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Exposés und Theoretisches

Ödön von Horváth: Exposés und Theoretisches - Kapitel 2
Quellenangabe
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typemisc
authorÖdön von Horváth
booktitleProsa Fragmente und Varianten Exposés Theoretisches, Briefe, Verse
titleExposés und Theoretisches
publisherSuhrkamp Verlag
seriesGesammelte Werke
volumeBand 8
editorTraugott Krischke und Dieter Hildebrandt
year1972
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091209
projectid76f04a5b
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Exposé: Magazin des Glücks. Erste Fassung

Revue

1. Bild

Straße vor dem Etablissement – Hauptportal und Eingang für Personal und Lieferanten. Eine Telefonzelle.

Autoauffahrt

Reithofer versucht, durch das Öffnen der Autotüren einige Pfennige zu verdienen, geht aber öfters leer aus. Er ist melancholisch und beschäftigt sich mit allerhand Plänen betreffs seiner Zukunft und ist überzeugt, daß wenn seine Garderobe in Ordnung wäre, er noch eine ziemliche Karriere machen könnte.

Nun fährt die Prinzessin vor und wird vor dem Hauptportal groß empfangen. Reithofer öffnete die Türe ihres Wagens, sie schwebte aber nur an ihm vorbei. Trotzdem ist er fasziniert von ihr und versucht nun, nachdem die Prinzessin im Etablissement verschwunden ist, ihr durch das Hauptportal zu folgen, wird aber vom Portier zurückgewiesen.

Jetzt versucht er es, bei dem Eingang für Personal und Lieferanten, wird aber dort ebenfalls zurückgewiesen und zwar durch Lotte, die in dem Etablissement als Tellerputzerin beschäftigt ist.

Da erscheint ein Herr im Frack im Hauptportal und macht einen etwas unsicheren Eindruck. Er entdeckt Reithofer und bittet ihn, seine Kleidung mit ihm in der Telefonzelle wechseln zu dürfen – es drehe sich um eine Wette. Reithofer willigt natürlich ein, denn er sieht nun die Gelegenheit, mit Hilfe des Fracks das Etablissement betreten zu können.

Es drehte sich aber um keine Wette, sondern: der Herr ist ein internationaler Hochstapler, der soeben einer älteren Dame beim Tanzen die Brillantohrringe aus den Ohren gebissen hat. Die ältere Dame erscheint nun auch höchst erregt im Hauptportal und schreit nach ihren Brillanten und der Polizei, aber der Herr hatte die Telefonzelle in Reithofers Kleidern bereits verlassen.

Auf das Geschrei hin erscheinen die Direktoren des Hauses und das Überfallkommando. Alles wird untersucht – auch die Telefonzelle. Reithofer erscheint nun im Frack und kann unbehelligt und ohne den Schatten jeglichen Verdachtes das Etablissement durch das Hauptportal betreten.

 

2. Bild

Sitzung der Direktoren des Etablissements.

Der Direktor eröffnet die Sitzung mit der Nachricht, daß das Etablissement pleite ist. Nur ein einziger Geldmensch könnte es noch sanieren und dieser Geldmensch ist die Prinzessin.

Dann nimmt das Direktorium den Bericht der einzelnen Abteilungsleiter entgegen. (Inzwischen erhält der Direktor auch die Nachricht, daß die Prinzessin das Etablissement bereits feierlich betreten hat).

Empfang der Prinzessin durch die Direktoren. Die Prinzessin erklärt, daß sie das Etablissement gerne sanieren würde; sie müßte es aber zuerst kennen lernen. Sie hätte die Möglichkeit, unter gleich günstigen Bedingungen einen Krieg zu finanzieren und sie wisse also nun noch nicht, zu was sie sich entscheiden solle. Der Direktor gibt der Prinzessin als Begleiter den Vizedirektor mit – die Prinzessin rauscht ab und der Direktor bespricht nun mit den Seinen einen groß angelegten Plan, mit dessen Hilfe er die Prinzessin in die richtige Stimmung versetzen möchte, um es mit absoluter Sicherheit zu erreichen, daß sie sein Etablissement irgend einem Krieg vorzieht. Der Plan besteht darin, die Prinzessin in der Abteilung »Neapel« mit Hilfe des gesamten Personals in eine gefährliche Situation zu bringen, damit der Direktor selbst Gelegenheit hat, als rettender Engel aufzutreten.

 

3. Bild

Abteilung »Neapel«. Im Hintergrund der Vesuv.

Der Direktor probiert die Szenen mit dem Personal. Er überprüft auch noch einmal den Vesuv, ob der Ausbruch auch richtig funktioniert.

Der Plan besteht darin, den Vesuv ausbrechen zu lassen, um die Prinzessin im letzten Moment aus einer durch das Erdbeben zerstörten Osteria zu retten.

Dieser Plan wird gestört durch Reithofer, der der Prinzessin nachgeschlichen ist, dem Direktor zuvorkommt und als rettender Engel auftritt. Die Prinzessin ist erfüllt von Dankbarkeit.

Sehr bald nach ihrem Erwachen aus der Ohnmacht äußert sie Hungergefühle und wünscht mit ihrem Retter – Reithofer – zu soupieren. Dabei entdeckt sie einen winzigen Schmutzfleck auf ihrem Teller. Sie beschwert sich erregt – Lotte, die Tellerputzerin, wird aus der Küche herbeizitiert und soll die Prinzessin persönlich um Verzeihung bitten. Trotzdem soll sie nun wegen dieses Schmutzflecks fristlos entlassen werden. Reithofer ergreift aber ihre Partei und die Entlassung wird zurückgenommen. Die Prinzessin ist über das warme Eintreten Reithofers für Lotte indigniert und läßt ihn stehen.

Der Vizedirektor entschließt sich, mal in der Küche richtig nach dem Rechten zu sehen, und zwar incognito.

 

4. Bild

In der Küche.

Hier wird für alle Nationen gekocht. Die Köche geraten in Streit, da der Inhalt der Töpfe etwas durcheinander geraten ist und hierdurch die Selbständigkeit der einzelnen Nationen gefährdet erscheint. Lotte steht nun wieder auf ihrem Platz als Tellerputzerin neben dem Vizedirektor, der sich maskiert und verkleidet hat und ebenfalls als Tellerputzer fungiert. Dabei passiert ihm das Unglück, einen Teller zu zerbrechen. Er wird ernstlich verwarnt (vom Oberkoch), wird dadurch nervös, zerbricht abermals einen Teller, wird fristlos entlassen, gerät in Wut und zerbricht zu Fleiß einen Haufen Teller. Nun soll er verhaftet werden und niemand ergreift seine Partei außer Lotte. Er gibt sich zu erkennen und ist tief gerührt über die menschlichen Qualitäten Lottes und beschließt, ihr zum Dank für diesen Abend so ziemlich jeden Wunsch zu erfüllen. Er kleidet sie elegant und erfüllt ihren Wunsch, mit ihr nach Amerika zu reisen.

