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Exotische See- und Reiseerlebnisse

Viktor Helling: Exotische See- und Reiseerlebnisse - Kapitel 5
Quellenangabe
authorViktor Helling
titleExotische See- und Reiseerlebnisse
publisherAugust Scherl G. m. b. H.
year1919
printrunNeuntes bis dreizehntes Tausend
IllustratorLudwig Fahrenkrog
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180525
projectidc335dad6
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Die Grotte des Kreolen

. Wir schlenderten, unsere kurzen Pfeifen rauchend, über die blankgescheuerten Planken des Oberdecks. In ruhiger Fahrt glitt unser mit aller erdenkbaren Behaglichkeit eingerichteter Dampfer »St. George« durch die Wogen. Nach übereinstimmenden Angaben aller Kenner der Gegend pflegte das Meer, ehe man die vom Golfstrom geglätteten Wasser erreichte, sonst hier besonders ungebärdig zu sein. In früheren Zeiten, wo noch keine neuzeitlichen Dampfer zwischen Neuyork und den Bermudas-Inseln, die unser Reiseziel waren, verkehrten, war die Reise sogar verschrieen: sie erschien etwas länglich und mähte die Opfer der heimtückischen Seekrankheit sozusagen reihenweise unter den Tisch. Die neue Dampferlinie bewältigte die Überfahrt in knapp vierzig Stunden.

Die ganze strahlende Helle des Nachmittags und ein goldener Flimmer, der sich der Luft beigemischt hatte, lagen über dem blauen Ozean.

Ich war meinem Begleiter zufällig wenige Tage zuvor in einem deutschen Klub in Neuyork vorgestellt worden. Man sah ihm an, daß ihm die Geister des Wassers, auch wenn sie nicht, wie heute, schliefen, sicherlich nicht viel anzuhaben vermochten. Er war groß und schlank, hatte breite, beinahe die unschönen amerikanisch-breiten Schultern, ein wetterbraunes Gesicht, das ein blonder Spitzbart zierte, und trug die gleiche blaue Bordjacke wie die Schiffsoffiziere, wie er denn auch manches vom Benehmen der Seeleute an sich hatte. In Wirklichkeit war er ein schwedischer Marinemaler namens Holger.

Um uns herum spielten ein halbes Dutzend weißgekleidete Kinder mit gedrehten Locken, weißen Lackhüten und knallroten Jäckchen – wohlgesittet und mit mäßiger Ausgelassenheit. Ihre Mütter lustwandelten vor uns. Es waren fast durchweg Amerikanerinnen, die sich anscheinend die »Bermudas« als Winterstation erkoren hatten. Tatsächlich hatten wir ein winterliches Neuyork verlassen. Gestern abend noch waren die Schornsteine des »St. George« schneeweiß gewesen vom Salz, das der von der Wärme getrocknete Wasserstaub zurückgelassen hatte. Heute morgen dagegen schon waren wir in Sommerpracht aufgestanden. Ins Reich der dreihundert Sonneninseln ging unsere Reise.

»Es sind genau dreihundertfünfundsechzig, steht im Führer« ... Wir hörten, wie ein älterer, glattrasierter, im Deckstuhl ruhender Herr seiner Begleiterin aus dem Reiseführer vorlas. Wir verstanden Namen wie »Juan Bermudez« und »Somers«, und dazwischen klangen Jahreszahlen. Es bestand demnach kein Zweifel, daß der alte Herr seiner Frau alles Geographisch-Geschichtliche beizubringen beeifrigt war, was in seinem Reisehandbuch über die Bermudas-Inseln geschrieben stand.

Mein schwedischer Reisekamerad lächelte. »Das ist beinahe eine urdeutsche Gründlichkeit, mit der dieser Mister da die Weisheiten seines Buches verzapft. Erst setzt es eine genaue geographische Beschreibung, dann kommt die Historie an die Reihe, anschließend höchstwahrscheinlich die Geologie und endlich, wenn es nicht inzwischen zum Dinner gegongt hat, etwas über das Klima, über den Bevölkerungszustand, über die Ausfuhr an Arrowroot, Tomaten und Erdäpfeln, über die Einfuhr an Hornvieh und über den Durchschnittsjahresbesuch an freien Bürgern der Vereinigten Staaten. Und während er das alles ohne Unterlaß herunterbetet, hat er weder Auge, noch Sinn für Meer und Himmel, Sonne und Wogenschlag und wird es kaum, wenn er endlich seinen Schmöker zuklappt, inne, daß einer der wunderschönsten Tage, die man auf dem Ozean erleben kann, sang- und klanglos an ihm vorübergegangen ist. Da merkt man so recht, aus welch verschiedenem Holz die liebe Menschheit zusammengeschnitzt ist und wie wenige es verdienen, daß sie der Herrgott nach einem seiner gesegnetsten Eilande reisen läßt.«

Ich meinte, daß nicht jeder die Welt mit den Augen eines Malers ansehen könne, und im übrigen mache er mich immer gespannter auf die Schönheit von Bermuda. Ich wußte, daß Herr Holger schon vor etlichen Jahren den Archipel besucht hatte.

»Schön ist gar kein Ausdruck. Bermuda ist ein Paradies, in dem jeder Tag neue Wunder entdecken läßt. Wer diese Inseln besucht hat, dem müssen sie, wenn er nicht mit geschlossenen Augen durch die Welt rennt, zeitlebens wie ein holdes Märchen in der Erinnerung bleiben. Alles ist märchenhaft schön, alles wie eine Zauberwelt. Und besonders hinsichtlich der Entdeckungen sagte ich nicht zu viel, die man hier machen kann. Ich träume seit meinem letzten Besuch auf Bermuda, der flüchtig wie das Menschenglück war, unausgesetzt von einer feenhaften Grotte, die vor mir kaum eines Sterblichen Auge erblickt hatte. Sie wieder aufzusuchen und sie in ihrer überirdischen Schönheit im Bilde festzuhalten, ist seitdem mein unbezwingbarer Wunsch.«

»Der Ihnen also jetzt erfüllt werden wird.«

»Und was dennoch nicht gar so einfach ist, wie Sie denken. Von meiner Märchengrotte gibt noch kein Reisehandbuch Kunde. In sie einzudringen, ist ein kleines Kunststück oder, richtiger gesagt, ein Taucherstückchen. Ihr Eingang liegt an die drei Fuß unter der Oberfläche des Wasserspiegels. Ein Kreole, der sich rühmte, beim Tauchen nach einer Schweifschildkröte diese wundersame Grotte entdeckt zu haben, war mein Führer. Ein verwegener Bursche, was schon aus seiner Mutigkeit hervorging, mit der er den genannten Schildkröten an den Panzer sprang. Die Chelydra serpentina, wie diese amerikanischen Reptilien im Gelehrtenmund heißen, sind nämlich wegen ihrer Bösartigkeit und ihrer wütenden Bisse, die schwere Wunden verursachen, äußerst gefürchtet. Im übrigen aber ist mein Kreole ein gutmütiger Mensch, der sich mir für irgend eine belanglose Gefälligkeit dadurch erkenntlich zeigte, daß er mich zu seiner Entdeckung führte. Ich bin gespannt, ihn wiederzusehen. Nicht minder, zu erfahren, ob er sein Geheimnis, wie er damals vorhatte, bewahrt hat. Eigentlich war das ein Umstand, der mich stutzig machte. Ein armer Teufel von Schildkrötenjäger kann natürlich immer Geld gebrauchen, und die britische Regierung zu Hamilton würde ihm seine Entdeckung mit Gold aufwiegen. So eifrig ich aber auch die Zeitungen verfolgt habe – nie bin ich auf eine Nachricht gestoßen, die von dieser Grottenentdeckung berichtet hätte. Und ich sage Ihnen, man hätte von ihr mit Fanfarenstößen gemeldet. Ich war täglich darauf gefaßt, auf eine fettgedruckte Überschrift zu stoßen, die der Welt die Auffindung einer neuen Grotte von Capri verkündete.«

»Und das wäre wohl zumindest eine Übertreibung gewesen?

»Sagen Sie das nicht! Die Grotte auf Capri, deren Entdecker Ihre Landsleute, meine Zunftgenossen Fries und August Kopisch waren, ist größer, länger und breiter. Auch mit der Reichhaltigkeit der Stalaktiten der Blauen Grotte hält meine Grotte nicht den Vergleich aus, aber in anderer Hinsicht darf sie ihn getrost aufnehmen. Sie empfängt ihr Licht aus der Tiefe des türkisblauen Meeres, und das gibt ihr ein Leuchten, sobald sich das Auge an das geheimnisvolle Halbdunkel gewöhnt hat, das nicht hinter dem zauberischen lasurblauen Licht der Grotte von Capri zurücksteht. Ihre Tropfsteinbildungen, von diesem Leuchten überströmt, glänzen wie silbergetriebene Gebilde, der Wiederschein des Wassers, von dem sie, ähnlich der Grotta azzurra, angefüllt ist, bringt ein so wunderbar zauberisches Phosphorlicht in den Wänden hervor, daß noch nicht einmal eine besonders dichterische Phantasie dazu gehört, um sich unwillkürlich in ein Feenmärchen versetzt zu fühlen. Der Augenschein wird Ihnen bestätigen, daß ich nicht zu viel gesagt habe.«

»Damit wollen Sie sagen, ich soll gewürdigt werden, gleich Ihnen durch ein keckes Taucherstück in Ihre Grotte zu schlüpfen?«

»In meine? Ja, ich bin so anmaßend, sie nie anders zu nennen. Doch ich vergreife mich damit an den Rechten des jungen Pueblo Racedo, eben jenes Schildkrötenjägers, zu dem mich morgen mein erster Gang führen soll.«

»Sind Sie so sicher, den Mann wiederzufinden?« warf ich ein. »Wer weiß, wohin ihn mittlerweile das Schicksal verschlagen hat!«

Mein Begleiter klopfte seine Pfeife an der Reling aus und schüttelte den Kopf. »Wenn er mir das angetan hätte, so wäre das unverzeihlich, und er hätte auch sich selbst einen schlechten Dienst damit getan. Ich bin allen Ernstes entschlossen, seine Entdeckung an die große Glocke zu hängen. Das wird ihm den Beutel füllen und seinen Namen auf den Bermudas so bekannt machen wie den des Master Somers, nach dem das schöne Somerset genannt ist –«

»Nach dem ersten Bewohner der Inseln, der hier schiffbrüchig an Land gespült wurde. Wenn ich nicht irre, war es 1609.«

»Stimmt! Das hätte der alte Herr mit den starken Brillengläsern seiner Frau nicht schöner aus dem Führer vorlesen können. Na, was habe ich vorhin über die deutsche Gründlichkeit gesagt?« Der Maler lachte. »Der alte Herr hat übrigens seinen Deckstuhl geräumt, und auch die unterschiedlichen Ladies mit ihren buntklecksigen Sonnenschirmen haben das Deck verlassen. Es ist Zeit, daß wir uns in die unvermeidliche steife Hemdbrust zwängen. In zwanzig Minuten steigt das lecker bereitete Mahl.«

Ein Blick auf die Uhr am Lederriemen des Handgelenks überzeugte mich, daß wir uns mit dem Umkleiden beeilen mußten, und auch darin stimmte ich Herrn Holger bei, daß es ein oft recht lästiger Zwang ist, sich auch auf der kürzesten Seefahrt dem ungeschriebenen Gesetz beugen zu müssen, das zum Abendessen den beschwerlichen Gesellschaftsanzug vorschreibt.

Doch unterwegs gab es noch einen kurzen Aufenthalt. Der Schwede wies über die weiße Brüstung. Eine Motorbarkasse schnitt in flinker Fahrt rechtwinkelig auf den »St. George« zu.

