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Fabeln und Erzählungen

Christian Fürchtegott Gellert: Fabeln und Erzählungen - Kapitel 121
Quellenangabe
typepoem
booktitleFabeln und Erzählungen
authorChristian Fürchtegott Gellert
year1989
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4920-3
titleFabeln und Erzählungen
pages3
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1746
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Rhynsolt und Lucia.

                                           

Ummsonst wandt' Rhynsolt alles an,
Ein reizend Weib, getreu dem Mann,
Ein edles Herz zur Wollust zu verführen.
Ihm öffnete sein hoher Stand ihr Haus;
Allein sie wich des Fürsten Liebling aus
Und ließ ihn die Verachtung spüren,
Die der, wär's auch ein Prinz, verdient,
Der sich, die Tugend zu verführen,
Aus Niederträchtigkeit erkühnt.

Was kann das Laster nicht erzwingen,
Wenn es die Hoheit unterstützt!
Sollt' es der Brunst, die Rhynsolts Herz erhitzt,
Durch Unrecht nicht, nicht durch Gewalt gelingen?
Gerichtlich zieht er bald des Weibes Eh'mann ein
Und eilet, ihm das Leben abzusprechen.
Allein, was ist denn sein Verbrechen?
Ist's mehr noch, als der Mann der schönsten Frau zu sein,
Die von der Pflicht nicht weicht, den Mann allein zu lieben?
Ja, Rhynsolt zeigt, wer Danvelt sei;
Er überführet ihn der Landsverräterei
Durch Briefe, die er nie geschrieben,
Und morgen eilt sein Todestag herbei.

Sein Weib wirft sich zu Rhynsolts Füßen
Und klagt und fleht verzweiflungsvoll.
Doch auch das Auge selbst, aus dem itzt Thränen schießen,
Das Ach! das ihn mitleidig machen soll,
Ein Blick, beseelt von Wehmut und von Treue,
Und Hände, die gerungen flehn,
Erhitzen nur des Richters Glut aufs neue.
Nie sah er Lucien so schön.
Er klagt ihr sein unkeusches Feuer. –
Verschämte Muse, sag's nicht nach,
Was ein erhabnes Ungeheuer
Zu einem frommen Weibe sprach!

Um sie durch ihren Mann zu rühren,
Läßt er sie selbst in seinen Kerker führen
Und läßt sie da mit ihm allein.
Sie kämpfen mit dem größten Leiden,
Lieb' und Verzweiflung spricht aus beiden.
»O Danvelt! soll ich dich vom Tode nicht befrein?
Man eilt, dich schrecklich hinzurichten.
Vergess' ich nicht noch heute meiner Pflichten,
So wirst du morgen nicht mehr sein.
Willst du die Schande mir verzeihn,
Nun, so gebeut.« – Sie zittert, mehr zu sagen,
Und drückt ihn starr an ihre Brust.
Er klagt und weint in ihre Klagen;
Ihn schreckt ein doppelter Verlust.
»Soll ich den Tod, den peinlichsten, erdulden?
Ach! liebstes Weib, ich bin zu schwach!
Befreist du mich durch deine Schmach,
So sind es zwar nicht deiner Tugend Schulden;
Und doch – O Gott, was soll ich nun erdulden?«

Der Morgen kömmt, und Lucia,
Die Danvelts Tod vor Augen sah,
Ergibt sich thränend dem Barbaren.
Er stillt die Brunst und bittet ungescheut,
Mit einer gleichen Gütigkeit
Auch gegen ihn in Zukunft fortzufahren.
»Itzt aber«, fängt er lächelnd an,
»Itzt kannst du deinen lieben Mann
Nach deinem Wunsch aus seinem Kerker holen;
Doch daß er mir nicht künftig schaden kann,
So hab' ich das zugleich gethan,
Was Lieb' und Klugheit mir befohlen.
Ich weiß, du zürnst deswegen nicht.«

Sie flieht, mit Scham und mit verletzter Pflicht,
Des Mannes Kerker aufzuschließen.
Doch Himmel! ohne Haupt lag er zu ihren Füßen.

Sie steht erstarrt; kein Ach erschallt,
Man sieht auch keine Thräne rinnen,
Des Schmerzens tödliche Gewalt
Heißt sie allein auf Rache sinnen.
Sie sucht den Hof, wo Karl, ihr Fürst, regiert,
Und hat das Glück, den Fürsten zu erreichen.
»Wenn dich«, ruft sie, »die Schmach der Tugend rührt,
So laß, o Karl, dich itzt mein Flehn erweichen!
Es ist zu spät, mein Schutz zu sein.
Du kannst nichts thun, als mich Elende rächen.
Denn Rhynsolt – strafe sein Verbrechen!
Ich schäme mich, es auszusprechen.
Lies diese Schrift und fühle meine Pein!«

Karl liest, und eine fromme Zähre
Fließt von des Helden Angesicht,
Der Tugend und auch ihm zur Ehre.
Ihr Fürsten, welch ein Lobgedicht!
Karl liest, und eine fromme Zähre
Fließt von des Helden Angesicht.

Doch ist's genug, das Laster zu beweinen?
Ein Tag wird angesetzt; der Liebling muß erscheinen,
Und gleich nach ihm tritt Lucia herein.
»Kennst du dies Weib?« spricht Karl. Ein plötzliches Erschrecken
Verrät den Bösewicht; er räumt das Laster ein,
Und ihre Schande zu bedecken,
Will er mit ihr vermählet sein.
Der Fürst läßt gleich den Bischof kommen
Und wohnt der Trauung selber bei.
»Du«, spricht er, »hast sie zwar aus Furcht vor mir genommen,
Doch dies beweist nicht deine Treu';
Sie zur Vergebung zu bewegen,
Verschreib' ihr alle dein Vermögen!«
Er thut's. »Sieh', Lucia«, fing drauf der Herzog an,
»Du bist durch mich gerächt; allein aus gleichen Pflichten
Räch' ich nunmehr auch deinen Mann.«
Und er gebot, den Liebling hinzurichten.

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