 

5. Bild

Nachtklub in Amerika. Im Parterre Sporthalle, im I. Stock Tanzgelegenheit.

Der Direktor inszeniert seinen neuen Plan betreffs der Prinzessin (denn es ist ihm bereits seit Anfang bekannt, daß die Prinzessin an einer außerordentlichen Todesfurcht leidet). Er beschließt, einen Raubüberfall markieren zu lassen. Mit ihm wieder als rettendem Engel. Aber auch diese Sache mißglückt ihm abermals durch Reithofer, der der Prinzessin nachläuft und ständig eine Aussprache mit ihr wegen des Vorfalles in Neapel sucht. Die Prinzessin will aber nichts mehr von ihm wissen. Trotz ihrer Errettung.

In diesem Nachtklub taucht auch der Vizedirektor mit Lotte auf. Lotte erkennt Reithofer, läßt den Vizedirektor, der sich immer wieder kosmetisch behandeln läßt, stehen und läuft nun Reithofer nach, der eigentlich nichts von ihr wissen will.

 

6. Bild

Südsee.

Zum letzten Mal versucht nun der bereits leise verzweifelte Direktor, seinen Plan zu realisieren. Die Prinzessin wird nun von Menschenfressern überfallen, gefangengenommen und soll nun gemästet und verzehrt werden. Aber wieder erscheint Reithofer und rettet sie. Die Prinzessin ist gerührt und söhnt sich mit Reithofer wieder aus und vergißt alles, was zwischen ihnen geschehen ist. Der Direktor, wütend.

Reithofer schlägt nun der Prinzessin vor, mit ihm nach Wien zu ziehen.

 

7. Bild

Wien. Der größte Teil der Abteilung Wien befindet sich in Reparatur, nur eine kleine Vorkriegunterabteilung ist geöffnet.

Beim Heurigen in Grinzing 1912.

Reithofer und die Prinzessin verüben eine schmalzige Liebesszene. Sie beschließen, zusammen in ein kleines Hotel zu gehen. Nun stellt es sich aber heraus, daß Reithofer die Zeche nicht zahlen kann. Er wird als Kellner entlarvt und zwar hauptsächlich durch Lotte, die mit dem Vizedirektor ebenfalls beim Heurigen sitzt und sich plötzlich erinnert, Reithofer im ersten Bild kurz gesprochen zu haben. Reithofer flieht.

 

8. Bild

Im Orient.

Der Direktor inszeniert hier folgendes: er läßt eine große Schar Wahrsager und Hellseher aufmarschieren, die der Prinzessin weissagen sollen, daß sie nur ja nicht den Krieg finanziere, da sie sonst ihr Geld verlieren würde. Sie solle unter allen Umständen das Etablissement sanieren, dann würde sich ihr Geld verdoppeln.

Reithofer auf der Flucht, verkleidet als Wahrsager, weissagt der Prinzessin das Gegenteil. Der Direktor ist verzweifelt und die Prinzessin, die okkulte Neigungen hat, zeigt sich immer reservierter.

Auch Lotte und der Vizedirektor erscheinen und Reithofer weissagt den beiden, daß sie ein glückliches Paar werden würden, mit zahlreichen Kindern. Lotte stutzt und erkennt Reithofer (kraft ihres liebenden Herzens) und fährt ihm furchtbar über den Mund, daß er doch nicht derart lügen solle.

Reithofer muß nun abermals fliehen und Lotte zerkracht sich vollständig mit dem Vizedirektor, der über Lottes Abneigung, mit ihm zahlreiche Kinder zu zeugen, tief beleidigt ist, hauptsächlich in seiner Eitelkeit.

Lotte steht nun wieder allein auf der Welt.

 

9. Bild

Am Nordpol.

Reithofer langt nun hier an nach einer abenteuerlichen Flucht durch viele Länder und weiß nicht mehr aus noch ein. (Monolog). Er versteckt sich plötzlich hinter einen Eisberg, da menschliche Wesen nahen und die nordpolhafte Stille stören. Es sind dies der Direktor, die Prinzessin und Gefolge. Der Direktor zeigt der Prinzessin als stimmungsvollen Clou seines Etablissements das Nordlicht. Die Prinzessin ist überwältigt von soviel Natur und entschließt sich nun, das Etablissement zu sanieren. Direktor begeistert.

Durch einen Zufall wird Reithofer entdeckt (er ist der Nordlichtmaschinerie zu nahe gekommen und hat einen Kurzschluß verursacht). Er wird festgenommen und der Vizedirektor unterzieht ihn einem Verhör. Dabei stellt es sich heraus, daß sich die beiden schon seit der Schulbank kennen – auch der Vizedirektor ist einstens ein Kellner gewesen. Auf die erstaunte Frage Reithofers betreffs seiner schwindelnd hohen Karriere setzt ihm der Vizedirektor auseinander, daß er nur dadurch seinen Posten bekommen hat, indem er betrügerische Unkorrektheiten der anderen Direktoren erfahren hat. Reithofer erinnert sich nun plötzlich, daß er auch etwas nicht ganz Korrektes vom Vizedirektor weiß – und so muß ihm der Vizedirektor versprechen, ihn zu einem Abteilungsleiter avancieren zu lassen. Da Wien für unabsehbare Zeit in Reparatur ist, entschließt sich Reithofer für die Abteilung »Rhein«.

 

10. Bild

Am Rhein, mit Loreley.

Die Prinzessin lauschte dem Gesänge der Loreley und ist entzückt, dies alles sanieren zu können. Auch der Direktor schwelgt im Glück. Da erscheint aber der Sekretär der Prinzessin und bittet sie um Verzeihung: Er habe sich nämlich verkalkuliert und wenn die Prinzessin den Krieg und nicht das Etablissement finanzieren würde, würde sie um 4,20 Mark mehr verdienen. Nach einem kurzen seelischen Kampfe entschließt sich die Prinzessin für den Krieg. Direktor ist außer sich und möchte zu irgend einem Fenster hinausspringen.

Feierliche Einsetzung Reithofers als Rayon-Chef der Abteilung »Rhein« – fast eine Krönung. Unter dem Spalier bildenden Publikum steht auch Lotte, an der er aber stolz vorüberzieht. Jetzt will er sie überhaupt gar nicht mehr kennen und Lotte möchte fort von dieser Welt. Sie erkundigt sich nach der Abteilung Paradies.