»Was soll das?«

»Das soll, wenn ich mich nicht täusche, die neueingeführte Seebriefpost sein. Haben Sie nicht den Dampfer da drüben bemerkt?«

»Allerdings ... aber es ist nicht der erste, der unseren Kurs heute nachmittag kreuzt.«

»Aber der erste, der zur selben Linie wie der »St. George« gehört. Es muß die »Ireland« sein. Die Gesellschaft, der unter anderem »St. George« und »Ireland« gehören, hat kürzlich von der » Compagnie Transatlantique« die Einrichtung der sogenannten » Lettres Océan« übernommen. Das will sagen: sobald ein Dampfer auf hoher See einem Kollegen derselben Linie in den Faden läuft, findet ein Postaustausch statt.«

»Das hieße aber doch«, warf ich kopfschüttelnd ein, »daß die Post dann ebendahin zurückginge, woher sie eben kommt. Oder handelt es sich nur um Mitteilungen von Schwesterschiff zu Schwesterschiff? Ich sollte meinen, das ginge auf funkentelegraphischem Wege schneller.«

»Sie sind im Irrtum«, belehrte mich der Maler, während die Maschinen stoppten. Die Motorbarkasse flog pfeilschnell heran. »Es handelt sich in erster Linie darum, daß Passagiere, denen die Absendung von Nachrichten auf funkentelegraphischem Wege zu kostspielig ist, in der Lage sind, ausführlichere Mitteilungen nach ihrer Heimat billig und schnell loszuwerden. Die »Ireland« fährt beispielsweise nach Neuyork zurück und liefert, was sie aus dem Postbeutel des »St. George« jetzt herauslangt, sofort bei ihrer Ankunft bei der Neuyorker Post auf. Auf diese Weise können die Angehörigen eines Reisenden schon briefliche Nachricht von ihm haben, während er noch auf hoher See oder eben erst in Hamilton angekommen ist.«

»Und das ist den Apparat, der deswegen in Bewegung gesetzt werden muß, wert?«

»Es scheint doch so. Gar so schlimm ist es mit der Kräftevergeudung jedenfalls nicht. Wie Sie sehen, ist die ganze Geschichte schon all right.«

Ich sah, wie ein Seil über dem Wasser emporschnellte. Mit lautloser Bewegung setzte sich unser Dampfer wieder in Fahrt, und die Postbarkasse jagte ihren Weg zurück.

Als ich mich schnelleren Schrittes zu meiner Kabine aufmachte, stieß ich auf zwei Knaben, die einen Brief in den Händen drehten. Beide zugleich. Ich lächelte über ihre wichtigen Mienen. Schon mehrmals waren mir die etwa vierzehnjährigen, sehr schmuck gekleideten jungen Gesellen aufgefallen, denen man auf den ersten Blick ansah, daß sie Zwillinge waren. Immer sah man sie zusammen: Hand in Hand meist wanderten sie mit gefälligen, schmiegsamen Bewegungen die Deckpromenade entlang. Oder sie sahen dem Shuffleboard-Spiel zu, das zu jeder Tagesstunde ein paar Amerikaner mit den wuchtig über Steuerbord hinsausenden Holztellern spielten. Es waren zwei wirklich hübsche Knaben mit frischen Gesichtern, die zugleich eine feine Rasse und die Herkunft aus einem der lateinischen Länder verrieten. Ich erinnerte mich an eine flüchtige Bemerkung des scheinbar alles auskundschaftenden Holger, daß die Mutter der Knaben eine Brasilianerin sei, die er für die schönste Frau an Bord halte.

Der Zufall fügte es, daß wir beim Abendessen, da einige willkürliche Änderungen in der Sitzordnung eingetreten waren, in unmittelbarer Nähe dieser Dame und ihrer Zwillingsöhne unseren Platz fanden. Nach einigem Sondieren bekamen wir heraus, daß Frau Almaraz auf Bermuda, dem Hauptplatz der Inseln, zu Hause und die Gattin eines in Hamilton, also in Bermudas Hauptstadt, lebenden Gutsbesitzers sei. Sie sprach ein einigermaßen verständliches Englisch, und wo ihre Sprachkenntnisse sie im Stiche ließen – was etlichemal vorkam und von ihr selbst höchst belustigend und drollig gefunden wurde – da sprangen ihre beiden aufgeweckten Buben lachend ein und bewiesen damit die Früchte ihrer eben abgeschlossenen Erziehung. Frau Almaraz holte soeben ihre Söhne, die ein Jahr lang eine vornehme Knabenschule in Philadelphia besucht hatten, in die Heimat zurück.

Nun gab schnell ein Wort das andere. Wir erfuhren, daß der Gatte der Dame hauptsächlich bulbs (Zwiebeln) und Arrowroot (Pfeilwurz) auf den Eilanden angepflanzt habe, und beiläufige Bemerkungen ließen erkennen, daß ein Gutsbesitzer sich kaum bessere Erträgnisse wünschen konnte, als mit der Feldbestellung auf den Bermudas erzielt wurden. Schließlich kein Wunder bei einem Boden, dessen Erde drei Ernten im Jahre liefert und wo ein einziger Zwiebel-Acker jedes Jahr eintausend bis eintausendfünfhundert Dollars seinem Besitzer in den Schoß wirft.

Als der erste Gang herumgereicht wurde, näherte sich unserem Tische einer der Offiziere und überreichte Frau Almaraz einen Strauß wundervoller Rosen. Wir hörten, daß er im Auftrag des Kapitäns komme, der nochmals für die Auffindung eines so wichtigen Briefes danken lasse.

Frau Almaraz bedankte sich freudig überrascht und wandte sich mit glücklichem Lächeln an ihre Söhne.

»Da seht an, was ihr mir beschert habt, Alberto und Eduardo! Diese Rosen verdanke ich eurem Finderglück.« Und nun erfuhren wir, daß die Knaben, gerade als die Seepost an die Barkasse abgeliefert worden war, dicht vor der Zahlmeisterkabuse einen Brief am Boden gefunden hatten, der alsbald von Frau Almaraz dem Kapitän eingehändigt worden war. Er war durch irgend eine Nachlässigkeit dem Matrosen, der den Briefbeutel besorgte, entglitten. Ich war also gerade dazu gekommen, wie die Zwillinge ihren glücklichen Fund getan hatten.

»Demnach scheint es sich um einen besonders wertvollen Brief gehandelt zu haben, gnädige Frau?«

Frau Almaraz hob leicht ihre Schultern. »Das wage ich nicht zu entscheiden. Der Kapitän hielt es jedenfalls für angebracht, nunmehr durch seine Funker den Inhalt nach dem Festland weiter zu geben. Wie die Anschrift auf dem Briefe zeigte, war er an einen Detektiv nach Neuyork gerichtet, und der Aufgeber des Briefes ist ein Offizier unseres Gouverneurs, dem, wie der Kapitän mir erklärte, kurz nach unserer Ausreise etwas sehr Wertvolles aus dem Koffer abhanden gekommen ist.«

»Und da hat er sich einen Detektiv verschrieben?« fragte Holger. »Der Mann kommt doch unter allen Umständen zu spät.«

»Wie gewöhnlich«, meinte Frau Almaraz. »Die Neuyorker Detektivs machen sehr viel Geschrei von ihrer angeblich fabelhaften Geschicklichkeit. Nimmt man sie jedoch in Anspruch, so kann man sehr enttäuscht werden.«

»Das darf man vielleicht nicht verallgemeinern. Sie scheinen keine guten Erfahrungen mit den Leuten gemacht zu haben?«

»Das ist richtig. Im übrigen glaube ich nicht einmal, daß der Major hier an Bord bestohlen worden ist. Das wäre etwas Neues. Um die Wahrheit zu sagen, wir in Hamilton haben alle eine krankhafte Neigung, uns von Dieben umringt zu sehen. Im letzten halben Jahr sind unglaublich viele Einbrüche auf unserer Insel vorgefallen ... so viele, daß es jeder Beschreibung spottet. Aber noch nie hörte ich von Kajüt-Diebstählen. Alle diese Schändlichkeiten wurden in Hamilton und in dessen Umgegend verübt. Auch unser Haus ist von den unheimlichen Burschen nicht verschont geblieben. Und aus jener Zeit stammen meine Erfahrungen mit den amerikanischen Detektivs.«

»Und es gelang noch nicht, einen der Übeltäter zu erwischen?«

»Wenigstens keinen lebend. Nach undenklichen Mühen ward vor drei oder vier Wochen ein ehemaliger Bootsbauer als dringend verdächtig aufgespürt. Als man drauf und dran war, seiner habhaft zu werden, zerstörte der Detektiv, den sich einige von unseren Gutsbesitzern verschrieben hatten, das ganze Konzept, indem er den Mann auf der Verfolgung niederknallte. Wäre der Mann nicht tot, stünden wir jetzt vor der Lösung des Rätsels; dann hätte er seine Mitschuldigen angeben können. Denn es ist natürlich eine ganze, unter einer Decke steckende Bande, die uns so beunruhigt.«

»Wünschen wir, daß ihr recht bald das Handwerk gelegt wird. Mir scheint das die einzige unangenehme Beigabe zu sein, die sich Ihr entzückendes Bermuda zugelegt hat, seit ich es nicht sehen durfte.«

»Vielleicht«, antwortete Frau Almaraz dem Schweden. »Einige andere sind uns geblieben. Wir haben immer noch genau so furchtbar viel Soldaten auf der Insel wie früher. Wir haben noch immer den traurigen Vorzug, unsere Inseln als Detentionsorte für Sträflinge benützt zu sehen. Wir sind noch immer ohne Quellen und müssen unser Trinkwasser in Zisternen auffangen. Wir kommen noch immer im August und im September unter der drückenden Hitze um.«

»Um dennoch in ausgezeichneter Form Ihren beneidenswert schönen Winter guten Mutes zu überstehen«, erlaubte sich Herr Holger einzuwenden. »Bermuda hat der unvergleichlichen Vorzüge so überaus viele, daß die von Ihnen genannten Nachteile nichts anderes darstellen als den gewissen Schatten, den wir Menschenkinder nun einmal unumgänglich nötig haben. Ich denke, ich wiederhole da mit anderen Worten das, was der große Dichter Ihres Nachbarn zur Rechten« – damit machte er eine Handbewegung zu mir herüber – »meinte, als er sagte: »Alles in der Welt läßt sich ertragen – nur nicht eine Reihe von schönen Tagen.«

»Es berührt stets angenehm, aus fremdem Munde seine Heimat rühmen zu hören«, erwiderte die schöne Frau Almaraz. »Wie lange blieben sie das letzte Mal auf den Bermudas?«

»Zu kurz, um all das Schöne auszukosten, zu lange, um jemals die Sehnsucht, dieses Paradies wiederzusehen, zu vergessen. Drei Tage gab mir der Kapitän der schwedischen Brigg damals nur Landurlaub. Ich hatte mich ihm verdingt, und er hatte es eilig, seine Ladung Zedernholz einzuschiffen und nach Westindien zu kommen. Am liebsten wäre ich fahnenflüchtig geworden.«

»So waren Sie selbst Seemann?«

»Wie man's nimmt. Nicht gerade angeheuert, aber doch unter Bedingungen an Bord gekommen, unter denen einfach davonzulaufen sich nicht mit meinem Ehrgefühl vertragen hätte. Wenn wir Künstler uns einmal etwas in den Kopf gesetzt haben, gehen wir, um unser Ziel zu erreichen, oft wunderliche Bedingungen ein. Die meinen waren, daß ich mich auf der Fahrt der »Wisby« nach besten Kräften nützlich machte, mein Lohn war dahin festgesetzt, daß ich meiner Liebe zu der großen Natur des Meeres auf einer Weltreise Genüge tun durfte. Wir sind, denke ich, beide – die alte, brave »Wisby« und meine Wenigkeit, – auf unsere Rechnung gekommen.«

»Und diesmal gedenken Sie und Ihr Kamerad etwas länger auf den Inseln zu bleiben?«

Wir konnten diese Frage bejahen. Beide kamen wir mit der Absicht, wenigstens ein paar Wochen auf den Bermudas Eindrücke zu sammeln.

»Das ist herrlich. Sie kommen in die beste Jahreszeit. Und ich wünsche Ihnen eine Reihe von schönen Tagen, die Sie nicht so schwer erträglich finden sollen, wie es der deutsche Dichter wahr haben will. Das Schönste aber ist, daß wir uns dann bestimmt wiedersehen werden. Wir wohnen nicht umsonst in der Hauptstadt, und wenn es heißt, daß alle Wege nach Rom führen, so kann auf unseren Inseln auch dasselbe von Hamilton behauptet werden.«

Frau Almaraz wiederholte die Einladung noch in verbindlicher Form, und wir sagten dankbar zu. Lange blieben wir noch, den wunderschönen Abend mit vollen Zügen genießend, mit der schönen Frau zusammen, die uns mit ihren Söhnen auf das Promenadendeck begleitete. Wohl hatte sie gewisse Eigenheiten, die nun einmal zu den exotischen Frauen gehören. So hatte sie die Angewohnheit, reichlich viel Schmuck zu tragen und sich die Augenlider zart blau zu färben. Auch rauchte sie recht männlich nach dem Essen eine Havannazigarre nach der anderen. Aber sie verriet eine allseitige Bildung, die man sonst bei den Frauen der Brasileiros und in anderen Kreisen im tropischen Amerika so oft vermißt. Wenn wir sie mit anderen Damen an Bord vergleichen wollten – es gab da ein paar Musterexemplare amerikanischer und englischer Sportgirls, eine spanische Ministerfrau und eine Argentinierin mit einem Monokel – immer fiel der Vergleich zugunsten dieser Frau aus, die wir zudem als zärtliche Mutter kennen lernten.

