, daß das Verhältnis des Herrn Sebastian zu seinem verstorbenen Bruder nicht das beste genannt werden konnte, daß die zwei meistens nicht friedlich, wie es sich für Brüder ziemte, nebeneinander gewohnt hatten, daß sie von Kindheit an nur zu häufig eines Sinnes, nämlich in betreff augenblicklichen Wunsches und Willens, gewesen waren. Freilich war Herr Sebastian diesem tollen Lorenz gegenüber nur zu häufig der Vernünftigere, das heißt Feinere und Schlauere gewesen, hatte zu oft seinen Willen bekommen, und der Bruder Lorenz hatte ihm das noch dazu fast jedesmal zu leicht gemacht.

Er war ein leichsinniger Patron, dieser Lorenz Pelzmann, und gar kein feiner Rechner wie der Bruder Sebastian. Die ganze Stadt war ja auch damals einer Meinung über ihn und hielt es endlich für das beste für alle, daß er in die Fremde ging und aus dem Leibhusarenregiment der Heimat als militärischer Abenteurer in den Dienst Sr. Majestät des Königs der Niederlande übertrat. Die ganze Stadt und Umgegend gab damals dem Bruder Sebastian recht in seiner Ansicht, daß der unzurechnungsfähige Mensch in geordneten Zuständen durchaus nicht zu gebrauchen und eine ihm drüben in Batavia angewiesene letzte pekuniäre Unterstützung mehr sei, als man von den innigsten verwandtschaftlichen Gefühlen im Grunde verlangen könne.

War es nicht genug, daß der gewissenlose Bursche den guten ältesten Bruder, den Herrn Fabian, zu einem verhältnismäßig armen Manne gemacht und in das Hinterhaus der Firma gedrängt und wahrscheinlich auf Lebenszeit auf die Aussicht in die übelduftende, enge, dunkle, in jedweder Beziehung anrüchige Fadengasse beschränkt hatte?

Oh, die Rechnung stimmte damals ausnehmend zwischen dem wilden Lorenz von der Zuckerwerksfirma Pelzmann und Kompanie und dem Sittlichkeits- und Gerechtigkeitsgefühl der süßen Heimat; wie kam es nun, daß auf einmal, nach so langen Jahren, der Bruder aus dem Vorderhause des Geschäftes sich bewogen fühlte, sie noch einmal, und zwar von vorn an durchzurechnen? Er, Herr Sebastian, hatte den verlorenen Sohn des Hauses und sein späteres Schicksal doch so gründlich von der Tafel seines Gedächtnisses wegzuwischen vermocht! Und er stand so sicher im Leben; es ging ihm nach der Leute Meinung so sehr gut darin. Das alte, wackere Geschäft hatte er durch seine Energie und Klugheit zu einem Ansehen und einer Ausdehnung gebracht, die es bis zu ihm hin noch nie erreicht hatte. Selbst der verkümmerte Bruder im Hinterhause war allgemach zu einer Folie für seinen Ruf in der Stadt und Gesellschaft geworden, und daß er als Junior dieses spaßhaften Attrappenonkels wegen den Kommerzienratstitel ausgeschlagen hatte, wurde allseitig als Beweis von höchstem Taktgefühl und feinstem Sinn für das Schickliche anerkannt und auch höheren Orts nach Gebühr durch Verleihung einer höheren Klasse des Landesordens für bürgerliche Verdienste gewürdigt.