Mitten in der feierlichen Zeremonie platzt die Bombe: Die Prinzessin saniert den Krieg, das Etablissement ist pleite. Es erscheinen auch schon die Gerichtsvollzieher und pfänden alles weg.

Von diesem großen Sturze erholt sich Reithofer nicht so rasch. Es fallen ihm alle seine Sünden ein und auch er erkundigt sich nach der Abteilung Paradies.

 

11. Bild

Im Paradies.

Lotte und Reithofer treffen sich, streiten sich unter dem Baum der Erkenntnis und finden sich wieder mit Hilfe verschiedener Vermittlungs-Aktionen der Tiere.

Aber auch hier erscheint der Gerichtsvollzieher und pfändet. Das Paradies wird abmontiert – trotzdem bleiben Lotte und Reithofer nun erst recht beisammen.

Direktor erscheint und protestiert gegen die Pfändung. Er verspricht dem Gerichtsvollzieher zu prozessieren und zwar bis zur letzten Instanz. Es bleibt also vorläufig alles noch beim alten, bis zur Erledigung des Prozesses, dessen Ende nicht abzusehen ist.

Exposé: Magazin des Glücks. Zweite Fassung.

Den rührigen Unternehmer Sam Klabaut, der jetzt kurz und bescheiden King Atlas genannt wurde, hatten folgende Erwägungen zur Gründung seines »Magazin des Glücks« geführt: Die Welt ist trostlos und schlecht. Die Menschen verbringen ihre Tage in Hast, in Mühe und mit Arbeit. Und die Feiertage sind spärlich. Das Glück ist schwer zu finden. Die Welt viel zu groß und zu weit, als daß jeder sie genießen könnte. Sein Unternehmen nun, das Magazin des Glücks, sollte im kleinen der Menschheit das bieten und ersetzen, was sie auf dieser Welt ersehnte und erwünschte. In dem großen Etablissement, in dem er Generaldirektor war, fand sich die Welt im kleinen wieder. Für ein Eintrittsgeld, das jeder ehrlich Arbeitende von seinem Einkommen ersparen konnte, bekam man eine Eintrittskarte in seine Wunderwelt. Hier war in verschiedenen Etagen Italien, Orient, Grönland, Paris, Chicago, Grinzing und das Paradies nachgebildet. Jede Etage war ein Land für sich. Man konnte sich den Sitten und Gebräuchen dieses Landes anpassen. Man konnte Speisen und Getränke dieser Länder verzehren. Man konnte auf ein paar Stunden die Sorgen der Umwelt vergessen und aus der trüben Wirklichkeit in eine fantastische Umgebung versetzt werden, und wenn die auch nur aus Pappe, Technik und Schein bestand, so konnte man sich doch in diesem abwechslungsvollen Etablissement recht wohl fühlen, und wieder neuen Lebensmut bekommen.

King Atlas hatte diese kleine Welt mit viel Liebe gebaut. Das Ganze war wohldurchdacht, auf das trefflichste organisiert und mit einer liebevollen Verspieltheit für die Menschen eingerichtet, wie es eben nur ein Philanthrop und seltener Menschenbeglücker, wie King Atlas einer war, erfinden und durchführen konnte. Die Außenwelt anerkannte umsomehr das Unternehmen King Atlas', da er aus kleinen Verhältnissen, aus armseliger Umgebung eines Hinterhauses sich zum Besitzer dieses prachtvollen Etablissements heraufgearbeitet hatte, und das darum nur so prunkvoll und prächtig sein konnte, weil er auch die Schattenseiten dieser Welt kannte. Die Öffentlichkeit wußte aber nicht, daß er die großen Summen zu diesem Magazin des Glücks auf dem Wege einer Erbschaft erhalten hatte, der nicht ganz übersichtlich und klar genug war, um behaupten zu können, daß dieses Geld ihm zu Recht gehörte. Eine Verwandte von ihm hatte durch diesen Erbschaftsprozeß fast ihr ganzes Vermögen verloren. Da aber King Atlas nur auf das Wohl der Menschheit bedacht war, hatte er dieses Mädchen in seinem Unternehmen angestellt. Annemarie hatte alles aufgeben und war nun eine »Angestellte« in diesem Unternehmen.

An einem Abend geschah in diesem Magazin des Glücks etwas Besonderes, das die Geschichte zu unserer Revue lieferte.

Wie jeden Abend fuhren die Gäste mit ihren Wagen vor der Auffahrt des Glücksmagazins vor. Fremde und sorgenvolle Leute, die für ein paar Stunden den Alltag vergessen wollten, strömten herein. Gleich rechts neben dem Eingang befand sich ein Dressing-Room, in dem alle Besucher für diese glücklichen Stunden vorbereitet wurden. Im großen amerikanischen Stil waren hier Gelegenheiten gegeben worden, daß man sich vollständig restaurieren konnte. Nicht nur gebadet, frisiert, manikürt und massiert konnte man werden. Die zahlreichen Angestellten dieser Abteilung erfrischten auch die Besucher mit optimistischen Gesprächen und als Psychoanalytiker nahmen sie ihnen die Sorgen für ein paar Stunden ab und machten ihnen Mut und Hoffnung. Nicht nur für den Besuch des Magazin des Glücks. Unter diesen Angestellten befand sich auch ein junger Mann, der aus Wien zugewandert war und der durch eine Vermittlung, über die seine Kollegen nichts Näheres wußten, in dieser Abteilung für Vorbereitung eingestellt worden war.