Schon während der Tafel hatte uns Frau Almaraz den Adjutanten des Gouverneurs gezeigt, einen in Zivil reisenden, gegen alles britische Herkommen ziemlich wohlbeleibten Major Jones. Das war der Mann, der den Hilfeschrei nach einem Neuyorker Detektiv ausgestoßen, von dem wir aber noch nicht erfahren hatten, was ihm gestohlen worden war. Jetzt sahen wir ihn wieder an Deck, wo er jeder Person, die in seine Nähe geriet, einen Blick zuschleuderte, wie ihn giftiger kein Kaiman hätte von sich geben können. Offenbar witterte er in jedem, solange man ihn nicht vom Gegenteil überzeugt hatte, den Dieb, dessen Opfer er geworden war. Wir machten uns darauf gefaßt, daß wir uns allesamt, bevor wir am nächsten Morgen ausgebootet wurden, einer gründlichen Leibesuntersuchung würden unterwerfen müssen, und da es jeder Seereisende haßt, unnötig unterwegs Verzögerungen zu erleiden, es sich außerdem sehr geschwind herumgesprochen hatte, daß Major Jones einen Dieb fangen wollte, bekam er nicht eben freundliche Blicke zurück. Er paffte wütend aus seiner Shagpfeife und gehörte ganz sicherlich zu den »Vergnügungsreisenden«, von denen der schwedische Maler am Nachmittag gesprochen hatte. Mißmutig, mit einem wahren Bulldoggengesicht, verschwand er endlich in der Kajüte, wo die Herren, darunter einige von »Landurlaub« zurückkehrende Offiziere der Militärstation St, George, beim Robber saßen.

Wir anderen genossen noch lange die grüne Meeresnacht. Ein leiser, lauwarmer Wind machte sich auf, und plötzlich schien die ganze, ungeheure Weite unter dem reichgestirnten Ozeanhimmel angefüllt von einem unsagbar feinen, köstlichen Wohlgeruch.

»Der erste Gruß von den Bermudas!« sagte Holger. »Das sind die Lilienfelder, sind die Dolden des Oleanders, die die Luft durchduften. Morgen werden wir sie in ihrer überwältigenden Fülle und Schönheit sehen ...«

*

Groß und flammend stieg die Sonne des jungen Tages aus den goldenen Wogen. Schaumkäppig rollten sie an die stählernen Flanken des »St. George« heran. In der purpurnen Ferne, den sich lösenden Schleiern entsteigend, schimmerten uns die ersten Korallenriffe entgegen.

Wie ein Bienenschwarm umlagern sie die fünf Haupteilande. Riffe, so viele als es Tage im Kalender gibt, liegen als Hüter und Wächter ihnen zur Seite, als wüßten sie, welch köstlichen Schatz sie zu betreuen haben. Nur ein einziger Kanal gibt größeren Schiffen die Straße frei, um zum Hafen der Mutterinsel Bermuda zu gelangen.

Was wir vorausgeahnt hatten, geschah. Man suchte unter uns den Dieb. Aber man untersuchte uns nicht. Ein Funkspruch war unserem Dampfer vorangeflogen und hatte einen Kornett und sechs scharlachrote Tommys auf die Beine gebracht. Sie kamen in einer Pinasse, deren Dampfpfeife den Frieden des Morgens durchgellte. Was sie mit sich führten, diese Tapferen aus der Zitadelle von Hamilton, war ein Polizeihund. Wir verstanden. Ein überlegenes Lächeln war sekundenlang auf dem Bulldoggengesicht des Major Jones zu sehen. Er wollte sagen: »Nun werden wir die Halunken also endlich zu packen bekommen, die seit sechs Monaten der Schrecken von Hamilton sind.« (Wir erfuhren später, daß auch in der Zitadelle höchst dreiste Einbrüche stattgefunden hatten. Unter anderem waren in einer Nacht nicht weniger als sämtliche zehn Schreibmaschinen des Militärverwaltungsgebäudes geraubt!)

Auf dem »St. George« war es lebendig geworden, als die Pinasse heranschoß: die Reling war dicht besetzt. Ich stand neben der Argentinierin mit dem entstellenden Einglas.

»So ...«, sagte Major Jones zu dem Ersten Offizier. »Nun wollen wir einmal die Sache auf ihre einfachste Formel bringen. Ich denke, wir lassen jetzt alle antreten – hier vorn die Gentlemen und auf dem Achterdeck die Ladies.«

Der Schiffsoffizier erlaubte sich, im Auftrage des Kapitäns den Gegenvorschlag zu machen, daß nur die Besatzung auf Deck antreten sollte, während sich die Passagiere in ihre Kojen zurückzögen.

Die Leute waren schnell zusammengerufen, in uns Reisende kam aber nicht die gewünschte Ordnung, und mittlerweile war der Polizeihund schon in der Koje des Majors in seine Aufgabe eingeweiht worden und zog nun, nur einmal noch mit der klugen Nase in der Luft witternd, schnuppernd das Deck ab. Gespannt blickten wir dem eigenartigen Schauspiel zu. Dieser Spürhund konnte, wenn er seine Mucken hatte, einen in keine schlechte Verlegenheit setzen. Die Amerikaner machten sichtlich beleidigt ihrem Unwillen Luft, bei den Damen, die an Bord geblieben waren, überwog die Neugierde. Sehr vergnüglich sah die Schiffsbesatzung dem Unternehmen zu, während ein paar Kinder zu schreien anfingen, und das war keinem übel zu nehmen, denn unser vierbeiniger Polizist war ein richtiger Präriehund, der die rote Zunge und ein lückenloses Wolfsgebiß zeigte. Er ging jedoch vorsichtig zu Werke und schenkte den beunruhigten Kindern keinerlei Beachtung.

Hand in Hand standen die Zwillingsbrüder Almaraz. Ich freute mich ihrer frischen Wangen und ihrer leuchtenden Augen. Sie waren ja in dem glücklichen Alter, wo man für ein ungewohntes Schauspiel sofort Feuer und Flamme ist. Ihnen entging keine Bewegung des Tieres und seines Dresseurs.

Da stieß mich Herr Holger leise an. »Sehen Sie einmal das Gesicht von Major Jones! So stelle ich mir immer einen Lohgerber vor, dem die Felle fortschwimmen.«

Der Schwede hatte nicht unrecht. Der dicke Major, dem ein Offizier eine Depesche eingehändigt hatte, machte alles andere als ein geistreiches Gesicht. Er hatte die Augen weit aufgerissen und stierte das Telegramm an. In diesem Augenblick schoß der Polizeihund sprungartig an Holger und mir vorüber ... dann stand er lautlos. Und aller Augen richteten sich gespannt auf die Stelle. Im nächsten Augenblick zuckte er förmlich auf, und plötzlich, ehe wir die Sachlage übersehen konnten, fuhr er mit drohendem Belfern ... mit ununterbrochenem heiseren Belfern auf die zu Tode erschrockenen Brüder Almaraz los.

Der Bruchteil einer Sekunde hätte genügt, daß er einem der beiden mit seinem Wolfsgebiß an die Kehle sprang. Er genügte, Gott sei Dank, aber auch dazu, daß sich der geistesgegenwärtige Holger mit einem blitzartigen Satz dazwischen werfen und einen furchtbaren Faustschlag gegen den Schädel des Hundes führen konnte.

Das Tier heulte auf und schnappte nach Holgers Hand. Ein zweiter Faustschlag brachte es zur Besinnung. Ein kurzer, scharfer Ruck des scharlachroten Dresseurs, der das Korallenhalsband anzog, riß es vollends zurück. Ich kam noch zurecht, um die schreckensbleiche, in den Knien wankende Frau Almaraz in meinen Armen aufzufangen. Und da hörte ich auch schon neben mir die Stimme von Major Jones: »Schafft die Bestie beiseite, Black ... das Tier hat sich geirrt.«

Der Dresseur widersprach. »Das ist bei »Fingal« ausgeschlossen. Aber in der Abrichtung des Tieres ist soeben ein nicht wieder gutzumachender Schaden angerichtet worden.«

»Schweigen Sie!« herrschte der Major ihn an. »Und schert euch von Bord!« Auf dem Bulldoggengesicht kämpften Ärger und Verlegenheit miteinander. »Ich stehe nicht an, um Entschuldigung wegen des Zwischenfalls zu bitten«, sagte er. »Die Angelegenheit hat ihre Aufklärung gefunden. Das Dokument, das ich gestohlen glaubte, hat sich gefunden.«

Er trat auch zu Frau Almaraz und bat sie, den Auftritt zu entschuldigen. »Das konnte ich natürlich nicht voraussehen, Mylady. Es ist noch ein junges Tier.«

Frau Almaraz würdigte ihn kaum eines Blickes. Sie war noch ganz um ihre Söhne bemüht, die sich übrigens sehr rasch von ihrer ersten Bestürzung erholt hatten.

»Es bleibt eine unerhörte Geschichte«, schimpfte der alte Herr mit den dicken Brillengläsern. »Wie kann so etwas geschehen?«

»Der Zusammenhang ist ziemlich einfach. Diese beiden jungen Herren haben einen Brief gefunden, den der Major geschrieben hat. Darauf ging die Witterung des Spürhundes –«

»Und es hat überhaupt kein Diebstahl stattgefunden?«

»Wirklich, es ist unerhört! Uns in derartige Aufregung zu versetzen und mit unserer kostbaren Zeit zu spielen!«

Etwas verlegen hatte sich Major Jones entfernt. Der Kapitän kam selbst zu Frau Almaraz. Er legte seine Hand auf den Scheitel ihrer Söhne. »Niemand bedauert die Geschichte mehr als ich. Wir sind alle zum Narren gehalten worden. Dem Major fehlte ein wichtiges Dokument ... die Kopie eines geheimen Planes der Dockwerften von Hamilton, der sich in einer verschlossenen Mappe befand. Ich habe selbst alle Minen springen lassen und nach der Polizei funken lassen. Und da trifft soeben eine telegraphische Anfrage ein – von einer Dame ... von der Braut des Majors Jones aus Cambridge – wohin die Mappe nachgesandt werden solle. Also, er hat sie aus reiner Vergeßlichkeit liegen gelassen!«

Holger hatte sich abseits gehalten. Er blutete. Der Hund hatte ihm einen gehörigen Biß versetzt.

»Eine Schramme, die nichts zu sagen hat«, meinte er, und lächelte über den sorgsamen Eifer, mit dem der Schiffsarzt die Wunde verband. Frau Almaraz beruhigte sich nicht so schnell.

»Das kann ich Ihnen niemals genug danken, Señor Holger! Nie in meinem Leben!«

»Aber, ich bitte Sie!« wehrte der Schwede ab, und, als nun Alberto und Eduards auf Geheiß der Mutter ihm die Hand küssen sollten, wurde er sogar ungemütlich.

»Gnädige Frau,« sagte er, »wir wollen uns doch nicht aufhalten. Da klettern schon die Zollbeamten an Deck – und Sie wissen, wie ich darauf brenne, meinen Fuß hier an Land zu setzen.«

Der Führer des Lotsenkahnes hatte schon die Kommandobrücke bestiegen. Ganz langsam, ganz vorsichtig tastend fuhr der »St. George« in seine Fahrtrinne ein. In hohem Schwung jagte vorn am Steven die gewichtbeschwerte Meßleine in die türkisblauen Wellen.

Es war wirklich ein herrliches, tiefschimmerndes Türkisenblau ... ein zauberhaftes Grünblau, das sich merkwürdig scharf von den Wogen des Ozeans, die im Vergleich dazu bleigrau wirkten, abhob. Deutlich sah man es, daß hier die Zauberwelt anfing. Da war nicht mehr die gewaltige, unendliche Wassermasse mit ihrer undurchdringlichen Tiefe, die der »St. George« durchschnitten hatte. Das war der kristallklare Wasserspiegel, wie er sich nur zwischen Korallenriffen dehnt, der bis auf dreißig Fuß den Boden des Meeres licht und leuchtend erblicken läßt, daß er mit seinen Korallen und Muscheln und Seewundern wie ein kunstvoll gestickter Teppich sich ausbreitet!

Holger fand mich in glückliches Schauen versunken. – »Nun? Habe ich zu viel gesagt? Ist es nicht ein Geschmeide von Licht und Farben und Wasser? Verstehen Sie jetzt meine Träume und meine Sehnsucht?«

Ich nickte. Da hob er das Fernglas und spähte nach den Küsten seines Märchenlandes. Unter dem blauen Kristallgewölbe des Firmaments dehnten sich die Inseln und Inselchen ohne Zahl. Ich wußte, daß Holger Ausschau hielt nach jener Insel, die es ihm am meisten angetan hatte ...

