Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Christian Fürchtegott Gellert >

Fabeln und Erzählungen

Christian Fürchtegott Gellert: Fabeln und Erzählungen - Kapitel 64
Quellenangabe
typepoem
booktitleFabeln und Erzählungen
authorChristian Fürchtegott Gellert
year1989
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4920-3
titleFabeln und Erzählungen
pages3
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1746
Schließen

Navigation:

Calliste

                            O Leser! stelle dir mit zärtlichem Gemüte
Einmal die größte Schönheit vor,
Auf deren Stirn der Frühling lächelnd blühte,
Um deren Herz sich längst ein edelmütig Chor
Entzückter Jünglinge bemühte,
Die stell itzt deinem Geiste dar,
Und fühl es recht, wie schön sie war.

Die, deren Schicksal ich erzähle,
Calliste, groß durch ihren Stand,
Und edler noch durch ihre Seele,
Ließ, weil sie sich nicht wohl befand,
Und weil der Doktor ihr den Aderlaß befohlen,
Des Königs ersten Wundarzt holen.

Er, dieser so berühmte Mann,
Der schmachtend ingeheim Callistens Reiz verehrte,
Weil ihm ihr hoher Stand ein größer Glück verwehrte,
Nahm die Gelegenheit mit tausend Freuden an.
Er kam. O wär er nie gekommen!
Er nimmt den weißen Arm, und streift ihn ängstlich auf,
Und forscht, von Lieb und Ahndung eingenommen,
Mit Zittern nach der Adern Lauf,
Und streift in trunkner Angst den Arm noch vielmal auf.

Callistens Freundin sieht ihn zagen,
Und sagts ihr (heimlich sagt sies ihr).
»O«, spricht sie: »Lassen Sie den Herrn nur ruhig schlagen,
Und schlüg er zweimal fehl: so werd ich doch nichts sagen,
Ich weiß, er meint es gut mit mir.«
Der Arzt sprach noch: »Das wollen wir nicht hoffen!«
Und schlug, und rief: »O unglückselger Schlag!
Ich habe ja den Puls getroffen!«
Und taumelte, bis er daniederlag.

Sie, noch für den besorgt (kann man was Edlers denken?),
Der so gefährlich sie verletzt,
Verbot ihm oft, sich nicht um sie zu kränken,
Und blieb zween Tage lang bei allem Schmerz gesetzt.
Doch dies war nur geringes Leiden.
Die Ärzte sahn nunmehr die tödliche Gefahr,
Und wurden grausam eins, den Arm ihr abzuschneiden,
Weil sonsten keine Rettung war.
Und ohne sich darüber zu beklagen,
Reicht sie den Arm, den schönen Arm, schon dar,
Und bittet nur, den ja um Rat zu fragen,
Der schuld an diesem Unglück war.

So ward der Schönen denn das Leben
Für den Verlust des Arms gegeben?
So war das Leben denn für so viel Schmerz der Lohn?
Sieh nur den Doktor an, sein Schrecken sagt dirs schon.
Er sieht den Brand, und spricht mit bangem Ton:
»Sie können länger nicht, als noch drei Tage leben!«

O Gott, wie kurz ist diese Frist!
Ihr Ärzte, helft ihr doch, wenn ihr zu helfen ist!

Auch hier blieb noch das große Herz gelassen.
»So«, sprach sie, »sterb ich denn? Wohlan! Er ist nicht schuld,
Er würde gern für mich erblassen.
Gott hats verhängt; Gott ehr ich durch Geduld,
Und bin bereit, den Augenblick zu sterben«
(Der Wundarzt trat indem herein);
»Sie aber«, fuhr sie fort, »setz ich hiemit zum Erben
Von allen meinen Gütern ein,
Sie möchten sonst unglücklich sein.«
Sie sprachs, und schlief großmütig ein.

 << Kapitel 63  Kapitel 65 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.