In dem großen Sitzungssaal der Direktionsabteilung war eine große Versammlung. King Atlas führte mit der Souveränität eines kleinen lieben Gottes den Vorsitz. Die Teilnehmer an dieser Konferenz waren bunt und international, zusammengewürfelt. Neben dem gemütlichen Wiener Fiaker saß ein Chinese. Neben den Orientalen ein Neger, der Spanier neben dem Indianer. Auf den ersten Blick machte das Ganze den Eindruck einer internationalen Weltkonferenz. Zumal der Chinese sich auch beschwerte, daß die Leute in China unzufrieden seien, kurzerhand nach Hawai auswanderten, weil es ihnen dort besser gefiele. Weil es dort angenehmer wäre zu leben. Oder der alte Wiener Herr beschwerte sich, daß Wien unbedingt modernisiert werden müsse. Die Leute hielten nichts mehr vom alten Wien und was Chicago recht, wäre Wien billig. Schließlich merkte man aber doch, daß das Ganze nur eine Zusammenkunft der Geschäftsführer der einzelnen Unterabteilungen des Magazin des Glücks war. King Atlas entwickelte noch einmal seine strengen Geschäftsregeln und Paragraphen für die Angestellten. So sehr er für seine Gäste alles aufs Beste einzurichten wußte, wurde es den Angestellten nicht so sehr leicht und bequem gemacht. Wenn er auch alle seine Paragraphen in die Thesen von großen kosmopolitischen Anschauungen zu kleiden versuchte, und Keplers Philosophie als Unterlage für seine Bestimmungen, die in seiner kleinen Welt durchgeführt werden sollte, gemacht hatte, war doch klar ersichtlich, daß alle Angestellten hier nichts zu lachen hatten. Der Dienst war streng und schwer. Die Bezahlung mäßig und manche Bestimmungen standen mit dem Namen des Unternehmens »Magazin des Glücks« nicht im rechten Zusammenhang. Zum Beispiel betonte er wieder, daß es aufs Strengste verboten wäre, daß männliche und weibliche Angestellte unter sich irgendwelche Verbindungen aufkommen lassen dürften. Als wichtige Neuerung in dem Betrieb gab er bekannt, daß es ihm gelungen sei, ein hochfürstliches Paar als große Attraktion zu gewinnen, die als illustre Gäste dem Unternehmen einen besonderen Reiz geben würden. Das Paar war für mehrere Abende verpflichtet, als Gäste zu erscheinen. Weiter sei das kleine Kind, das in der Kinderaufbewahrungsstelle, die sich neben der Auffahrt befand und wo die Mütter ihre Kinder den Kindergärtnerinnen zur Beschäftigung und Unterhaltung abgeben konnten, während sie das Magazin besuchten, noch immer nicht wieder abgeholt worden. Vor ungefähr fünf Tagen wäre es abgegeben worden, aber bis heute hätten sich die Eltern noch nicht wieder gemeldet. Selbstverständlich wäre es Pflicht, das Kind weiter zu verpflegen, bis sich die richtigen Eltern fänden. Tief empört gab er aber davon Kenntnis, daß im Paradies zwei falsche Tausendmarkscheine gewechselt wurden und beauftragte den Hausdetektiv Rerebiz, dafür zu sorgen, daß diese Täter, die seinem Prinzip: ein paar Stunden Glück für ehrlich verdientes Geld, nicht über den Haufen werfen dürften.

Im Kindergarten waren eine Anzahl von Kindergärtnerinnen und Kindermädchen mit der Unterhaltung der abgegebenen Kinder beschäftigt. Puppentheater und Tierkinderzoo standen zur Verfügung. Aber den Mittelpunkt bildete das Baby, das nicht wieder abgeholt worden war. Alle kümmerten sich um dieses kleine Kind, besonders auch das Personal machte ihm Geschenke, wie die Weisen aus dem Morgenlande. Auch Reithover, der diesen Abend freihatte, besah sich das kleine Kind und erkundigte sich interessiert, wie es hergekommen und was nun mit ihm geschehen würde. Gretel Klinke, ein patentes, modernes Berliner Mädel, das hier als Kindermädchen angestellt war, und das speziell mit der Betreuung des elternlosen Babys beauftragt war, lernte Reithover bei dieser Gelegenheit kennen und verliebte sich in ihn. Reithover, der jetzt endlich einmal sich das Magazin des Glücks, in dem er angestellt war, als Privatmann ansehen wollte, hatte seinen Freund, den Dichter Carl Maria Blind, eingeladen, ihn durchgeschmuggelt und machte ihn jetzt mit Gretel Klinke bekannt, da er seine Stellung nicht gern aufgeben wollte, weil es ja verboten war, daß männliche und weibliche Angestellte irgendwelche Beziehungen untereinander unterhielten. Und so besuchte also Reithover allein die verschiedenen Etagen und Gretel Klinke begnügte sich mit dem Dichter Blind.

Die Verbindung der einzelnen Etagen stellte der kleine Train bleu her, der alle Gäste von Hawai nach Spanien, von Spanien nach China beförderte. Carl Maria Blind wurde immer von den Argusaugen des Detektiv Rerebiz überwacht und wurde vom Zugführer als blinder Passagier mitgeschmuggelt. Das fürstliche Paar fuhr auch mit diesem Zug.

Und jetzt spielte sich in den verschiedenen Abteilen eine Komödie ab.

Annemarie, die Verwandte des King Atlas, die auch mit dem Zug aus dienstlichen Gründen von einer Abteilung in die andere fahren mußte, verliebte sich auch in Reithover und fand diesmal mehr Entgegenkommen, als Gretel Klinke, die das mit Eifersucht bemerkte. Der Detektiv Rerebiz fand heraus, daß das fürstliche Paar garkein echtes Fürstenpaar sei, sondern die Gauner, die die falschen Tausendmarkscheine unter die Leute bringen wollten. Aber King Atlas wollte das nicht wahrhaben. Er wollte es nicht glauben und fürchtete einen geschäftsschädigenden Skandal. Zumal ihm die Fürstin, die ihm sehr gut gefiel, erklärte, daß das Kind, das in seiner Kinderaufbewahrungsstelle nicht abgeholt worden sei, bestimmt aus einem anderen Fürstengeschlecht entführt worden sei und King Atlas in eine schlimme Situation kommen würde, wenn sie nicht vermittelnd gegen eine entsprechende Entschädigung das Kind zu den richtigen Eltern zurückbringen würde. Reithover und Annemarie fanden nur selten Gelegenheit, miteinander allein zu sein und die ganze Fahrt durch das Magazin des Glücks war für sie wie eine Hochzeitsreise um die Welt. Überall waren sie glücklich und je höher hinauf sie fuhren, umso mehr fanden sie sich zueinander. Gretel Klinke drohte in ihrer Eifersucht, dem Chef zu verraten, daß die beiden Angestellten ein Liebesverhältnis miteinander unterhielten, was bedeuten würde, daß sie ihre Stellungen in diesem Glücksmagazin verlieren würden. Der Dichter Blind wurde als Schnorrer und blinder Passagier in dieser Welt, die ihn zu bewundernden Gesängen anregte, erkannt und er mußte dem Zugführer vor jeder Weiterfahrt erst ein Gedicht aufsagen, ehe er mitfahren durfte, das im voraus das Land besinge, in das Train bleu fahren sollte. Der Zugführer, dessen Aufgabe es war, vorher immer schon die Eigenarten und Vorzüge der nächsten Etage anzukündigen, hatte mit diesen Gedichten des Carl Maria Blind einen viel stärkeren Erfolg, und sie erwiesen sich als viel attraktiver, als die seinen nüchternen Empfehlungen. Und die Fahrt ging weiter zu den anderen Stationen. Die beiden Liebenden, Reithover und Annemarie, entdeckten eine neue Gefahr für sich. Denn ein junger Mann, der sich Kiebitz nannte, und der schon überall durch seine stimmungsfördernde Regsamkeit aufgefallen war, entpuppte sich als ein Konkurrent für die Stelle Reithovers. Annemarie wiederum wurde ebenfalls eifersüchtig, als sie bemerken mußte, wie ihr Reithover mit Gretel Klinke Heimlichkeiten hatte, um deren Eifersucht zu beschwichtigen.