Die Musikkapelle hatte sich an Deck begeben. Sie grüßte Bermuda, für das die Tage, wo die Riesendampfer einlaufen, noch immer Feiertage sind. Und an der Festlichkeit des Empfanges, der uns zuteil wurde, war nichts auszusetzen. Das Einlaufen in einen fremdländischen Hafenplatz ist ja von jeher eine kleine Entdeckungsreise voll seltenster Erregungen, die unsere Phantasie aufpeitschen und mit wunderbaren Eindrücken erfüllen. Jeder Hafen singt das heiße Lied der Arbeit, quillt auf vom hinreißenden Rhythmus eines vielstimmigen Chores von Menschen und Maschinen, schallt wider vom tausendfachen Schrei des Weltgetriebes ... und ist doch wieder heiter und bunt wie ein Jahrmarktstag! Am buntesten und frohlärmendsten in fremden Ländern und unter fremden Sonnen.

Obwohl außerhalb der Tropen gelegen, wird Bermuda immer das Bild eines tropischen Hafens bieten. Ein Drittel der Inselbevölkerung besteht aus Farbigen. Im Hafen herrschte ihre dunkle Farbe und ihr Lärmen unbestritten vor. Und zwischen den schnellfüßigen, neugierigen, sich an jeden Fremdling herandrängenden Kindern der Natur standen Männer mit starkwilligen, bärtigen Gesichtern, gelb oder braun, vom Salzhauch der See gegerbt, Soldaten dann, in Scharlach und Khaki, Frauen in Seide, mit dem bläulichen Weiß in den südlichen Augen, das so seltsame Sehnsucht in uns weckt. Oder mit blitzenden Zähnen ... und alle mit dem tiefschwarzen Haar der lateinischen Rasse.

Unter den Wartenden stand auch Basilio Almaraz; von zwei farbigen Dienern gefolgt, geleitete er Frau und Söhne nach dem Wagen. Doch unterwegs kehrte er um und holte uns aus der Menge heraus. Zwei Worte seiner Gattin hatten genügt, ihn zu der Bitte zu veranlassen, Holger und ich möchten sein Haus als das unsere betrachten. Kein Sträuben half. Er berief sich auf den Brauch der heimischen Gastlichkeit und beteuerte, daß er tief in unserer Schuld stehe. Vergebens suchte ich ihn zu überzeugen, daß hiervon, was meine Wenigkeit anlange, überhaupt nicht die Rede sein könne. Es half nichts. »Mitgefangen – mitgehangen«, erklärte er lachend, und der Erfolg war, daß sowohl Holger, wie auch ich eine halbe Stunde später unter dem gastlichen Dach der Almaraz unser Quartier aufschlugen.

Es war nach europäischen Begriffen ein Palast, ein aus weißem Korallenstein inmitten eines ausgedehnten Gartens erbautes Haus. Weite Veranden umgaben es an seiner Südseite. Mango-, Palmette-Palmen und andere Tropenbäume umrandeten es. Einen besonders für Bermuda charakteristischen Zug gab ihm das weißgetünchte Dach über den Fenstern mit den grünen Jalousien. Wie mit Schnee bedeckt sah es aus inmitten des tiefen Grüns seines Gartens.

Was den Schweden betraf, dem ich diese Unterkunft, die natürlich auch das erste Hotel am Platze niemals in solcher Vortrefflichkeit hätte bieten können, verdankte, so wäre er am liebsten sofort nach dem Frühstück fortgestürmt, um seinen alten Freund, den Kreolen, aufzustöbern. Aber wir hatten ja nun auch Pflichten, die uns an das neue Heim banden, und es wäre unhöflich gewesen, schon am ersten Tage all die großen und kleinen Liebenswürdigkeiten von uns abzuschütteln, in die – um ein Wort Holgers zu gebrauchen – unsere Wirte uns förmlich einwickelten.

Die Veranda vor unserem Quartier gewährte einen wunderbaren Ausblick auf die See. Wie silberne Perlenwiesen hoben sich in der Ferne die zahlreichen Eilande aus den blauen Fluten. Mit dem Krimstecher, wie am Morgen vom einlaufenden Schiffe aus, suchte Holger die einzelnen ab. Etwas enttäuscht, so wollte es mir scheinen, ließ er das Glas sinken.

Kopfschüttelnd sagte er: »Merkwürdig ... im Traum hätte ich meine Insel jederzeit wieder zu finden geglaubt ... aus all ihren dreihundert Kolleginnen hätte ich sie sofort herauszukennen mich getraut. Und nun ich hier stehe, muß ich bekennen, daß ich keine als die richtige anzusprechen vermag. Gerade die, unter denen Pueblo Racedos Koralleneiland ist, gleichen sich in überraschender Weise. Das war früher nicht der Fall; ich weiß beispielsweise genau, daß meine Insel an der Bermuda zugewandten Seite drei Zedern hatte, die in regelmäßigen Zwischenräumen, wie drei mit der Schnur ausgerichtete Soldaten, am Ufer standen. Dieses augenfällige Merkmal fehlt mir.«

»Demnach dürfte ein Passatwind die Zedern geknickt haben, oder sie wurden gefällt. Ich höre ja, daß das hiesige Zedernholz ein sehr begehrtes Material darstellt.«

»Jawohl, für Bleistifte«, lächelte Holger bitter. »Meinetwegen auch für die kleinen Schiffe, die sie hierzulande bauen. Das müßte aber schon ein von allen guten Geistern verlassener Dummkopf sein, der sich zu derartigen Zwecken ausgerechnet meine drei einsamen Zedernbäumchen herüberholt, die er hier auf der Mutterinsel und auf Somerset, Watford und Ireland in Hülle und Fülle wachsen hat. Und was Sie von den Passatwinden sagen, so treten diese hier nie so heftig auf wie auf den westindischen Inseln und haben meine drei Zedern sicherlich nicht mit Stumpf und Stiel entwurzelt. Aber das ändert an der Tatsache nichts, daß mir das wichtigste Merkmal meiner namenlosen Insel fehlt.«

»Und Sie haben eine Erklärung dafür?«

»Es werden sich deren mehrere finden. Diese Eilande wechseln oft ihren Besitzer. Ich habe nun schlimmsten Falles etwas Arbeit, mich zurecht zu finden, falls mir nicht, was ich hoffe, bis dahin mein Kreole zu Hilfe kommt. Die natürlichste Erklärung sehe ich übrigens darin, daß ich die in Frage kommenden Inseln von hier aus in einem anderen Gesichtwinkel sehe, obwohl ich mich da in der allgemeinen Orientierung sehr irren müßte. Eigentlich ist mein Ortssinn noch immer recht zuverlässig gewesen. Trifft die genannte Annahme aber zu, so ist es wohl denkbar, daß die drei Zedern nach wie vor wachsen, blühen und gedeihen und sich nur nach hierher zufällig dem Blick entziehen. Na, das wird sich spätestens morgen in der Frühe aufklären.«

»Und bis dahin werden Sie nach dem Master Racedo Umschau halten oder sich bei den Niggern hier im Hause nach seiner geschätzten Gesundheit erkundigen?«

»Ersteres ja, letzteres weniger. Das Geheimnis ist zu wertvoll, die Überraschung zu schön, als daß ich vorher etwas von meiner Grotte verraten oder auch nur andeuten möchte. Das Recht steht mir ja auch gar nicht zu. Auch ist es die Frage, ob Pueblo Racedo den hier bediensteten Negern bekannt ist. Er hatte etwas Selbstbewußtes und schien stolz zu sein auf seinen freien Beruf als Schildkrötenjäger und, weiß der Himmel, was er sonst noch trieb.«

»Es scheint hier viele zu geben, die solch ungebundenes Dasein führen. Am Ende kein Wunder, wo jedem in den Mund wächst, was er braucht.«

»Ja, sie sind genügsam. Nur ihre Pinte Rum wollen sie haben und ihre Rolle Tabak. Und die Spielleidenschaft steckt fast allen im Blute. Hoch und niedrig, wie das unter heißer Sonne so oft der Fall ist.«

»Also nimmt auch hier jeder das Recht für sich in Anspruch, sich sein Leben, das so glücklich und zufrieden sein könnte, nach besten Kräften zu verpfuschen? Wenn man von den Räuberstückchen hört, die hier verübt werden, kann man wohl nicht so ohne weiteres unterschreiben, daß die Genügsamkeit allen in Fleisch und Blut übergegangen ist.«

Holger widersprach mir nicht. »Solange sich die Erde dreht, wird es Gute und Böse geben. Der Dichter hat leider recht, der gesagt hat: »Die Welt ist vollkommen überall, wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual«. Nachdem ich Ihnen so viel Gutes von diesem gesegneten Fleckchen Gotteserde erzählt habe, wirft die Kunde von diesen Diebereien natürlich einen schlimmen Schatten darauf. Unser Wirt wird uns gewiß die Einzelheiten sagen, und dann wird sich bald herausstellen, daß auch hier wieder nichts falscher ist, als verallgemeinern zu wollen.«

Wie Holger vorausgesehen hatte, drehte sich die Unterhaltung bei Tische sehr bald, im Zusammenhang mit dem von dem englischen Major auf den Plan gerufenen Polizeihund, um die Unsicherheit auf Bermuda. Frau Almaraz hatte in dieser Beziehung nicht zu viel gesagt; ihr Gatte konnte den uns bereits bekannten Fällen noch eine stattliche Anzahl hinzufügen. Gemeinsam war all diesen, daß sie von einer beispiellosen Verschlagenheit und Dreistigkeit der Übeltäter Zeugnis ablegten und daß sie – bis auf eine vereinzelte Ausnahme – in schleierhaftes Dunkel gehüllt waren. Nur bei einem einzigen Unternehmen, wo man einen Portugiesen dabei ertappt hatte, wie er sich von dem Dache eines Landhauses auf einen Altan herabließ, war man einem von der Bande auf die Spur gekommen. Eben dieser Portugiese aber war, als er sich durch einen verwegenen Sprung in die Tiefe retten wollte, von einem Neuyorker Detektiv niedergeschossen worden.

»Und Sie sind fest davon überzeugt, daß der Erschossene einer von der Bande war?« fragte Holger, der schon vorher zu erkennen gegeben hatte, daß ihn die Erzählungen unseres Wirtes besonders fesselten.

»Das ist schon deswegen anzunehmen, weil die Missetäter seit jener Nacht Ruhe gehalten haben. Der Erwischte, ein in den hiesigen Kneipen längst bekannter Nichtstuer und Spielvogel, namens Pedro Pacheco, kurz der rote Pedro geheißen, trug Wertpapiere bei sich, die aus einem etliche Nächte zuvor verübten Einbruch herrührten ... Papiere im Werte von zwölfhundert Pfund Sterling.«

»Ist das nicht auffällig, daß ein Dieb, der sich von einem Dach herunterläßt, um über einen Balkon ins Innere zu dringen,« fragte Holger, »die Diebesbeute vom letzten Mal mit sich herumschleppt? Solcher Ballast –«

»Sehr richtig bemerkt!« fiel ihm Basilio Almaraz ins Wort. »Das ist genau dasselbe, was auch wir uns sagten, und unser teurer Detektiv war so gnädig, uns ausnahmsweise beizustimmen. Ein Einbrecher begibt sich nicht mit einer Visitenkarte auf seine nächtlichen Fahrten, sondern hält es mit dem Philosophen: » Omnia mea mecum porto« – das will sagen, er führt sein Einbrecherhandwerkszeug bei sich, sonst aber keinen unnützen Ballast, und noch dazu solchen, der ihn an den Galgen liefern muß. Im vorliegenden Falle ist aber auch gar nicht bewiesen, daß der rote Pedro in dem Landhaus, an dessen Vorderfront er sich herabließ, einbrechen wollte. Wir neigen vielmehr zu der Ansicht, der freilich unser beauftragter Mr. Hopkins aus Neuyork nicht beistimmte, daß der rote Pedro in dem Hause nur einen Unterschlupf gesucht, sich auf dem Boden vielleicht einen Tag lang verborgen gehalten hat. Leicht möglich, daß er mit dem geraubten Gelde an Bord eines Seglers wollte. Gerade in jener Nacht lag einer zur Abfahrt fertig im Hafen. Auf den Bermudas die Wertpapiere an den Mann zu bringen, war ja ein Unding.«

»Und der Detektiv ist noch hier und beobachtet weiter?«

»Oh, im Gegenteil! Er hat sich von uns – das heißt von einer Reihe von Gutsbesitzern, die sich zusammengetan hatten, um dem Unwesen zu steuern – seine Rechnung bezahlen lassen, die ungefähr so hoch war wie ein Neuyorker Wolkenkratzer, und ist dann befriedigt wieder abgereist. Er hinterließ uns den tröstlichen Ausspruch, daß wir fortan Ruhe haben würden. Das ist ja nun zufällig auch der Fall gewesen: seit dem Tode des roten Pedro, der jetzt drei Wochen zurückliegt, ist kein nennenswerter Diebstahl in Hamilton und Umgegend vorgekommen. Möglich, daß das böse Ende Pedros fürs erste abschreckend gewirkt hat.«

»Meiner Ansicht nach ist der Detektiv zu zeitig abgereist«, warf ich ein. »Aber dafür hat sich ja der Offizier des Gouverneurs schleunigst einen anderen verschrieben.«