Wahrlich, es ist so! Nicht immer fällt einem die Wahrheit wie ein Stein auf das Herz und zermalmt es. Das Gewöhnlichste ist, daß sie niederrieselt wie Sand, anfangs kaum beachtet in den fliegenden Atomen, aber Körnchen auf Körnchen durch Tag und Nacht – belächelt – dem Anschein nach durch einen Hauch weggeblasen, nicht des Nachdenkens und noch weniger eines körperlichen Mißbehagens wert. Wie genau muß der Mensch aufpassen, um zu merken, wie die Dämmerung kommt, wie aus der Helle die Dunkelheit wird! – Es ist immer ein betroffenes, plötzliches Aufsehen und Aufmerken! Liegt es nicht wie ein leichter Staub auf den Dingen dieser Welt? Wo kommt der her? Was ist das? Hat das wirklich etwas zu tun mit dem, was du eben noch vertriebest, indem du mit der Hand vor den Augen und der Stirn durchfuhrest?! – Nun fährst du schon mit dem Finger über die dir nächsten Sachen in deiner Welt, und sieh, es gibt eine Spur, welche der Hogarthschen Schönheitslinie gleicht, aber wie ein Fragezeichen aussehen würde, wenn du einen Punkt darunter machtest. Das tust du nicht; – du ärgerst dich und suchst um dich her nach einem, dem du für dein vorübergehend Unbehagen die Schuld tragen lassen kannst. Vorübergehend? – Was ist das? Fängt nicht jeder Atemzug an, es dich selber merken zu lassen, daß die Veränderung, welche du in dir und um dich spürst, nicht vorübergehend und nicht einem andern zuzuschreiben sei?! – Wie grau die Welt wird! Staub über deinem Leben! Staub auf deinem Geiste! – Machtlos gegen den rieselnden Sand! Wehe dir, du fängst an nachzugrübeln über die Stunde, in der du zum erstenmal Erde auf deiner Zunge schmecktest! Vielleicht an dem schönsten Frühlingsmorgen, in aller Blütenpracht, in dem lichterhellsten Festsaale, unter allen lieblichsten und größesten Bildern und Tönen der Kunst war es; und die schlimme Erschöpfung, eine öde Mutlosigkeit überwältigt dich. Gestern noch suchtest du nach einem, dem du die Schuld an deinem Verdruß geben konntest, und heute weißt du, daß du selbst dich verrechnetest, daß der Staub, der graue, trostlose Überzug auf deinen Lieblingsneigungen, deinen Anschauungen und Begriffen wachsen, immer wachsen wird; daß der Schatten und der Staub von Rechts wegen deine Herren sind auf deinem fernern Lebenswege. Du hattest eine helle, laute Stimme und ein herzhaft, blechern, jovial Lachen, und nun wagst du nicht einmal mehr, laut zu sprechen; der ewig niederrieselnde Sand, der Staub auf den Dingen und Farben verschlingt auch den Ton in deiner Kehle. Du fühlst und findest dich in einer grauen Wüste allein – zähle doch die Sandkörner! Rechne, rechne – aber rückwärts! Du rechnest mit dem Staube, der sich auf deiner Welt gesammelt hat und den kein Hauch der Luft irgendeiner Stunde wieder von den Dingen bläst; – jawohl, die Zeit ist da, in welcher auch die gleichgültigsten guten Bekannten anfangen, sich zu verwundern und einander beiläufig zu fragen, an der Börse, an einer Straßenecke, nachdem du eben Abschied von ihnen genommen hast, an der Tafel, nachdem du eben die Serviette niederwarfest und den Rücken wendetest – immer wenn du den Rücken wendest:

»Finden Sie nicht auch, daß eine eigentümliche Veränderung mit dem Manne vorgegangen ist? Finden Sie nicht auch, daß er über Nacht merkwürdig alt wurde? – Lassen Sie uns doch einmal rechnen, so hoch in den Jahren kann er eigentlich doch noch nicht sein. Sind wir nicht Zeitgenossen? Und über seinen Magen hat er doch auch nie geklagt. Was seine äußeren Umstände anbetrifft, so gäbe es nicht wenige, die gern mit ihm tauschen würden. Sonderbar, sehr sonderbar! Was meint denn Baumsteiger eigentlich dazu? – Nichts! Sie kennen ja die Herren Doktoren, lieber Freund, sie zucken die Achseln und sagen: Abwarten.«

Wir sagen: Es ist ein anderes, ruhig und ergeben zu wissen: Pulvis et umbra sumus, Staub und Schatten sind wir; und ein anderes, mitten im Tumult und Genuß bei vollständigen Leib- und Seelenkräften zu merken: Staub und Nacht sind über dir und um dich, rieselnder Sand und Dunkelheit werden dich begraben!

Nachher fügen wir hinzu:

Es ist zwar wieder nur eine kleine Geschichte, die wir erzählen, und sie handelt durchaus nicht von großen Menschen und gewaltigen Zuständen, aber zu merken ist doch auch allerlei in ihr und aus ihr.

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