Im Paradies endlich, das sich auf dem Dachgarten des Hauses befand, fand dieser seltsame Abend seinen Höhepunkt. Reithover und Annemarie verrieten sich plötzlich, als sie hörten, daß das Kind von den Fürsten fortgeschafft werden sollte. King Atlas erfuhr zu seiner Überraschung, daß Annemarie ihren Freund Reithover in den Betrieb eingeschmuggelt und ihm eine Stellung vermittelt hatte, und da sie beide jetzt in dem Betrieb tätig waren, ihr gemeinsames Kind bei der Kinderaufbewahrungsstelle »in Pflege« gegeben hatten und es jetzt zur Aufregung des ganzen Etablissements wieder zu sich nahmen. Hierbei kam auch der Erbschaftsschwindel King Atlas' heraus. Gretel Klinke und der Dichter Carl Maria Blind fanden, daß sie gerade durch ihre Gegensätzlichkeit gut zueinander paßten. Das »Fürstenpaar« wurde festgenommen und schließlich wurde diese kleine Welt des King Atlas, nachdem sich die richtigen Paare gefunden, zu einem wirklichen Magazin des Glücks.

Exposé: Magazin des Glücks. Dritte Fassung.

1. Bild: Auffahrt.

Die Fürstin, Inhaberin des »Magazin des Glücks«, einer Illusionsfabrik, wird von ihrem Generaldirektor, King Atlas erwartet. Sie will ihr Magazin des Glücks nun endlich besichtigen, denn sie weiß nicht, was sie hat. Bevor die Fürstin erscheint, versucht Reithofer, ein Illusionserfinder, mit einem ausgearbeiteten Exposé King Atlas zu sprechen. King Atlas weist ihn ab. Er habe heute keine Zeit. Er müsse die Fürstin, die Besitzerin, empfangen und durch das Magazin führen.

Reithofer erfährt durch den Portier, daß die Fürstin die Alleininhaberin ist. Dann fährt die Fürstin vor. Reithofer sieht sie und ist hingerissen, ohne jedoch die Absicht seines Besuches zu vergessen. Er kommt aber nicht, wie King Atlas ihm geraten, morgen durch den Eingang für Lieferanten, sondern er löst sich sofort eine Eintrittskarte und ist jetzt Gast des Magazins des Glücks. Er glaubt, jetzt King Atlas, eventuell sogar die Fürstin, für seine Illusionserfindung zu interessieren.

 

2. Bild: Der Kongreß.

An dem Kongreß beteiligen sich zuerst nur die Direktoren der verschiedenen Abteilungen des Magazin des Glücks. Wir lernen die Struktur, den Sinn und die Geschäftsordnung des Hauses kennen. King Atlas hofft, zum Ausbau des Magazin des Glücks und zur Erschaffung neuer Illusionen von der Fürstin eine größere Summe zur Subvention zu bekommen.

Jetzt kommt die Fürstin herein, läßt sich berichten und ist prinzipiell nicht abgeneigt, auf die Wünsche King Atlas' einzugehen, will aber vorher das Magazin des Glücks genau kennenlernen. Man bricht auf, um sie herumzuführen.

Reithofer kommt und bietet King Atlas abermals seine Illusion an, verrät aber nicht, was er hat und möchte zuerst Geld sehen. King Atlas erklärt ihm, das hinge alles von der Fürstin ab.

 

3. Bild: Dressing-room.

Reithofer ist jetzt ein Gast und läßt sich auch genau so behandeln.

Als erstes läßt er sich in dem Dressing-room auffrischen und herrichten und lernt dabei eine Angestellte kennen. Es ist Annemarie, der er sich zu nähern versucht, von ihr aber zurückgewiesen wird. Es kommt zu einer heftigen Auseinandersetzung. Reithofer beschwert sich, Annemarie wird entlassen. Jetzt tut Annemarie Reithofer leid. Er versucht sie zu trösten und steigt mit ihr in den train bleu, um mit ihr durch das Magazin des Glücks zu fahren.

 

4. Bild: Hawaii.

Die Fürstin besichtigt mit Gefolge die glücklichen Inseln. Der Sekretär schlägt ihr dabei vor, daß es eigentlich ein gutes Geschäft wäre, diese glücklichen Inseln aufeinander zu hetzen und einen Krieg zu finanzieren, anstatt das Magazin des Glücks weiter aufzubauen. Die Fürstin zeigt sich abermals prinzipiell einverstanden und verlangt von ihm einen Kostenanschlag und eine Rentabilitätsberechnung. Der tüchtige Sekretär beauftragt den Dichter Blind, auf alle Fälle ein schneidiges Kriegslied für Hawai zu fabrizieren. Der Dichter erklärt ihm, daß er ein Dichter sei und dazu eine Inspiration brauchte in Form eines Mädchens. Damit kann der Sekretär nicht dienen. King Atlas erscheint und erfährt die Intrige vom Krieg. Es wird ihm jetzt klar, daß man jetzt die Fürstin mit menschlicher Sympathie für das Magazin des Glücks herumkriegen müsse. Vor allen Dingen müsse man heute in allen Räumen des Magazins alle Minen springen lassen, um die Fürstin von dem Unternehmen zu bezaubern.

Reithofer und Annemarie erscheinen. (Glück unter Palmen.) Mitten im Glück erklärt ihr Reithofer, er wäre noch glücklicher, wenn er seine Erfindung hier anbringen könnte. Sie fragt, was das für eine Erfindung sei. Er hüllt sich in geheimnisvolles Schweigen, worauf sie erklärte, sie hätte genug von den Palmen, sie möchte in kultiviertere Zonen.

 

5. Bild: Paris.

Hier erfährt Reithofer nochmals, daß die Fürstin alles finanziert, und die geeignete Stelle ist, seine neue Illusion zu realisieren.

Die Fürstin sitzt am Nebentisch und Reithofer läßt Annemarie sitzen, ohne die Zeche zu begleichen. Er gerät in Komplikationen mit dem Gefolge der Fürstin, setzt sich aber durch seinen angeborenen Charme durch. Der Dichter, der noch immer kein Kriegsgedicht hat, und die Inspiration sucht, entdeckt die verlassene Annemarie, zahlt ihre Zeche, tröstet sie und hofft im Innern, daß ihm nun endlich das Kriegslied einfallen möchte, das dann die Fürstin so begeistern würde, daß sie ihr Geld für einen Krieg gäbe.