»Den Mr. Hopkins jedenfalls nicht wieder. Der hatte vor den Augen der Offiziere keine Gnade gefunden. Wie haben hier sehr selbstbewußte Herrchen in der roten Uniform stecken, die angeblich selbst das Gras wachsen hören und es nicht vertrugen, daß Mr. Hopkins diese Kunst noch besser verstehen wollte.«

Damit kam unser Gastgeber noch einmal auf Major Jones und dessen Polizeihund zurück, und da stellte sich heraus, daß er auf die britische Garnison überhaupt nicht gut zu sprechen war. An Herausforderungen und gelegentlichen Reibereien wegen von den Truppen angerichteter Flurschäden pflege es nicht zu fehlen. Aber sie seien nun einmal die Herren des Landes, wie uns jeder Schritt und Tritt bestätigen werde. Die Bermudas seien das Gibraltar der Westwelt, für dessen Befestigung den Engländern keine Summe zu hoch sei. Und er schloß: »Sie mögen oft am selben Faden spinnen, der alte ehrliche John Bull und der biederherzige Uncle Sam – aber die Vorsicht gilt beiden als die Mutter der Weisheit, und deshalb wird Bermuda auch solange als Observationsposten den Vereinigten Staaten gegenüber ausgebaut werden, als die britische Flagge ob der Zitadelle flattert. Ja, ja, Señores, der Engländer weiß, was er will, das muß ihm der Neid lassen – und daß einer seine Gedanken so wenig zusammen hat, wie der Major Jones, das ist eine Ausnahme, die nur die Regel bestätigt.«

Holger erhob sich. Da es in Hamilton eine schwedische Kolonie gibt, brauchte er um eine Ausrede nicht verlegen zu sein. Ich aber, der ich noch ein Stündchen mit unseren liebenswürdigen Wirten auf der Veranda zurückblieb, wußte, wohin es den alten Schweden, der längst unruhig auf seinem Sitze geworden war, mit allen Kräften zog ...

*

Holger war, wie er mir am nächsten Morgen berichtete, auch keineswegs in den schwedischen Klub, sondern gleich vor die rechte Schmiede gegangen, um die Spur jenes jungen Kreolen aufzunehmen. Er hatte die räucherigen, niedrigen Schenken der Hafenwirte besucht, in denen sich die farbige Bevölkerung mit dem fremden Schiffsvolk bei Rum und Kartenspiel zu verbrüdern pflegt. Jeder, der ein Hafenviertel gesehen hat, weiß, daß sich derartige Schenken dort fast Haus bei Haus befinden, und daß ein Seemann an keiner einzigen mit gutem Gewissen vorbeigeht. Oft genug geht hier in wenigen Stunden drauf, was der einzelne in Monaten sauer erspart hat.

Vorsichtig hatte sich der Schwede nach Pueblo Racedo erkundigt. Der Name war den Mischlingen wohl bekannt. Gleich in der ersten Schenke, von dessen Decke ein verräuchertes, feingeschnitztes Schiffsmodell und ein paar ausgestopfte Schildkröten herabgehangen hatten, kannte der Wirt den Kreolen persönlich. Manchen Penny hatte Pueblo Racedo bei ihm vertrunken. Ein heller Junge sei es, der für einen der besten Schwimmer auf den Inseln gälte, und einer, der sich nicht mit jedem gemein mache. Dabei blitzsauber und gewandt; die Fremden könnten sich keinen besseren Führer wünschen als gerade ihn.

»Deshalb eben suche ich ihn«, hatte Holger erklärt. »Wo finde ich ihn? Wo wohnt der Mann?«

Aber von diesem Augenblick an war guter Rat teuer gewesen. Es stellte sich heraus, daß Pueblo Racedo überall und nirgends zu finden sei und von einem bleibenden Heimwesen bei ihm überhaupt nicht die Rede sein könne. Mitunter lasse er sich wochenlang nicht sehen. Er sei ja Jäger, sei Fischer, sei im Boot unterwegs und liege heute hier und morgen dort in der Sonne. Über das Tun und Lassen eines Pueblo Racedo werde kein Register geführt. Und vor allen Dingen mußte der Schenkenwirt zugeben, daß er den jungen Mann, den er vorher als seinen besten Freund und Stammgast bezeichnet hatte, schon wochenlang nicht gesehen hatte.

In den anderen Schenken lautete der Bescheid nicht viel anders. Mitunter hatte man den Maler höchst mißtrauisch gemustert und ihm dementsprechend zurückhaltend geantwortet.

»Ich glaube«, fuhr Holger fort, »sie hielten mich für einen Spitzel oder die Neuauflage des Mr. Hopkins, und bei solcher Witterung zieht sich bekanntlich jeder dieser Hafengäste in seine Unnahbarkeit zurück wie die Schnecke in ihr Gehäuse. Nur eines ging aus allen Antworten übereinstimmend hervor, daß sich mein Kreole in der letzten Zeit nirgends gezeigt hat. Es wäre sehr bedauerlich, wenn Sie richtig prophezeit oder, wie man sagt, geunkt hätten.«

»Ah ... ich besinne mich. Ich sagte, das Schicksal könne ihn verschlagen haben. Nun, lassen Sie den aushäusigen Gesellen doch ruhig anderswo herumschwirren, deswegen läuft Ihnen doch Ihre Grotte nicht davon. Bis Sie die vor Ihre Palette gebracht haben, wird sich der Herr Entdecker schon wieder einstellen.«

»Ich will es hoffen ... schon aus einem anderen Grunde. Meiner Grotte droht Gefahr.«

Trotz des ernsthaften Gesichts, das Holger machte, mußte ich unwillkürlich lächeln.

»Jawohl«, wiederholte er, mit großen Schritten auf und ab gehend. »Eine ganz bestimmte Gefahr, die in letzter Stunde die Pläne über den Haufen zu werfen droht, mit denen ich im Interesse Pueblo Racedos umgehe. Stellen Sie sich vor, daß an drei von den Stellen, wo ich gestern abend nach dem Kreolen forschte, kurz zuvor – nämlich gestern nachmittag – ein anderer Mensch sich nach Pueblo Racedo erkundigt hat, ein Amerikaner, der, wenn die Beschreibung mich nicht trügt, kein anderer zu sein scheint als er etwas angejahrte Herr mit dem Predigergesicht und den starken Brillengläsern –«

»Der Mann mit dem Reiseführer?«

»Eben der! Die Dame, seine Gattin, hat sich in seiner Begleitung befunden. Daß noch ein anderer nach dem Kreolen fragt, wäre an sich noch nicht verwunderlich, da er, wie erwähnt, als Fremdenführer in gutem Ruf steht. Das Merkwürdige aber ist, daß dieser Amerikaner fünfzig Dollars geboten hat, wenn ihm einer Pueblo Racedo ins Hotel Viktoria schickt. Er hat ferner durchblicken lassen, daß er meinen Kreolen für ein gutes Geschäft brauche, und, was noch schlimmer ist, er hat gefragt, ob in Hamilton etwas von einer geheimen Grotte bekannt sei!«

»Alle Wetter! Das wäre in der Tat ein höchst merkwürdiges Zusammentreffen, lieber Herr Holger –«

»Sie können sich meine Stimmung ausmalen, als ich das hörte. Das bedeutet nichts anderes, als daß mir der Himmel im letzten Augenblick einen Nebenbuhler schickt, wie ich ihn mir für meine Pläne gar nicht unangenehmer wünschen kann. Ich habe die halbe Nacht darüber gegrübelt und bin zu keinem anderen Ergebnis gelangt, als daß Pueblo Racedo sein Geheimnis noch einem anderen Fremden mitgeteilt hat ... sagen wir, einem Bekannten des Mister Robinson. So heißt nämlich der ältere Greis, der im Viktoriahotel abgestiegen ist. Das ist das gute Recht Racedos, aber es bedeutet eine große Dummheit. Und mich kränkt es. Stimmen meine Voraussetzungen, so ist Mr. Robinson mit der Absicht hierher geeilt, die Entdeckung zur höheren Ehre der Vereinigten Staaten und zum Wohle seines Geldbeutels auszuschlachten. Anders vermag ich mir die Worte, daß er Pueblo Racedo für ein gutes Geschäft brauche, einfach nicht zu erklären. Um es kurz nochmals zusammen zu fassen: Dieser Mr. Robinson weiß etwas vom Vorhandensein der Grotte, und diese Kenntnis ist ihm direkt oder – was wahrscheinlicher ist – auf Umwegen geworden. Letzteres schließe ich daraus, weil er – immer vorausgesetzt, daß es unser Bekannter vom »St. George« ist – selbst zum ersten Mal in Hamilton weilt. Er sucht den Kreolen um jeden Preis. Es ist möglich, daß er ohne diesen nichts auszurichten vermag. Doch, wenn einer einmal auf ein Geschäft erpicht ist, pflegt er bekanntlich zäh zu sein. Der Angelsachse vor allem. Ich denke, nun werden Sie nicht mehr lächeln, wenn ich wiederhole, daß ich meine Grotte bedroht sehe.«

Ich mußte zugeben, daß die Sache jetzt allerdings ein anderes Gesicht bekomme.

»Und nun werden Sie auch verstehen, daß mir jetzt doppelt daran liegt, Pueblo Racedos so schnell wie möglich habhaft zu werden. Mir liegt der Ehrgeiz fern, mit der Erschließung der Grotte im Zusammenhang genannt zu werden; es könnte mir infolgedessen auch gleichgültig sein, ob das hiesige Gouvernement oder ein geschäftstüchtiger Jinko die Hand auf die Entdeckung legt. Aber ich möchte für Racedo retten, was zu retten ist. Und neben dieser lauteren Absicht weiß ich mich von einer selbstsüchtigen nicht frei: Ich habe es mir nun einmal in den Kopf gesetzt, diese Grotte in ihrer jungfräulichen Reinheit zu malen. Es ist meine Lieblingsidee, mich in ihr schaffen zu sehen, von keiner Menschenseele gestört, gänzlich der weihevollen Stimmung überlassen, die das Wundergebilde auf den Künstler ausströmt. Dieser Traum müßte jäh zerreißen, wenn sich Menschen vom Schlage eines Mr. Robinson hineindrängen, denen das, was mir ein Heiligtum ist, als Objekt eines spekulativen, echt amerikanischen Geschäftes gerade recht kommt.«

»Ich kann mich lebhaft in Ihre Stimmung versetzen«, erwiderte ich und traf Anstalten, mich zum Ausgehen fertig zu machen. »Unbedingt müssen wir Pueblo Racedo suchen.«

»Sie kommen meiner Bitte zuvor; Ihre Begleitung ist mir sehr willkommen. Finden wir ihn nicht, so wollen wir hinüber rudern. Ich muß dann wenigstens die Insel finden. Und die ist ja unter allen Umständen noch auffindbar ... selbst wenn die bewußten Zedern tatsächlich verschwunden sein sollten.«

»Wobei Sie gewiß die Hoffnung hegen, daß Ihr Rivale Robinson das Eiland nur mit Hilfe des Kreolen finden kann?«

»Wenn er zum ersten Mal auf den Bermudas ist, allerdings.«

»Nehmen Sie es mir nicht übel, aber das müßte kein geriebener Geschäftsmann sein, der seine Sache auf nur zwei Augen baut. Dazu sind die Mischlinge in den Augen eines smarten Geschäftsmanns doch zu wenig zuverlässig. Sie betrachteten die Geschichte vom idealen Standpunkt – da mag es so sein, wie es ist. Und dennoch rechneten Sie damit, den Herrn Schildkrötenjäger und Gelegenheitsarbeiter Racedo vielleicht nicht wieder anzutreffen, und merkten sich dafür, daß das fragliche Eiland an hervorragender Stelle drei Zedern in schnurgerader Linie besitzt. Ein Mann, der der Sache vom Geschäftsstandpunkt nahetreten will, um wie viel mehr mag der sich den Ort des Fundes eingeprägt haben! Wenn Sie nicht in der Lage wären, die Grotte wiederzufinden, so wären Sie schlimmstenfalls um einen schönen Künstlertraum ärmer. Aber wer dem Gelde nachjagt –«

»Kommen Sie! Eilen wir!« unterbrach mich der Schwede. »Das erregt mich noch mehr. Sie haben recht. Der Mann ... dieser vertrackte Mister Robinson hat womöglich genaue Karten mit auf die Reise bekommen, braucht nur das erste beste Boot zu besteigen und dem Bootsführer zu sagen: »Fahren Sie mich an die Stelle, wo auf meinem Kroki ein Kreuz ist«. Und währenddessen suche ich händeringend meinen Ausreißer und die Insel obendrein! Schon der Gedanke, daß mir Mr. Robinson in zwölfter Stunde um Nasenlänge zuvorkommen könnte, sträubt mir das Haar. Eine bodenlose Gemeinheit ist's!«

Nun mußte ich über den Eifer lächeln, in den sich Holger hineinredete. Jetzt war er einmal ganz der echte Maler, wie man ihn aus tausend Ateliergeschichten kennt ... der gekränkte Künstler, der sich um ein Nichts die Haare ausrauft.

