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Fabeln und Erzählungen

Christian Fürchtegott Gellert: Fabeln und Erzählungen - Kapitel 95
Quellenangabe
typepoem
booktitleFabeln und Erzählungen
authorChristian Fürchtegott Gellert
year1989
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4920-3
titleFabeln und Erzählungen
pages3
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1746
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Die beiden Knaben

            Ein jüngrer und ein ältrer Bube,
Die der noch frühe Lenz aus der betrübten Stube
Vom Buche zu dem Garten rief,
Vielleicht, weil gleich ihr Informator schlief,
Gerieten beid an eine Grube,
In der der Schnee noch nicht zerlief.
»Ach Bruder«, sprach der kleine Bube,
»Was meinst du, ist das Loch wohl tief?
Ich hätte Lust« - »Was? Lust, hineinzuspringen?
Du mußt doch ausgelassen sein.
Versuch es nicht und spring hinein,
Du könntest dich ums Leben bringen.
Wir können uns ja sonst noch wohl erfreun,
Als daß wir uns und unsern Kleidern schaden,
Und kindisch Schnee und Eis durchwaden.
Und kömmst du drauf zum Vater naß hinein:
So hast dus da erst auszubaden.«
Doch keine Redekunst nahm unsern Knaben ein.
»Wer wird im Schnee denn gleich ersaufen?«
Und kurz und gut, er sprang hinein,
Und ließ sichs wohl in seiner Grube sein;
Doch kaum war er vor Kälte fortgelaufen:
So sprang der Philosoph so gut wie er hinein.

Dies ist die Kunst der strengen Moralisten.
Bekannt mit dem System, und von Grundsätzen voll,
Beweisen sie das, was man lassen soll,
So froh, als ob sie nichts von den Begierden wüßten.
Sie sind von besserm Ton als wir.
Sie bändigen ihr Herz durch die Gewalt der Schlüsse.
Uns Armen ist die Torheit süße;
Doch ihnen ekelt nur dafür.
Wir lassen sie, wenn wir sie unternehmen,
Aus gutem Herzen andern sehn,
Und denken nicht daran, daß wir uns so vergehn.
Sie aber, die gelehrt sich aller Torheit schämen,
Begehn die Tat, die sie uns übelnehmen,
Aus Tugend eher nicht, als bis wir es nicht sehn.
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