 

6. Bild: Vesuv.

King Atlas hat inzwischen einen Plan gefaßt, wie er sich bei der Fürstin in eine günstige menschliche Position hineinspielen kann. Er führt jetzt gewissermaßen Regie. Sein Plan besteht darin, die Fürstin in Gefahren zu bringen, nämlich dadurch, daß er den Vesuv ausbrechen und die Erde sich dehnen läßt, worauf er die Fürstin, die von Natur aus überaus ängstlich ist und an einer unwahrscheinlichen Todesangst leidet, aus einer konstruierten Gefahr (aus einem bebenden Haus) rettet. Er hofft dann, die Sympathie der Fürstin zu gewinnen und sie so zu Dank zu verpflichten, daß sie das Magazin des Glücks wieder bevorschußt. Es kommt aber ganz anders. Reithofer rettet die Fürstin. Die Fürstin verliebt sich hierauf etwas in Reithofer.

Annemarie, die Reithofer mit dem Dichter Blind gefolgt ist, wird eifersüchtig und aus Trotz hängt sie sich an den Dichter, dem hierauf sofort ein Kriegsgedicht einfällt. Es fehlt nur noch der Refrain. King Atlas ist sehr enttäuscht und schlägt der Fürstin vor, nach Chicago zu reisen, wo er bereits heimlich ein Attentat ausgeheckt hat.

 

7. Bild: Night-Club in Chicago.

Das Bild beginnt damit, daß King Atlas mit richtigen Gangstern eine Entführung der Fürstin plant und von dem Lösegeld dann sein Magazin erneuern will. Annemarie stellt Reithofer zur Rede. Er weist sie aber ab, weil er die Fürstin weiter verfolgt, angeblich aus Liebe, in Wahrheit aber, um seine Illusion geschäftsbringend unterzubringen. Aber auch dieses Attentat King Atlas' mißlingt. Und zwar ebenfalls durch Reithofer, der gleich nach der Errettung der Fürstin seine Erfindung anbietet. Die Fürstin wird darauf stutzig und ist sehr enttäuscht über ihren Retter, daß er nicht aus Liebe, sondern aus Geschäftsprinzip sie errettet hat. Sie läßt ihn stehen. Und jetzt keimt in ihr der Gedanke, das Geld doch lieber für einen Krieg zu geben.

Annemarie und der Dichter kommen. Annemarie wird nun Zeuge der Szene, wie die Fürstin Reithofer stehen läßt. Sie mimt nun die Unnahbare Reithofer gegenüber und geht mit dem Dichter, um sich an Reithofer zu rächen. Das Kriegslied gefällt der Fürstin sehr, so daß man die Befürchtung hegen muß, daß sie tatsächlich ihr Geld benutzen will, um die Inseln in einem Krieg aufeinander zu hetzen.

King Atlas ist wütend auf den Störenfried Reithofer und beschließt, ihn durch seinen Direktor Wallburg hinauswerfen zu lassen. Aber Reithofer erkennt in dem Direktor Wallburg einen alten Freund aus der Zeit, als es ihnen beiden noch sehr dreckig ging und fragt ihn, wie er diese Position errungen hat, worauf ihm Wallburg antwortet, er habe diese Position nur bekommen, weil er eine dunkle Sache von King Atlas gewußt habe. Reithofer fällt nun ein, daß er auch eine dunkle Geschichte von Wallburg weiß und auf diese Weise wurde ihm eine Stelle als Geschäftsführer in einer Abteilung des Hauses versprochen.

Pause.

 

8. Bild: Grinzing.

Annemarie und der Dichter Blind sitzen beim Heurigen. Annemarie ist schon etwas beschwipst und durch diesen Schwips bringt sie den Dichter auf den richtigen Refrain, der ihm zu seinem Kriegslied noch gefehlt hat. Kaum hat er den Refrain gefunden, läßt er Annemarie sitzen, denn nun hat sie ja ihre Mission bei ihm erfüllt.

Reithofer wird nun feierlich eingeführt als Direktor der Abteilung Grinzing. Er fühlt sich im siebenten Himmel. Annemarie steht unter den Spalierbildenden. Reithofer rauscht aber stolz an ihr vorbei und rächt sich für ihr Benehmen in Chicago.

Während des ganzen Heurigentrubels verläßt Annemarie enttäuscht, ernüchtert und unglücklich die Stätte.

 

9. Bild: Orient.

Die Fürstin besichtigt die Sphinx, Harems und Wahrsagerinnen. Eine Wahrsagerin prophezeit ihr unwahrscheinlich gute Dinge. Im heimlichen Auftrage King Atlas'. Die Wahrsagerin warnt sie davor, einen Krieg zu finanzieren und rät ihr dringend, ihr gesamtes Geld in das Magazin des Glücks zu stecken. Da erscheint ihr Sekretär mit den Kalkulationen, aus denen es sonnenklar hervorgeht, daß der Krieg das bessere Geschäft ist. Die Fürstin kämpft noch mit ihrem Aberglauben, aber der Sekretär redet ihr diesen aus. Nun ist sie entschlossen, den Krieg zu finanzieren. King Atlas ist verzweifelt und beruft alle Direktoren ein. Unter ihnen auch Reithofer. King Atlas erklärt ihnen die Situation und daß er keinen Ausweg aus der Krise wüßte. Das Magazin des Glücks sei gefährdet. Reithofer gibt King Atlas die Idee, die Fürstin auf den Nordpol zu führen. Das sei ein Naturschauspiel comme il faut. Die Fürstin entschloß sich, den Nordpol anzusehen, obwohl sie kein Geld mehr für das Magazin des Glücks geben kann, weil sie es in dem Krieg schon fest angelegt habe.

 

10. Bild: Nordpol.

Annemarie steht verlassen auf dem Nordpol. Sie hält einen Monolog. Sie gibt sich der Illusion hin, am Nordpol erfrieren zu können. Das sei ein angenehmerer Tod, als in die reale Welt zurückzukehren. Reithof er erscheint, um sich zu überzeugen, ob das Naturschauspiel auch ordnungsgemäß funktioniert. Wie er das Mädchen dort einsam und verlassen auf dem Nordpol sitzen sieht, tut sie ihm sehr leid. In diesem Augenblick finden sich beide wieder zusammen.