»Vielleicht entpuppt sich Mr. Robinson als etwas völlig Harmloses«, suchte ich einzulenken.

»Das glauben Sie nur nicht! Überhaupt, wenn schon einer Robinson heißt!« Und nun lächelte auch er, seines komischen Eifers sich bewußt werdend. »Warum ist der Mann mir nachgereist, statt nach dem reizvollen Juan Fernandez zu segeln, wo sein weltberühmter Vetter gehaust hat!«

»Vielleicht war seine Gemahlin dafür nicht seefest genug, überhaupt, das Vorhandensein der Missis Robinson ist ein Lichtpunkt.«

»Wieso?«

»Wenn einer ein Geschäft im Sinn hat, sollte man denken, reist er ohne Gattin –«

»Das will nichts sagen. Sie ist vielleicht der geschäftstüchtigere Teil. Und wenn nicht, dann verbinden die Robinsons in dubio das Nützliche mit dem Angenehmen.«

Dieses letzte Wort konnte ich so recht auf den Spaziergang, den wir antraten, und auf mich selbst anwenden. Das Angenehme wenigstens kam zu seinem Rechte. Nie werde ich die Lilienfelder vergessen, nie die palmenbewachsenen Wege, nie die duftenden Oleanderhecken, nie die Häuser aus schneeigem Korallenstein, der wie Marmor aus den grünen Gärten herüberschimmerte. Niemals das Schönste, was Bermuda hat – das Wasser. Immer wieder drängt sich, so oft man es steht, der Vergleich einem auf, daß es geschmolzene Türkisen sind, die die Ufer dieser gesegneten Eilande umrauschen.

Wir trafen Briten und Portugiesen, dunkelhäutige Neger und braune Mischlinge; wir sahen sie auf den meilenlangen, vorzüglich gehaltenen, schneeweißen Wegen kutschieren und dahinschlendern und am Ufer herumlungern. Wir begegneten ihnen bei der Arbeit auf den Zwiebelfeldern und auf den Werften, wo die kleinen Schiffe aus Zedernholz gebaut werden. Segeltuchweber sahen wir emsig hantieren und schwarze Palmettoflechter. Fischer bei ihren Netzen und Walfischfänger, die ihren Segler kalfaterten. Und das ewig schreiende Heer der Wasserverkäufer, der Fruchthändler, der Kastanienröster. Sie alle, die Matrosen dann, Malayen und Javanesen, Weiße und Braune, die die Raritäten ihrer Reise feilboten: Muscheln, Schnitzereien, die doppelzähnigen Zungen der Schwertfische, Nilpferdpeitschen aus Afrika. Lustige, stramme Burschen, deren starke Zähne und deren weiße Augäpfel leuchteten. Jeden musterten wir. Nirgends, so oft er auch bei Eingeborenen Erkundigungen einzog, konnte Holger etwas von seinem Kreolen erfahren.

Die Männer, die träg im Schatten aufgespannter Segel- und Leinwandfetzen hingekauert saßen, wiesen aufs Meer hinaus ... in jene Richtung und in diese, überall, wo die Segelboote, gleich Schmetterlingen über dem blauen Wasser schaukelten, konnte sich Pueblo Racedo aufhalten. Nur an Land hatte ihn niemand in letzter Zeit gesehen. Darin stimmten alle mühsam gesammelten Angaben überein.

»So bleibt uns nichts anderes übrig«, meinte Holger nach mehrstündigem Umherschlendern, »als daß wir es auch weiter dem Zufall überlassen, ihn zu finden. Das hätte er mir nicht antun sollen. Nun habe ich nur die leise Hoffnung, daß ich ihn auf seiner Insel selbst aufspüre.«

Wir ruderten am Nachmittag. Basilio Almaraz stellte uns ein schmuckes, schlankes Boot zur Verfügung. Er wollte uns einen Nigger mitgeben. »Das Rudern wird Sie anstrengen«, meinte er, auf Holgers verbundene Hand deutend.

Aber dieser, dem nichts ungelegener gewesen wäre als die Anwesenheit eines neugierigen Negers, lehnte dankend ab. Dafür bekamen wir zwei andere Begleiter: Alberto und Eduardo brannten darauf, mit uns nach den Inseln hinauszufahren, und wer ihre erwartungsvollen Augen gesehen hatte, der konnte ihnen die bescheiden vorgetragene Bitte, sie mitzunehmen, wahrlich nicht abschlagen. Mit einem Jubelschrei kletterten sie zu uns ins Boot, das uns schnell zu den Riffen hinübertrug. Holger hatte von einer Inselgruppe zwei Inseln als diejenigen bezeichnet, von denen eine bestimmt die von ihm gesuchte sei. Die Zedern allerdings, die ihm als Merkmal gedient hatten, hatten sich auch, nachdem er seinen Platz am Ufer der Mutterinsel gewechselt hatte, bisher nicht entdecken lassen.

Als die »Ninja«, wie unser Boot hieß, dessen Steuerung sich die Zwillinge nicht hatten nehmen lassen, etwa eine Seemeile von der von Holger bezeichneten Gruppe entfernt war, mußte ich zugeben, daß von diesen Inseln allerdings eine der anderen glich wie ein Ei dem anderen. Sie waren völlig eben und hoben sich gleichmäßig flach aus dem Meeresspiegel heraus. Auf beiden ragten schlanke Palmen über das üppige frische Grün hervor, das bis zum Ufer reichte und in das an dieser Stelle smaragdgrüne Wasser überzugehen schien. Wie in Silber gefaßte Amethysten hoben sich die kleinen Eilande aus den Wogen.

Ich war noch ganz in entzücktes Schauen verloren, als Holger das Schweigen brach und erklärte, jetzt sei er seiner Sache glücklicherweise sicher. Vom Lande aus habe er sich täuschen können. Jetzt wisse er bestimmt, daß es sich um die um ein weniges rechts zurück liegende Insel handele.

»Und die Zedern?«

»Das werden wir sogleich an Ort und Stelle feststellen.«

Noch ein paar Ruderschläge, und die »Ninja« trieb ans Ufer. Holger sprang ans Land, und gespannt folgten ihm meine und der Knaben Blicke. Die Zwillinge hatten längst gemerkt, daß wir irgend etwas Besonderes suchten. Sie waren ziemlich enttäuscht, als sie den Schweden über nichts Besseres entzückt sahen als über drei kreisrunde Baumstümpfe. Für Holger bedeutete der Fund ja freilich mehr, als die Jungen ahnten.

»Gefällt!« sagte Holger. »Und das vor nicht zu langer Zeit. Das ist Vandalismus, denn gerade diese Zedern nahmen sich hier prächtig aus und niemandem waren sie im Wege.«

»Hier wohnt niemand?«

»Keine Menschenseele. Das Riff ist noch genau so menschenleer, als es damals war. Und die Menschen, die seit jener Zeit ihr Boot angelegt haben, kann man wahrscheinlich an den Fingern einer Hand herzählen.« Und er fragte unsere jungen Begleiter, ob sie schon hier gewesen wären.

»Nein«, antworteten sie gleichzeitig. Und Alberto fügte hinzu: »Es gibt sehr viel schönere Inseln. An dieser ist nichts Besonderes. Sie müssen die Riffe vor der Nordspitze besuchen.«

»Diese Insel hat keinen Namen?« fragte ich.

»Sie ist zu klein. Vielleicht hat es sich nicht gelohnt, ihr einen Namen zu geben. Viele kleine Riffe haben keinen Namen. Aber wir können sie ja taufen.«

»Das hat euer großer schwedischer Freund schon besorgt. Fragt ihn, wie er die Insel nennt.«

»Ja, das möchtet ihr wissen!« Holger zog das Boot vollends herauf und lachte. »Es ist die geheimnisvolle Insel. Sie wird ihren Namen noch tragen. Ich nenne sie die Märcheninsel.«

»Und das Märchen?« fragten die Zwillinge.

»Das lebt auf der Insel. Könnt ihr schwimmen?«

»Seit drei Jahren. Wir waren die besten Schwimmer im Christopher College.«

»Dann ist alles in Ordnung. Dann freut euch.« Und er wandte sich an mich: »Sie müssen die Herrschaften jetzt durch einen lustigen Schwank fesseln, bis ich zurück bin. Es sind keine dreißig Schritt von hier.«

»Sie wollen noch heute hinein?«,

Er schüttelte den Kopf. »Den Eingang will ich suchen. Das ist die letzte Schwierigkeit. Finde ich dann heute abend Pueblo Racedo noch immer nicht, so ergreife ich morgen auf eigene Faust von der Grotte Besitz. Es soll auch dann Pueblos Schaden nicht sein.«

Ich hatte dem jungen Almaraz eben vorgeflunkert, daß sich Holger eine günstige Stelle für ein Bild aussuche, das er hier entwerfen wolle, als ein von zwei Farbigen gerudertes Boot meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Es schien der Kiellinie unseres Bootes gefolgt, dann aber zu dem weiter links gelegenen Korallenriff abgebogen zu sein, während es jetzt mit geradem Kurs auf uns zuhielt.

Wer aber beschreibt meine Überraschung, als ich, das Auge beschattend, in dem Boote zwei alte Bekannte erblickte ... niemand anderes als den alten Herrn mit der Brille und seine Gattin. »Robinsons!« entfuhr es mir unwillkürlich. Eine Täuschung war ausgeschlossen. Sollte Holger wirklich recht haben? Nahte sich seiner Grotte wirklich in zwölfter Stunde das Verhängnis in Gestalt dieses Amerikaners?

In gleichmäßigem Takt klangen die Ruder näher. Der eine Farbige, der im Spiegel des Bootes stand, blinzelte zu mir herüber. Deutlich hörte ich, wie er zu dem Mister sagte: »Nein, Sir, es sind Weiße ...« Dann machte der Nachen eine Wendung. Zog die Gefahr vorüber? Es schien so. Wenigstens dachte man im Boot nicht mehr daran, bei uns anzulegen. Als Holger zu uns zurückkam, war es klar, daß sich der Amerikaner zu einer anderen Riffgruppe rudern ließ.

»Wer war das?« fragte Holger. Ich teilte ihm mit, was ich gesehen und gehört hatte.

»Also doch! Man hat ihm den gleichen Rat gegeben, den man mir gab, als ich nach dem Kreolen fragte. Er sucht die Inseln nach ihm ab. Er kann lange rudern. Dafür dürfte jetzt erwiesen sein, daß er keine Ahnung hat, um welches Eiland es sich handelt. Man hat ihn in Amerika an Pueblo Racedo gewiesen. Was Sie über seine genauen Karten sagten, stimmt demnach nicht. Das beruhigt mich. In Ruhe darf ich nun ans Werk gehen. Die Pforte zu unserem Märchen ist gefunden!«

»Das ist ja schnell gegangen. Meinen Glückwunsch!«

»Pueblo Racedo ist verständig gewesen. Er hat den Zugang verbreitert, so daß man fast trockenen Fußes ins Innere gelangen kann. Daß er aber sein Geheimnis im allgemeinen noch gehütet hat, beweisen mir die sorgsam vor dem Zugang befestigten Zweige. Das sieht dem Schlauberger ähnlich. Er denkt noch immer: »Für's erste ist die Grotte noch mein. Ich sehe mir die Leute vorher genau an, denen ich sie zeigen will.« Es sind fast genau seine Worte. Er traute dem Landfrieden nicht, wenn er das Geheimnis einer hohen Regierung preisgegeben hätte.«

»Und brauchte er Geld, so sah er sich, wie Sie sagten, seine Fremden an und ließ sie einen Blick in sein Reich tun. Und weil die wenigsten das Verlangen haben, sich solch einen Genuß durch ein Vollbad zu erkaufen, wie Sie alter Seebär, so war er pfiffig und legte den Eingang trocken.«

»So denke ich mir's.«

»Und dennoch können Sie sich beherrschen und treten nicht schon heute in Ihr Feenland?«

»Ich wäre um ein Haar der Versuchung erlegen. Sie war lockend, genug. Aber erstens hatten wir ja ausgemacht, daß ich den heutigen Tag noch abwarte, um den rechtmäßigen Herrn der Grotte ausfindig zu machen. Zweitens ist der Nachmittag vorgeschritten, und unsere Wirte erwarten uns. Drittens droht, wie ich soeben feststellen konnte, keine unmittelbare Gefahr mehr von seiten des famosen Herrn Robinson, und endlich – aller guten Dinge sind vier! – muß man mindestens noch vorsichtig, um hinein zu gelangen, auf dem Bauche kriechen wie ein Schlammbeißer.«

»Daher der Name »trockenen Fußes«! – Nun, immerhin ein Fortschritt gegen früher, wo man alle Anwartschaft hatte, erst einmal gehörig Wasser zu schlucken.«

Holger lachte. »Vor edlen Preis legten die Götter den Schweiß. Und wer ins Schlaraffenland wollte, mußte sich erst durch den Berg von Hirsebrei durchfressen.«

Ich hatte ihn nie so guter Dinge gesehen wie an diesem Nachmittag. Unermüdlich scherzte er mit den Zwillingen, denen er ein paar Ruderkunststücke beibrachte und sie einen regelrechten Seemannsknoten knüpfen lehrte. Als wir die »Ninja« an Strand laufen ließen, hingen sich Alberto und Eduards rechts und links an Holgers Arme. Frau Almaraz winkte von der Veranda. Sie versicherte uns, ihre Söhne hätten noch nie jemand so schnell in ihr Herz geschlossen. Bei Tische bekam Holger von Basilio Almaraz den Auftrag, seine Söhne zu malen.

»Vorausgesetzt, daß Ihnen der Auftrag angenehm ist, Aber da ich sehe, daß Sie die Bermudas lieben und Ihren Aufenthalt ganz nach Belieben ausdehnen können ...«

»Lassen Sie mir Bedenkzeit«, antwortete Holger. »Eine andere Aufgabe erwartet mich zunächst. Ich hoffe, Ihnen morgen ausführlicher von meinen Plänen sprechen zu können. Zweifellos fällt aber so viel Zeit ab, daß ich ein paar hübsche Skizzen von Ihren prächtigen Jungen machen kann. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich es unterließe.«

»Das soll mich sehr freuen. Und selbstverständlich will ich nicht in Ihre Pläne eingreifen. Und was meine Jungens betrifft, so sind sie Feuer und Flamme für Sie, meine Herren. Es ist sonst ihre Art nicht, sich schnell jemand anzuschließen. Wen sie aber einmal in ihr Herz geschlossen haben, der darf auf sie zählen, übrigens baten sie mich, Sie morgen wieder begleiten zu dürfen. Sie sind Ihnen doch nicht im Wege?«

»Gewiß nicht!«

Basilio Almaraz reichte uns das Licht zum Anzünden der Zigarren herüber. »Und was ich nebenbei erwähnen wollte«, fuhr er fort. »Ich hörte, daß heute die sogenannten Schildkrötenriffe Gnade vor Ihren Augen gefunden haben.«

»Ah ... ist das ihr amtlicher Name?«

»Wie man's will. Jedenfalls ihre Bezeichnung im Volksmund. Diese beiden Riffe machten einmal viel von sich reden. Es hieß, Gespenster trieben ihr Wesen auf ihnen. Und unser Völkchen ist reichlich abergläubisch. Wer das Gerücht damals ausgesprengt hat, weiß ich nicht. Aber eines steht fest, daß unter den Einheimischen ein stilles Einvernehmen herrscht, daß man die beiden Eilande meidet. Sie als Künstler mögen sie mit anderen Augen ansehen, wir, die wir weniger romantisch veranlagt sind, finden sie nicht eben anziehend. Beim Baden ist Vorsicht zu empfehlen.«

»Wegen der bissigen Schildkröten?«

»Wegen der Untiefen, die um jene Inselchen liegen sollen. Die Alligatorenschildkröten sind hier im Aussterben, und gefährlich sind sie wohl nur, wenn man ihnen oder ihren Eiern zu Leibe geht. Da soll man sich allerdings vor ihren Vorderfüßen in acht nehmen, denn sie sind imstande, den stärksten Mann umzuwerfen oder ihm ein Glied abzuschlagen. Auch ihrem Schnabel darf man nicht zu nahe kommen. Sie wissen wohl, daß sie schnappen und ordentlich zubeißen?«

Holger nickte. »Und doch ist mir alles interessant, was Sie sagen. Gibt es nicht zu denken, daß gerade um jene Eilande so abschreckende Legenden gewoben werden? Böse Geister und nun gar Untiefen?«

Unser Wirt zuckte mit den Schultern. »Wem sollte daran etwas liegen!«

Holger warf mir einen schnellen Blick zu. »Und die Kröten sind im Aussterben, sagen Sie? Darf ich fragen, wo heute die ausgezeichnete Schildkrötensuppe herstammte? Und was machen dann die hiesigen Schildkrötenjäger?«

»Über die Küchengeheimnisse kann Ihnen nur mein Koch Auskunft erteilen. Ich bin nur Fachmann in meinem Keller. Und da mahnen Sie mich zur rechten Zeit, daß ich Ihnen einschenke.« Er hob das Glas: »Ihr Wohl, Senores! ... Ja, und was unsere Schildkrötenjäger betrifft, so waren das von jeher rechte Sonntagsjäger. Ein paar Kreolen, die den Fang als Liebhaberei betrieben.«

»Kannten Sie sie?« fragte Holtzer schnell.

Basilio Almaraz schüttelte den Kopf. »Wollten Sie einen malen? Nehmen Sie den ersten besten Nichtsnutz, wie sie am Kai herumlungern. Da haben Sie ihr Konterfei.« ...

»Das war nicht eben ein Loblied auf die Zunft Ihres Herrn Racedo«, sagte ich zu Holger, als wir uns von Almaraz getrennt hatten.

»Weil er Pueblo wahrscheinlich niemals gesehen hat«, nahm Holger seinen alten Freund in Schutz. Dann machten wir uns gemeinsam auf die Suche. Vorher aber erkundigte sich Holger beim Pförtner des Viktoria-Hotels nach Mr. Robinson. Er machte über die Auskunft anfangs ein langes Gesicht, denn wir erfuhren, daß Herr Robinson Geistlicher an einer Methodistenkirche in Boston sei. Schließlich meinte er kopfschüttelnd: »Im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten kommt also auch das vor ... jetzt gibt sich schon ein Prediger dazu her, ein spekulatives Geschäft zu machen!«

Von dem gesuchten Pueblo Racedo aber war trotz des eifrigsten Nachforschens nichts zu sehen und nichts zu erfahren, was uns eine nur einigermaßen aussichtsreiche Spur hätte geben können.

*

Am nächsten Morgen wurden kaum die ersten Segel im Hafen von Hamilton gehißt, als Holger auch schon zur Überfahrt nach der Schildkröteninsel drängte. Eine halbe Stunde später saßen wir in derselben Bemannung wie tags zuvor im Boot. Diesmal ließen es Alberto und Eduardo Almaraz sich nicht nehmen, das Rudern für uns zu besorgen, und sie zeigten nicht nur eine große Geschicklichkeit, sondern eine Kraft ihrer Arme, die man ihnen bei ihren zarten Gesichtern nun und nimmer zugetraut hätte. In ihren Augen aber war ein gewisses Wetterleuchten, halb Übermut, halb ein Sich-überlegen-Fühlen, als wollten sie sagen: »Wir ahnen etwas von den Dingen, die da kommen sollen. Allmählich sind wir hinter euer Geheimnis gekommen.« ... Am Ende kein Kunststück für zwei aufgeweckte Knaben, die des Malers geheime, schalkhafte und doch wieder so feierliche Andeutungen gehört und über sie ihre Gedanken ausgetauscht hatten, und denen nicht entgangen war, daß der Schwede sich vorsichtig suchend nach einer gewissen Stelle auf der Insel geschlichen und dort zweifellos etwas entdeckt hatte. Und ebenso wußten sie, daß wir heute auszogen, diesen Fund zu heben. Fragte sich nur, welcher Art er war ...

Wir ruderten der Sonne entgegen. In rosigem Nebel lagen die Riffe. Ich saß am Steuer und sah, wie Holger grüßend seine Arme nach dem Ziel seiner langjährigen Sehnsucht ausstreckte. Er nickte mir zu und lächelte. Es war ein Lächeln, das so glücklich war wie ein Lächeln auf Knabenlippen. Der rosige Schein, der auf dem Wasser ruhte, war ihm Verheißung ...

Dann wandte er sich mir zu: »Es ist schon besser so, wir kommen heute allein. Von Rechts wegen müßte eine feierliche Besitzergreifung vor sich gehen ... mit den Spitzen der Behörden. Voran der Gouverneur und die Herren vom Rat. Und inmitten der Feierlichkeit müßte auf sammetausgelegtem Boot Pueblo Racedo fahren ...«

»Der sich, nach allem, was wir von ihm wissen, den Kuckuck um derartige Ehrungen scheren wird.«

»Sachte!« rief Holger den Zwillingen zu. Gleichzeitig hoben sie die Ruder. Wieder lag spiegelklar bis zum Grund der Meeresboden vor unseren Blicken. Phantastische Gebilde, kunstvolle Arabesken hoben sich von der weiß-grünen Unterlage von Sand und buntem Moos. Zum Greifen nahe erschienen die Muscheln, Korallen und Seefächer.

Und dieses Meer sollte uns noch schönere Wunder zeigen?

Wenige Minuten, und wir standen oberhalb des mit Zweigen verdeckten Zugangs. Ein rotblühendes Gebüsch neigte seine Ranken darüber. Violette Blütenglocken und weiße Gewürzlilien wucherten am Boden. Ein süßes Duften war in der weichen Luft, die wiederum von der Frische des morgendlichen Meeres erfüllt war. Mit einem Ruck warf Holger seinen Rock ab. Sich tief niederbeugend entfernte er das künstliche Gitter. Ein regelrechter Astverhau war es, dessen Spitzen tief in der Erde staken.

»Er ist längere Zeit nicht hier hereinspaziert«, sagte Holger kopfschüttelnd, während Alberto und Eduardo in atemloser Spannung jeden Handgriff verfolgten. »Hier hat sich bereits eine Unmenge kleiner Meertierchen festgesaugt. Das war mir gestern entgangen.«

»Hat das etwas zu sagen? Solche Schmarotzer stellen sich doch im Nu ein. Denken wir nur, in welcher Masse sie sich an die Eisenbekleidung der Schiffe heranmachen. Mit Spitzhacken muß man sie in den Docks losreißen.«

Holger antwortete nicht. Als er den letzten Ast entfernt hatte, sagte er: »Nun eine Bitte ... lassen Sie mir den Vortritt –«

»Aber das ist doch selbstverständlich –«

»Ich werde Sie rufen oder hereinholen. Jawohl, ihr Jungens, heute werdet ihr einmal große Augen machen!«

Kriechend zwängte er sich in den Eingang.

»Eine Höhle! Eine Schatzkammer!« Die Knaben riefen es mit blitzenden Augen und dennoch leise. Die geheimnisvolle Feierlichkeit Holgers hatte ihren Eindruck nicht verfehlt. Sie flüsterten, während wir warteten. Auch meine Spannung war ehrlich. Holger hatte genug Wesens von der Grotte gemacht, seine Begeisterung hatte mich angesteckt. Nichts wäre mir unangenehmer gewesen, als ihm später gestehen zu müssen, daß ich enttäuscht sei, daß ich mir mehr versprochen hätte. Aber das war wohl ausgeschlossen ...

»Das ist also das Märchen«, flüsterte Alberto Almaraz.

In diesem Augenblick zerriß ein Schrei die Stille. Er erschreckte mich, wie ich offen zugeben muß, nicht weniger als die Zwillinge. Ich sah, wie sie sich unwillkürlich anfaßten.

Nur ganz kurz hatte der eine Laut die Stille zerrissen, und vielleicht war es zu viel gesagt, überhaupt von einem Aufschrei zu reden. Vielleicht war es nur ein Ruf des Schweden gewesen, den die Grotte so erschreckend wiedergab. Doch hier war nicht Zeit, um Vermutungen anzustellen. Holger hatte einen Ruf ausgestoßen – ich mußte ihm folgen! Ein paar Beruhigungsworte an die Jungen, und ich schob mich in die Öffnung.

»Halloh ...!«

Aus dem Innern kam umgehend die Antwort. »Warten!« Und gleich darauf: »Ich komme ...« Dann vergingen noch etliche Sekunden, die ich gespannt in den halbdunklen Gang hineinlauschte, ehe ich deutlich am Geräusch den vorwärtstastenden Schritt Holgers erkannte. Jetzt hörte ich schon seinen Atem. Wie ein Seufzen ging es vor ihm her. Dann erschien sein Kopf in der Öffnung ... wir sahen in ein verstörtes Gesicht ...