Die Fürstin erscheint mit King Atlas und großem Gefolge. King Atlas führt die Polarpracht vor, schaltet das Nordlicht ein. Die Fürstin ist zwar sehr ergriffen von der Größe der ewigen Polarnacht und meint, wenn sie das vorher gesehen hätte, hätte sie keinen Krieg finanziert. Aber jetzt sei es ja zu spät, der Sekretär habe schon die Verhandlungen mit den kriegführenden Parteien angefangen. King Atlas macht ihr Vorwürfe und erklärt ihr, daß ein Krieg trotzdem ein riskantes Geschäft sei, aber die Fürstin setzt ihm auseinander, daß man es schon geschickt genug angefangen habe. Man habe jede Insel mit Geld versehen und wenn eine gewänne, erziele man doch noch einen großen Überschuß, der weit über das investierte Kapital hinausgeht.

Auf dem Nordpol ist große Trauer und keine Stimmung. Da platzt plötzlich der Sekretär mit der Nachricht herein, die Insulaner, die zum Kriegführen verleitet werden sollten, wären scheinbar verrückt geworden, oder böswillige Konkurrenten seien am Werke, denn sie dächten nicht daran, Krieg zu führen. Eine Konkurrenz habe ihnen auseinandergesetzt, daß Frieden ein großes Geschäft wäre. Sie wiesen das Geld zurück. Jetzt kann die Fürstin das Geld für das Magazin geben und Reithofers Illusion wird verwirklicht.

 

11. Bild: Paradies.

Reithofers große Illusionsattraktion war die Schaffung des Paradieses. Mit dem Geld der Fürstin ist auf dem Dachgarten des Magazins ein neues Elysium geschaffen worden. Alles ist glücklich. Annemarie und Reithofer haben sich gefunden. King Atlas kann seine philanthropische Theorie, daß den Menschen heute für ein paar Stunden Illusion und Glück fehle, weiter verwirklichen.

Die Fürstin freut sich auch an diesem glücklichen Bild. Der Dichter ersetzt in seinem Kriegslied alle kriegerischen Worte durch Worte des Friedens und bringt so ein Epos des Friedens, das von allen gesungen wird.

Man beschließt, das ganze »Magazin des Glücks« in ein Paradies umzuwandeln, um so der realen Welt ein Vorbild zu geben.

Exposé: Magazin des Glücks. Vierte Fassung.

Prolog

Die Außenfront und Auffahrt des »Magazins des Glücks«.

Auto fahren vor. Gäste gehen in das Haus, das festlich erleuchtet ist, und aus dem aus allen Abteilungen die Musik heraustönt. Neben der Auffahrt wartet rechts ein junger Mann, Reithofer, ein österreichischer Kellner auf seine Freundin. Links wartet Annemarie, ein frisches, patentes berliner Mädel, Büroangestellte, auf ihren Freund. Die Fürstin fährt vor, wird empfangen und von dem Generaldirektor, King Atlas, ins Haus geführt. Die beiden jungen Leute warten vergeblich.

Die Fassade des Magazins verdunkelt sich. In der oberen Etage wird eine Konferenz sichtbar, an der alle Abteilungsleiter teilnehmen, auch die Fürstin, die die Geldgeberin dieses Unternehmens ist. King Atlas bittet um finanzielle Unterstützung, um sein Unternehmen ausbauen zu können. Die Fürstin will es anschauen und bezweifelt, daß man wirklich von Illusionen glücklich werden kann. King Atlas schlägt vor, zwei Menschen durch das Magazin zu schicken und garantiert, daß sie glücklich werden würden. Die Fürstin ist einverstanden, will aber selbst die beiden Menschen von der Straße heraufholen. Sie verläßt den Raum, während sich das Konferenzzimmer wieder verdunkelt und die Fassade wieder in der Lichtreklame erstrahlt.

Reithofer und Annemarie sind von ihren Bekannten versetzt worden. Reithofer nähert sich Annemarie und will sie einladen, bekommt aber eine Abfuhr. Da rauscht die Fürstin mit Gefolge die Treppe herunter, aus der geöffneten Tür heraus und lädt Reithofer und Annemarie als Gäste in das Magazin ein. Beide sind ganz verwundert. Ihnen kommt das ganze wie ein Wunder vor und sie gehen ohne ein Wort zu sagen mit King Atlas und der Fürstin in das Magazin hinein, aus dem wieder alle Melodien lockend herausklingen.

 

Zweites Bild

In Italien am Vesuv sind lauter glückliche Pärchen auf der Hochzeitsreise. (Opernparodie.) Reithofer und Annemarie stehen dieser komischen Situation abwartend gegenüber. Es scheint aber so, als ob sie sich wirklich einander nähern würden. King Atlas frohlockt. Aber die Fürstin ist skeptisch. Weil aber King Atlas seiner Sache sicher ist, schlägt er eine Wette vor. Wenn sich das Paar wirklich findet, und glücklich wird, soll die Fürstin ihm die Mittel zum Ausbau weiterer Illusionen zur Verfügung stellen. Kaum hat die Fürstin eingewilligt, haben Reithofer und Annemarie schon einen Krach. Man besteigt den train bleu, der die einzelnen Abteilungen untereinander verbindet, und fährt nach Paris.

 

Drittes Bild

Kabarett in Paris. Reithofer und Annemarie werden nebeneinander placiert. Die Fürstin gefällt Reithofer ungeheuer und er mißdeutet das Interesse, das sie für ihn zeigt, läßt Annemarie sitzen und geht zu der Fürstin. Darüber ist King Atlas sehr erbost und enttäuscht, denn insgeheim hat er gehofft, daß die Fürstin auch von den Illusionen hingerissen an ihm Gefallen finden würde. Während er jetzt die verlassene Annemarie väterlich und menschlich tröstet, aber aus eindeutigen Profithintergründen verlassen die Fürstin und Reithofer, der ihr sehr gefällt, Paris. King Atlas glaubt, daß die unscheinbare Annemarie dem Reithofer nicht gefällt, weil sein Sinn auf vornehme und mondäne Frauen gerichtet ist. Darum kleidet er sie ein und fährt mit ihr nach Chicago.

 

Viertes Bild

Südseeinsel. Die Fürstin und Reithofer sitzen zusammen. Zwischen beiden scheint eine Zuneigung aufzukeimen. Aber jetzt kommt King Atlas dazwischen. Und sofort zeigt sich die Fürstin wieder fremd; denn es ist ihr peinlich, wenn Reithofer erführe, welches Experiment sie mit ihm vorhat. King Atlas sagt, daß Annemarie in Chicago auf Reithofer warte und man begibt sich dorthin.

 

Fünftes Bild

Vornehmes Gesellschaftsbild in Chicago. Annemarie ist als die auffallendste Erscheinung von vielen Kavalieren umschwärmt. Als Reithofer sie sieht, ist er tatsächlich überrascht und weil ihn die Fürstin enttäuscht hat, versucht er, wieder eine Verbindung herzustellen. Die Fürstin ist darüber sehr traurig, darf aber nichts sagen. King Atlas bemerkt, diese Sympathie der Fürstin zu Reithofer, macht ihr Vorhaltungen und die Fürstin muß auf Reithofer verzichten für die Idee. Annemarie ist aber jetzt sehr stolz und läßt Reithofer, der mit den vornehmen Kavalieren nicht konkurrieren kann, abblitzen, der darüber ziemlich verzweifelt ist. King Atlas ist wütend über Annemarie. Reithofer erklärt King Atlas, daß das durchaus verständlich sei. Sie würde sich weiter so benehmen, wenn sie so als große Dame verkleidet, herumläuft. Da hat King Atlas einen Plan: engagierte Gentlemenverbrecher sollen der Annemarie Kleider und Schmuck rauben. Mitten im Tanz umstellen die gemieteten Gangster die Gesellschaft. Anfangs protestiert man, daß Chicago immer als Verbrechernest dargestellt wird, aber die Sache wird ernst. Annemarie wird tatsächlich beraubt. Im gefährlichsten Augenblick errettet sie aber Reithofer und Annemarie ist ihm wieder zugetan. Aber jetzt will wieder der beleidigte Reithofer nichts von ihr wissen. King Atlas ist verzweifelt und sieht nur mehr eine letzte Möglichkeit: er vertraut sich Reithofer an und verspricht ihm, Abteilungsleiter von Grinzing zu werden, wenn er das Mädchen als seine Geliebte betrachten würde und beide in »Glück machten«. Reithofer willigt ein. Die Fürstin hofft immer noch, daß sie die Wette gewinnen wird, weil dann auch Reithofer wieder frei ist.

Pause

 

Sechstes Bild

Beim Heurigen in Grinzing. Reithofer fungiert als Abteilungsleiter und macht Stimmung, er ist gewissermaßen der Wirt und Annemarie die Wirtin. Es sieht so aus, als ob beide glücklich sind. (Falsches Glück.) Die Fürstin und King Atlas besuchen Grinzing und King Atlas versucht, die Gunst der Fürstin wieder zu gewinnen und hofft auf die Wirkungen seiner Illusionen. Er zeigt der Fürstin, daß er die Wette gewonnen hat, denn Reithofer und Annemarie sind wirklich nach außen hin eine Seele und ein Herz. Anschließend erklärt King Atlas der Fürstin das Projekt seiner neuen Illusionen. Als nächstes will er den Orient umbauen. Die Fürstin erklärt die Wette verloren und sich bereit, die Mittel zur Verfügung zu stellen.

 

Siebentes Bild

Orient. Unter King Atlas' Führung wird die Abteilung Orient umgebaut. Die Fürstin sieht zu. Plötzlich erscheint Reithofer und erklärt den beiden, daß ihm seine Annemarie weggelaufen sei und er selbst hätte auch genug. Das wäre kein Glück gewesen, sondern die Hölle auf Erden. Die Fürstin nimmt dieses Eingeständnis überrascht zur Kenntnis und läßt die Umbauarbeiten im Orient sofort einstellen. Es bleibt alles beim alten, sagt King Atlas resigniert, wie es schon Jahrtausende war. Fernerhin erkundigt er sich bei Reithofer, wohin denn Annemarie gelaufen sei. »Sie hat mir die Türe vor der Nase zugeworfen« erklärt Reithofer, »und mir scheint, der Richtung nach muß sie nach dem Nordpol gelaufen sein.«

 

Achtes Bild

Am Nordpol. Annemarie hält einen Monolog und bedauert sich selbst und findet sich überflüssig auf der Welt. Am liebsten möchte sie erfrieren, weil das der angenehmste Tod ist. Man schläft auf Erden ein und dann schneit es nur ein bißchen und man erwacht im Paradies. King Atlas reißt sie aus ihren Gedanken und setzt ihr auseinander, daß sie ins Paradies bequemer kommen könnte. Reithofer warte auf sie im Paradies. Er erklärt ihr, sterben hat keinen Sinn, man muß leben.

 

Neuntes Bild

Paradies. Reithofer steht unter dem Baum der Erkenntnis und bedauert lebhaft in Form eines Monologes, daß der liebe Gott die Frauen erschaffen hat. Er beschimpft die Schlange King Atlas, die mit ihm solche Experimente gemacht hat. Da betritt Annemarie den Garten Eden und gerät mit Reithofer in eine heftige Auseinandersetzung. (Haßliebe.) King Atlas kommt, wird wütend über die verstockten Nichtliebhaber, die scheinbar auf keinen Fall glücklich werden wollen. Er weiß keinen neuen Ausweg mehr, gerät in sinnlose Wut und wirft die beiden Menschenkinder à la Erzengel aus dem Paradies hinaus. Kaum ist dies geschehen, erscheint die Fürstin und kündigt Atlas zum nächsten Ersten, weil er mit Geld Liebe und Glück zweier Menschenkinder erzwingen wollte und sie bezwungen hat und so gegen das heiligste Gesetz des Magazins des Glücks (Illusionsfabrik) gesündigt hat. Die Fürstin ist überhaupt über alles so enttäuscht. Sie möchte garkein Magazin des Glücks haben. King Atlas bittet sie immer noch, zu bleiben, denn er hätte noch eine letzte Überraschung für sie. Aber sie will nicht und geht hinaus.

 

Zehntes Bild

Berlin. Tiergarten. Auf einer Bank. Reithofer und Annemarie setzen sich auf diese Bank, nachdem sie aus dem Paradies hinausgeflogen sind. Sie danken Gott im Himmel, daß sie endlich wieder in die Realität zurückgekehrt sind, und nun vollzieht sich die so lang ersehnte Annäherung zwischen den beiden auf besagter Bank im Tiergarten. King Atlas erscheint überraschend und findet beide in höchstem Glück, gratuliert ihnen und sich. Läßt die Fürstin herbeirufen und demonstriert ihr das Glück, und behauptet, er hätte die Wette doch noch gewonnen. Reithofer und Annemarie protestieren. Sie befänden sich nicht mehr in einer Illusionswelt, sondern auf einer Bank im Tiergarten. Nun spielt King Atlas seinen großen Trumpf aus, beweist ihnen, daß sie sich geirrt hätten: die Tiergartenbank sei auch nur eine Abteilung des Magazin des Glücks. Fanfaren und Chöre ertönen. In dem Park wird ein Denkmal enthüllt, das die Fürstin darstellt, als eine Göttin der Illusion. Im großen Schlußbild wird King Atlas nun von der gerührten Fürstin wieder eingesetzt und alles schließt mit einem Hymnus auf den Triumph der Illusion.

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