Holger sprang auf die Füße, seine Arme und Hände machten eine schlenkernde Bewegung. Dann stampfte er mit den Füßen auf, sich den anhaftenden Lehm von den Sohlen stoßend, holte tief Atem und sagte: »Ich habe Sie doch nicht erschreckt? Nehmen Sie es mir nicht übel ... aber darauf war ich wahrhaftig nicht vorbereitet!«

»Ihnen ist etwas zugestoßen? Sind Sie verletzt? Stürzten Sie? Wir hörten einen Schrei ...«

Es vergingen Minuten, bevor Holger zusammenhängend erzählen konnte. Mit ein paar Worten war alles gesagt. Vor ihm hatte sich kaum die Wölbung seiner geliebten Grotte aufgetan, und sein Auge hatte sich gerade an das blaugrüne magische Licht so weit gewöhnt, daß er die wunderbaren Tropfsteingebilde unterscheiden konnte, als er, auf der Felsenbank am Rande der blauen Flut vorwärtstastend, an einen menschlichen Körper gestoßen war.

»Es ist der Körper eines Toten,« fuhr Holger, noch immer sichtlich erschüttert fort, »eines Toten, in dem ich entsetzt keinen anderen erkannte als Pueblo Racedo! Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Unglückliche ermordet worden ist. Alle Zeichen sprechen dafür. Und mein Traum ... mein Märchenschloß – alles ist zunichte!« Und plötzlich lachte Holger mit unendlicher Bitterkeit auf. »Die Grotte hat mir, so kurz ich darin weilte, ein Gesicht gezeigt, von dem sich mein Verstand nie etwas hätte träumen lassen. Wir wollen die Leute von Hamilton rufen. Sie werden nicht nur den erdolchten Kreolen finden, sondern vor allem Bambuskörbe und Kisten ... hundert Allerlei, nach dem die Polizei schon lange Jagd macht ... diese Grotte, meine schöne, schöne Märchengrotte ist ein Diebeslager größten Stils!«

»Ein Diebeslager?« Und nun fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Tausend Fragen drängten sich mir auf die Lippen. Holger trieb zur Eile. Er streichelte den beiden Almaraz die flammenden Wangen. »Ich wollte euch ein Märchenland zeigen. Nun müßt ihr Geduld haben. Ihr sollt die Grotte noch oft in eurem Leben sehen. Heute aber müssen hier erst andere nach dem Rechten sehen.«

Als wenn wir der grausamen Entdeckung durch Eile entfliehen könnten, legten wir uns in die Ruder. Gerade wollte Basilio Almaraz auf seiner Fuchsstute zum Tore hinaustraben, als er uns eilenden Laufes vom Landungssteg herankommen sah. Der erste Blick sagte ihm, daß uns etwas Außergewöhnliches zugestoßen sein mußte. Kurz und bündig klärte Holger ihn auf.

Wiederholt unterbrach ihn Almaraz mit den lebhaften Gesten des Südländers. »Bei allen Heiligen ...« versicherte er, »wenn Sie mir das nicht mit ernsthaftem Gesicht erzählten, ich würde schwören, Sie fabelten das Blaue vom Himmel herunter! Eine Grotte? Eine unterirdische Grotte, die hier kein Mensch kennt ... die uns erst ein Fremder zeigen muß! Und ein Schlupfnest schlimmster Sorte? Und ein Kreole namens Pueblo Racedo darin tot auf dem Rücken liegend? Einer der Spitzbuben natürlich, die wir schon so lange suchen! Jetzt geht mir ein Licht auf, warum die Unmenschen stets wie vom Erdboden verschluckt waren. Eine Höhle dicht vor unserer Nase! Und vollgespickt mit all dem Raub? Señores, Señores, die ganze Stadt wird Kopf stehen! Nicht eine Sekunde dürfen wir zögern, Alarm zu schlagen. Ich gehe mit Ihnen. Der Polizeichef ist mein bester Freund ...«

Zunächst trommelte er das ganze Haus zusammen. Unterwegs rief er es jedem Nachbarn zu. Eine solche Neuigkeit, angetan, ganz Hamilton auf die Beine zu bringen, durfte kein Brasileiros auch nur fünf Minuten für sich behalten. Noch ehe wir mit unserem Wirt vor dem Polizeichef standen, wo Almaraz die Berichterstattung übernahm, lief die Kunde von der Räubergrotte und dem ermordeten Kreolen bereits wie ein Lauffeuer durch die Gassen. Als die Polizeibarkasse uns aufnahm, um nach dem Tatort zu dampfen, war sie von einem dichten Menschenhaufen umdrängt. Man lief herbei und sprang in die Boote, uns zu folgen und das Schauspiel nicht zu versäumen. Was Holger – in anderem Sinne! – beabsichtigt hatte, war eingetreten: die Grotte war in aller Munde. Auf allen Lippen schwebte der Name Pueblo Racedos.

Die Tatbestandsaufnahme und Ortsbesichtigung währten bis in den Nachmittag hinein. Holgers Angaben erfuhren in allen Punkten ihre Bestätigung. Der Kreole war durch Dolchstöße niedergemacht worden. Das Verbrechen war anscheinend vor längerer Zeit verübt, die Grotte dann vom Täter mit dem Astverhau wieder abgeriegelt worden. Alles aber, was man offen oder in Körben und Kisten unter den bizarren Tropfsteingebilden der Grotte herumliegen fand, wurde als geraubtes Gut erkannt ... als die Beute jener Diebeszüge, von denen die Stadt und ihre Umgegend so schwer heimgesucht worden war.

Und mit einem Male lag auf jedermanns Lippen ein anderer Name ... der des roten Pedro. Es war kein Zufall, daß seit dessen Tode die Einbrüche aufgehört hatten, denn nun kam man dahinter, wie die Dinge lagen.

Es wurde dem inzwischen eingetroffenen Arzt die Frage vorgelegt, ob der Tod des Kreolen drei Wochen zurückliegen könne. Die Möglichkeit lag vor. Die Polizei nahm alles zu Protokoll und versprach, schon am nächsten Tage einen ausführlichen Bericht herauszugeben. Bis dahin blieb es dem einzelnen überlassen, sich die Dinge zusammen zu reimen.

Was Holger und mich anlangte, so erwartete uns bei unserer Ankunft im Hause Almaraz noch eine Überraschung in Gestalt eines Herrn, der laut seiner Besuchskarte Mr. Hugh Robinson hieß. Er kam mit der Bitte, ihm die in der Stadt herumschwirrenden Gerüchte zu bestätigen. Er sei aufs schmerzlichste bewegt, denn er suche seit seiner Landung niemand mehr als einen gewissen Pueblo Racedo und dessen geheimnisvolle Grotte.

»Darauf kann ich Ihnen nur erwidern, Herr Robinson,« antwortete Holger, »daß Sie diesmal zu Ihrem Geschäft zu spät kommen.«

»Zu meinem Geschäft?« fragte der Prediger erstaunt.

»Nun ja. Wir erfuhren zufällig, daß Sie fünfzig Dollars für denjenigen aussetzten, der Ihnen Pueblo Racedo in Ihr Hotel weisen würde.«

»Sehr wahr ...«

»Und ferner ließen Sie, wie man mir sagte, durchblicken, daß Sie den Kreolen für ein gutes Geschäft brauchten.«

»Das ist ein Mißverständnis. Nur dieser Herr Pueblo Racedo sollte ein gutes Trinkgeld bekommen. Missis Barker hätte nicht damit gespart.«

»Ja, wollten Sie denn die Grotte nicht erwerben?«

Mr. Robinson schlug die Hände zusammen. Wir hatten ihm unrecht getan. Sein Suchen nach dem Kreolen stellte sich als harmlos heraus. Die Dame, in deren Gesellschaft wir ihn gesehen hatten, war nicht seine Gattin, sondern die Witwe eines amerikanischen Nabobs Barker. Mr. Barker aber hatte ein halbes Jahr vor seinem Tode auf den Bermudas die Bekanntschaft des Kreolen auf die gleiche Art wie Holger gemacht und war, ebenso wie dieser, gewürdigt worden, sich die Wunder der geheimnisvollen Grotte ansehen zu dürfen. Mrs. Barker war nach Hamilton gereist, um die Stätten, die ihrem seligen Mann eine unvergeßliche Erinnerung gewesen waren, in Begleitung von Mr. Robinson aufzusuchen. Zu diesen Stätten zählte die Grotte des Pueblo Racedo.

In ihrer üblichen wortreichen Art brachten die Zeitungen von Hamilton am folgenden Morgen einen Polizeibericht, worin in überschwenglichen Tönen die Verdienste des »bekannten Marinemalers Holger aus Kalmar« gefeiert wurden. Daneben fehlte nicht die rühmliche Erwähnung der anderen Männer, die Licht in das rätselhafte Dunkel gebracht hatten: »... unser verehrter Mitbürger Basilio Almaraz, der sein Boot »Ninja« zu der Entdeckung hergeliehen hat« (wobei der geschichtliche Rückblick nicht vergessen wurde, daß schon einmal, und zwar unter Christoph Columbus, ein Fahrzeug dieses Namens mit ewigem Entdeckerruhm bedeckt heimgekehrt sei!). Und schließlich erntete die Polizei wegen ihres schnellen, tatkräftigen Eingreifens und ihrer treffsicheren Schlüsse ein erhabenes Lob. Durch die letzteren gälte es als erwiesen, daß sich Pedro Pacheco, genannt der rote Pedro, und Pueblo Racedo gemeinsam dem traurigen Gewerbe des Raubens hingegeben hätten, und daß die Grotte auf der östlichen Schildkröteninsel, von deren Vorhandensein niemand sonst etwas gewußt habe, ihnen als Versteck gedient habe. Um sich seines Helfers und Mitwissers zu entledigen – vielleicht auch nach vorhergegangenem Streit um die Beute – sei Pedro Pacheco zum Mörder an Pueblo geworden, um dann freilich selbst, beim ersten Versuch, etwas von dem Raube zu verschleppen, von der gerechten Strafe ereilt zu werden.

Sehr lang und reichhaltig war die Liste, die die in der Grotte vorgefundenen Schätze aufzählte. Um die Beute unterzubringen und sie vor Nässe zu schützen, hatte das Diebespaar mehrere Zedern gefällt, in die Grotte geschleppt und zu Gestellen verarbeitet. Das Handwerkzeug des ehemaligen Bootsbauers Pacheco, das an Ort und Stelle gefunden sei, sei von einwandfreien Zeugen wiedererkannt worden. Der aufgestapelte Raub bestand hauptsächlich aus silbernem Tafelgerät, aus kostbarer Wäsche, aus Schmucksachen, aus Spitzen und Schleiern und seidenen Kleidern. Den dreistesten Raub aber stellten zehn, aus dem Tag und Nacht von Schildwachen behüteten Verwaltungsgebäude entführte Schreibmaschinen dar.

Als unser Wirt an diese Stelle der Liste mit dem Vorlesen kam, unterbrach ihn seine Gattin mit der Bemerkung: »Da trifft es sich ja ausgezeichnet, daß heute der von Major Jones bestellte Detektiv in Hamilton anlangt. Wie gut, daß man ihn der Mühe, eine unterirdische Grotte entdecken zu müssen, überhoben hat!« ...

Holger gab sich die größte Mühe, es sich nicht anmerken zu lassen, wie schwer er unter dem Vorgefallenen litt. Ihm war ein Künstlertraum zerronnen, der ihm jahrelang in den heitersten Farben vorgeschwebt hatte. Auch daß ihn seine Menschenkenntnis so bitter im Stiche gelassen hatte, mochte ihm nahe gehen. Er war oft schweigsam und in sich gekehrt.

Erst in der Arbeit fand er Trost und willkommene Ablenkung. Er malte die Brüder Almaraz. Aus ihren lachenden Knabenaugen sprang ein Funke in das Herz des Schaffenden und brachte ihm die Heiterkeit des Gemütes wieder.

Die Grotte hat er, solange er in Hamilton weilte, nicht gemalt. Sie war tagelang das Ziel zahlloser Gaffer. Auch Holger ruderte nach dem Riff hinüber, und eines Tages begleitete ich ihn mit den Knaben. Aber der Zauber war dieser Grotte genommen. Nun sie das Licht nicht mehr aus der blauen Tiefe, sondern durch einen in aller Eile verbreiterten Zugang empfing, war sie ihres schönsten Farbenreizes entkleidet. Profane Hände hatten ihre kunstreichen Gebilde zum Teil zerbrochen, zum Teil als Andenken mit sich geführt. Und als nun gar eine Schar lärmender Farbiger, voran ein betrunkener Neger, gerade als wir auf dem Riff weilten, nach der Grotte zog, da verstand ich es, daß sich Holgers Hände zur Faust ballten. Unwillkürlich drängten sich mir die schon von Holger zitierten Worte Schillers auf die Lippen:

Die Welt ist vollkommen überall,
Wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual.

Und dennoch blieb Bermuda einer der reizendsten Erdenplätze, die mein Fuß je betrat. Im sinkenden Sonnenschein verließ ich es. Aus rosigen Schleiern grüßten mich die Eilande. Wieder glich jedes einzelne einem in Silber gefaßten Edelstein, während das Meer in allen Schattierungen vom zartesten bis zum tiefsten Blau die Küsten umwogte.

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